Meinung

New York Times-Stellenanzeige als Funktionsstudie westlicher Propaganda

Entstammt der Text einer Rede im US-Wahlkampf? Einer Werbung für einen Actionfilm? Ist es der Beschreibungstext eines "realistischen" 3D-Ballerspiels? Nein, es ist eine Stellenanzeige der New York Times. Alleinige Anforderung: russophobe Indoktriniertheit des Bewerbers.
New York Times-Stellenanzeige als Funktionsstudie westlicher PropagandaQuelle: Reuters © Carlo Allegri

von Caitlin Johnstone

Wer gerade erst seine Recherchen darüber beginnt, was mit der Welt so alles nicht stimmt, geht oft davon aus, dass die Mainstream-Nachrichtenreporter einfach die ganze Zeit wissentlich Menschen mit Propaganda zusetzen: Dass sie also herumsitzen und Schemen zum Betrug zusammenbrauen, um ihr Publikum so hinters Licht zu führen, dass es Krieg, Oligarchie und Unterdrückung zum Wohle ihrer plutokratischen Gebieter unterstützt.

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Sobald man nur ein bisschen mehr weiß, wird einem klar: Dem ist nicht ganz so. Die meisten Mainstream-Nachrichtenreporter sind keine "richtigen" gewitzten Propagandisten: Diese sind eher in von der Geldelite finanzierten Denkfabriken und anderen Unternehmen der Branche Narrativmanagement vorzufinden – sowie in den undurchsichtigen Regierungsbehörden, die die auf die Förderung ihrer Interessen zugeschnittene Information an Nachrichtenmedien verfüttern. Der Hauptgrund dafür, dass die Mainstream-Nachrichtenjournalisten Unwahrheiten behaupten, liegt darin, dass man bereits für eine Einstellung bei den Mainstream-Nachrichtensendern seinen Verstand an eine Weltanschauung anstöpseln muss, die zwar nicht auf der Wahrheit beruht, aber dafür umso besser die Interessen der Machthabenden bedient.

Wer sich jemals gefragt hat, warum die Berichterstattung der US-amerikanischen und britischen Medien über Russland größtenteils Müll ist, der werfe einen Blick auf diese Stellenanzeige der New York Times. Es ist ziemlich klar, dass man Bewerber, die objektiv und fair über Russland berichten möchten, nicht berücksichtigen wird. Und das ist einer der Gründe dafür, warum alles so ist, wie es ist ...

Die unlängst veröffentlichte Stellenausschreibung (hier in Archivversion) für einen Russlandkorrespondenten der New York Times, auf die der in Russland lebende Journalist Bryan MacDonald hinweist, veranschaulicht diese Dynamik makellos. Die Stellenausschreibung lautet wie folgt:

Russland-Korrespondent

Stellenbeschreibung

Wladimir Putins Russland bleibt einer der größten Nachrichtenanlässe der Welt.

Es sendet mit Nervengift bewaffnete Todesschwadronen gegen seine Feinde aus, zuletzt gegen den Oppositionsführer Alexei Nawalny. Es lässt seine Cyberagenten Chaos und Harmonielosigkeit im Westen säen, um dessen demokratische Systeme anzuschmieren – und bewirbt derweil seine eigene, gefälschte Version der Demokratie. Es setzt weltweit seine privaten Militärunternehmen ein, um im Geheimen seinen Einfluss auszuweiten. Im Inland füllen sich die Krankenhäuser mit Covid-Patienten, während sein Präsident sich in dessen Villa versteckt. [...] Sie sollten sich darauf freuen, zum Beobachten einer Bevölkerung, die zunehmend von durch Korruption, Nepotismus und übermäßiger Auslegung auf Rohstoffexport ausgebremsten Wirtschaft frustriert ist, 11 Zeitzonen zu überqueren. [...] Davon ganz zu schweigen, dass Putin Verfassungsänderungen durchgeführt hat, sodass er wahrscheinlich noch viele Jahre lang an der Macht bleiben wird.

Klingt das etwa nach einer Stelle, auf die sich jemand, der eine andere Haltung gegenüber der russischen Regierung vertritt als eine offen feindselige, bewerben würde? Deutet diese Stellenausschreibung vielleicht darauf hin, dass man bei der New York Times jemanden willkommen heißen könnte, der in der Russland-Hysterie der Mainstreammedien karikaturartige Übertreibung erkennt, die darauf abzielt, die seit Langem bestehenden geostrategischen Interessen der westlichen Machtstrukturen durchzusetzen – gegen eine Regierung, die sich lange Zeit weigerte und nach wie vor weigert, sich dem Diktat dieser Machtstrukturen zu beugen? Oder jemanden, der Skepsis gegenüber den mit heißer Nadel gestrickten Narrativen des Establishments über angebliche Wahlmanipulationen und Nowitschok-Mordanschläge seitens Russland äußert? Wäre bei der New York Times wohl jemand willkommen, der, wie Moon of Alabama anmerkt, vielleicht darauf hinweisen könnte, dass Putin derzeit tatsächlich im Kreml seiner Arbeit nachgeht – und sich nicht in irgendeiner "Villa" "versteckt"?

Natürlich nicht. Um einen Job bei der New York Times zu bekommen, müssen Sie zeigen, dass Sie die oligarchisch-imperialistische Weltanschauung des Mainstreams voll und ganz teilen, die die Erzeugnisse der westlichen Massenmedien in deren Gesamtheit formt. Sie müssen demonstrieren, dass Sie korrekt indoktriniert wurden und dass Ihre zukünftigen Vorgesetzten Sie mit einfachem "Braver Junge" beziehungsweise "Na-na-na!!" zur Einhaltung der offiziellen Reichslinie werden ermahnen können – ohne Ihnen ausdrücklich zu sagen, dass Sie wissentlich lügen sollen.

Denn wenn man Ihnen wissentliches Anlügen der Öffentlichkeit zur Förderung der Interessen der Mächtigen explizit vorschriebe, wäre das ja Propaganda. Und Propaganda ist doch das, was in bösen und rückständigen Ländern wie Russland geschieht.

Die Orthodoxie des Mainstream-Establishments ist im Wesentlichen eine Religion – daher ist sie genauso falsch und den Mächtigen gegenüber genauso servil wie jede andere Religion auch. Und wenn Sie in der Mainstream-Politik oder den Mainstream-Massenmedien arbeiten wollen, müssen Sie zeigen, dass Sie ein Anhänger dieser Religion sind.

Genau das und nichts anderes beobachtet man, wenn auf Twitter mit dem blauen Häkchen der "Faktenprüfung" markierte Journalisten zur Förderung imperialistischer Interessen und der Politik des Status quo ihre Nachrichten veröffentlichen. Sie arbeiten nicht etwa in der Wahnvorstellung, etwas Neues oder Aufschlussreiches zu sagen, etwas mitzuteilen, das nicht bereits hundert andere Leute genau zur gleichen Zeit sagen: Nein, sie signalisieren. Sie lassen ihre gegenwärtigen und zukünftigen Kollegen und Arbeitgeber wissen: "Ich bin ein Gläubiger. Ich ruhe fest im Schoße der Kirche". Auf diese Weise stellen sie sicher, dass ihre Karrieren in den Mainstream-Nachrichtenmedien weiter vorangetrieben werden.

Deshalb gibt es auch Etiketten für jeden, der Skepsis gegenüber den Narrativen des Establishments zum Ausdruck bringt: "Verschwörungstheoretiker", "nützlicher Idiot", "Russlands Humankapital" oder "Assadist". Denn die Mächtigen mit ihrem Verständnis, dass Kontrolle über das Narrativ auch Kontrolle über die Welt ist, brauchen Etiketten, um die Gläubigen von den Heiden zu trennen. Und "Heide" bedeutet hier dasselbe wie "Ketzer".

Der schnelle und einfache Weg, reich und berühmt zu werden, war schon immer die Förderung der Interessen der Mächtigen. Dies gilt in jedem anderen Bereich ebenso wie in den Medien. Aus diesem Grund werden diejenigen, die ihre Energie darauf verwenden, die bestehenden Machtstrukturen zu kritisieren und deren Dynamik ins rechte Licht zu rücken, wahrscheinlich nicht so bald in schicke Villen ziehen oder zu noblen Partys eingeladen werden – während diejenigen, die das Gegenteil tun, es tatsächlich schaffen werden. Und doch: Wenn jemand einen Substack- oder Patreon-Account einrichtet, um Kritik an den Mächtigen als seinem Lebensberuf nachzugehen, dann wird ausgerechnet dieser Mensch von den Propagandisten als geldgieriger Schwindler bezeichnet werden. 

Wenn die sprechenden Köpfe, die man von den plutokratischen Medien auf seinem Bildschirm vorgesetzt bekommt, ihre Unwahrheiten ausstoßen, dann sind sie der Täuschung, die sie am Publikum begehen, nicht bewusst. Genauso wenig lügt jeder Prediger wissentlich, wenn er einem mit ewigem Feuer droht, sollte man das Evangelium nicht annehmen. Die meisten von ihnen glauben alles, was sie sagen, weil sie dazu indoktriniert wurden, gute Jünger und Missionare ihres Glaubens zu werden.

Die am meisten indoktrinierten Menschen auf der Erde sind die für die Verlautbarung der Propaganda Verantwortlichen.

RT Deutsch bemüht sich um ein breites Meinungsspektrum. Gastbeiträge und Meinungsartikel müssen nicht die Sichtweise der Redaktion widerspiegeln.

Übersetzung aus dem Englischen. Caitlin Johnstone ist eine unabhängige Journalistin mit Sitz in Melbourne, Australien. Ihre Website finden Sie hier. Sie kann auf Twitter abonniert werden unter@caitoz

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