Meinung

Russophobie als neue (alte) Ideologie

In der postsowjetischen Ukraine wird, erst recht seit 2014, eine antirussische Ideologie propagiert, die jegliche Gemeinsamkeit mit allem Russischen abstreitet. Damit verleugnet dieser alt-neue, zutiefst russophobe "Ukrainismus" nicht nur die Geschichte der Ukrainer, sondern erweist sich als ein rassistisches Konzept.
Russophobie als neue (alte) IdeologieQuelle: Gettyimages.ru © Christoph Schmidt/dpa/picture alliance via Getty Images

Von Waleri Korowin

Eigentlich haben die gegenwärtigen ukrainischen Behörden offiziell zugegeben, dass die Russophobie die einzig mögliche Politik für die Ukraine bleibt. Nun versteht darunter jeder, was er möchte, und rechtfertigt diese Russophobie auf beliebige Weise: Die Ukraine kämpfe gegen das russische Imperium, mit dem sowjetischen Erbe, mit der angeblichen Einmischung Russlands in ukrainische Angelegenheiten, im Kampf für europäische Werte, für die Annäherung an den Westen. Der Kernpunkt bleibt derselbe: Die Ideologie des Ukrainismus – worunter man eine Reihe von Ideen verstehen sollte, die darauf abzielen, ein Fragment der russischen Zivilisation von Großrussland abzutrennen, wobei das bereits seit über einem Jahrhundert praktiziert wird – basiert auf der Grundlage der Russophobie.

Ein guter Zeitpunkt, um zu fragen: Was umfasst die Ideologie des Ukrainismus noch, welche Ideen, Thesen, Ansprüche?

Wie jede kritische Ideologie basiert auch der Ukrainismus auf Verleugnung. In diesem Fall und mit der Russophobie als Grundlage, geht es um die Ablehnung von allem, was russisch ist: Sei es die russische Zivilisation oder der russische Staat in jeder Form, ob imperialistisch oder republikanisch, die russische Kultur und der russische Glaube, das heißt die aus Byzanz übernommene Orthodoxie des Moskauer Patriarchats. Bekennt sich Russland als Nachfolger der UdSSR, so lehnt der Ukrainismus automatisch alles Sowjetische in seiner Gesamtheit ab – von der Ideologie über die Erscheinungsformen der sowjetischen Kultur bis hin zu Helden und Denkmälern.

Besondere Aufmerksamkeit sollte man der Kultur widmen. Das Phänomen der Zivilisation impliziert eine hochgradig differenzierte Kultur. Also ein ganzer Komplex von Werten, Ansichten, Haltungen, Ansätzen, der sich auf allen Ebenen manifestiert: von der Philosophie und Wissenschaft (über Gesang, Tanz, Kunst) bis hin zu alltäglichen Äußerungen. Die Kultur wird im Laufe der Jahrhunderte geformt, durch die Synthese kultureller Manifestationen verschiedener Identitäten, wodurch ein gemeinsamer kultureller Komplex entsteht – eine universelle existenzielle Grundlage für alle, die sich diese Kultur zu eigen machen.

Die russische Kultur stellt die Grundlage einer bestimmten zivilisatorischen Matrix dar, in der die Traditionen und andere Identitätsmerkmale vieler Völker und hunderter ethnischer Gruppen im großen eurasischen Raum zusammenfließen. In ihrer Grundlage liegt die russische Orthodoxie, welche die wesentlichen Ausgangspunkte schuf. Die Steintafeln der russischen Kultur sozusagen, denen sich später die gesamte kulturelle Vielfalt eines multiethnischen Umfelds anschloss, das sich schließlich zur russischen Zivilisation entwickelte.

Die russische Zivilisation nennt sich nicht aus der Überheblichkeit der Russen heraus so, die ihre Kultur allen anderen aufgezwungen haben – das ist im Übrigen der Ansatz der westlichen Zivilisation, vor allem der arroganten Angelsachsen. Die russische Zivilisation und die ihr zugrunde liegende russische Kultur sind umgekehrt eine Art offener Quelltext.

Im Laufe der tausendjährigen Geschichte Russlands war sie dem Einfluss der gesamten Kulturvielfalt des eurasischen Kontinentalraums ausgesetzt und hat die Fäden kultureller Manifestationen vieler Völker und ethnischer Gruppen in ihr Gewebe eingewoben: die sprachlichen Ausprägungen und alltägliche Besonderheiten, die Gesangs- und Tanztraditionen, und sogar Fragmente des Glaubens, der Kulte und Zeremonien. Diese gesamte Diversität aus der Schatzkammer der eurasischen Völker wurde zu einem integralen Bestandteil der russischen Kultur und daraus, durch diese kulturelle Synthese, besteht die russische Zivilisation.

Nicht umsonst bezeichnete Dostojewski den Russen als "Allmensch", und meinte damit, dass der Russe offen und empfänglich für alles ist, was die Schatzkammer der Weltkultur ausmacht. Ohne sich von dem Äußeren, dem Anderen, abzuschotten, sondern empfänglich zu sein für die guten Erscheinungsformen der Kultur verschiedener Völker und sogar Zivilisationen. Dazu bereit, diese in seine kulturelle und zivilisatorische Struktur aufzunehmen. Daraus ergibt sich nicht nur die Weite der russischen Kultur, sondern auch ihr Reichtum und ihre Vielfalt.

Die Russen integrierten die Weltanschauung der normannischen Eliten und die slawischen Traditionen in ihr kulturelles Gefüge. Durch diese Vereinigung und die Schaffung der grundlegenden Staatlichkeit nahmen sie die Errungenschaften der griechischen Zivilisation, die gleichzeitig östlich und westlich war, als kulturelle Grundlage und übernahmen von ihr den orthodoxen Glauben.

In der Folge rüsteten sich die Russen mit der Struktur des militanten Reiches von Dschingis Khan auf, seiner militärischen Ethik, seinem Heroismus, seiner Selbstaufopferung und seiner Bereitschaft, für höhere Ziele zu kämpfen und zu sterben.

Die Russen entlehnten den Türken die Fähigkeit zur Selbstorganisation und zur Gemeinschaftlichkeit, die Entschlossenheit und die heroische Sorglosigkeit, die Fähigkeit, zum Ziel zu eilen und das Unmögliche zu erreichen.

Die Russen absorbierten die Beschaulichkeit und Friedfertigkeit der Finno-Ugrischer Völker, ihre Fähigkeit, jedes noch so akute Problem ohne Konflikte zu lösen.

Die Russen haben von allem und jedem etwas aufgenommen (es hat keinen Sinn, hier alles aufzuzählen) und auf der Grundlage dieser Vielfalt ihre eigene kulturelle Matrix gebildet, die weiterhin lebendig und offen bleibt, für den Fall, dass andere Völker mit ihren eigenen Kulturen dieser zivilisatorischen Einheit beitreten wollen.

An dieser Stelle sei angemerkt, dass sich eine solche kulturelle Synthese des russischen Raums grundlegend von der westlichen Fragmentierung und Vermischung im Schmelztiegel unterscheidet. Die westliche Herangehensweise zerstört, oder besser gesagt, sie liquidiert die kulturellen Grundlagen anderer Völker, macht sie zu Krümeln, vermischt und konkretisiert sie mit angelsächsischer Primitivität und westlicher Arroganz. Es handelt sich um einen völlig anderen Prozess, der uns nicht nahe steht, der tot-mechanisch ist, der alle lebendigen Formen des kulturellen Ausdrucks vernichtet und lebende Kulturen in künstliche Vogelscheuchen verwandelt.

Genauso wenig wie man einen schönen Stoff mit vielen Mustern und Bindungen erschaffen kann, ohne das Grundmaterial (z. B. Leinen) als Basis zu nehmen, kann man eine hochdifferenzierte Kultur erschaffen, ohne irgendeine Kultur, auch wenn sie ursprünglich nicht so reich und vielfältig war, als Basis zu nehmen. Die Grundlage der russischen Kultur sind die Erfahrungen und Traditionen der Ostslawen, das heißt der drei Stammesgruppen oder, wie es aus wissenschaftlicher Sicht korrekter wäre, der ethnischen Gruppen – Großrussen, Kleinrussen und Weißrussen.

Die ethnische Basiskomponente des russischen Volkes besteht aus diesen drei ethnischen Gruppen, die in ihrer Gesamtheit auf der Grundlage einer gemeinsamen kulturellen Matrix ein einziges russisches Volk bilden. Welches in seinem geschichtlichen Verlauf die russische Zivilisation mit einer hochdifferenzierten Kultur und den russischen Staat imperialer Prägung geschaffen hat. Gerade aus dem Grund ist er imperial, weil ethnische, sprachliche und kulturelle Vielfalt für diesen Staat die Norm ist.

Ausgehend von der Russophobie leugnet der Ukrainismus automatisch alles.

Indem der Ukrainismus die Russen als supra-ethnische Formation der Ostslawen – Großrussen, Kleinrussen und Weißrussen – leugnet, leugnet er auch die eigene ethnische Basis in ihrer kleinrussischen Ausprägung.

In Ablehnung des Lebendigen, Kleinrussischen, zusammen mit dem (Groß)Russischen, entscheidet sich der Ukrainismus für eine entfremdete, künstliche, europäische Form der mechanischen sozio-politischen Selbstorganisation in Form des État-Nation (Nationalstaat – W.K.).

Indem der Ukrainismus die russische Offenheit und "Allmenschlichkeit" negiert, übernimmt er stattdessen die europäische Arroganz und den Rassismus (der ursprünglich ein europäisches Phänomen ist). Das heißt, er übernimmt die Überlegenheit einer politischen Nation (einer künstlichen politischen Gemeinschaft) über andere, indem er sie in eine Art rassische (eigentlich ethnische) Hierarchie stellt, in der es höhere Völker und niedrigere Völker – "Untermenschen" – gibt.

Im Grunde genommen ist der Ukrainismus nichts anderes als eine europäische (jawohl) Ideologie, die auf der Arroganz der Europäer und der Vorstellung ihrer Überlegenheit gegenüber anderen, den Nichteuropäern, beruht.

Ein sowjetischer Mensch wäre entrüstet: Wie kann das sein, wir haben zusammen gelebt, Seite an Seite, wir waren Freunde, wir waren verwandt. Nein! Die sowjetische Verharmlosung der Ukraine funktionierte nur im Rahmen eines einzigen, starken, zentralisierten Staates, in dem die Partei jeden streng bestrafte, der über die ideologische Norm hinausging.

Sobald die Ukraine ihre eigentliche Unabhängigkeit erlangte, erblühte der Ukrainismus in seiner ganzen Pracht und wurde zu einer vollwertigen Maschinerie zur Vernichtung der Russen, wie sie ursprünglich von ihren Konstrukteuren, den arroganten Strategen des Westens, erdacht worden war.

Übersetzt aus dem Russischen.

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