Meinung

YouTube sperrt RT DE: Der Preis für Zensur statt freier Meinungsäußerung wird hoch sein

YouTube hat die Kanäle von RT DE dauerhaft gelöscht. Doch zur Erinnerung: Auch YouTube muss als Plattform nicht für Inhalte auf seinen Servern haften. Im Gegenzug dafür sollte aber YouTube alle zu Gehör kommen lassen – selbst mit Ansichten, die man bei YouTube nicht billigt.

Ein Kommentar von Damian Wilson

Es muss schon ein wunderbares Gefühl sein, hoch über den kleinen Leuten zu sitzen – im kalifornischen Mountain View, umgeben von anderen Vertretern der Königsfamilie der Technikgiganten – und völlig willkürlich weitreichende Entscheidungen zu treffen, zum Beispiel alle und jeden zu bestrafen, der die Welt nicht so sieht, wie man sie selbst gerne sieht. Und wir alle sind ihnen als bloße Spielfiguren hilflos ausgeliefert.

Zur Erinnerung: YouTube hat die Kanäle von RT DE dauerhaft gelöscht, obwohl YouTube als Plattform gar nicht für Inhalte auf seinen Servern haften muss. Im Gegenzug dafür sollte YouTube aber besser alle zu Gehör kommen lassen – selbst solche Stimmen, mit denen man bei YouTube nicht einverstanden ist.

Aber diese Verlockung: Hier einen Schalter umlegen, dort auf eine Schaltfläche klicken, und schon kann YouTube jeden der zwei Milliarden monatlich aktiven YouTube-Nutzer abstrafen und wissen lassen, dass man dort oben "not amused" ist. Oh, die Macht, diese Macht, die schiere Macht!!

Vivek Ramaswamy legt es in seinem ausgezeichneten, vor einigen Monaten veröffentlichten Buch "Woke, Inc.: Inside Corporate America's Social Justice Scam" gut dar: Wenn die riesigen Technologiekonzerne wie Google LLC (dem YouTube gehört) oder wie Facebook oder Twitter sich dazu erdreisten, den Menschen die freie Meinungsäußerung auf ihren Plattformen zu verweigern, brechen sie einen gewissen Deal – ja, genau diesen einen Deal, der ihnen das Streamen und Hosten auf ihren Plattformen überhaupt erst ermöglicht.

In den USA – und mehr oder weniger überall woanders auf der Welt (auch wenn sich dies langsam ändert) – gilt nämlich folgende Betriebsvereinbarung: Die sozialen Medienplattformen sind keine Verlage im herkömmlichen Sinne – und daher können sie auch nicht für die auf ihren Plattformen veröffentlichten oder gestreamten Inhalte verantwortlich gemacht werden. All diese bösen Videos auf YouTube? Nicht ihre Schuld. Gift speiende, übel gesinnte Trolle auf Twitter? Nein, Chef, das geht uns nichts an. Fake News auf Facebook? Muss die Schuld von jemand anderem sein. Denn würden die sozialen Netzwerke für jeden verleumderischen Beitrag und jedes ehrverletzende Video selbst juristisch zur Verantwortung gezogen werden, dann müssten sie sich warm anziehen – Reichtum ihrer Besitzer-Konzerne hin oder her.

Aber wie Ramaswamy betont, wird von YouTube und Co im Gegenzug für die Befreiung von der rechtlichen Haftbarkeit für die auf ihren Plattformen veröffentlichten Inhalte erwartet, dass diese Tech-Giganten sie für alle und jeden offen halten, damit jeder in den Genuss einer echten Meinungsfreiheit kommt. Es wird erwartet, dass jeder, der eine Ansicht zu vertreten hat – und sei sie noch so bescheuert, böse oder einfach nur geisteskrank – ungehinderten Zugang zu ihren Plattformen haben soll, um dort seinen Standpunkt darzulegen. Dies soll allen Internet-Nutzern freistehen – frei von der Einmischung der besitzenden Riesenkonzerne, die von Regierungen auf der ganzen Welt nur wegen der Reichweite der sozialen Netzwerke in ihrem Besitz geduldet werden.

Leider funktioniert das aber doch nicht so. Die exekutiven Chef-Nerds vom Dienst bei YouTube neigen dazu, die Konten derjenigen zu sperren, zu suspendieren oder zu löschen, deren Ansichten sie selbst nicht teilen, auch wenn sie ihrerseits mit ihrer eigenen Meinung möglicherweise völlig falsch liegen. So überschlug man sich dort zu Beginn der COVID-19-Pandemie eilends, sich dem Standpunkt der Weltgesundheitsorganisation anzuschließen, und die Geschäftsleiterin Susan Wojcicki kündigte dabei an, dass die Plattform jegliche Inhalte verbieten würde, in denen jemand mit gefälschten oder unbewiesenen Mitteln gegen das Coronavirus hausieren geht, – mehr noch, man werde überhaupt jeden mit einer Ansicht, die jener der WHO widerspricht, ausbooten.

Die Unverfrorenheit, mit der eine Dame ohne jegliches medizinisches Fachwissen einfach einmal eben der ganzen Welt mitteilte, sie würde darüber entscheiden, was zu dieser globalen Pandemie gesagt werden darf und was nicht, ließ mich damals dermaßen ins Husten und Grunzen kommen, dass ich befürchten musste, selbst an COVID-19 erkrankt zu sein.

Was soll das denn alles überhaupt heißen? Ist YouTube jetzt urplötzlich voller Epidemiologen, Virologen und wissenschaftlichen Experten? Nein, das glaube ich, mit Verlaub, eher nicht. Denn wir alle wissen, dass man sich bei YouTube bei Entscheidungen darüber, wer nun gegen das neue Edikt verstößt, auf das bekannte hybride Modell verlassen würde – bestehend aus künstlicher Intelligenz und dem guten alten menschlichen Auge.

Es ist nicht von dem gesellschaftlichen Vertrag zwischen uns und YouTube gedeckt, uns vorschreiben zu wollen, was wir sehen dürfen und was nicht. In den USA nicht, in Großbritannien nicht – und schon gar nicht in Deutschland. Dennoch hat das Unternehmen soeben RT DE und DFP, die beiden YouTube-Kanäle des deutschsprachigen Zweigs von RT, vom Netz genommen – ohne die Möglichkeit einer Reaktivierung. Aus und vorbei.

Das könnte durchaus etwas mit der enormen Popularität dieser Kanäle zu tun haben. Denn RT DE ist mit fast 547 Millionen Aufrufen und mehr als 600.000 Abonnenten einer der beliebtesten YouTube-Kanäle in Deutschland.

Aber jetzt nicht mehr. Bei YouTube war man anscheinend fest entschlossen, RT für seine Frechheit bluten zu lassen, die Ansichten auch derjenigen, die an COVID-19-Impfstoffen zweifeln oder sich darüber Sorgen machen, an das deutsche Publikum weiterzureichen. Und man muss schon sagen: Das deutsche Publikum zeigt einen ziemlichen Appetit auf jegliche, auch solche Information – und zwar schon seit Beginn der Pandemie. Und sicherlich sogar einen deutlich größeren Appetit als das Publikum im Vereinigten Königreich.

Und nun mal ganz frei heraus: Wenn die Menschen diese Inhalte sehen wollen, Autoritäten in Frage stellen und den Anweisungen der Regierung und der WHO nicht einfach sklavisch folgen wollen – sollte man ihnen dann eigentlich nicht einfach auch das erlauben? Beim kritischen Denken geht es doch gänzlich darum, Streitfälle und die dabei vorgebrachten Argumente von allen Seiten auszuleuchten. Es geht hingegen beim kritischen Denken eben nicht darum, blind zu akzeptieren, was ein an der Westküste der USA ansässiges Social-Media-Unternehmen oder der eigene Staatsapparat einen glauben machen wollen.

Wenn man den Deutschen vorschreibt, was sie tun sollen, mögen sie das nicht. Auch sie schätzen und begehren dagegen die Meinungsfreiheit. YouTube kann ja noch so viele deutsche Kanäle auf seiner Plattform abschalten, aber dann sollte man beim Hightech-Konzern beizeiten auf die Gegenreaktion vorbereitet sein, denn die wird kommen. Wenn man auf seiner Plattform nichts Lustiges, Ausgefallenes oder Aneckendes bietet, werden sich die lieben Kunden einfach rarmachen. Und was ist dann mit den ganzen Schabangas aus den Werbeeinnahmen? Auch Zensur hat ihren Preis.

Mehr zum Thema – Reaktionen auf die Löschung der YouTube-Kanäle von RT DE und Der Fehlende Part

RT DE bemüht sich um ein breites Meinungsspektrum. Gastbeiträge und Meinungsartikel müssen nicht die Sichtweise der Redaktion widerspiegeln.

Übersetzt aus dem Englischen

Damian Wilson ist ein britischer Journalist, ehemaliger Herausgeber in der Fleet Street, Berater der Finanzbranche und Sonderberater für politische Kommunikation in Großbritannien sowie der EU.

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