Meinung

Zwanzig Jahre nach 9/11: Verschiebung der US-Außenpolitik und neue Weltordnung

Der Misserfolg des Westens bei der Durchsetzung seiner Agenda in der Welt bringt nun auch US-Amerikaner zum Umdenken ihrer Strategie von einer "wertebasierten" Politik hin zu einem realpolitischen Kurs. Die USA sind nun auch bereit, selbst mit der Taliban-Bewegung Kompromisse zu suchen, auch wenn sich die Taliban noch nicht offiziell von al-Qaida distanziert haben, die der Westen als Hauptinitiator von 9/11 darstellt.
Zwanzig Jahre nach 9/11: Verschiebung der US-Außenpolitik und neue WeltordnungQuelle: Reuters © REUTERS/Stringer

von Seyed Alireza Mousavi

Zwanzig Jahre sind schon seit den Anschlägen am 11. September 2001 in New York vergangen. Nach den Anschlägen versuchten US-Strategen, neuen Schwung in die US-Außenpolitik zu bringen, mit dem die USA als Weltpolizei weiter aktiv in der internationalen Politik auftreten konnten. So intervenierten die USA vor 20 Jahren in Afghanistan, um angeblich die Taliban und den Terrorismus zu bekämpfen und obendrein den Afghanen noch "Demokratie" beizubringen. Den USA blieb am Ende – nach zwanzig Jahren – nichts anderes übrig, als jene denkwürdige Entscheidung zum Abzug umzusetzen, da sie keines ihrer Ziele erreicht hatten und selbst tausende Tote zu beklagen hatten – neben den weit höheren Opferzahlen unter der überwiegend afghanischen Zivilbevölkerung in den zwei Jahrzehnten.

Der Versuch der Aufrechterhaltung einer One-World-Ideologie des Westens ist längst auch in anderen Ländern der Nahost-Region – wie Syrien, Irak, Libyen oder Jemen – festgefahren. Nach dem Scheitern der Regime-Change-Agenda in Syrien reduziert sich die Mission der dort verbleibenden US-Truppen auf die Plünderung der Ressourcen des syrischen Volkes und die u.a. diesem Zweck dienliche Koordinierung mit den kurdischen Separatisten. Die USA wurden 2020 durch den iranischen Raketenangriff auf die Al Asad-Basis als Reaktion auf die Ermordung von General Soleimani im Irak völlig gedemütigt. 

Über 100 US-Soldaten hatten nach offiziellen Angaben bei dem Angriff der iranischen Revolutionsgarde auf diese US-Basis im Irak ein Schädel-Hirn-Trauma erlitten. Seit der US-Militärintervention in Libyen ist auch dieses Land im Chaos und Bürgerkrieg versunken, während  Sklaven-, Drogen-, Waffen- und Menschenhandel seither dort florieren wie nie zuvor. In Libyen zeichnet sich nun sogar eine mögliche Wiederbelebung der Gaddafi-Dynastie ab, seitdem sich der zweitälteste Sohn des früheren libyschen Staatsoberhaupts Muammar al-Gaddafi, Saif al-Islam, auf der politischen Bühne zurückmeldete.

Die US-Regierung hatte theatralisch im Juni – vor dem chaotischen Ende des Westens dort – angekündigt, dass die USA ihre Truppen bis zum symbolträchtigen 20. Jahrestag von "9/11", der Anschläge am 11. September 2001, aus Afghanistan abziehen wollen. Nun soll die Taliban-Übergangsregierung ausgerechnet an diesem symbolträchtigen Tag ihr Amt antreten, wobei einige der neuen Regierungsmitglieder teils jahrelang inhaftiert waren, weil sie in die Anschläge auf US-amerikanische Staatsbürger involviert gewesen wären.

In einer Zeit, in der die US-amerikanische Gesellschaft angesichts unzähliger Herausforderungen und Themen wie Waffenkontrolle und Gesundheitsfürsorge bis hin zur Identitätspolitik zerrissen ist, zogen viele US-Amerikaner schon seit Barack Obama den Abschied von US-Interventionismus auf der Welt in Erwägung. Joe Biden drängte bereits als Vizepräsidenten von Obama auf den Rückzug der US-Truppen aus Afghanistan, da es auch ihm schon damals bewusst war, dass es den Westen zu viel kostet, seine Vorstellungen im Nahen Osten mit aller Gewalt durchsetzen zu wollen.

Der US-Präsident Biden unterstrich nun Anfang September nach dem vollständigen Abzug der US-Truppen, dass es bei diesem Abzug der US-Truppen aus Afghanistan vor allem darum gegangen wäre, die Ära großer Militäroperationen zur Umgestaltung anderer Länder zu beenden. Damit verkündete der US-Präsident die offizielle Kursänderung der US-Politik, die dementsprechend auch von den Kollaborateuren der USA außerhalb des Nordatlantik-Bündnisses aufmerksam verfolgt wird. Es bleibt allerdings abzuwarten, ob "der Westen" auch in naher Zukunft wirklich auf seine Ambitionen zur hybriden Kriegsführung samt Sanktionen zur "Umgestaltung" anderer Staaten durch brutalen Regime Change nach seinen Wünschen verzichten wird. Doch zugleich ist eine deutliche Verschiebung der US-Außenpolitik von den bisherigen Schwerpunkten einer sogenannten Terrorismusbekämpfung und eines Demokratie-Exportes hin zu einer direkten Konfrontation mit großen "Rivalen" der USA – nämlich China und Russland – zu beobachten. 

Die Kursänderung wurde eigentlich schon seit Obamas Wahl zum US-Präsidenten im Jahre 2008 begonnen, teilweise aufgrund der öffentlichen Ablehnung gegen die Besatzung und Transformationsversuche im Irak und in Afghanistan unter seinem Vorgänger George W. Bush. Die Forderung der damaligen US-Außenministerin Hillary Clinton nach einer Orientierung der US-Regierung auf Asien (Pivot to Asia) war jedoch vermutlich der Hauptgrund für den Kurswechsel. Der Übergang von einer Außenpolitik des "Demokratie-Exports" hin zu einer auf den Wettbewerb mit China und Russland ausgerichteten Politik ist dabei nicht nur das Ergebnis der Lehren aus einer erfolglosen Außenpolitik, sondern auch die Folge der stetigen geopolitischen Aufstiegs von China und Russland zu erstarkenden globalen Machtfaktoren.

Insbesondere der Aufstieg Chinas zu der globalen Wirtschaftsmacht, der auf der anderen Seite mit dem Schrumpfen der US-Dominanz in der Welt einhergeht, bringt US-Amerikaner notgedrungen zum Umdenken ihrer Strategie von einer "wertebasierten" Politik hin zu einem auf Realpolitik basierenden Kurs. Insofern hat der Westen nunmehr wohl das Projekt einer globalen Ordnung, in der er allein seine "Werte" und "Normen" den anderen Kulturen aufnötigen kann, tendenziell aufgegeben und beschränkt sich nun auf seine verbliebenen Einflusssphären in der Weltpolitik. Auch "der Westen" verfolgte schon immer seine eigenen geopolitischen Interessen, wenn auch gern unter dem Deckmantel einer Förderung von Demokratie und unter der Mithilfe der Meinungsmacher in den Medienkonzernen. Nun aber ist die Maske gefallen und in der Krise zeigt sich das wahre Gesicht. Die USA sind nun auch bereit, selbst mit der Taliban-Bewegung Kompromisse zu suchen, auch wenn sich die Taliban noch nicht offiziell von al-Qaida distanziert haben, die der Westen als Hauptinitiator von 9/11 darstellt.

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