Meinung

Eine andere Welt: Das Imperium braucht die psychologische Abschottung

Die westliche Propaganda funktionierte nicht so gut, neigten wir nicht von Natur aus dazu, Informationen, die unser Weltbild bedrohen, vor uns selbst zu verbergen. Denn die Kollision zwischen der gewohnten Sicht und neuen Fakten erzeugt ein zutiefst unangenehmes Gefühl.
Eine andere Welt: Das Imperium braucht die psychologische AbschottungQuelle: www.globallookpress.com © Martyn Wheatley

von Caitlin Johnstone

Das oberste britische Gericht hat die Berufung der US-Regierung gegen die Ablehnung des Auslieferungsantrags gegen den WikiLeaks-Gründer Julian Assange begrenzt zugelassen. Das bedeutet, der angesehene Journalist wird weiter für die Offenlegung von US-Kriegsverbrechen im Gefängnis schmachten, während das Berufungsverfahren läuft.

Wären die westlichen Medien das, was sie zu sein vorgeben, wäre sich jedes Mitglied der Öffentlichkeit der Tatsache überaus bewusst, dass ein Journalist von der mächtigsten Regierung der Welt in Haft gehalten wird, weil er unangenehme Tatsachen über deren Kriegsmaschine offengelegt hat. Weil die westlichen Medien aber Propagandaeinrichtungen sind, geschaffen, um die Mächtigen zu beschützen, erregt diese Tatsache bei weitem nicht die öffentliche Aufmerksamkeit, die ihr zusteht. Die meisten Menschen kennen eher Teile der Schmutzkampagne gegen Assange, dass er ein russischer Agent sei oder ein vermeintlicher Vergewaltiger, als dass sie wissen, dass er das Opfer eines tyrannischen Angriffs auf die weltweite Pressefreiheit ist.

Es gibt eine ganze andere Welt, die knapp unter der Oberfläche der öffentlichen Aufmerksamkeit des Mainstreams existiert. Eine Membran aus Berühmtheiten, Unterhaltung und parteiischem Gezänk liegt fast die ganze Zeit über der öffentlichen Wahrnehmung der Welt, und sie wird nur gelegentlich von kurzlebigen Ausbrüchen von Dissonanz zerrissen, die den Nebel durchbohren.

Man liest, was Ronnie, der Republikaner zu Debbie, der Demokratin gesagt hat, und es fühlt sich so wirklich und normal an, und plötzlich springt einem das Gerede über Jeffrey Epstein und seinen inszenierten Selbstmord in Haft ins Gesicht, zwischen Berichten über Verbindungen zu von der Regierung betriebenen sexuellen Erpressungsmanövern, bei denen Minderjährige eingesetzt wurden, um jene Menschen zu kontrollieren, die den größten Einfluss auf die Gesellschaft ausüben. Dann wird das ganz schnell in der Erinnerungslücke versenkt, die Membran schließt sich wieder, und es geht wieder zurück zu Ronnie und Debbie.

Aber ehe der Nebel zurückkehrt, gibt es immer einen kurzen Augenblick des "Was??? Wirklich??", während man versucht, sich im Licht der gerade neu erhaltenen Information wieder in der Wirklichkeit zu orientieren. Was man gerade gesehen hat, ist mit dem vorhandenen Weltbild völlig unvereinbar, dem, mit dem man Stück für Stück von der Schule, den Massenmedien und den Internet-Algorithmen gefüttert wurde. Wenn die bequeme vorhandene Weltsicht und die gerade erhaltene neue Information zusammenstoßen, erzeugt das eine Art von psychischem Unwohlsein, das man kognitive Dissonanz nennt, und das dazu führt, dass man beide Blickpunkte nur schwer gleichzeitig einnehmen kann.

Ab dem Moment übernimmt die psychologische Abschottung. Abschottung ist es, wenn wir gedanklich Information oder Erfahrung von unserem gegebenen Selbstverständnis und der Weltsicht abtrennen und sie gewissermaßen unter den Teppich kehren, damit wir die kognitive Dissonanz nicht mehr fühlen müssen. Wir löschen sie nicht; die Information ist immer noch da und wir können darauf zugreifen, wenn wir es wollen, aber sie ist in einer separaten Akte und wird behandelt, als befände sie sich in einer alternativen Parallelwelt.

Diese Abschottung kommt auch manchmal ins Spiel, wenn eine Frau entdeckt, dass ihr Mann ihr Kind sexuell belästigt hat. Sie legt die Information in einer getrennten Akte ab, weil es viel zu beängstigend ist, wie diese Information ihre Welt in Stücke brechen würde, und die kognitive Dissonanz, beide Welten gleichzeitig wahrzunehmen, zu ungemütlich ist.

Die Abschottung geschieht, wenn wir durch unsere Nachrichten scrollen und irgendetwas über den Horror sehen, der mithilfe unserer Regierung auf den Jemen losgelassen wird; mit dem Modell der Welt, das man uns denken gelehrt hat, passt das nicht zusammen, also trennen wir es von unserem Modell.

Sie passiert, wenn wir uns daran erinnern, dass wir zum Irak belogen wurden. Sie erfolgt, wenn wir darüber nachdenken, was die Lebensweise der Menschheit auf diesem Planeten unseren Ökosystemen antut. Sie entsteht, wenn wir über die Tatsache nachdenken, dass es da Atomwaffen gibt und dass die Spannungen des Kalten Kriegs eskalieren. Sie kommt auf, wenn wir daran erinnert werden, dass unsere Regierung an der Folter und der Inhaftierung eines Journalisten teilhat, dessen einziges Verbrechen darin bestand, die Wahrheit aus den verschlossenen Akten, in denen sie versteckt worden war, zu befreien, damit wir sie zu einem Teil unserer Weltsicht machen können.

Der Preis dafür, die Abschottung für eine integre Weltsicht hinter sich zu lassen, ist die kognitive Dissonanz und die Unannehmlichkeit, ein neues Rahmenkonzept für die Wirklichkeit aufzubauen. Aber die Belohnung besteht darin, eine Sicht zu haben, die auf der Wahrheit beruht und nicht auf der Lüge.

Die Abschottung ist die Waffe der Propagandisten. Sie ist die Störung in der Arbeitsweise unseres Erkenntnisprozesses, die bedeutet, dass sie nicht gar so schwer arbeiten müssen, um uns alle in einem Wirklichkeitstunnel zu halten, der aus Lügen gebaut ist; sie müssen nur unsere Wahrnehmung der Wirklichkeit konstruieren, und ab da übernimmt unser eigenes psychologisches Abwehrsystem ihre Arbeit.

Das oligarchische Imperium, das unsere Welt beherrscht, ist nicht wirklich dem Blick verborgen; wir sehen seine Zeichen die ganze Zeit, es ist nur für die meisten von uns zu unangenehm, hinzuschauen. Das Monster versteckt sich nicht unter dem Bett, es starrt uns direkt ins Gesicht, und wir schauen im ganzen Raum herum, außer dorthin, wo es steht, weil unsere Welt unterginge, träfe unser Blick den seinen.

Aber wir müssen sie zerstören. Es sind die auf Lügen gebauten Weltsichten, die das Imperium zusammenhalten; die Mächtigen investieren so viel Energie in die Propaganda, mit der sie uns beschallen, weil sie das müssen, um ihre Macht zu erhalten. Ohne sie könnten wir wahrnehmen, dass sie ungeheuerliche Übel auf die Welt loslassen und dass es viel mehr von uns gibt als von ihnen.

Und das müssen wir tun, wenn unsere Spezies in Zukunft überleben soll. Wir müssen einen Weg finden, um an der kognitiven Dissonanz vorbei von einer auf Lügen beruhenden Lebensweise zu einer auf der Wahrheit beruhenden zu gelangen, und eine auf Wahrheit beruhende Spezies werden, mit auf Wahrheit beruhenden Beziehungen zueinander und zu unserem Ökosystem. Wenn wir uns weiter vor der Wirklichkeit verstecken, werden wir uns von unserer eigenen Existenz abschotten.

RT DE bemüht sich um ein breites Meinungsspektrum. Gastbeiträge und Meinungsartikel müssen nicht die Sichtweise der Redaktion widerspiegeln.

Übersetzt aus dem Englischen. Caitlin Johnstone ist eine unabhängige Journalistin mit Sitz in Melbourne, Australien. Ihre Website findet sich hier und sie twittert auf @caitoz

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