Meinung

Was uns eine Cyberattacke über die Fragilität unserer Finanzsysteme sagt

Dass eine Cyberattacke, die in Florida stattfand, 800 Geschäfte in Schweden lahmlegen konnte, war ein weiterer Beweis dafür, dass unser Finanzsystem bereits zu stark vernetzt und somit anfällig für Angriffe ist. Doch was fordern die Zentralplaner? Noch mehr Zentralisierung. Diese Cyberattacke hat die Risiken digitaler Währungen und der Zentralisierung aufgezeigt – wir brauchen daher eine Rückkehr zum kleinteiligen und lokalen Banking, das meist genossenschaftlich organisiert ist.
Was uns eine Cyberattacke über die Fragilität unserer Finanzsysteme sagtQuelle: www.globallookpress.com © Thomas Trutschel/photothek.net via www.imago-images.de

von Professor Richard A. Werner

Das in Miami ansässige IT-Unternehmen Kaseya stellte am 2. Juli fest, dass seine IT-Management-Software Virtual System Administrator (VSA) von Hackern mit einem Erpressungstrojaner infiltriert wurde. Die Angreifer forderten 70 Millionen US-Dollar "Lösegeld" für die Freigabe des Systems. Kaseya hat laut Reuters weltweit rund 1.500 Kunden und angesichts der Möglichkeit, dass diese ebenfalls vom diesem Trojaner namens "REvil" befallen sein könnten, wurden diese dringend gebeten, ihre IT-Systeme herunterzufahren.

Die wohl heftigsten Auswirkungen wurden im 5.000 Meilen entfernten Schweden sichtbar, wo etwa 800 Coop-Supermärkte am letzten Freitag, sowie das ganze Wochenende über, ihre Türen schließen mussten, weil sie keine digitalen Zahlungen mehr verarbeiten konnten. In Neuseeland waren zudem Schulen und Kindergärten betroffen. Da die schwedische Supermarktkette Coop (auf Schwedisch Kooperativa Förbundet) Lebensmittel anbietet, sind wohl viele frische Lebensmittel verdorben, während die Kunden keine Lebensmittel kaufen konnten. Die Auswirkungen dürften erheblich gewesen sein, da der Marktanteil der Coop-Gruppe und ihrer dazugehörigen Konsumgütergeschäfte am schwedischen Lebensmitteleinzelhandel bei 20 Prozent geschätzt wird.

Aber mussten diese Geschäfte wirklich schließen? In der Vergangenheit bestand die Coop aus vielen unabhängigen, lokalen Genossenschaftsläden, die sich irgendwann zu einer großen, genossenschaftlichen Supermarktkette zusammenschlossen. Die genossenschaftlichen Kernprinzipien sind Selbsthilfe, Eigenverantwortung und Eigenständigkeit. "Selbstverantwortung bedeutet, dass die Mitglieder Verantwortung für ihre Genossenschaft übernehmen – für ihre Gründung und ihre Beständigkeit", lernen wir aus der Genossenschaftsbewegung. "Selbstverantwortung bedeutet, dass die Mitglieder dafür verantwortlich sind, dass ihre Genossenschaft unabhängig von anderen öffentlichen oder privaten Organisationen bleibt", wie die Befürworter von Genossenschaften erklären. Die Schließung der 800 Geschäfte hat gezeigt, dass die Zentralisierung der Coop-Gruppe den genossenschaftlichen Grundprinzipien zuwiderläuft.

Was lernen wir daraus?

Wir lernen aus dieser Episode mindestens zwei Dinge: Erstens sind die kooperativen Prinzipien klug und wenn Organisationen sich daran halten, sind sie eher widerstandsfähig gegen Erschütterungen und Krisen. Es scheint, als habe die schwedische Coop ihre genossenschaftlichen Wurzeln aufgegeben, war zu einem gewöhnlichen, zentral geführten Unternehmen geworden und zahlte nun den Preis dafür. Anscheinend waren die Filialleiter vor Ort nicht in der Lage, die Eigenverantwortung für ihre jeweiligen Geschäfte zu übernehmen und ihre Betriebe aufrecht zu erhalten, indem man die Kunden mit Bargeld bezahlen ließ oder ihnen Kredite erteilte, gegen Hinterlegung einer Kopie eines amtlichen Ausweises zum Beispiel. Schließlich ist mit Kredit zu bezahlen die gängige Praxis: Wenn ein Laden über das elektronische Zahlungssystem Geld von einem Bankkonto abbucht, wird ein von den Banken zur Verfügung gestellter Kredit verwendet, nicht echtes Geld.

Zentralisierung macht Systeme fragil. Stattdessen wären institutionelle Konstrukte, die aus vielen kleinen, unabhängigen Einheiten bestehen, weit weniger anfällig für IT-Ausfälle und würden ein insgesamt weitaus stabileres und widerstandsfähigeres ökonomisches System bilden.

Zweitens sind zentral betriebene digitale Zahlungssysteme anfälliger als dezentrale bargeldbasierte Zahlungssysteme. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass der Cyberangriff auf die digitalen Zahlungssysteme ausgerechnet am 2. Juli 2021 stattfand, einem Freitag, am selben Tag also, an dem ein internationaler Think Tank schwedischen Ursprungs eine Kampagne namens "Cash Fridays" (Bargeld Freitag) lancierte, in der aufgefordert wird, jeweils Freitags Bargeld als Zahlungsmittel zu verwenden und dies in einer Zeit, in der Bargeld immer mehr an den Rand gedrängt wird – insbesondere in Schweden. Der Cyberangriff machte deutlich, dass digitale Zahlungen weit weniger robust und zuverlässig sind als gutes altes Bargeld.

Die Verwundbarkeit digitaler Zahlungssysteme

Die große Verwundbarkeit des digitalen Zahlungsverkehrs ist hochaktuell, denn derzeit arbeiten die Zentralbanken vieler Länder, auch in Schweden und in der Eurozone, mit Hochdruck daran, die Einführung ihrer eigenen "Digitalen Zentralbankwährungen" vorzubereiten. Diese CBDCs ("Central Bank Digital Currencies") scheinen auf den ersten Blick High-Tech-Lösungen zu sein, aber in Wirklichkeit sind viele ihrer Funktionen alt. Ohne dass es den meisten Menschen bewusst ist, verwenden wir seit Jahrzehnten BDCs (Digitale Bankwährungen, "Bank Digital Currencies") und zwar immer dann, wenn wir per Lastschrift, per Kreditkarte oder Banküberweisung bezahlen. Solches digitales Geld ist einfach das Guthaben auf unserem Bankkonto. Dabei handelt es sich um Guthaben, das nur in digitaler Form vorliegt. Bisher geben Zentralbanken nur Papiergeld aus, das in vielen großen Volkswirtschaften nur drei Prozent der Geldmenge ausmacht. Der Rest, nämlich 97 Prozent der Geldmenge, ist BDC, digitale Bankwährung.

Die Zentralbanken wollen nun in den Markt für digitale Währungen eintreten. Im Vergleich zu unserem jetzigen Geldsystem ist der größte Unterschied, dass nicht Geschäftsbanken diese neue digitale Währung herausgeben, sondern die Zentralbanken. Mit anderen Worten, was in Wirklichkeit passiert, ist, dass Zentralbanken sich darauf vorbereiten, mit den Geschäftsbanken direkt zu konkurrieren, indem sie Girokonten für Privatkunden anbieten, obwohl sie die Aufsichtsbehörden der Geschäftsbanken sind. Trotz des kompliziert klingenden Namens "CBDC" bedeutet es nichts anderes, als dass man ein Girokonto direkt bei einer Zentralbank haben kann.

Wir werden Zeugen davon, wie die Zentralbanken eine jahrhundertealte Vereinbarung zerreißen, mit der geregelt wurde, dass eine Zentralbank, im Gegenzug dafür, dass sie eine Aufsichtsbehörde ist, alle Geschäfte mit Privat- und Geschäftskunden den Geschäftsbanken überlässt. Dies wirft zudem die Frage auf, ob ein fairer Wettbewerb möglich sein wird, wenn einer der Akteure im Markt die allmächtige Zentralbank ist und ob es sogar Interessenkonflikte geben wird, wenn eine Regulierungsbehörde beschließt, mit denen zu konkurrieren, die sie reguliert und beaufsichtigt.

Müssen wir die Geldpolitik der Zentralbanken der letzten zwei Jahrzehnte noch einmal überdenken, angesichts des gegenwärtigen Wissens, dass die Zentralbanken mit den Geschäftsbanken konkurrieren wollen? Könnte dies die Politik der Zentralbanken erklären, mit der sie in der Vergangenheit Tausende von Banken aus dem Geschäft gedrängt haben – allein 4.800 in der Eurozone – unter Aufsicht der EZB? Es liegt auf der Hand, dass Geschäftsbanken bei einem derart ungleichen Wettbewerb wenig Chancen haben werden: Wenn wir alle Geld bei der Zentralbank einzahlen können, dann werden beim ersten Anzeichen einer Wirtschafts- oder Finanzkrise alle Bankeinlagen auf die Zentralbank verlagert. Das wäre dann das Ende des Banksystems und der Anfang des Sowjetsystems mit nur einer Bank im ganzen Land, der Zentralbank.

Eine solche Verlagerung von Bankeinlagen gab es in der Tat im Oktober 2008 in Deutschland, als die Finanzkrise Nordamerika und Europa erfasste. Gewöhnliche deutsche Sparer zogen ihr Geld von den Großbanken ab und überwiesen ihre Guthaben – und man lese das jetzt genau! – an über tausend kleine lokalen Genossenschaftsbanken, von denen man wusste, dass sie sicher waren, weil sie sich nicht an den groß angelegten Finanzspekulationen beteiligt hatten, durch die unzählige Großbanken in vielen Ländern in die Knie gezwungen wurden.

Die Einschätzung der deutschen Sparer war richtig: Die kleinen Genossenschaftsbanken, die 80 Prozent aller Banken in Deutschland ausmachen und über 90 Prozent aller Kredite an kleine und mittlere Unternehmen zur Verfügung stellen, waren von der sogenannten "globalen Finanzkrise" von 2008 nicht betroffen. Sie hatten sich nicht an der internationalen, spekulativen Kreditvergabe für Wertpapierkäufe beteiligt, die erst eine Vermögensblase und dann den Zusammenbruch verursachte. Stattdessen vergaben diese Genossenschaftsbanken bis dahin vor allem Kredite an kleine, lokale Unternehmen in der Realwirtschaft.

Eine solche Kreditvergabe erfordert gute Kenntnisse der lokalen Wirtschaft und die Fähigkeit, bei der Bewertung der Kreditnehmer "den Puls zu fühlen" – etwas, das große Banken als zu viel Aufwand empfinden. Je größer eine Bank ist, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie Kredite an kleine Unternehmen vergibt und desto eher neigt sie dazu, Kredite für den Erwerb von Vermögenswerten zu vergeben, beispielsweise an Hedgefonds und Private-Equity-Fonds.

Banken, Blasen, Boom und Pleite

Der Grund, der die von den Großbanken bevorzugte Finanzkreditvergabe für den Ankauf von Vermögenswerten so gefährlich macht, ist, dass Banken, wenn sie Kredite vergeben, nicht tatsächlich vorhandene Mittel verleihen. Stattdessen dürfen sie das Geld, das sie als Kredit zur Verfügung stellen, neu erschaffen. Diese Geldschöpfung wirkt sich auf andere Teile der Wirtschaft aus. Wenn beispielsweise viel Geld für den Kauf von Immobilien und Vermögenswerten geschaffen wird, steigen die Immobilienpreise, während das BIP nicht wächst, denn Vermögenstransaktionen tragen nicht zum Wirtschaftswachstum bei. Mit anderen Worten, die Kreditvergabe der Banken für den Ankauf von Vermögenswerten ist der Grund für die Vermögensblasen, die jeder Finanzkrise vorausgehen.

Wir sehen auch, dass die Konzentration auf wenige Banken gefährlich ist: Länder mit wenigen großen Banken wie Großbritannien sind anfällig für Boom-Pleite-Zyklen und Krisen. Als die Krise 2008 ausbrach, stieg die Arbeitslosigkeit in Deutschland nur geringfügig an und es gab keine Rezession. Dies war den fast 1.500 Kleinbanken (einschließlich Sparkassen) zu verdanken, die in Deutschland dominieren – von denen die meisten tatsächlich unabhängige lokale Genossenschaften sind. Wie bei unabhängigen lokalen Lebensmittelgeschäften ist ein Banksektor, der von vielen lokalen Gemeinschaftsbanken dominiert wird, gegenüber Erschütterungen und Krisen weitaus widerstandsfähiger.

In einer Zeit, in der die Politik der Zentralbanken die Zahl der Banken in vielen Ländern reduziert hat – insbesondere in den USA und in der Eurozone (und zum Glück nicht in Großbritannien, wo die Bank of England beim Aufbau neuer Banken helfen will) – dürfte die Einführung von Zentralbank-Girokonten für die Öffentlichkeit – die CBDCs – zu einer weiteren Konzentration der Finanzsysteme und damit zu größerer Anfälligkeit führen. Resilienz ergibt sich aus der Fähigkeit, Bargeld zu verwenden und mit unabhängigen und lokal verantwortlichen Organisationen zu handeln. So gesehen lieferte die jüngste Cyberattacke wertvolle Denkanstöße. Und denken Sie jeweils am Freitag daran: Bezahlen Sie bar!

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