Meinung

Der "woke" Mob hat sich auf ein neues Ziel eingeschossen: Kinderbücher mit "anstößigen" Inhalten

Bücherverbote und Bücherverbrennungen – der Versuch der Vernichtung von Kultur durch Angriffe auf das geschriebene Wort sind nichts Neues. Jetzt ist es der "woke" Mob, der auf denselben ausgetretenen Pfaden unterwegs ist, wie die Konquistadoren und die Nazis vor ihnen.
Der "woke" Mob hat sich auf ein neues Ziel eingeschossen: Kinderbücher mit "anstößigen" InhaltenQuelle: AFP © Daniel Roland

Ein Kommentar von Charlie Stone

Die meisten Leute würden sich schwertun, die Klassiker unter den Kinderbüchern wie "Unsere kleine Farm" oder "Dr. Seuss" beleidigend zu finden. Aber eine britische Universität hat es versäumt, die Lehren aus der Vergangenheit zu ziehen, und besteht neuerdings darauf, dass in diese Bücher Warnungen vor "anstößigen Inhalten" angebracht werden sollen.

Der Versuch, Kultur durch die Verbrennung nicht genehmer Schriften zu annihilieren ist in der Geschichte der Menschheit nichts Neues. Fragen Sie einfach den Kaiser von China aus der Qin-Dynastie vor ein paar tausend Jahren – das ist der mit der Armee von Soldaten aus Terrakotta. Der röstete gern mal ein oder zwei Bücher auf offenem Feuer. Wie auch die Römer einige hundert Jahre später und die spanischen Invasoren Amerikas im 16. Jahrhundert. Sie mussten beim Bücher verbrennen eine Menge Spaß gehabt haben.

Nehmen wir zum Beispiel den Einfluss, den das auf die indigenen Maya hatte, die jahrtausendelang auf dem Gebiet lebten, das heute Mittelamerika ist. Sie besaßen Hunderte von schönen, handgeschriebenen Büchern aus Amatl-Papier. Sie waren Experten für die Beobachtung der Himmelsgestirne und schrieben in diese Amatl-Wälzer alles nieder, was sie an Erkenntnis gewannen. Auch hatten sie ein cooles System entwickelt, um die Tage zu zählen und vieles dergleichen mehr. Und sie waren auch verdammt gut darin.

Dann, eines Tages, kamen die Konquistadoren des Weges, die von Spanien aus den Atlantik überquert hatten. Sie – oder genauer gesagt die Priester unter ihnen – mochten es nicht so sehr, dass die Mayas ihre eigenen Gedanken zu irgendetwas hatten, und diese Gottesfürchtigen billigten natürlich auch nicht die Religion der Eingeborenen. Für die Mayas galt fortan: Katholizismus oder Untergang und als erstes verbrannte man deren Bücher. Raten Sie mal, wie viele davon jetzt noch übrig sind? Drei.

Sie werden Maya-Codices genannt, und die Tatsache, dass diese Bücher überlebt haben – zufällig, da die Priester einige übersehen hatten – ist der einzige Grund, warum wir heute genau wissen, wie viel sie über den Himmel über uns wussten. Man stelle sich unsere Kultur vor, wenn diese auf nur drei Bücher reduziert worden wäre.

Auch die Nazis mochten Bücher nicht besonders. 1933 hatten die Hitlerjugend und die von den Nazis dominierten Studentengruppen in 34 Universitätsstädten in Deutschland einen lustigen Abend beim Bauen und Abfackeln von Scheiterhaufen aus Büchern mit jüdischen, liberalen und linken Texten, die man für "undeutsch" hielt.

Als islamistische Militante 2012 in Mali und der alten Handelsstadt Timbuktu einfielen, raten Sie mal, wonach sie als Erstes suchten, das zerstört werden sollte, damit sich ihr enges islamistisches Weltbild durchzusetzen und die Geschichte neu schreiben ließ? Genau. Bücher.

Und im Jahr 2021? Jetzt ist es der "woke" Mob, der einen auf "Verbrennung" macht. Viele klassische Kinderbücher im digitalen Archiv des Homerton College der Universität von Cambridge werden künftig von "Sachverständigen" mit "Inhaltswarnungen" versehen, um sensiblen Seelen "anstößige Inhalte im Zusammenhang mit Sklaverei, Kolonialismus und Rassismus" bewusst zu machen. Mehr als 10.000 Bücher und Zeitschriften werden analysiert, um Autoren zu identifizieren, die von diesen selbsternannten "Experten" als "anstößig gegenüber historisch versklavten, kolonisierten oder verunglimpften Menschen" eingestuft werden, bevor man deren Schriften in ein digitales Archiv hochlädt. Alle "erschreckend anstößigen" Wörter oder Bilder werden hervorgehoben und gekennzeichnet, und am Schluss wird eine Warnung an den Anfang des "anstößigen" Buches zugefügt.

Zu den Autoren, die mit einer digitalen Warnleuchte versehen wurden, gehört Laura Ingalls Wilder, die Autorin von "Unsere kleine Farm'', wegen ihrer "stereotypischen Darstellungen der amerikanischen Ureinwohner". Und natürlich bekommt auch Dr. Theodor Seuss ein paar fette Markierungen mit dem digitalen Rotstift, für seine Dr. Seuss-Bücher und seine "kulturellen Unempfindlichkeiten".

L. Frank Baum, Autor von "Der Zauberer von Oz", wird mit seinem Buch "Bandit Jim Crow", das er unter einem Pseudonym schrieb, für "die Verherrlichung weißer Vorherrschaft" gezüchtigt. Gleichzeitig könnte "Die Wasserkinder" von Charles Kingsley, ein Roman über ein Kind, das als Schornsteinfeger im 19. Jahrhundert lebt, "ohne Warnung, gewisse Leser, durch seine Darstellung von Iren und Schwarzen, verletzen".

Und, hey! Wissen Sie, was? Wenn Sie ein britischer Steuerzahler sind, zahlen Sie auch noch dafür mit, da das Programm durch eine Beihilfe des britischen Rats für Kunst und Geisteswissenschaften in der Höhe von 80.633 britischer Pfund finanziert wird. Alles, um die digitale Sammlung "im Kontext eines kanonischen literarischen Erbes, das von einer Unterdrückungsgeschichte geprägt ist und fortführt", zu entschärfen. Und die Begründung? Es wäre "eine Vernachlässigung unserer Pflicht als Torwächter, einen solchen beiläufigen Rassismus ungeprüft durchgehen zu lassen".

In einem der Antragsdokumente für die Finanzierung dieser Idiotie heißt es: "In Bezug auf die Geschichte erniedrigender Begriffe, die mit Behinderung und indigenen Kulturen verbunden sind, sowie mit den Einwanderern, die das moderne Amerika und Großbritannien geprägt haben, stößt man ständig auf Probleme. Warnungen mit Hinweisen auf anstößige Inhalte für intersektionale Identitäten schützen Forscher, Kinder und allgemeine Leser vor Beleidigungen oder Verletzungen ihrer Gefühle, die bei ansonsten sicheren Suchanfragen oder beim Surfen im Internet auftreten können."

Auch die Universität von Florida ist mit dabei, man muss sich also nicht übergangen fühlen, wenn man sich auf der falschen Seite des Atlantiks befindet. Dieses Projekt wird von der Nationalen Stiftung für Geisteswissenschaften in den USA finanziert und soll Online-Versionen von Kinderbüchern, die von ''People of Color'' geschrieben wurden und Texten, in denen die ''Diversität dargestellt wird'', Vorrang einräumen. Es bleibt jedoch nicht nur bei den Kinderbüchern. Natürlich nicht – seien wir nicht albern! Der ''woke'' Mob möchte auch alle Erwachsenen vor gruseligen Texten warnen. Oder diese einfach kurzerhand löschen.

Sie haben es bereits geschafft, den Romanklassiker von Harper Lee "Wer die Nachtigall stört" aus rassistischen Gründen von einigen Schulen in Kalifornien (wo sonst?) zu verbannen – äh… trotz seines zentralen Themas der Rassenungerechtigkeit. Andere Klassiker, die es auf die schwarze Liste geschafft haben, sind "Die Abenteuer des Huckleberry Finn'' von Mark Twain und ''Von Mäusen und Menschen'' von John Steinbeck.

Die Sache ist jedoch die: Die Originale all dieser Werke sind es wert, dass man sie schützt – und genau das sollten wir tun. Jedes Buch ist für irgendjemanden anstößig, wenn nicht, ist es wahrscheinlich nicht wert, gelesen zu werden.

Nehmen wir ein Blatt aus dem Buch des oben genannten islamistischen Überfalls auf Timbuktu. "Entschlossene Bibliothekare" haben es dort geschafft, Tausende von unschätzbaren Texten, vor bis auf die Zähne bewaffneten mörderischen Al-Qaida-Gangster zu retten, indem sie Eselskarren, Boote und jugendliche Kuriere einsetzten, um diese Schriften in Sicherheit zu bringen. Wir sollten uns von diesen heldenhaften Bibliothekaren inspirieren lassen, anstatt unsere Vergangenheit zu löschen.

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Übersetzt aus dem Englischen

Charlie Stone ist Autor und Journalist, der für die BBC und für mehrere britische und internationale Medien gearbeitet hat.

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