Meinung

Die Tagesthemen zu Kimmich: Gefährdet die Volksgesundheit

Es wird unappetitlich, wenn man den Fernseher einschaltet. Manchmal sehr unappetitlich. Und ich kann es nicht verhehlen, die historischen Assoziationen, die mir beim Sehen durch den Sinn gehen, führen immer tiefer in das finstere Jahrdutzend.
Die Tagesthemen zu Kimmich: Gefährdet die VolksgesundheitQuelle: www.globallookpress.com © UWE KRAFT via www.imago-images.d

von Dagmar Henn

Am 25. Oktober zelebrierten die Tagesthemen etwas, das einer öffentlichen Hinrichtung schon sehr nahe kam. Mehr als elf Minuten wurden aufgewandt, um sich mit der Tatsache zu befassen, dass der Fußballspieler Joshua Kimmich ungeimpft sei. Und es wurden alle Register gezogen. Man muss tatsächlich die ganzen elf Minuten sehen, um zu erkennen, wie perfide das Ganze ist, das sich aus den Teilen ergibt.

Lauschen wir erst einmal der Nachrichtensprecherin Caren Miosga, die die Sequenz eröffnet: "Joshua Kimmich hat sich als 'ungeimpft' geoutet. Das ist an sich keine Nachricht für eine Nachrichtensendung, denn es geht schlicht niemanden etwas an, wer sich impfen lässt und wer nicht. Nur ist Joshua Kimmich nicht irgendwer. Die Impfskepsis eines so beliebten Fußballprofis kann anstecken und seine Sorge vor Impfkomplikationen andere Menschen verunsichern. Weil wir gerade erleben, dass die Zahlen der Neuinfektionen wieder rasant steigen, wird aus einer rein privaten Frage eine öffentliche."

In diesem Abschnitt geschieht etwas, was sich später im Verlauf der Sendung noch einmal wiederholen wird. Ein reales Recht – nämlich das, über seine Gesundheitsdaten bestimmen zu dürfen – wird erst zum Schein bestätigt, in der Folge aber, unter Umgehung sämtlicher Grundrechte, sogleich widerrufen. Dabei besteht die Aufhebung nicht nur in dem Satz, sondern sie wird im gesamten folgenden Nachrichtenblock geradezu zelebriert.

Joshua Kimmich wird nicht nur das Recht über die Information seines Impfstatus abgesprochen, auch die Entscheidungsfreiheit über denselben. Warum? Weil sich, so die eigenartige Auffassung der Nachrichtenmoderatorin, Impfzweifel verbreiten wie Viren, indem sie andere anstecken.

Es ist nicht logisch. Diejenigen, die bereits geimpft sind, werden nicht anfangen zu zweifeln, weil Joshua Kimmich zweifelt, und diejenigen, die nicht geimpft sind, zweifeln ohnehin schon, könnten also von Kimmich nicht "angesteckt" werden. Auffällig ist jedoch die Gleichsetzung von Zweifel und Krankheit. Nach Wochen der permanenten Androhung der "Pandemie der Ungeimpften" wird Kimmich sprachlich zum Krankheitsträger gemacht und damit im Folgesatz gleich zur Gefährdung für andere: "Weil wir gerade erleben, dass die Zahlen der Neuinfektionen wieder rasant steigen."

Befänden wir uns noch in der normalen Welt, lautete die Antwort auf diesen Satz schlicht, dass Atemwegsinfektionen immer schon saisonal kamen und gingen und es nun einmal Herbst ist. Und dass der Anbruch der kälteren Jahreshälfte mitnichten aus einer "rein privaten Frage eine öffentliche" macht.

Das Muster, das mit dieser Aussage eingeleitet wird, ist befremdlich, weil hinter ihm Bilder und Worte mitschwingen, die man nicht schwingen sehen möchte. Sie schleichen sich subtil ein, in anderen Formulierungen, so dass man die Vorbilder gut kennen muss, um ihre neuen Versionen zu erkennen, aber sie sind doch die alten.

Auf Miosga folgt ein kurzer Clip, in dem die Anstoß erregende Aussage kurz gezeigt wird und dann wiederholt der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Immunologie die nachweislich falsche Behauptung, Langzeitfolgen seien nur seltene Nebenwirkungen. Er behauptet auch noch, die Risiken der Impfung seien für alle Altersklassen geringer als die Risiken der Infektion, was ebenfalls nachweislich falsch ist.

Die nächste Zeugin wider Kimmich ist Alena Buyx, die aktuelle Funktionsethikerin, die gerne ihren Kopf in die Kamera hält, um ohne jedes ethische Argument die erwünschte Haltung abzunicken; theoretisch an der Technischen Universität München auch für Geschichte der Medizin zuständig, praktisch völlig unbeleckt gerade von deren finstersten Aspekten.

Auch sie liefert eine Aussage mit Subtext, wie Miosga: "Personen, die im öffentlichen Leben stehen, in diesem Fall ein Nationalspieler, das sind Vorbilder. Ob sie es wollen oder nicht, sind das Menschen, denen viele zuhören, denen viele folgen, und da hat man eine besondere Verantwortung, darauf zu achten, dass man wirklich gut informiert, korrekt informiert und beraten ist."

Buyx ist eine Person, von der man keine kritische Haltung erwarten kann (die TU München hob in ihrer Pressemitteilung zu ihrer Berufung gerade ihre eifrige Drittmittelwerbung hervor, was ein deutliches Indiz für Konzernnähe ist), aber sie ist nicht dumm und weiß genau, dass sie Kimmich damit vorwirft, die Verantwortung, die sie ihm erst zuschreibt, nicht wahrgenommen zu haben. Aber wie ist das mit der Meinungsfreiheit? Gilt die nur noch jenseits des öffentlichen Raums, und nur für Personen, denen niemand zuhört? Ganz ohne sich mit der Frage zu befassen, ob das, was nach Buyx ''korrekt informiert und beraten'' wäre, wirklich informiert ist – Gespür für Grundrechte und deren Bedeutung hat Buyx nicht.

Und welche Art von Verantwortung wem gegenüber ist das, die Buyx da aufruft? Kimmich solle sich darauf beschränken, die offiziellen Sprechblasen von sich zu geben, um der Volksgesundheit nicht zu schaden? Dieses Abstraktum einer durch ein einziges Virus definierten Gesundheit, in dem selbst alle anderen gesundheitlichen Fragen irrelevant werden (ich erinnere da mal nur an die belegte Übersterblichkeit Dementer im Lockdown, die nichts mit Infektionen, aber alles mit sozialer Isolation zu tun hatte)? Das letztlich genau den Platz eingenommen hat, der einmal mit "dulce et decorum est pro patria mori" (süß und ehrenvoll ist es, fürs Vaterland zu sterben) besetzt war, das auch dazu diente, jede andere Meinung zur politischen Unzuverlässigkeit zu erklären und zu ahnden?

Auf die säkulare Priesterin des gesunden Volkskörpers folgt der perfideste Kunstgriff der Inszenierung, dessen Funktion sich allerdings erst ganz am Schluss erschließen wird: es wird exakt eine Person gezeigt, die für Kimmich spricht, und das ist Alice Weidel (AfD).

Nun hätten sich auch andere finden lassen, und es wäre insgesamt angebracht gewesen, diese zu Wort kommen zu lassen, aber wir sind bei der ARD, und die will eine Botschaft vermitteln, um jeden Preis. Also wird selbst die Unterstützung benutzt, um Kimmich in ein schlechtes Licht zu stellen. Die AfD. Das sind ja Nazis. Also ist Kimmich böse.

Tatsächlich ist die Aussage von Weidel völlig unschuldig. "Kimmich hat völlig recht, indem er sagt, das ist Privatsache, er hat Bedenken, das darf man ihm zugestehen, und dementsprechend kann man ihm nur Durchhaltewillen wünschen." Ja, witzigerweise ist es Weidel, die in dieser Abfolge eine normale, demokratische Position vertritt, wie man sie sich von anderen wünschen würde. Allerdings hat sich die Darstellung in den öffentlich-rechtlichen Medien schon so weit von dieser völlig rechtskonformen Sicht entfernt, dass davon ausgegangen wird, allein die Person der Sprecherin würde schon den gewünschten Schauder auslösen.

Als Nächstes wird die ganz offizielle Version vorgeführt, mit Hilfe von Regierungssprecher Stefan Seibert, eingeleitet mit dem Satz: "Die Regierung setzt auf Einsicht." Damit ist die amtliche Verurteilung bestätigt, und gleichzeitig wird vermittelt, es sei ja nicht so schlimm, er habe ja die Möglichkeit, abzuschwören und Buße zu leisten. Dann droht ihm auch kein Übel.

"Ich hoffe, dass Joshua Kimmich diese Informationen alle nochmal auf sich wirken lässt, und sich dann auch vielleicht für die Impfung entscheiden kann, denn als einer, auf den Millionen schauen, hätte er dann erst recht Vorbildwirkung," sagt dann Seibert. Das ist eine Variation über Buyx, aber mit eingeprägtem Bundesadler.

Hätte man sich vor auch nur drei, vier Jahren vorstellen können, dass ein Regierungssprecher einem Fußballspieler mitteilt, was er zu denken hat? Welch ungeheure Übergriffigkeit! Es ist doch nicht Aufgabe der Regierung, dem Volk mitzuteilen, was es zu denken hat, es wäre allerhöchstens ihre Aufgabe, ihm zuzuhören.

Dann kommt noch einmal eine Runde "Medizin", wieder mit der falschen Behauptung, es gebe keine Langzeitschäden (wenn es sie tatsächlich nicht gäbe, warum dauert dann der normale Prozess der Zulassung eines Impfstoffs zehn Jahre? Weil alle Zulassungsbehörden weltweit vor Corona zu blöde waren, das zu erkennen?). Und dann eine reine Werberunde zu mRNA-Impfstoffen; kein Wunder, den "Totimpfstoff", auf den Kimmich nach eigener Aussage wartet, produzieren die Chinesen. Was, wenn es wirklich um Krankheitsbekämpfung ginge, kein Problem sein sollte, man muss ihn nur zulassen; an mangelnden Fallzahlen zur Bewertung kann es in diesem Fall nicht liegen. Und auch dieser Interviewte äußerst sich apodiktisch: das Warten auf den chinesischen Impfstoff sei "nicht berechtigt."

Die Krönung dieses Zwischenspiels ist die neu aufgewärmte Geschichte der überforderten Intensivstationen. Selbst die Aussage des Bundesrechnungshofes zu diesem Thema konnte nicht dauerhaft durchdringen; aber es ist eine objektiv belegte und berechnete Tatsache, dass es nie zu einer Überforderung der Intensivstationen kam. Es ist ja zum Glück schon bald ein halbes Jahr her, dass dieser Schwindel aufgeflogen ist; da kann man auf Vergeßlichkeit setzen und den selben Trick noch einmal versuchen…

Aber zurück zum "Fall" Kimmich. Zum Abschluss der ganzen Vorführung gibt es noch einen Kommentar von Hanni Hüsch vom NDR. Auch hier wiederholen sich die verwendeten Motive.

"Joshua Kimmich ist ungeimpft. Klar kann er das sein, es gibt schließlich keine Impfpflicht hierzulande. Muss man respektieren, sagen die, die ihm wohlwollen. Stimmt ja auch. Aber muss ich das verstehen? Nein, muss ich nicht."

Das ist das gleiche Muster, dem Caren Miosga in ihrer Einleitung folgte. Es sind nur die, die ihm, Joshua Kimmich, wohlwollen, die darauf verweisen, dass es keine Impfpflicht gibt. Und Hüsch versteht das nicht und will das auch nicht verstehen. Und bedeutet schon allein dadurch, dass sie eigentlich für eine Impfpflicht wäre.

Das, was darauf folgt, zeigt, wie gründlich die einzelnen Teile des Pakets aufeinander abgestimmt wurden. Sie signalisiert, Kimmich habe das schon deshalb nicht sagen dürfen, weil die Fallzahlen steigen. Den selben Kniff, diese zwei nicht miteinander verbundenen Informationen in einen kausalen Zusammenhang zu zwängen, hat schon Miosga vorgenommen. Die Fallzahlen bestimmen darüber, wer was sagen darf. Dann greift sie Seibert und Buyx auf, mit der "Vorbildfunktion des Nationalspielers."

Die Krönung des Konstrukts sind dann die drei Punkte, die sie vorschlägt:

"Er könnte erstens das Angebot von Karl Lauterbach annehmen, der ihm gerne erklärt, dass ihn die Langzeitfolgen der Impfung nicht sorgen müssen. Es sollte ihn zweitens schon umtreiben, dass zahlende Fans auf den Tribünen pottesauer sind, denn sie kommen nur geimpft oder genesen ins Stadion."

Lauterbach zur Beratung zu empfehlen, das hat was. Seine hysterischen Vorhersagen halten nur in homöopathischer Dosis Kontakt zur Wirklichkeit. Und die Schlußfolgerung, dass die Fans, die im Geschäftsinteresse des Vereins der 2G-Regel unterworfen werden (es gibt Vereine, die das nicht mitmachen), ausgerechnet auf die nicht geimpften Spieler sauer sind und nicht auf die Bundesregierung, die ihnen den Mist eingebrockt hat, ist zumindest fraglich. Am sauersten sind mit Sicherheit die ungeimpften Fans mit Dauerkarte, die sind allerdings bestimmt nicht auf ungeimpfte Spieler sauer, aber die werden ohnehin nicht gefragt.

Die Krönung ist der dritte "Vorschlag": "Und drittens, entscheidend, ein als clever gepriesener Vorzeigeprofi muss die Gefahren auf dem Spielfeld erkennen. Der AfD hat er den Ball genau vors Tor gelegt, Alice Weidel hat dankbar verwandelt. Mir wären die Fans auf der Tribüne wichtiger."

Das ist nun redaktionell selbst geschaffene Wirklichkeit. Schließlich wäre dieser Satz nicht möglich, wenn nicht zuvor ausgerechnet und ausschließlich Weidel als Unterstützerin dazwischen geschnitten worden wäre. Ohne Versendung dieses Zitats gäbe es keinerlei Anlass für diese inszenierte Empörung. Tatsächlich ist es anders herum – der Weidel-Auftritt erfüllt nur die Funktion, den Vorwurf gegen Kimmich, er helfe der AfD, vorzubereiten. Es ist ja nicht so, dass jeder Satz von einer AfD-Pressekonferenz in den Tagesthemen landet.

Wenn man nun das Bild zusammenfasst, das in diesen elf Minuten von Joshua Kimmich enstehen soll, dann ist er eine Gefahr für die Volksgesundheit, ein physisch wie ideologisch ansteckendes Subjekt, das seine nationale Pflicht verweigert und noch dazu politisch unzuverlässig ist. Wer in diesem Konstrukt Anklänge an die Propaganda der Nazis sucht, findet sie. Aber nicht bei Alice Weidel.

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