Meinung

Unser Gehirn als Wirklichkeitsgenerator – Warum wir denken, was wir glauben

Der Psychologieprofessor Dr. Harald Walach erklärt, welche neurologischen, psychologischen und soziologischen Faktoren die "Konstruktion der Wirklichkeit" beeinflussen. Anhand vieler Beispiele zeigt er, welche Rolle diese Art der Wirklichkeits-Konstruktion in der Coronakrise spielt.
Unser Gehirn als Wirklichkeitsgenerator – Warum wir denken, was wir glaubenQuelle: Gettyimages.ru © DrAfter123 / DigitalVision Vectors

Auf dem Kongress "Corona. Die Inszenierung einer Krise" der Neuen Gesellschaft für Psychologie präsentierte Prof. Dr. Harald Walach seine Erkenntnisse zum Thema "Die Coronakrise, die soziale Konstruktion von Fakten und ihre Konsequenzen". Dabei erklärte er zum einen, wie der Mensch aufgrund der Funktionsweise seines Gehirns bei der Wahrnehmung der Außenwelt seine individuelle "Wirklichkeit" konstruiert. Und er stellte dar, welche Methoden auf gesellschaftlicher Ebene einen "geschlossenen Narrativkosmos" schaffen. Im Interview mit RT erklärt er, wie sich individuelle neurologische Gehirnfunktionen und soziologische Mechanismen ganz praktisch auf das Denken und Verhalten von Menschen auswirken können. Wie sich diese Mechanismen in der Coronakrise praktisch auswirkten, wurde in seinem Vortrag deutlich.

RT DE: Herr Dr. Walach, zu Beginn Ihrer Präsentation auf dem NGfP-Kongress befragten Sie die Teilnehmer nach ihrer Einschätzung, wie viel Energie das menschliche Gehirn wohl für die Verarbeitung von Außenreizen verwenden würde. Kaum jemand hätte angenommen, dass das menschliche Gehirn laut neurologischen Forschungen nur 5 % des Energieverbrauchs für die Verarbeitung von Außenreizen einsetzt. Wofür werden denn 95 % der Energie verwendet und was bedeutet das für unsere Wahrnehmung?

Dr. Harald Walach: "Das Gehirn beschäftigt sich vor allem damit, eine konsistente Sicht der Wirklichkeit zu erzeugen."

"Eigentlich ist das Gehirn eher ein Wirklichkeitsgenerator als ein Fotoapparat, der die Wirklichkeit so abbildet, wie sie ist."

"Das Gehirn baut sich die Wirklichkeit aufgrund von Erfahrung und Erwartung auf. Und nur das, was diesem Bild strikt zuwiderläuft, einen sehr starken Reiz darstellt und nicht in das bereits bestehende Wirklichkeitsverständnis eingebaut werden kann, wird wirklich wahrgenommen. Das führt dazu, dass wir mit zunehmendem Alter und wachsender Erfahrung anfällig dafür werden, nicht mehr genau hinzusehen, nicht mehr richtig wahrzunehmen, weil ja ohnehin klar ist, was passiert... nil novum sub sole, nichts Neues unter der Sonne. Oder des "Kaisers neue Kleider": Wer dazugehören will, nimmt wahr, was alle wahrnehmen. Nur das Kind, das genau hinschaut, erkennt die Nacktheit des Kaisers."

RT DE: In Ihrem Vortrag sprachen Sie auch darüber, dass alle Außenreize im menschlichen Gehirn als erstes in der Amygdala auf ihren affektiven Gehalt hin geprüft werden. Erst nach dem der Reiz emotional "gecheckt" wurde, wird er an die höheren Gehirnzentren weitergeleitet. Könnten Sie erklären, wie sich dieser Mechanismus auf das menschliche Verhalten auswirkt?

Dr. Harald Walach: "Die neuronale Anatomie, die sich über Jahrmillionen in der Evolution herausgebildet hat, hat dazu geführt, dass alle hereinkommenden Sinnesreize aus dem Gehör, den Augen, dem Geschmack und dem Tastsinn zunächst eine direkte Verbindung zu diesen paarig angelegten neuronalen Kernen im Zwischenhirn haben. Weil sie die Form und Größe einer Mandel haben, nennt man sie "Amygdalen", denn Amygdala heißt auf griechisch "Mandel". Die Aufgabe dieser Kerne ist es, alle ankommenden Reize auf ihre emotionale Bedeutung hin zu prüfen. Dieser "Bedrohungsfilter" führt eine extrem rasche Gefahrenanalyse durch und signalisiert entsprechend "Gefahr" oder "Sicherheit" bei jedem ankommendem Wahrnehmungsreiz, noch bevor wir überhaupt den Reiz in seiner Form, Bedeutung oder seinem Inhalt analysieren können. Dies geschieht im Bereich von Millisekunden, ist ein vorbewusster Analyseprozess, den wir nicht beeinflussen können und der dann das Wahrgenommene affektiv prägt.

Wir kennen dieses Phänomen aus eigener Anschauung: Wenn wir in der Dämmerung durch den Park laufen und sehen plötzlich einen gebogenen Zweig, auf den wir vielleicht treten und der sich dadurch bewegt, erschrecken wir unwillkürlich. Unser Gefahrenanalysesystem, das durch die beiden Amygdalen vermittelt wird, hat "Gefahr" signalisiert, weil Form und Bewegung Ähnlichkeit mit einer Schlange signalisieren und Schlangen evolutionär in uns verankerte Gefahrenreize sind. Darum haben wir selbst im Berliner Tiergarten, wo garantiert keine giftigen Schlangen vorkommen, Angst, aber keine Angst vor Autos (außer wir hatten einmal einen Unfall), obwohl mehr Menschen durch Autos als durch Schlangen ums Leben kommen."

"Aus diesem Grunde wird unser Verhalten sehr viel mehr durch die Affekte gesteuert, die durch Wahrnehmungsreize ausgelöst werden, als durch die inhaltlich-vernünftige Analyse."

"Die Werbung macht sich das zu Nutze. Auch wenn wir genau wissen, dass der Audi, den wir zu kaufen beabsichtigen weder die erotisch verführerische Frau als Beifahrerin enthält noch von uns in den Weiten einer menschenleeren Landschaft gefahren werden wird, so hat doch der affektive Gehalt eines solchen Werbebildes großen Einfluss auf unser Verhalten."

RT DE: Gemäß dieser Forschungsergebnisse könnte man zu dem Schluss kommen, dass "Realität" nur ein individuelles Konstrukt sei. Kann der Mensch mit so einem Gehirn überhaupt eine objektive Realität erkennen, bzw. kann man sich unter diesen Umständen überhaupt auf Fakten einigen?

Dr. Harald Walach: "Ja, kann man, aber man muss sich darüber im Klaren sein, dass dies ein sozialer Einigungsprozess ist. Das hat die Wissenschaftstheorie schon in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts festgestellt. Einer, der diesen Sachverhalt sehr klar gesehen hat, war der jüdische Arzt Ludwik Fleck aus Lemberg, der über die Syphilis-Spirochäten geforscht hat und festgestellt hat, dass die Faktizität solcher mikroskopischer Forschung davon abhängt, welcher Ausbildung, welcher Sprachregelung und welcher Tradition Forscher folgen. Er prägte das Bonmot:"

"Eine wissenschaftliche Tatsache ist die Übereinkunft, mit dem Denken aufzuhören."

"Daher sind "Fakten", egal welcher Art, immer in gewisser Weise ein soziales Konstrukt. Natürlich haben sie einen echten, faktischen Kern. Aber die Bedeutungsgebung, die Einordnung, die Bewertung, Nutzung oder Ausbeutung, all das sind soziale Elemente der Wirklichkeitskonstruktion. Kernkraft zum Beispiel gab es schon immer. Sie ist eine der vier physikalischen Grundkräfte. Wir haben als soziale Gemeinschaft durch die Erkenntnisse einiger theoretischer Physiker ihre Natur und Kraft ermittelt. Aber sie wäre vermutlich nie so rasch weiterbeforscht worden, hätte nicht der amerikanische Präsident dem Schreiben Einsteins Glauben geschenkt, man müsse alle Anstrengungen unternehmen, um diese Kraft in Form einer Bombe nutzbar zu machen, bevor es die Deutschen tun. Einstein wiederum ließ sich zu diesem Brief durch einige Physikerkollegen überreden. Und Roosevelt hätte den Brief nie ernstgenommen, wenn er nicht von Einstein gekommen wäre, den er kannte; die anderen Physiker waren ihm unbeschriebene Blätter. Und erst durch diesen sozialen Prozess und die größte materielle Investition in ein wissenschaftliches Projekt, die es jemals gab, wurde es möglich, die Atombombe zu konstruieren, nicht zu vergessen die ca. 100.000 hochqualifizierten Wissenschaftler, die die Routinearbeiten dafür leisteten. Nun kennen wir ein "Faktum" über die Welt, aber ob und wie wir dieses Faktum nutzen, ist wiederum ein eminent sozialer Prozess. Bauen wir weiterhin Atombomben? Ächten wir sie? Wird eine Ächtung weltweit funktionieren? Sollten wir Atomenergie friedlich nutzen, oder ist das Risiko zu groß? Sollten wir sie erst dann nutzen, wenn wir wissen wohin mit dem Abfall? All das sind keine faktischen Fragen, sondern sozial-politische und Bewertungsfragen, die sozialen Diskurs erfordern."

"Sozialer Diskurs aber ist wiederum sehr anfällig für Propaganda, die von Interessensgruppen gesteuert werden kann, die mächtig genug sind und ausreichend Mittel haben. Und solche Propaganda funktioniert immer über den Affekt, womit wir wieder beim Anfang der Geschichte wären."

RT DE: Welche Bedeutung haben diese neurologischen Gehirnfunktionen Ihrer Meinung nach für die Wahrnehmung und das Verhalten von Menschen in der Coronakrise?

Dr. Harald Walach: "Diese Einsichten gelten auch für die Coronakrise. Die mediale Wirklichkeit hat sehr rasch einen geschlossenen Kosmos erzeugt: Das Narrativ eines Killervirus, untermalt mit den Särgen von Bergamo, die ikonographisch prägend wurden, oder einsamen Sterbenden auf Intensivstationen. Damit wurden Urängste vor dem Tod und vor der Einsamkeit beschworen und die Wahrnehmung nicht nur des Einzelnen, sondern auch vieler Fachleute und der meisten Politiker auf Angst gepolt. Dadurch wurde die Realität der Corona-Pandemie verzerrt und in ihrer Gefahr überbewertet. Beruhigende Sachverhalte wurden gar nicht erst aufgegriffen und also nicht wahrgenommen."

RT DE: Neben diesen individuellen Wahrnehmungsmechanismen haben Sie auch gesellschaftliche (psychologische / soziologische) Methoden bei der Produktion eines geschlossenen Narritivkosmos vorgestellt. Können Sie dazu die sogenannte "Actor-Netzwerk-Theorie" und ihre Relevanz für das Corona-Narrativ erläutern?

Dr. Harald Walach: "Die Actor-Netzwerk-Theorie wurde vor allem von Bruno Latour, einem französischen Wissenschaftssoziologen und anderen entwickelt. Es ist eine aus meiner Sicht sehr kluge Modellbildung zum Verständnis wie Wissenschaft und Erkenntnis funktionieren. Die wichtigste Einsicht dieser Theorie ist vielleicht,"

"dass nicht ein Einzelner Fakten entdeckt wie Fallobst, das er aus der Wiese aufklaubt, sondern dass ein Wissenschaftler in einem sehr komplexen Netz eingebettet ist."

"Ein Aspekt ist die wissenschaftliche Gemeinschaft, der er angehört. Ein anderer ist die Öffentlichkeit, vor allem in Form der Medien und mächtiger Unterstützer, heutzutage Forschungsförderer, zur Zeit des historischen Beispiels, nämlich Pasteurs, waren es mächtige Adelige und Gönner. Die Natur selber ist auch ein Akteur. Nur wenn man mit ihr richtig interagiert und die richtigen Fragen stellt, erhält man auch die richtigen oder brauchbaren Antworten. Pasteur gelang es, gegen den Widerstand der gesamten Mehrheit seiner Kollegen, der Keimtheorie der Gärung zum Durchbruch zu verhelfen, weil er es fertigbrachte, einige mächtige Sponsoren unter den Adeligen auf seine Seite zu ziehen – sehr viel Klinkenputzen und Kniefälle in Salons und Abendgesellschaften. Außerdem hatte Pasteur gute Kontakte zur Presse, die sich als Sprachrohr zu Verfügung stellten. All das hätte ihm nichts genutzt, wenn seine Idee falsch gewesen wäre. Aber obwohl er Recht hatte und die Gärung tatsächlich durch Keime, in dem Fall Pilze, verursacht wird, hätte ihm dies nicht geholfen, wenn er nicht das Geld für seine aufwändigen Expeditionen und die Öffentlichkeit für seine Befunde gehabt hätte.

Insofern, das ist die Einsicht des Actor-Netzwerk-Modelles der Wissenschaften, erschafft erst das gesamte Netzwerk ein sozial wirksames Faktum, das auch gesehen, geglaubt und ernstgenommen wird."

"In der Coronakrise wurde durch den einheitlichen Schulterschluss von medial aufgebauten wissenschaftlichen Fachleuten, durch die mediale Engführung des Angstnarratives, durch die hektische politische Reaktion auf diese Öffentlichkeit und schließlich durch die gesetzlichen Regelungen des Ausnahmezustandes, die durch das Infektionsschutzgesetz juristische Rechtfertigung erhielten, eine neue Wirklichkeit erzeugt, die ja auch von manchen das "new normal", die neue Normalität genannt wurde."

"Dazu gehört natürlich ein faktischer Kern: das Corona-Virus ist in der Tat für manche sehr gefährlich. Aber dieser Kern allein reicht nicht.

Es wäre auch eine alternative Geschichte denkbar gewesen, die etwa die vielen hunderttausend Unterzeichner der Great Barrington Declaration, zu denen ich auch gehöre, vorgeschlagen haben: Man anerkennt den Kern, rahmt ihn aber anders, schützt die Gefährdeten sehr gut und lässt den Rest in Ruhe. Vor allem verbreitet man keine permanenten Angstbotschaften, sondern lässt alternative Sichtweisen im Diskurs zu, berichtet auch über entspannende Fakten, etc."

RT DE: Hinsichtlich wissenschaftlicher Forschung und Studienergebnisse gaben Sie zu Bedenken, dass echte Wissenschaft sich durch Langsamkeit auszeichnen würde und immer kontrovers sei. Wie begründen Sie das? Und inwiefern ist das für die Coronaforschung von Bedeutung?

Dr. Harald Walach:

"Wissenschaft ist immer langsam. Denn Wissenschaft beruht auf Diskurs und Debatte, auf Behauptung und Kritik, auf Darstellung von Befunden und Gegenbefunden und dem gemeinschaftlichen Abwägen. Das ist ein Prozess der lange dauern kann."

"In einem solchen Prozess ist oft rasch eine anscheinend richtige Mehrheitsmeinung gebildet. Einflussreiche Wissenschaftler springen auf den Zug auf. Bedenkenträger und Kritiker haben es dann schwer, in den mächtigen Journalen Gehör zu finden und müssen in zweit- oder drittklassigen Journalen publizieren. Bis das dann gehört wird, vergeht eine Zeit.

Historisches Beispiel: In den 50er Jahren brach ein Disput los, was schuld am Anstieg der koronaren Herzkrankheiten weltweit sei. Ancel Keys, ein amerikanischer Ernährungsphysiologe machte das Fett, vor allem gesättigte Fettsäuren verantwortlich. John Yudkin, ein britischer Epidemiologe, machte Zucker verantwortlich (dass Stress eine wichtige Rolle spielen könnte, der genauso wie Fett- und Zuckerkonsum angestiegen war, darauf kamen die Mediziner natürlich nicht; das nur am Rande). Die amerikanische Zuckerindustrie erkannte ihre Chance und nutzte sie. Historische Dokumente, die vor einigen Jahren von Historikern publiziert wurden zeigten, dass das Wissenschaftsgremium der Zuckerindustrie empfahl, man solle die Fett-Herzinfarkt-These öffentlich stützen. Denn wenn die Leute weniger Fett und mehr Kohlenhydrate zu sich nehmen würden, dann wäre das gut für die Gesundheit und die Kasse der Zuckerindustrie. Über einige Zwischenschritte, die ich auslasse, wurde die Öffentlichkeit, vor allem durch die Unterstützung von Keys, darauf getrimmt, dass Fett der Übeltäter sei. Keys fälschte ein paar Daten, war einflussreich, sorgte dafür, dass in politischen Richtlinien die entsprechenden Vermerke gemacht wurden und fertig war das Narrativ: Fett ist schlecht fürs Cholesterin und befeuert Herzkrankheit. Ganz schlimm das Ei, das viel Cholesterin enthält.

Daher keine Eier mehr zum Frühstück. Und bis heute enthalten die Ernährungsampeln bei Hotelbuffets rote und gelbe Lichtchen beim Ei. Entwarnung wurde erst 2020 mit einer riesigen Meta-Analyse gegeben, die die Daten von 5,5 Millionen Personenjahren seit 1976 erfasst hatte und eine dreistellige Millionensumme von Forschungsgeldern repräsentiert. Sie zeigt: Menschen, die viel Eier essen haben sogar ein leicht gesenktes Risiko an Herzkrankheiten zu sterben (allerdings ist der Unterschied nicht statistisch signifikant). Es hat also ca. 50 Jahre gedauert, bis ein Irrtum, durch viel politisches Trara als wissenschaftliche Tatsache befestigt, als solcher definitiv erkannt wurde. Bis sich diese wissenschaftliche Erkenntnis auf den Ernährungsampeln der Frühstücksbuffets und in den Frauengazetten durchsetzen wird, vergehen garantiert nochmals 20 Jahre.

Für die Coronakrise heißt das: Ein sachlich falsches Narrativ, einmal solide im kollektiven Gedächtnis, in politischen Ausführungsbestimmungen und in medialer Präsenz befestigt, kann nicht so einfach revidiert werden. Es heißt vor allem:"

"Fakten, wirklich gute Fakten, solide belegt und eigentlich wichtig, die dem Mainstream-Narrativ widersprechen, werden einfach aufgrund der sozialen Dynamik immer zu spät dran sein. Bis sie das Licht der Welt erblicken, hat sich der Rest der Welt schon drauf geeinigt, wie die Wirklichkeit ist."

RT DE: Schließlich teilten Sie den Kongressteilnehmern auch noch ganz konkret mit, dass Deutschland Weltmeister beim Impfen und bei den Impfnebenwirkungen sei. Wie kommen Sie zu dieser Annahme? 

Dr. Harald Walach: "Es gibt ein paar Indizien dafür. Als erstes fiel uns auf, als wir die Nebenwirkungsdatenbank der European Medicines Agency im Sommer 2021 sichteten, nachdem die Impfkampagne etwa ein halbes Jahr am Laufen war, dass Deutschland am meisten Impfungen gegen SARS-CoV2 in Europa verabreicht hatte. Gleichzeitig war es bei der Meldung von potenziell assoziierten Nebenwirkungen fast ein europäisches Schlusslicht, nur vier Länder hatten weniger zu berichten als Deutschland: die Slowakei, Liechtenstein, Rumänien und Polen. Da wir davon ausgehen, dass Nebenwirkungen von Impfstoffen nicht nationengebunden sind, sondern allenfalls die Berichtssysteme, spricht vieles dafür, dass in Deutschland entweder strukturell oder politisch der Wille nicht vorhanden war, sorgfältige Nebenwirkungsdokumentation vorzunehmen. Das hätte ja vielleicht die Öffentlichkeit beeinflusst. Zum anderen war Angela Merkel eine der ersten die im Brustton der Überzeugung verkündete, die Pandemie sei vorüber, wenn ein Impfstoff gefunden sei. Dass das eine dreiste Lüge war, war eigentlich damals schon denen klar, die etwas von Impfentwicklung verstehen und ist heute offensichtlich. Damit sollte der Fokus auf die Impfentwicklung gelegt werden, bei der ja ein deutsches Unternehmen an vorderster Front mitmacht (dass Astra-Zeneca, ein britisches Unternehmen, so en passent an die Wand gespielt wurde durch ein paar gekonnte PR-Aktionen, unterstützt den Eindruck). Schließlich bleibt noch zu erwähnen: Kanzler Olaf Scholz hatte, damals noch als Wahlkämpfer, einen Auftritt bei der brandenburgischen Wirtschaftskammer. Ein Kollege von mir war dabei und hat mir erzählt: Scholz wurde gefragt, wie er sich als Kanzler die Bereinigung der Corona-Schulden vorstellt. Darauf habe dieser geantwortet:"

"Deutschland wird Impfweltmeister. So wie wir jetzt und früher Weltmeister im Autobau waren und damit unser Geld verdient haben, werden wir das in Zukunft durch Impfstoffentwicklung tun."

"Das Land, das in Europa übrigens die meisten Nebenwirkungen meldet, ist nicht Deutschland, sondern Holland. Ich gehe aber davon aus, dass das daran liegt, dass es dort ein besseres Meldesystem gibt bzw. dass mehr Ärzte und Betroffene Meldungen machen."

RT DE: Nach Ihrer Darlegung klaffen bei Corona mediale Darstellung und Wirklichkeit auseinander. Warum wird das Narrativ dennoch in den Medien immer weiter zementiert?

Dr. Harald Walach: "Das ist eine sehr gute Frage, die ich schon seit Beginn der Krise durch eigene Nachforschungen zu beantworten suche. Ich habe noch keine Antwort, die definitiv ist. Ich kann nur sagen: Wann immer ich selber die Daten anschaue – und ich habe mittlerweile einige Studien selber gemacht, RKI-Daten nachgerechnet und analysiert, Literatur gesichtet – sehe ich, dass die "wirklichen" Befunde, also das, was sich in der wissenschaftlichen Literatur findet und die mediale Wirklichkeit weit auseinanderliegen.

Ein Grund dafür dürfte die mediale Logik sein. Die Medien sind in ihrer eigenen Logik gefangen. Dies ist eine Logik der Katastrophen. Entwarnung verkauft sich nicht. Die ist einmalig und vorbei. Katastrophen kann man beliebig verlängern, vertiefen, zementieren und am Laufen halten."

"Und nach zwei Jahren Katastrophenjournalismus kann man nicht einfach sagen: "Tut uns leid Leute, wir haben uns getäuscht, oder, nein, nicht uns getäuscht, sondern Euch getäuscht. Macht nix, zahlt einfach Euer Abo brav weiter." Das wäre die definitive Götterdämmerung aller Medien, wie wir sie kennen. Das darf und wird es darum nicht geben."

"Das Gleiche gilt für die Politik. Bereits nach 6 Monaten war absehbar, dass wir es nicht mit dem befürchteten Killer zu tun haben und etwa 60% der Menschen durch eine Kreuzimmunität gegen andere Coronaviren auch gegen dieses Corona-Virus einigermaßen gut geschützt sind. Wenn die Politik einen Fehler zugegeben hätte, gesagt hätte, die Lockdowns wären nicht wirklich wirksam gewesen – was de facto so war: sie haben keinen nachweislich nützlichen Effekt gehabt - , dann wäre sie womöglich mit riesigen Schadenersatzforderungen konfrontiert worden.

Also ist es politisch einfacher so weiterzumachen und den Anschein aufrechtzuerhalten.

Zum anderen, ein Gedanke, der von meinem Psychologen-Kollegen Matthias Desmet stammt:"

"Bereits vor der Krise hat eine große Zahl von Menschen unter frei flottierender Angst gelitten. Das ist eine Angst, die kein Objekt hat. Sie ist schwer zu ertragen und noch schwerer zu behandeln, weil dahinter oft eine tiefe existenzielle Unsicherheit liegt. Durch die Coronakrise haben all diese Menschen nun plötzlich ein konkretes Objekt gefunden: Die Angst wird durch das Virus erzeugt.

Indem wir das Virus bekämpfen, können wir was gegen die Angst tun: Impfen, Abstand halten, Masken tragen, folgsam sein. Nun wünscht eine nicht geringe Zahl von Menschen, dass mit diesen "Maßnahmen" und damit mit dem Krisenmodus weitergemacht wird. Denn es hilft ihnen, ihre Angst zu ertragen."

"Schließlich könnte es sein, dass die Coronakrise hilft, eine tieferliegende Krise zu kaschieren, die viel weniger greifbar ist und die viel weniger gut zu steuern ist. Das eine ist die große geopolitische Krise zwischen dem globalen Westen und dem globalen Osten. Die Coronakrise hat für eine gewissen Zeit Ausnahmezustand überall erzeugt und dadurch alle Länder in ein globales Regime gezwungen. Das erweckt den Anschein von "die ganze Welt arbeitet zusammen". Dass diese Zusammenarbeit nur medial stattfindet, ist dabei egal. Denn wirklich ist, was in den Medien vorkommt.

Man darf auch nicht vergessen: Die Krise hat viel zu viele Kollateralnutzer. Wir haben es etwa fertiggebracht, mit Hilfe dieser Krise, eine genetische Präventionstherapie, die m-RNA-Impfungen, in die internationale Zulassung zu bringen mit Hilfe der ganzen Notstandsregelungen. Das wäre ohne Krisenmodus nie möglich gewesen. Nun haben wir eine Schwelle überschritten, die andernfalls viel zu hoch gewesen wäre. Jetzt profitieren einige große Pharmafirmen und entsprechende Zuliefererbetriebe exorbitant davon."

"Die pharmazeutische Kapitalisierung des menschlichen Körpers hat eine Schallmauer durchbrochen: die pharmazeutische Prävention."

"Prävention hatte bislang schlechte Karten: hier ein bisschen Krebsscreening, da ein bisschen Verhaltensmodifikation durch Ess- und Bewegungstraining, aber nichts, womit Geld zu machen wäre. Jetzt kann man mit präventiver Gentherapie, euphemistisch als „Impfung“ betitelt, richtig Kohle machen. Immer wieder. Heute und noch ein paar Jahre lang gegen Corona, morgen gegen Affenpocken, übermorgen gegen Pest, was auch immer sie wollen. Immer auf Kosten des Steuerzahlers, immer vermeintlich zum Wohl des Einzelnen und im Dienste der Gesundheit. Es wird eine Weile dauern, bis die Hohlheit dieser Versprechen, die Gefahren dieser Technologie, und die eigentliche Motivation im öffentlichen Bewusstsein angekommen sein wird. Inzwischen werden einige gut verdienen."

"Und wo der Zaster rollt, da spielt die Musik weiter, auch wenn ihr schon lange nichts Hübsches mehr einfällt."

Mehr zum Thema - "Der menschliche Körper als Investitionsfeld für Biotechnik, Pharma und Kontrollindustrie"

Prof. Dr. Dr. Harald Walach promovierte in Klinischer Psychologie und in Wissenschaftstheorie und ist Autor mehrerer Fachbücher. Aktuell leitet er das Change Health Science Institut in Berlin. Zuletzt veröffentlichte er:

  • Brücken zwischen Psychotherapie und Spiritualität, Schattauer Verlag, 2021
  • Psychologie: Wissenschaftstheorie, philosophische Grundlagen und Geschichte. (gemeinsam mit Nikolaus von Stillfried) Ein Lehrbuch, Kohlhammer Verlag 2020
  • Heilung kommt von innen: Selbstverantwortung für die eigene Gesundheit übernehmen. Knaur Verlag, 2018

Die Fragen stellte Felicitas Rabe.

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