Meinung

Wie Donald Rumsfelds Ansatz der "unbekannten Unbekannten" helfen kann, die COVID-Krise zu bewältigen

Der verstorbene US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld hat im Irakkrieg kolossale Fehleinschätzungen begangen. Aber so seltsam es auch erscheinen mag, das Denkmuster hinter diesen schrecklichen Fehlern kann sich bei der Bewältigung der aktuellen globalen Krise als unschätzbar erweisen.
Wie Donald Rumsfelds Ansatz der "unbekannten Unbekannten" helfen kann, die COVID-Krise zu bewältigenQuelle: www.globallookpress.com © Keystone Press Agency

von Slavoj Žižek

Am 29. Juni verstarb Donald Rumsfeld, ehemaliger Verteidigungsminister unter den Präsidenten Gerald Ford und George W. Bush und einer der Hauptarchitekten der US-Invasion im Irak, im Alter von 88 Jahren. Er wird vor allem wegen der katastrophalen Folgen dieser Invasion in Erinnerung bleiben.

Das Ziel der amerikanischen Militärintervention im Irak bestand nicht nur darin, "die Bedrohung durch irakische Massenvernichtungswaffen" zu neutralisieren – von denen nie welche gefunden wurden –, sondern auch um den Irak in einen modernen, säkularen Staat zu verwandeln und ihn dem Einfluss durch den Iran zu entziehen. Allerdings gewann in der Folge der Iran im Irak stark an Einfluss, der islamische Fundamentalismus breitete sich aus, unzählige Christen verließen das Land, Frauen wurden aus dem öffentlichen Leben gedrängt und aus dem Schoß des Schlamassels im Irak wurde ISIS geboren. Was waren die Wurzeln einer solch kolossalen Fehleinschätzung? Nun, betreten wir die Gefilde der Philosophie.

Nachdem Rumsfeld im Februar 2002 an einer Pressekonferenz nach Beweisen gefragt wurde, dass der Irak Massenvernichtungswaffen an terroristische Gruppen geliefert haben könnte, antwortete er mit laienhafter Philosophie über das Verhältnis von Bekanntem zu Unbekanntem.

"Es gibt bekannte Bekannte. Das sind Dinge, von denen wir wissen, dass wir sie wissen. Wir wissen auch, dass es bekannte Unbekannte gibt. Das heißt, es gibt Dinge, von denen wir wissen, dass wir sie nicht wissen. Aber es gibt auch die unbekannten Unbekannten. Es gibt Dinge, von denen wir nicht wissen, dass wir sie nicht wissen."

Was er vergaß hinzuzufügen, war der entscheidende vierte Begriff: Das "unbekannte Wissen". Dinge, von denen wir nicht wissen, dass wir sie wissen – entsprechend dem Freud'schen Unbewusstem, "das Wissen, das sich selbst nicht kennt", wie der französische Psychoanalytiker Jacques Lacan einst sagte. Wenn Rumsfeld dachte, die Hauptgefahren bei einer Konfrontation mit dem Irak seien die "unbekannten Unbekannten" und unsere Antwort auf die Drohungen von Saddam, die uns damals nicht mal bewusst waren, dann sollte unsere Antwort darauf sein, dass die Bedrohung von den "unbekannten Bekannten" ausging, die an uns festhielten. Diese Unterscheidung zwischen "unbekannten Unbekannten" und "unbekannten Bekannten" ist heute relevanter denn je.

Im Fall der Ökologie sind es verleugnete Überzeugungen und Annahmen, die uns daran hindern, die Aussicht auf eine Katastrophe ernst zu nehmen. Und wir können nicht einmal eine kollektive Reaktion auf die derzeitige Pandemie verstehen, ohne die Hilfe von Rumsfelds Erkenntnistheorie.

Bereits im April 2020 wies der bedeutende deutsche Philosoph und Soziologe Jürgen Habermas, im Hinblick auf den Ausbruch von COVID-19 darauf hin, dass sich "existenzielle Unsicherheit jetzt global und gleichzeitig in den Köpfen der medienverbundenen Menschen ausbreitet". Er schrieb: "Noch nie gab es so viel Wissen über unser Nichtwissen und über den Zwang, in Zeiten der Unsicherheit zu handeln und zu leben."

Und er hat zu Recht behauptet, dass dieses "Nicht-Wissen" nicht nur die Pandemie selbst betrifft – in diesem Feld haben wir zumindest Experten –, sondern mehr noch die wirtschaftlichen, sozialen und psychischen Folgen, die daraus entstanden. Man beachte seine präzise Formulierung: "Nicht nur wissen wir nicht, was vor sich geht, sondern wir wissen, dass wir nichts wissen und dieses Nichtwissen ist eine Tatsache, auf der das Handeln unserer Institutionen beruht."

Wir wissen heute, dass beispielsweise die Menschen im Mittelalter oder in der frühen Neuzeit viel weniger wussten. Aber sie wussten dies nicht, weil sie sich auf eine stabile ideologische Grundlage verließen, die garantierte, dass unser Universum eine sinnvolle Einheit bildete. Dasselbe gilt für gewisse Visionen des Kommunismus, sogar für Francis Fukuyamas Idee vom "Ende der Geschichte" – sie alle gingen davon aus, zu wissen, wohin sich der Lauf der Zeit hinbewegt.

Habermas hatte auch Recht, als er auf die Unsicherheit "in den Köpfen von medienverbundenen Personen" hinwies. Unsere Verbindung zum vernetzten Universum erweitert unser Wissen enorm, wirft uns aber gleichzeitig in radikale Verunsicherung. Wurden wir gehackt? Wer kontrolliert unseren Internetzugang? Lesen wir Fake News? Die anhaltenden Vorwürfe über Angriffe ausländischer Hacker auf US-Regierungsinstitutionen und Unternehmen verdeutlichen diese Unsicherheit: Die Amerikaner entdecken jetzt, dass sie den Umfang und die Methoden des Hackings nicht kontrollieren können. Für die USA ist die virale Bedrohung nicht nur biologisch, sondern vor allem auch digital.

Es steht außer Frage, was getan werden muss. Erstens sollten wir die Krise, die von dieser Pandemie ausgeht, endlich als das erkennen, was sie ist: Teil einer globalen Krise die unsere gesamte Lebensweise trifft, von der Ökologie bis zu neuen aufflammenden sozialen Spannungen. Zweitens sollten wir eine soziale Kontrolle und Regulierung der Ökonomie etablieren. Drittens sollten wir uns auf die Wissenschaft verlassen, jedoch ohne diese als Entscheidungsträger zu akzeptieren. Um zu erklären warum, wenden wir uns erneut an Habermas: Unser Dilemma besteht darin, dass wir gezwungen sind zu handeln, obwohl wir wissen, dass wir die vollständigen Eckdaten der Situation, in der wir uns befinden, nicht kennen. Aber ist dies nicht die Grundsituation jedes Handelns? Unser großer Vorteil ist, dass wir wissen, wie viel wir nicht wissen und dieses Wissen um unser Nichtwissen einen Raum in die Freiheit eröffnet. Wir handeln, auch wenn wir die ganze Situation nicht überblicken, das aber nicht als Einschränkung betrachten. Was uns Freiheit gibt, ist, dass die gegenwärtige Lage – zumindest in unserem sozialen Umfeld – an sich offen, nicht vollständig und nicht vorbestimmt ist.

Wir sollten Habermas' These so verstehen, dass wir, gemäß Rumsfelds Einschätzung, noch nie so viel Wissen über das Nichtwissen hatten: Die Pandemie erschütterte, was wir glaubten zu wissen, was wir wussten. Es machte uns bewusst, was wir nicht wussten. Und in der Art und Weise, wie wir damit konfrontiert wurden, verließen wir uns auf das, was wir nicht wussten, dass wir es wissen, was unsere Annahmen und Vorurteile und unser Handeln bestimmte, obwohl wir uns dessen nicht bewusst sind. Wir haben es hier nicht mit dem einfachen Übergang vom Nichtwissen zum Wissen zu tun, sondern mit dem viel subtileren Übergang vom Nichtwissen zum Wissen, was wir nicht wissen – unser positives Wissen bleibt in dieser Gleichung ausgeglichen, aber wir gewinnen einen Freiraum zum Handeln.

Im Hinblick auf das, was wir nicht wissen, auf unsere Annahmen und Vorurteile, war der Ansatz von China (und der von Taiwan und Vietnam) gegenüber der Pandemie wesentlich effizienter als der, den Europa und die Vereinigten Staaten übernahmen. Das Argument "Ja, die Chinesen haben das Virus eingedämmt, aber zu welchem Preis?" ist daher ermüdend.

Während nur ein Whistleblower uns die ganze Geschichte darüber erzählen könnte, was in China wirklich passiert ist, haben die dortigen Behörden beim Ausbruch des Virus in Wuhan einen kompletten Lockdown verhängt und den Großteil der Wirtschaft im ganzen Umland lahm gelegt und damit Menschenleben den Vorrang gegeben. Dies geschah zwar mit einiger Verzögerung, aber man nahm die Krise äußerst ernst. Jetzt erntet China die Früchte aus seinem Handeln, auch wirtschaftlich. Und – lasst es uns deutlich sagen – dies war nur möglich, weil die Kommunistische Partei immer noch in der Lage ist, die Wirtschaft zu kontrollieren und zu regulieren: Es gibt eine soziale Kontrolle über Marktmechanismen, auch wenn man dies als "totalitäre" Kontrolle bezeichnen muss. Die Pandemie ist nicht nur ein viraler Prozess, sie ist ein Prozess, der innerhalb bestimmter wirtschaftlicher, sozialer und ideologischer Koordinaten stattfindet, die für Veränderungen offen sind.

Nach der Lehre über komplexe Systeme hat das chinesische System zwei gegensätzliche Eigenschaften: Einen robusten stabilen Charakter und gleichzeitig eine extreme Verwundbarkeit. Dieses System kann großen Störungen begegnen, sie integrieren und dadurch zu neuem Gleichgewicht und Stabilität finden – bis zu einer bestimmten Schwelle, einem Wendepunkt, oberhalb derer eine kleine Störung in eine totale Katastrophe münden kann, die wiederum zur Etablierung einer völlig neuen Ordnung führen kann. Viele Jahrhunderte lang musste sich die Menschheit keine Sorgen um die Auswirkungen ihrer Produktionstätigkeit auf die Umwelt machen – die Natur bot Raum für Abholzung, die Verwendung von Kohle, Öl und anderer natürlichen Ressourcen.

Allerdings weisen die Zeichen darauf hin, dass wir uns derzeit einem Wendepunkt nähern – jedoch kann man sich nicht sicher sein, dass das gesichert ist, da solche Wendepunkte in der Regel erst dann klar wahrgenommen werden, wenn es bereits zu spät ist. Wir stoßen also auf ein Dilemma in Bezug auf die Dringlichkeit, etwas gegen die aktuelle Bedrohung durch verschiedene ökologische Katastrophen zu unternehmen. Entweder nehmen wir diese Bedrohung ernst und beschließen heute Dinge zu tun, die, wenn die Katastrophe nicht eintritt, lächerlich erscheinen oder wir tun nichts und verlieren im Fall der Katastrophe alles. Der schlimmste Fall ist die Wahl eines Mittelwegs, eine begrenzte Anzahl von Maßnahmen zu ergreifen. Mit einem Mittelweg werden wir scheitern, was auch immer passiert.

Das bedeutet, dass es in Bezug auf eine ökologische Katastrophe keinen Mittelweg gibt. Entweder sie wird eintreten oder sie wird nicht eintreten. In einer solchen Situation wird die Rede von Antizipation, Vorsorge und Risikokontrolle tendenziell bedeutungslos, da wir es mit den "unbekannten Unbekannten" zu tun haben: Wir wissen nicht nur nicht, wo der Wendepunkt ist, wir wissen auch nicht genau, was wir nicht wissen.

Der beunruhigendste Aspekt der ökologischen Krise betrifft das sogenannte "Wissen in der Realität", das Amok laufen kann: Wenn der Winter zu warm ist, interpretieren Pflanzen und Tiere das warme Wetter im Februar als Signal, dass der Frühling bereits begonnen hat und beginnen sich entsprechend so zu verhalten und machen sich dadurch nicht nur anfällig für späte Kälteeinbrüche, sondern stören auch den gesamten Rhythmus der natürlichen Fortpflanzung. So sollte man sich eine mögliche Katastrophe vorstellen: eine kleine Unterbrechung mit verheerenden globalen Folgen.

Respektvoll dem alten lateinischen Motto "De mortuis nihil nisi bonum" (Über die Toten soll nur Gutes gesagt werden) folgend, sollten wir alle katastrophalen Entscheidungen von Donald Rumsfeld ignorieren und ihn als einen Amateurphilosophen, der einige Gedankenspiele eingeführt hat, die für die Analyse unserer gegenwärtigen misslichen Lage nützlich sind.

Slavoj Žižek ist Kulturphilosoph und Senior Forscher am Institut für Soziologie und Philosophie der Universität Ljubljana, Professor für Deutsch an der New York Universität und internationaler Direktor des Birkbeck Institut für Geisteswissenschaften an der London Universität.

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