Meinung

Verantwortungslose Egozentrik: Wie Merkel über Putin redet und sich selbst bloßstellt

In früheren Jahrhunderten wurden die Eigenschaften politischer Gestalten oft anhand von Anekdoten überliefert. In der Geschichte von Friedrich II. und dem Müller etwa. Merkel liefert ihre Anekdote selbst. Aber sie erzählt etwas völlig anderes, als was vom Mainstream aus ihr herausgelesen wird.
Verantwortungslose Egozentrik: Wie Merkel über Putin redet und sich selbst bloßstelltQuelle: www.globallookpress.com © Fabian Sommer

von Dagmar Henn

Nein, ich habe es mir nicht angesehen, das lange Gespräch mit Angela Merkel. Mein Nervenkostüm verträgt die deutschen Medien nur in begrenzten Dosen, und gleiches gilt für die entsprechenden Politiker, selbst wenn es ehemalige sind. Aber über eine Stelle bin ich dann doch gestolpert, zwischen dem Geraune, sie habe Putin durchschaut, und ihren entsprechend absurden Zitaten. Weil sie wirklich viel darüber aussagt, was die deutsche Politik verloren hat, auch durch Merkel.

"Für ihn war der Zerfall der Sowjetunion die schlimmste Sache des 20. Jahrhunderts. Ich habe ihm gesagt: 'Weißt du, für mich war das der Glücksumstand meines Lebens: So konnte ich eben in die Freiheit und dann eben auch machen, was mir Spaß und Freude macht.' Da war schon klar, dass da ein großer Dissens ist."

Es ist nicht wirklich erstaunlich, dass in der deutschen Presse niemand merkt, wie abgründig diese Sätze sind; so ist nun einmal das Niveau. Aber versuchen wir doch mal, diese Sätze auf eine einfachere, alltäglichere Ebene zu übersetzen.

Man stelle sich zwei Häuser vor. Eines der beiden brennt ab, mehrere der Bewohner kommen dabei ums Leben. Längere Zeit danach trifft sich einer der Bewohner mit jemandem aus dem Nachbarhaus und sagt, wie schrecklich dieser Brand war. Und der Nachbar antwortet darauf: "Das finde ich nicht. Die Aussicht aus meinem Wohnzimmer ist jetzt viel schöner."

Merkel erzählt, ohne groß darüber nachzudenken, eine Geschichte, in der sie, wie eine Pubertierende, die Welt nicht anders wahrnehmen kann als auf sich selbst bezogen. Sie hat Vorteile, also ist alles gut, gleich, wie viele Menschen das mit dem Leben bezahlten.

Dieses Muster hat Deutschland vier Wahlperioden lang regiert: Egozentrik ohne jedes Verantwortungsgefühl. Ohne jede Wahrnehmung für die Differenz zwischen dem Öffentlichen und dem Privaten, zwischen dem Individuellen und dem Kollektiven und zwischen dem Anekdotischen und dem Historischen.

Das Ende der Sowjetunion war nicht nur für die Menschen dort eine Katastrophe. Es führte nicht nur zu einer massiven Verelendung breiter Massen, zu einem Absinken der Lebenserwartung in Russland, zu einer fast vollständigen Deindustrialisierung eines der führenden Industrieländer dieser Erde. Es führte ganz nebenbei beispielsweise auch zum Zusammenbruch des indischen Gesundheitswesens, weil Indien die Rohstoffe, die die Sowjetunion im Tauschhandel geliefert hatte, jetzt gegen mühsam zu erwirtschaftende Dollar kaufen musste. Indien war schon damals ein Land mit über einer Milliarde Einwohner. Wie viele Millionen hat diese Veränderung das Leben gekostet? In Indien allein?

Und welche Folgen hatte die US-amerikanische Allmacht, die daraufhin ausbrach? In Asien, Afrika, Lateinamerika? Wie viel Elend hätte es nicht gegeben? Wie viele Kriege wären nicht geführt worden? Libyen wäre heute noch das moderne Land, das es einmal war, und keine Ruine. Ebenso der Irak. Die Welt wäre von der Welle des islamistischen Terrors verschont geblieben, der erst mit den gegen die Sowjetunion gerichteten Manövern der USA in Afghanistan groß wurde. Wie hoch ist die Summe der Opfer? Zehn Millionen?

Die halbe Million irakischer Kinder, deren Tod Madeleine Albright so unbedeutend fand, wäre nicht umgekommen. Das ist ein Land von vielen, in denen sich dieser eine Faktor, das Ende der Sowjetunion, auswirkte. Wie viele Tote ist die Freiheit einer Angela Merkel wert? Dass sie "dann eben auch machen" konnte, was ihr "Spaß und Freude macht"?

Nicht einmal das Elend, das unmittelbar vor ihrer Haustür stattfand, dieses gigantische ökonomische Nichts in Mecklenburg, nicht die unzähligen nicht anerkannten Berufsabschlüsse, die zerstörten Industrien, die verschwundene dörfliche Infrastruktur, das ausgelöschte Kulturleben rund um sie herum hatte Gewicht gegen den Spaß, den Angela Merkel an ihrer Freiheit hatte.

Es gibt bestimmte Eigenschaften, die ein Mensch, der eine Regierung leitet, haben sollte. Eine sehr wichtige davon ist die Wahrnehmung von Verantwortung. Das Wissen darum, dass es eben nicht um den persönlichen Spaßfaktor geht, auch nicht darum, was man nett oder weniger nett findet, sondern um das ganz konkrete Leben ganz konkreter Menschen, ihre Bedürfnisse, ihre Zukunft. Ein Mensch, der die mindesten Anforderungen an ein politisches Amt oberhalb einer Kleingemeinde erfüllt, hätte sagen können: Für mich war es ein Glücksfall, aber für viele andere leider nicht. Angela Merkel spürt selbst nach 16 Jahren Kanzlerschaft die Notwendigkeit dieses "aber" nicht.

Das erklärt natürlich, wie sie im Jahr 2015 mehr als eine Million Menschen in das Land lassen konnte, ohne danach auch nur einen Handschlag zu unternehmen, die Wohnungen zu bauen, die auch diese Menschen brauchen (von all denen, die in Deutschland davor schon welche brauchten, ganz zu schweigen). Sie fühlte sich nicht verantwortlich. Helmut Kohl hatte sie aus dem Nichts zur Ministerin gemacht. Dann lernte sie eifrig das Intrigenspiel, und wie man mit Liz Mohn und Friede Springer Kaffee trinkt. War da sonst noch was?

Merkel entlarvt sich mit diesen Sätzen als eine Art Probemodell für Baerbock. Ihre "Freiheit" war immer schon eine, die auf einem Mangel an Rechenschaftspflicht beruhte, und auf der völligen Unfähigkeit, tatsächliche Rechenschaft abzulegen. Jede ihrer Reden war eine Ansammlung von Worthülsen, ohne Zahlen, ohne konkrete Daten, ohne Perspektiven, die sich in irgendeiner Form auf die Menschen bezogen. Im besten Fall noch auf die deutsche Wirtschaft – dafür sorgte das Kaffeekränzchen.

Es mag ja sein, dass für jemanden, der in der DDR aufgewachsen ist, die dort übliche Art der Rechenschaftslegung in Gestalt von Tabellen und Plänen öde und abstoßend wirkte. Aber darauf konnte jeder Zuhörer den Finger legen, und einfordern, was fehlte. Auf Merkels Wertewölkchen konnte man nichts legen.

Das wirklich zutiefst irritierende ist, dass all diese deutschen Journalisten diese Sätze lesen und danach über Putin rätseln. Oder meinen, sie hätten mit dem Satz, das Ende der Sowjetunion sei "die schlimmste Sache des 20. Jahrhunderts" gewesen, irgendetwas über Putin erkannt. Mitnichten. Das ist eine Aussage, der man allerhöchstens die Frage gegenüberstellen kann, ob die Machtübergabe an Hitler nicht schlimmer gewesen sei. Es ist nicht Putin, der sich in diesem Wortwechsel, so wie Merkel ihn darstellt, entblößt hat – es war Merkel. Putin wird in diesem Moment begriffen haben, dass da niemand ist, mit dem man vernünftig, auf eine den zu lösenden Aufgaben entsprechende Weise reden kann.

Mehr noch. Selbst wenn sie persönlich davon überzeugt gewesen wäre, dass das Ende der Sowjetunion zumindest für Deutschland ein Segen gewesen sei, wäre es, weil es sich nicht um einen privaten, sondern einen politischen Besuch handelte, angebracht gewesen, ein, zwei Gedanken darauf zu verschwenden, wie sich das auf russischer Seite angefühlt hat. Oder ein, zwei Statistiken darüber zu kennen. Man bereitet sich schließlich vor auf solche Termine. Nein, sie antwortet auf eine politische Aussage in einem diplomatischen Gespräch im Tonfall eines Teenagers.

Man sagt ja, jedes Volk habe die Regierung, die es verdiene. Wie man schon an diesen wenigen Sätzen erkennen kann, war Merkel eine schwere Strafe. Es war kaum vorstellbar, dass es noch schlimmer kommen könnte. Aber Merkels "Glücksumstand" und Baerbocks "die Ukraine muss siegen" wachsen am selben Baum. An einem, wo Menschen, die wegen völlig fehlendem Verantwortungsgefühls niemals irgendeine politische Rolle spielen sollten, sich ihre Sprüche abholen, mit dem sie das Land in den Untergang führen. Merkel hat damals nicht verstanden, was Putin sagte. Baerbock und Scholz haben jetzt dafür gesorgt, dass nicht nur sie, sondern das ganze Land es verstehen lernen wird. Aus eigener, unmittelbarer Anschauung.

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