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"Gefahr" aus Wolgograd: Laut aktuellem Szenario bedroht Russland die Ukraine aus 400 km Entfernung

Sogar Linke gehen schon von einem russischen Aufmarsch gegen die Ukraine aus. Das geht so weit, dass nun die New York Times gar die in Wolgograd stationierten Verbände ins Bedrohungsszenario einbezieht. Darf Russland also nicht einmal das frühere Stalingrad verteidigen?
"Gefahr" aus Wolgograd: Laut aktuellem Szenario bedroht Russland die Ukraine aus 400 km EntfernungQuelle: Sputnik © Konstantin Mihalchevskiy

Eine Analyse von Anton Gentzen

Bis auf die AfD waren sich am Mittwoch alle Fraktionen im Deutschen Bundestag und auch das Auswärtige Amt in Person der besten deutschen Außenministerin aller Zeiten einig: Russland bedroht die Ukraine und ließ Truppen "an der ukrainischen Grenze" aufmarschieren. Offenbar wurde diese Behauptung schon so oft wiederholt, dass sie gar nicht mehr hinterfragt wird. Sie ist zu einem Axiom geworden, und selbst Gregor Gysi von der Linkspartei nimmt diese Behauptungen als Tatsache hin.

"Auch uns stört der massive Aufmarsch der russischen Soldaten an der Grenze zur Ukraine", sagte der Linken-Außenpolitiker bei der Bundestagsdebatte am Mittwoch.

Da interessiert es kaum noch, dass sogar ukrainische Politiker und Militärs sich ob der Darstellungen in der westlichen Presse verwundert die Augen reiben und immer wieder klarstellen, dass sie kein akutes Bedrohungsszenario erkennen.

Nun hat die New York Times (NYT) einen Einblick gewährt, wen alles das westliche Militärbündnis – dabei weniger die Militärstäbe als deren Propagandisten und Informationskrieger – zur "russischen Besatzungsarmee" zählt, die, wenn nicht heute, so gewiss gleich morgen in das Nachbarland einmarschieren wird. Sie veröffentlichte eine Karte, die darstellen soll, wie russische Truppen "an der ukrainischen Grenze zusammengezogen" wurden.

20.000 Mann sollen es nach Darstellung der NYT allein in der Nähe zum Krisengebiet im Donbass sein.

Doch was zählt die Zeitung alles dazu? Die Garnison der Eineinhalb-Millionen-Metropole Rostow am Don mit einer Truppenstärke von etwas weniger als 5.000; eine Garnison mit etwas mehr als 5.000 Truppenstärke in Persianowskij (mit rund 100 Kilometern Entfernung offenkundig das Nächstgelegene, was an der russisch-ukrainischen Grenze auffindbar war); eine kleinere Garnison in Bogutschan; und etwa 5.000 Mann, die seit 1943 in Wolgograd – dem deutschen Leser eher unter seiner früheren Bezeichnung Stalingrad bekannt – stationiert sind.

Von Wolgograd bis zur russisch-ukrainischen Grenze sind es 380 Kilometer, bis zur Demarkationslinie zwischen den Aufständischen und den Kiewer Truppen weitere gut 100 Kilometer. Anhand der Stärke der Wolgograder Garnison ein Bedrohungsszenario für die Ukraine herbeidichten zu wollen, ist vergleichbar fragwürdig, wie wenn Frankreich im Versailler Vertrag die Entmilitarisierung nicht nur des Rheinlandes, sondern bis an die Elbe gefordert hätte. Ein weiterer Vergleich der Entfernungen verdeutlicht den Irrsinn: Setzt man den Maßstab weiter westlich an, könnte sich beispielsweise Polen von den in der Bielefelder Kaserne stationierten Truppen der Bundeswehr bedroht fühlen.

Schauen wir uns der Vollständigkeit halber auch den nördlichen Teil der Karte an, so ist zu sehen, wie die Hunderttausend voll werden.

Verzeichnet sind die Kasernen von Pogonowo und Jelnja, die den US-Amerikanern und den Ukrainern Sorgen machen sollen (es aber nicht tun). Die NYT erweist sich hier als geschickte Propagandistin, indem sie die Garnison "Pogonowo" nennt und nicht die gleich daneben liegende Millionenstadt, zu der die Garnison in Wahrheit gehört: Woronesch. Von hier bis zur ukrainischen Grenze sind es über 200 Kilometer, aber offensichtlich soll Russland seine Großstädte ungeschützt lassen, um von den zarten und ängstlichen europäischen und amerikanischen Gemütern nicht als Bedrohung empfunden zu werden.

Jelnja wiederum ist über 300 Kilometer vom nächstgelegenen Punkt der russisch-ukrainischen Grenze entfernt: Eine Entfernung wie von Basel nach Frankfurt. Fühlen sich vielleicht auch die Schweizer von den amerikanischen Truppen in Hanau bedroht?

Die Anzahl von 100.000 Soldaten kommt überhaupt nur dann zustande, wenn man alles zusammenrechnet, was im Gebiet von Smolensk und Moskau bis zum Kaukasus inklusive der Krim stationiert ist. Auch die mutmaßliche Anzahl der Selbstverteidigungstruppen der Lugansker und Donezker Separatisten müssen mit eingerechnet werden. 100.000 Uniformierte – verteilt auf eine Fläche doppelt so groß wie Deutschland ...

An der Schlacht um Berlin waren auf sowjetischer Seite nicht weniger als 2,5 Millionen Soldaten beteiligt. Die gesamte Truppenstärke der sowjetischen Armee in Europa addierte sich damals auf rund acht Millionen Männer und Frauen.

Jeder Militärstratege wird bestätigen: Für eine erfolgreiche Offensive benötigt man ein etwa doppeltes Übergewicht gegenüber der Truppenstärke des Anzugreifenden. Um die über 100.000 Mann zu schlagen, die die Ukraine selbst im Osten des Landes zusammengezogen hat, bräuchte Russland somit 200.000 Mann. Um die Ukraine gar zu besetzen, würde eine Million kaum ausreichen. Selbst wenn man die Selbstverteidigungskräfte der beiden Volksrepubliken hinzurechnet, kommen derzeit gegen die ukrainische Armee kaum 50.000 zusammen: Von den russischen Stäben geplant wird folglich ein offenkundig defensives Szenario.

Eine hundertmal wiederholte Lüge wird geglaubt, wie schon Goebbels wusste. Objektiv wahrer wird sie dadurch aber nicht. Von den Berufsrussophoben im Auswärtigen Amt, in der CDU, der SPD und insbesondere bei den Grünen ist keine Besserung zu erwarten, aber vielleicht hören wenigstens Sie, Herr Gysi, damit auf, jeden Unsinn nachzuplappern, den Sie bei der morgendlichen Zeitungslektüre aufschnappen?

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