Meinung

Wer hat's ver(baer)bockt? Rettungsmanöver und Schuldzuweisungen

Die Sache mit Baerbock ist ein bisschen so wie das Ende des Märchens "Des Kaisers neue Kleider" als Striptease mit verteilten Rollen. Einer ruft: "Der Kaiser trägt keinen Hut." Ein Zweiter: "Er trägt keine Stiefel." Bald kommen wir zu: "Er hat ja gar nichts an."
Wer hat's ver(baer)bockt? Rettungsmanöver und SchuldzuweisungenQuelle: www.globallookpress.com © © Fabian Sommer

von Dagmar Henn

Erst gab es eine Runde böse Russen, dann Rechte und inzwischen sind sogar "frühere Sozialdemokraten" und, als neueste Variante, das Team, das Baerbock selbst um sich versammelt hat, schuld an den Problemen. Schließlich, so die Welt, sei das Bundestagsbüro der Abgeordneten Baerbock dafür zuständig gewesen, ihre Zusatzeinnahmen zu melden – und habe das wohl versemmelt.

Den meisten Politikern fällt es schwer, Mitarbeiter zu beschäftigen, die klüger sind als sie selbst. Schließlich ist das Mitarbeiter-Sein in einem solchen Büro oft Startposition für die eigene Karriere (so hat es Baerbock selbst immerhin auch gemacht) und man päppelt ungern die eigene Konkurrenz. Aber ist das realistisch? Irgendwer muss ja schließlich den Laden am Laufen halten und ohne gewisse Kenntnisse geht das nicht.

Baerbock hat mit der Wahl ihres Wahlkampfmanagers die Waage zwischen PR und Politik noch ein Stückchen weiter in Richtung PR verschoben, als das bei den Grünen ohnehin der Fall ist. Aber sollte ihr Team wirklich derart inkompetent sein, dass man ihm alle Fehler zuschreiben kann? Weder ihr als Lobbyist tätiger Ehemann noch ihr langjähriger Freund Michael Scharfschwerdt sind Anfänger, im Gegenteil.

Die Mehrzahl der Medien geht nach wie vor vergleichsweise gnädig mit dem Spitzenfräulein um. Die Welt nennt Baerbocks tabellarische Märchenstunde immer noch einen "leicht toupierten Lebenslauf", auch wenn inzwischen die fast einzige als unumstößlich verbliebene Tatsache der Fakt ihrer Geburt ist. Die abgeschriebenen Stellen in ihrem Buch (das natürlich, wie die meisten solchen Elaborate, die Auftragsarbeit von Ghostwritern ist) seien nicht so dramatisch, es sei ja schließlich keine Doktorarbeit. Die WAZ schreibt, es "geht wohl eher um eine moralische als um eine rechtliche Frage". Den Band hat, nach Angaben der Welt, "eine ganze Reihe von Ghostwritern und Faktencheckern" verfasst, "an deren Spitze Michael Ebmeyer steht, der auch schon als Co-Autor von Außenminister Heiko Maas (SPD) fungierte".

Ebmeyer ist ein typischer Lifestyle-Linker, der es schafft, einen linksliberal-pazifistischen Liedermacher wie Reinhard Mey zum mindestens halben Nazi zu erklären. Er ist also ein Paradebeispiel für die Szene der Faktenprüfer und Wahrheitshüter, die solchen wie Baerbock die Zuversicht gaben, das mediale Echo auf ihre Kapriolen völlig unter Kontrolle zu haben.

"Diese Schmutzkampagne ist so unwürdig und zeigt, dass hier der moralische Kompass mächtig verrutscht ist", twitterte die Hamburger Grüne Katharina Fegebank. Der Grünen-Bundesgeschäftsführer Kellner schrieb: "Das ist Rufmord." Baerbock selbst verteidigte sich in einem Gespräch mit der Bemerkung, in den USA habe sich gezeigt, was mit einer Gesellschaft passiere, wenn sich Wahrheit und Unwahrheit vermischten. Was bei ihrem eigenen Publikum natürlich den ganzen Komplex um die bösen "Fake News" aufruft, vor denen die Leser durch Faktenchecker bewahrt werden müssen.

Die Überheblichkeit ist so groß, dass nicht einmal Zerknirschung simuliert, sondern zurückgeschossen wird. Dabei hat die politische Konkurrenz die Steilvorlage, die das baerbocksche Chaos lieferte, nur zaghaft aufgegriffen. Einzig der CSU-Generalsekretär Markus Blume versuchte, die Vorlage zu verwandeln: "Das hat bei @ABaerbock
scheinbar System und erschüttert einmal mehr ihre Glaubwürdigkeit." Die restliche Konkurrenz wiegelt ab: "Es gibt echt Wichtigeres", kam aus der FDP. Aus der SPD meinte Ralf Stegner, man solle Baerbock nicht "in einen Schmuddelwahlkampf verwickeln". Selbst Fabio de Masi aus der Linken findet "die Story aufgeblasen". Klar, alle wollen sie irgendwie regieren und alle wollen es sich nicht mit der grünen Blase verscherzen.

Nun ja, an sich ist das Buch banal und der Skandal darum genauso. Wenn nicht – ja, wenn es nicht um eine Partei und eine Politikerin ginge, die einen ans Unfehlbarkeitsdogma gemahnenden Anspruch auf Wahrheit, Reinheit und das Gute an sich erheben und ihn von einer Meute journalistischer Heckenschützen zwischen Psiram, Correctiv und Arvato absichern lassen.

Denn es war nicht wirklich ein qualitativer Unterschied zwischen dem Profitrupp in der Grünen-Zentrale, der alles "blütenweiß und glatt gebügelt" auslieferte, und der vermeintlichen Amateurtruppe um Baerbock, die das Image nicht im Griff hat. Viel näher liegt, dass die "fast schon militärische Struktur" nur deshalb so reibungslos funktionierte, weil nie jemand kritischere Fragen gestellt hat. Sender und Empfänger funkten auf der gleichen Wellenlänge.

Aber so ganz allmählich scheint die Empfängerfraktion in den deutschen Medien die Geduld zu verlieren. Die von den Grünen verbreiteten Verschwörungstheorien, nach denen die arme, gute Baerbock wahlweise von Rechten oder Russen oder beiden gejagt würde, werden nur noch halbherzig aufgegriffen. Hätte die Partei die Kandidatin nach den ersten zwei Fehlern versenkt, hätte die gesamte Affäre keine Spuren hinterlassen. Nun aber gibt die ganze Partei ihr Bestes, die eigentlich freundlich gesonnenen Medienbeschäftigten vor die öffentlich sichtbare Wahl zwischen der Wahrheit und dem Segen der Faktenprüfermeute zu stellen, immer wieder. Denn es folgt täglich Nachschub. Und die Versuchung, dann doch die berufliche Ehre zu retten, steigt.

Sollte das geschehen, hätte Baerbock tatsächlich noch etwas Gutes für ihr Land getan.

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