Meinung

Assange 50: Das Paradoxon der Freiheit als erlebte Nicht-Freiheit

Es ist eine verdrehte Ironie, dass der 50. Geburtstag des inhaftierten Journalisten Julian Assange nur einen Tag vor dem Unabhängigkeitstag der USA stattfindet. Das erinnert uns an die dunklen Aspekte des "Landes der Freien" und der meisten westlichen Demokratien.
Assange 50: Das Paradoxon der Freiheit als erlebte Nicht-FreiheitQuelle: www.globallookpress.com © Fabian Sommer

Von Slavoj Žižek

Gestern "feierte" WikiLeaks-Mitbegründer Assange seinen 50. Geburtstag im Hochsicherheitsgefängnis Belmarsh in London, wo er seit April 2019 festgehalten wird, während Washington weiterhin seine Auslieferung an die USA anstrebt, wo ihm bei einem Schuldspruch bis zu 175 Jahren erwarten könnten.

Als ein Ryanair-Flugzeug auf dem Weg von Athen nach Vilnius in Minsk notlanden musste und der zur Fahndung ausgeschriebene Passagier und Oppositionsaktivisten Roman Protassewitsch durch die weißrussischen Behörden festgenommen wurde, verurteilte die halbe Welt dies als einen Akt der Piraterie. Wir sollten uns jedoch daran erinnern, dass 2013 ein Flugzeug aus Moskau mit dem bolivianischen Präsidenten Evo Morales an Bord in Österreich zur Landung gezwungen wurde, indem die Länder Frankreich, Italien, Spanien und Portugal ihre Lufträume für die Maschine von Morales sperrten. Dies geschah im Auftrag der USA, die den Verdacht hatten, der NSA-Whistleblower Edward Snowden könne mit an Bord sein, um so aus Russland nach Lateinamerika zu gelangen. Snowden war nicht in der Präsidentenmaschine.

Gegen seinen Willen wurde Assange zum Symbol dieser dunklen Seite westlicher Demokratien, zum Symbol unseres Kampfes gegen die neuen digitalen Formen der Kontrolle und Regulierung unserer Leben, die viel effizienter sind als die "alten" totalitären Methoden. Viele westliche Liberale entgegnen daraufhin, dass es Länder mit viel brutalerer und direkterer Unterdrückung gibt als Großbritannien oder die USA – warum also ein solcher Aufschrei wegen Assange? Stimmt, aber in diesen Ländern ist die Unterdrückung offen und offensichtlich, während das, was wir jetzt im liberalen Westen erleben, eine Unterdrückung ist, die unser Freiheitsgefühl weitgehend intakt lässt. Assange hat dieses Paradoxon der als Freiheit erlebten Nicht-Freiheit hervorgebracht.

Deshalb wurden alle möglichen schmutzigen Tricks gegen Assange eingesetzt – ein vollständiger Rufmord – von der Etikettierung seiner Person als unerträglichen Charakter, über falsche Anschuldigungen der Vergewaltigung zweier Frauen bis hin zur Lüge, er habe die Wände in der ecuadorianischen Botschaft in London mit "Fäkalien verschmiert". Aus Angst vor einer prinzipiellen Konfrontation mit Assange stieg man auf die Ebene der Diffamierung seiner Person und Gerüchte hinunter. Der Horror eines solchen Vorgehens ist nicht allein, dass es eine allgemeine Verschlechterung der politischen Debatte an den Tag legt – es zielt auch auf Assange als Individuum ab. Assange ist nicht nur eine Symbolfigur, er ist auch ein lebendes Individuum, das in den letzten zehn Jahren ziemlich viel gelitten hat. Der Unabhängigkeitstag wird in den USA normalerweise mit Feuerwerk, Paraden, Zeremonien und Familientreffen gefeiert. Aber eine Familie wird definitiv nicht zusammen feiern – die von Assange.

Einer Legende zufolge soll Neil Armstrong, nachdem er am 20. Juli 1969 den ersten Schritt auf dem Mond gemacht hatte, seinem berühmten "Das ist ein kleiner Schritt für den Menschen, ein riesiger Sprung für die Menschheit" eine rätselhafte Bemerkung angehängt haben: "Viel Glück, Herr Gorsky." Viele Leute bei der NASA dachten, es sei eine beiläufige Bemerkung, die sich an einen rivalisierenden sowjetischen Kosmonauten gerichtet hatte.

Wir mussten bis zum 5. Juli 1995 warten, als Armstrong, während er im Anschluss an eine Rede, die er gehalten hatte, Fragen beantwortete und das Rätsel um "Herrn Gorsky" auflöste: Im Jahr 1938, als er noch ein Kind in einer kleinen Stadt im Mittleren Westen war, spielte er mit einem Freund im Hinterhof Baseball. Sein Freund schlug den Ball, der im Garten seines Nachbarn am Schlafzimmerfenster landete. Armstrongs Nachbarn waren Herr und Frau Gorsky. Als er sich nach unten beugte, um den Ball aufzuheben, hörte der junge Armstrong durch das offene Schlafzimmerfenster, wie Frau Gorsky Herrn Gorsky anschrie: "Sex! Du willst Sex?! Sex bekommst Du, wenn das Nachbarskind den Mond betritt" – was 31 Jahre später tatsächlich geschah.

Als ich diese Anekdote hörte, stellte ich mir eine Version mit Julian Assange vor. Stellen wir uns vor, wie er in seinem Gefängnis von seiner Partnerin Stella Morris besucht wird, beide durch eine Scheibe aus dickem Glas getrennt und Assange ihr von intimem Kontakt erzählt, den er mit ihr haben möchte und sie antwortet knapp: "Sex! Du willst Sex?! Sex bekommst Du, wenn Du frei durch die Straßen von New York gehen kannst, gefeiert als Held unserer Zeit!" – eine Aussicht, die nicht weniger utopisch ist, als sich 1938 vorzustellen, dass ein Mensch den Mond betreten wird. Deshalb sollten wir unsere ganze Energie darauf verwenden, dieses Ziel zu erreichen, in der Hoffnung, dass wir früher als in 31 Jahren mit aller Aufrichtigkeit sagen können: Viel Glück, Herr Assange!

Als ob sie im Takt des berühmten Rolling-Stones-Songs von 1964 mitwippen, gehen die Machthaber davon aus, dass die Zeit auf ihrer Seite ist. Wenn sie Assange einfach weiterhin im Status eines lebenden Toten belassen, dann wird man ihn allmählich vergessen. Es ist unsere Pflicht, ihnen das Gegenteil zu beweisen.

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Slavoj Zizek ist Kulturphilosoph und Senior Forscher am Institut für Soziologie und Philosophie der Universität Ljubljana, Professor für Deutsch an der New York Universität und internationaler Direktor des Birkbeck Institut für Geisteswissenschaften an der London Universität.

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