Meinung

Warum Indien in Russland einen einzigartigen Partner sieht

Der Besuch des russischen Präsidenten Wladimir Putin in Indien war das 21. jährliche Treffen der beiden Staaten. Aus jedem davon ergaben sich neue Verträge. Aber es geht dabei nicht nur ums Geschäft; die Zusammenarbeit beider richtet sich auf eine gerechtere Welt.
Warum Indien in Russland einen einzigartigen Partner siehtQuelle: www.globallookpress.com © Hindustan Times via www.imago-im

von Sreeram Chaulia

Der indisch-russische Gipfel am Montag, der zur Unterzeichnung von 28 Abkommen führte, ließ keine Zweifel offen, dass für Neu-Delhi Moskau so wichtig wie jeder seiner Hauptpartner im Westen, Asien oder Ozeanien ist.

Der Besuch des russischen Präsidenten Wladimir Putin in Indien zum 21. jährlichen Gipfeltreffen am 6. Dezember war erst seine zweite große Auslandsreise seit durch die Corona-Pandemie persönliche diplomatische Reisen ausgesetzt worden sind. Der indische Premierminister Narendra Modi erkannte daher die Bedeutung von Putins Wahl, nach Indien zu reisen, mit der Bemerkung an, "Ihre Liebe zu Indien ist offensichtlich."

Seit mehreren Jahrzehnten pflegen Moskau und Neu-Delhi enge Beziehungen. Die Staatschefs beider Länder treffen sich regelmäßig, um ihre ''besondere und privilegierte Partnerschaft'' zu fördern. Dieses Jahr war es das erste Mal, dass auch der russische Außenminister Sergei Lawrow und Verteidigungsminister Sergei Schoigu in der indischen Hauptstadt waren, um ihre indischen Pendants im neuen Format des "2+2"-Gesprächs zu treffen.

Dass Indien solche ''2+2''-Gespräche vor Russland bisher nur mit den USA, Japan und Australien führte, ließ kaum Zweifel daran, dass Russland für Neu-Delhi nicht weniger wichtig ist als jeder seiner westlichen Partner oder deren Alliierte in Asien und Ozeanien.

Eine Partnerschaft mit scharfer Kante

Modis Kommentar, dass ''2+2'' eine Neuheit zum Zweck der "praktischen Kooperation" mit Russland sei, und die Bemerkung des indischen Außenministers S. Jaishankar, ''2+2'' mit Russland würde die Koordination bei "politisch-militärischen Fragen, die miteinander verbunden sind und nach außen wirken," legten nahe, dass dieser alten Freundschaft eine schärfere Kante verliehen wurde.

Dadurch, dass sich die Außen- und Verteidigungsministerien Russlands und Indiens auf den Weg zu gemeinschaftlichen Beratungen über geostrategische Probleme und gemeinsame Bedrohungen machen, verkünden Moskau und Neu-Delhi eine proaktive gemeinsame Stellung, in der Hoffnung, dass die Diplomatie jeder Seite dabei helfen wird, die jeweilige nationale Sicherheit zu stützen.

Wenn Russland etwa ein fortgeschrittenes Waffensystem an Indien verkauft, wird von Russland erwartet, dass es indische Empfindlichkeiten beachtet und dieses System nicht Ländern anbietet, mit denen Indien in Feindschaft steht. Und wenn Indien zusammen mit Russland Hochtechnologiewaffen entwickelt und produziert, dann sollen solche Waffen nur unter Berücksichtigung russischer Empfindlichkeiten eingesetzt und exportiert werden.

Da Russland Einfluss in Zentralasien hat, würde Indien gern gleichermaßen in dieses Bild mit eingeschlossen werden, damit die beiden Staaten dritten Ländern die Hand reichen können, um den jihadistischen Extremismus und Terrorismus daran zu hindern, sich aus Afghanistan und Pakistan zu verbreiten. Sowie die Amerikaner und ihre NATO-Verbündeten im August ihre Taschen packten und Afghanistan verließen, wurde klar, dass Indien nur ein großes, vertrauenswürdiges und fähiges Pferd hatte, auf das es setzen konnte: Russland.

Moskau und Neu-Delhi haben im Licht der geänderten, postamerikanischen Wirklichkeit in Afghanistan die Lücken ihrer Wahrnehmung der Zukunft des Landes geschlossen. In der gemeinsamen Erklärung am Ende von Putins Besuch wird Afghanistan gleich zehnmal erwähnt, und gezeigt, wie die Sicherheitsräte, die nationalen Sicherheitsberater und die Anti-Terrorkämpfer aus Moskau und Neu-Delhi zusammenarbeiten. Ein regionaler Aktionsplan, um die negativen Einflüsse des Machtwechsels in Kabul einzudämmen, mit besonderem Blick darauf, den terroristischen Gruppen wie dem Islamischen Staat (IS), al-Qaida und Laschkar-e Taiba, zuvorzukommen und sie ins Visier zu nehmen, ist nur möglich, wenn sich Russland und Indien die Hände reichen.

Außerdem kann Indien Gastgeber für eine größere Präsenz der russischen Marine und des russischen Handels sein, wodurch Russland in der Region des Indischen Ozeans stärker mitwirken kann, während Indien selbst Nutzen aus den russischen Marinehäfen und den Energieressourcen in der Arktis ziehen könnte. Der vorgeschlagene Vertrag über wechselseitigen Austausch von Logistik zwischen Russland und Indien, der sich in Diskussion befindet, würde solche breit angelegten geopolitischen Übereinstimmungen aktivieren.

Der Kraftverstärker

Das Niveau des gegenseitigen Verständnisses entspricht der höchsten Stufe strategischer Beziehungen, die zwischen zwei Ländern unterhalb einer formellen Allianz möglich ist. Mit Modis Worten haben Russland und Indien "ein einzigartiges und verlässliches Modell der Freundschaft zwischen zwei Staaten" etabliert. Die Wurzel dieser Einzigartigkeit ist ein pragmatischer Kern, der den Interaktionen zwischen Russland und Indien eine starke Basis verleiht. Lawrows Punkt, dass das S-400 Raketenabwehrsystem, das Indien trotz amerikanischer Sanktionsdrohungen erwirbt, "eine sehr wichtige praktische Bedeutung für die indische Verteidigungsfähigkeit hat ," vermittelt, wie entscheidend Russland für Indien als Kraftverstärker ist.

"Der Vertrag über die S-400 hat nicht nur symbolische Bedeutung. Er hat eine sehr praktische Bedeutung für die indischen Verteidigungsfähigkeiten und die Sache ist im Grunde unterwegs. Der Vertrag wurde umgesetzt", sagte der russische Außenminister Sergei Lawrow zu ANI in Delhi.

Der Vertrag über 61 Millionen Dollar zur gemeinsamen Herstellung einer halben Million AK-203 Sturmgewehre wurde in indischen Verteidigungskreisen als Schritt, der die Spielregeln ändert, begrüßt, weil er die indischen Sicherheitskräfte mit hochaktuellen Maschinengewehren ausrüsten wird, während sie die Grenzen gegen feindliche Nachbarn verteidigen. Russland baut zudem Tarnkappenfregatten für die indische Marine, gleichzeitig erwartet Indien weitere Nuklear-U-Boote von Russland. Aus Perspektive des indischen Militärs sind seine Armee, seine Luftwaffe und seine Marine dank Russland nun besser aufgestellt, um ihre Gegner zu bewältigen.

Was die Inder an Russland am meisten schätzen, ist, dass es trotz enger strategischer Bindungen an China, das Indien als Gegner sieht, Moskau nicht zugelassen hat, dass dies seine weitere Kooperation mit Neu-Delhi behindert. Russland steht gegen die "Vierergruppe" (Australien, Indien, Japan und USA), aber tatsächlich gibt es, solange Russland Indien hilft, seine Fähigkeiten zu verbessern, Neu-Delhi Zuversicht, durch Russland besser gegen seine Feinde agieren zu können. Für Indien sind die Taten Russlands wichtiger als seine Worte.

Realismus mit Idealismus

Man muss hier verdeutlichen, dass die russisch-indische Partnerschaft nicht nur aus Geschäften besteht. Eine Mischung aus beinharten Interessen und idealistischen Visionen eines gerechteren internationalen Systems ist es, was die russisch-indische Partnerschaft so dauerhaft und dynamisch macht. Putins Anmerkungen, dass "Russland Indien als eine große Macht" sieht, und als "eines der maßgebenden Zentren der multipolaren Welt" sind keine leeren Sprüche oder nettes Geschwätz, um das indische Ego zu streicheln. Er will, dass sowohl Indien als auch Russland respektiert werden und in den Reihen der internationalen Machtkonstellationen aufsteigen, und Modi will das ebenfalls.

Aus Neu-Delhi wie aus Moskau gesehen, ist eine Welt mit nur einer Supermacht oder zwei großen Mächten eine beängstigende. Die pragmatischen Abkommen, die Indien und Russland Jahr um Jahr ausstoßen, sollen letztlich zusammengenommen dabei helfen, eine wirklich multipolare Ordnung herbeizuführen, in der in Schlüsselregionen der Welt ein Machtgleichgewicht besteht. ''2+2'' muss sich nicht direkt zu 4 addieren, was nur bilaterale wechselseitige Vorteile umfasst. ''2+2'' kann ein exponentielles 22 ergeben, was voraussetzt, dass Russland und Indien die Zusammenarbeit suchen, um eventuell die Ordnung der Welt zu einer gerechteren zu machen.

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Sreeram Chaulia ist Professor und Dekan an der Jindal School of International Affairs in Sonipat, Indien. Sein nächstes Buch heißt ''Knirschende Zeit: die nationale Sicherheitskrise des Narendra Modi''. Er twittert unter @sreeramchaulia.

Übersetzung aus dem Englischen

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