Meinung

Altbewährte US-Methode: In der Ukraine-Krise mit Fake-Bildern Krieg schüren

Was hat der US-amerikanische Krieg gegen Spanien vor 124 Jahren mit der angeblich unmittelbar bevorstehenden Invasion der Ukraine durch 100.000 russische Soldaten zu tun? Sehr viel, denn in beiden Fällen geht es um die überragende Bedeutung gefakter Bilder in manipulierten Geschichten, die als Beweismittel zur Rechtfertigung von Kriegen dienen.
Altbewährte US-Methode: In der Ukraine-Krise mit Fake-Bildern Krieg schürenQuelle: Gettyimages.ru © Bettmann / Kontributor

von Rainer Rupp 

Die anti-russische Hetze, die aus den Mainstream Medien der USA zu uns herüberschwappt und hier von scharfgestellten, transatlantischen Blättern lautstark nachgeplappert wird, erinnert an eine Episode aus den Anfängen des amerikanischen Imperiums. Nach dem Motto: "Du lieferst die Bilder und ich liefere den Krieg" gelang es im Jahre 1892 einem mächtigen amerikanischen Zeitungsmogul, den lang ersehnten US-Krieg gegen Spanien in die Wege zu leiten.

Auch in der aktuell von Washington hochgespielten "Ukraine-Krise" spielen Bilder eine Schlüsselrolle. Angeblich "erschreckende" Satelliten-Aufnahmen einer riesigen Ansammlung russischer Panzer und anderem schweren Kriegsgerät ganz in der Nähe der Grenze zur Ukraine sollen den Beweis liefern für die Behauptung der US-Regierung, dass eine russische Invasion "unmittelbar bevorsteht".

Die Art und Weise, wie hier vorgegangen wird, wie vor allem die US-Medien und deren transatlantischen Wasserträger in NATO-Europa mit reißerischen Berichten und angeblichen Bildbeweisen die Kriegshysterie hochpeitschen, erinnert in fataler Weise an die Rolle der US-Medien bei der Vorbereitung des bereits erwähnten US-Krieges gegen Spanien.

Genauer gesagt, es erinnert an den aus vermögender Industriellenfamilie stammenden US-Zeitungsmagnaten Randolf Hearst, der Ende des 19. Jahrhunderts nach einem US-Krieg gegen Spanien regelrecht geiferte. Sein Ziel war es, die feudal-europäische Kolonialmacht Spanien aus Zentralamerika und der Karibik zu verjagen, damit die Vereinigten Staaten dort deren Nachfolge antreten konnten, natürlich unter dem Deckmäntelchen der modernen, kapitalistischen US-Sklavendemokratie.

Historisches Vorbild: Wie man eine Intervention auslöst

Die kubanische Revolution von 1895 gegen die spanische Kolonialherrschaft kam zu einem perfekten Zeitpunkt für Hearst und dessen New York Journal. Aufmachung, Sprachduktus und politischer Einfluss des Journals waren in etwa mit dem zu vergleichen, was ein halbes Jahrhundert später Axel Springer in Deutschland mit der Hetze in der von ihm 1952 gegründeten Bild-Zeitung gegen die Sowjetunion und vor allem gegen die DDR gelang.

Mit den Augen eines Geschäftsmannes – und eines Politikers, was er ebenfalls war – sah Hearst die Ereignisse in Kuba als einen perfekten Zeitpunkt, sein Journal und sich selbst in den Mittelpunkt der Geschehnisse zu stellen. Die Berichterstattung des New York Journal und der anderen, kleineren Hearst-Blätter über den Aufstand in Kuba war stark emotionalisiert auf der Seite der Ausständischen. Das geschah nicht etwa, weil Hearst mit den Zielen der kubanischen Freiheitskämpfer sympathisierte, sondern weil er sie als Mittel zum Zweck ausnutzen wollte, um ein Eingreifen der US-Streitkräfte herbeizuführen.

Hearst arbeitete vielgleisig, um eine Intervention der USA auszulösen. Beispielhaft dafür war die Befreiung der kubanischen Gefangenen Evangelina Cisneros aus spanischer Haft. Hearst hatte selbst bei ihrer Flucht mitgewirkt, die seine Zeitungen dann geschickt dramatisierten. Damit wurde das Mitgefühl der US-Öffentlichkeit erfolgreich mobilisiert und deren Interesse für den kubanischen Freiheitskampf geweckt. Der Weg für eine US-Intervention war um ein weiteres Stück geebnet. Aber Hearst war längst nicht am Ziel und machte mit sensationellen Schlagzeilen, mit der neuartigen Nutzung von Cartoons und Zeichentrickfiguren sowie aufreizenden Bildern und Artikeln voller Grausamkeiten bis zum endgültigen Erfolg weiter.

Der kam am 15. Februar 1898. Kurz vor 22 Uhr explodierte die Pulverkammer des zu einem offiziellen Besuch im spanisch kontrollierten Hafen von Havanna weilenden US-Schlachtschiffs "Maine", das in Minutenschnelle sank und 266 Mann der US-Besatzung mit in die Tiefe riss.

Obwohl nichts auf einen spanischen Terroranschlag hinwies, nutzte Hearst die Gunst der Stunde, um mit aufstachelnden Fake News und aufwühlenden Bildern das Unglück als einen heimtückischen, spanischen Terrorakt hinzustellen. Um jedoch ein schwer gepanzertes Schlachtschiff wie die "Maine" blitzartig in einer gigantischen Explosion zu versenken, dafür hätte es weit mehr bedurft, als Terroristen mit einem einzigen Anschlag hätten bewerkstelligen können. Vielmehr deutete schon damals alles auf einen unsachgemäßen Umgang der Besatzung mit den Sicherheitsvorschriften in der Pulverkammer des Schiffes als Ursache der Tragödie hin, eine Theorie, die jüngst nochmals von US-Historikern bestätigt wurde.

Aber an Aufklärung war Hearst nicht interessiert, denn jetzt hatten er und die anderen interessierten Kreise in seinem politischen Umfeld das, was sie wollten. "Diese Explosion eröffnete den USA einen lukrativen Krieg", titelte die Zeitung Die Welt im Sommer letzten Jahres in einem ausführlichen Artikel zu diesem Thema.

Unter dem von Hearst geschaffenen Druck der US-Öffentlichkeit, die für das schreckliche Verbrechen der Spanier Rache verlangte, kam dann auch die lang ersehnte US-Militärintervention in Kuba zustande. Sie legte den Grundstein für die Jahrzehnte dauernde US-Herrschaft über die Zuckerrohr-Inseln, die schon bald inoffiziell von der amerikanischen Mafia mit ihren Spielkasinos übernommen wurde.

Randolf Hearst hatte mit seiner Kuba-Krieg-Kampagne eine Methode erfunden, auf die in den nachfolgenden 120 Jahren imperiale Kriegstreiber immer wieder erfolgreich zurückgegriffen haben, auch während der letzten 20 Jahre. Die Hetz-Kampagnen unserer westlich-liberalen, selbst-erklärten "Qualitätsmedien" gegen Jugoslawien, Afghanistan, Irak, Libyen und Syrien, sie alle wurden mit denselben Methoden wie damals unter Hearst geführt, allerdings mit modernen Hilfsmitteln. So wurde die westliche Öffentlichkeit erfolgreich für eine ganze Reihe von neuen US/NATO-Kriegen eingestimmt, die auch mit direkter oder indirekter deutscher Beteiligung geführt wurden.

Die vielleicht berühmteste Anekdote, die Hearsts Kriegsgeilheit widerspiegelt, ist sein legendäres Telegramm an seinen Bild-Berichterstatter / Illustrator Frederick Remington, den er nach Kuba geschickt hatte, um über den Aufstand zu berichten. Als Remington Hearst enttäuscht gekabelt hatte, dass es in Kuba keinen Krieg gab, über den er berichten konnte, kabelte Hearst zurück:

"Sie liefern die Bilder. Ich liefere den Krieg."

Die Macht der Bilder und deren Wirkung auf Menschen, wenn es darum geht, sie auf Krieg einzustimmen, ist heute noch genauso stark wie früher, wenn nicht sogar noch stärker. Denn heute sind solche Bilder mit neuesten technischen Methoden so manipuliert, dass sie – wie jeder aus der Wirkung der modernen Werbung kennt – auf bestimmte Teile des Unterbewusstseins wirken. Besonders gefährlich sind solche Bilder dann, wenn sie von öffentlich-rechtlichen Medienanstalten in Verbindung mit Fake News der breiten Öffentlichkeit gezeigt werden.

Moderne Zeiten: Satellitenbilder statt Comic-Zeichnungen 

An die Hearst-Episode wurde ich vor wenigen Tagen erinnert, als ich in den TV-Nachrichten die beeindruckenden Bilder und Videos von den bereits eingangs erwähnten Satelliten-Aufnahmen von einer riesigen Ansammlung von russischen Panzern und anderem schweren Kriegsgerät "in der Nähe der Grenze zur Ukraine" sah. Begleitet waren diese Bilder von ernsten Warnungen hinzugeschalteter US- oder NATO-"Experten", die die Gefahr einer, "unmittelbar bevorstehenden, russischen Invasion" beschworen.

Bei den in den Medien präsentierten Aufnahmen der angeblichen russischen Truppenkonzentration an der ukrainischen Grenze fiel auf, dass es sich fast ausschließlich um ein und dieselbe Satellitenaufnahme handelt, die ursprünglich von der privaten Firma MAXAR Technologies stammt, mit der Washington schon öfter für Medienkampagnen zusammengearbeitet hat. Weiter fällt auf, dass – egal in welchem NATO-Sprachraum man sich im Internet mit Hilfe von Google-Bilder bewegt – die Medien, von ZDF über The Guardian, die Washington Post, El País usw. immer dieselbe MAXAR-Bildvorlage als Beweis für die russische Truppenkonzentration an der ukrainischen Grenze zeigen.

In einigen Medien wird sogar mit Hilfe von vergrößerten Ausschnitten der Originalaufnahme der Eindruck vermittelt, dass es sich um verschiedene Orte mit großen Waffenkonzentrationen handelt, die mitten in der Landschaft für die bevorstehende Invasion der Ukraine bereitstehen.

Tatsächlich ist das alles ein riesengroßer, offensichtlich straff koordinierter Betrug, mit dem die Zuschauer und Leser hinters Licht geführt und für die US/UK/NATO-Konfrontationspolitik vereinnahmt werden sollen.

Keine der Redaktionen der "Qualitätsmedien" hat sich die Mühe gemacht, herauszufinden, wie der ominöse Ort heißt, von dem die MAXAR-Satellitenaufnahme stammt, und wo er auf der Landkarte liegt. Eine Recherche von wenigen Minuten hätte zu Tage gefördert, dass es sich bei dem Ort um Jelnja im Oblast Smolensk handelt. Jelnja, oder "Yelnya" auf Englisch, ist eine Stadt von 10.000 Zivilisten und vielen dort stationierten Soldaten. Denn Jelnja ist auch Standort der 41ten russischen Armee mit kombinierten Waffen. Das räumt zumindest das Center for Strategic and International Studies (CSIS), eine militärpolitische UK-Denkfabrik, bei ihrer Wiedergabe der MAXAR-Aufnahme ein. 

Das CSIS-Bild von MAXAR ist allerdings so zurechtgeschnitten, dass der Betrachter nichts von den Kasernen und Wohnanlagen, nichts von dem Kindergarten und dem Supermarkt und den Sportanlagen für die Soldaten und Offiziere zu sehen bekommt. Denn das hätte ja den mit Absicht suggerierten Eindruck zerstört, dass sich das Kriegsgerät auf freiem Feld befindet, unweit der ukrainischen Grenze, bereit zum Einsatz. Allerdings kann sich jeder per Google Maps schnell in vier unkomplizierten Schritten selbst herausfinden, wie es tatsächlich am Standort in Jelnja aussieht:

1. Google Maps öffnen.

2. Satellit Modus anklicken.

3. In die Suchliste am Kopfende dieser Koordinaten eingeben:

( 54°36'21.6"N 33°09'57.9"E ).    

4. Auf der Tastatur Eingabe drücken.

Auf dem Monitor erscheint ein stark vergrößertes Bild von militärischem Gerät. Um den Gesamtüberblick zu bekommen, aus dem Bild herauszoomen, bis man die Wohnanlagen und etwas weiter die Stadt Jelnja erkennen kann. Dabei kommt zunächst folgendes Bild mit den Wohnanlagen unten rechts heraus.

Die russischen Soldaten dieser eindrucksvollen Militärmaschinerie biwakieren also nicht, wie uns glauben gemacht wird, in kalten Zelten in der Nähe der ukrainischen Grenze und warten ungeduldig auf den Befehl zum Losschlagen, sondern sie schlafen bequem in ihren warmen Betten zu Hause am Standort Jelnja, oft bei Frau und Kindern.

Wenn man dann noch weiter aus dieser Google-Satellitenaufnahme herauszoomt und auf den Modus Karte umschaltet, erkennt man, dass Jelnja auf halbem Weg zwischen Moskau und Brjanskaja Tamoschnja, dem nächste Grenzübergang zur Ukraine, liegt. Von Jelnja kommt man am schnellsten über die 66-K 26 und die P120 bis Brjanskaja Tamoschnja; das sind knapp über 300 Kilometer, was mit dem Pkw etwas mehr als vier Stunden dauert. Die Entfernung von Jelnja bis Moskau-Zentrum beträgt 366 Kilometer und dauert etwas weniger als fünf Stunden.

Es bedarf in der Tat viel Fantasie der US-Kriegstreiber und deren Anhänger in der NATO, um aus dem über 300 Kilometer von der ukrainischen Grenze entfernten, langjährigen russischen Armeestandort Jelnja, der näher zu Weißrussland als zur Ukraine liegt, eine vorgeschobene und unmittelbare Bedrohung der Ukraine zu machen. Das funktioniert nur, wenn die sogenannte "Vierte Gewalt", nämlich die Medien bei ihrer Aufgabe total versagen und nur noch als Sprachrohr der transatlantischen Eliten und deren Expansionsgelüste fungieren.

Mit diesem betrügerischen Bedrohungsszenario soll allerdings kein heißer Krieg gegen Russland vom Zaun gebrochen werden, denn die US/NATO-Strategen wissen längst, dass sie den aus einer Reihe von Gründen verlieren würden. Vielmehr soll die NATO-europäische Öffentlichkeit von den Transatlantikern für einen US-geführten Wirtschaftskrieg gewonnen werden, der Russland in die Knie zwingen soll, der aber zugleich vor allem für die eigene Bevölkerung in NATO-Europa sehr schmerzhaft sein würde.

Die treibenden Kräfte hinter diesen Bemühungen findet man vor allem im US-Außenministerium, in dem die sogenannten Liberalen Falken dominieren, die vom aktuellen US-Außenminister Anthony Blinken und dessen Stellvertreterin für die Ukraine und Russland, der ominösen Victoria Nuland ("Fuck the EU"), angeführt werden. Beide waren bereits unter der Präsidentschaft Obamas im Jahre 2014 die Chefarchitekten des blutigen Putsches gegen die rechtmäßige, demokratisch gewählte Regierung in der Ukraine.

Da der Kreml sich nicht länger durch weitere Expansionen der US-NATO an die Wand drücken lässt und eine neue europäische Sicherheitsarchitektur fordert, die auf dem einzig soliden Fundament ruht, dass mehr eigene Sicherheit nicht auf Kosten der Sicherheit des anderen gewonnen werden kann, sondern die eigene Sicherheit stets die Sicherheit des Gegenübers mit einbeziehen muss. Dieses Konzept läuft den Megalomanen in Washington, die gewohnt sind zu diktieren und statt zu verhandeln lieber sofort mit Sanktionen oder Militär drohen, total gegen den Strich. Allerdings gibt es sogar in den Reihen der NATO-Europäer zunehmend Widerstand gegen diese gefährliche Alles-oder-nichts-Politik Washingtons, was unter anderem in den Absatzbewegungen Frankreichs, Italiens und Ungarns sichtbar geworden ist.

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