Meinung

Der Islamische Staat – eine unendliche Geschichte

Der Islamische Staat gilt nunmehr mehr oder weniger als besiegt. Doch die Bewegung, die mehrere Länder in das Chaos riss, hat eine lange Geschichte. Der militärische Sieg allein genügt nicht, solange die Ursachen des Konflikt weiter bestehen.
Der Islamische Staat – eine unendliche GeschichteQuelle: Reuters © Stringer

von Karl Hoffmann

Als im März 2019 eine mehrere Tausend Mann starke Gruppe des "Islamischen Staates" (IS) in der syrischen Region Baghuz durch die vereinten Kräfte der internationalen Anti-IS-Koalition und der kurdischen Kämpfer der "Demokratischen Kräfte Syriens" (SDF) besiegt wurde, verkündeten Politik und Medien lauthals den Sieg über das "Böse". Im späteren Verlauf des Jahres wurde der Kopf der Organisation, der selbst ernannte Kalif Abu Bakr al-Bagdadi bei einer Operation eines US-Spezialkommandos getötet.

Doch in einem asymmetrischen Krieg, der keine klare Front, Zeitrahmen oder Ziel kennt, bedeuten siegreiche Schlachten nichts. Und die Idee des Dschihad, der bis zur Islamisierung der ganzen Welt weiterzuführen ist, bleibt auch über den Tod von Abdallah Azzam, Osama bin Laden oder Abu Bakr al-Baghdadi hinaus konstant und vital. 

Das betrifft ebenso den sogenannten Islamischen Staat. Totgeglaubt und totgeschwiegen, medial kaum beachtet und vom Corona-Berichterstattungsdauerfeuer überschattet, reorganisieren sich die Dschihadisten. Und ihre Mittel sind so alt wie effektiv.

Nach dem phänomenalen Sieg der Fanatiker und der Ausrufung des Kalifates geisterte ein Gespenst durch westliche Medien, Thinktanks und Filme. Der Terrorgefahr sollte durch eine Reihe aufsehenerregender Militäroperationen der Riegel vorgeschoben werden: beginnend von der Rückeroberung von Sirte/Libyen Ende 2016, die Eroberung von Mossul und Rakka 2017 bis zur (scheinbaren) Vernichtung des IS in Afghanistan durch einen gemeinsamen Kraftakt von Amerikanern und Taliban. 

All diese Erfolge und der Tod von al-Baghdadi sollten der Gruppe den Todesstoß verpasst haben, so könnte man meinen, doch weit gefehlt. Verfolgt man die Meldungen aus den Kampfgebieten in Syrien, aber ebenfalls anderer Regionen sowie der Propagandaorgane des IS wie die "AMAQ AGENCY", dann ist der IS nicht nur weiterhin aktiv, er regeneriert sich auch. 

Regional, klein und konspirativ – so könnte man das Vorgehen des IS in Syrien und dem Irak, aber auch in anderen Ländern wie Afghanistan sowie den Philippinen bezeichnen. Wie die Terrorgruppe aktuell vorgeht und was hinter ihrem Erstarken stecken könnte, das verraten uns Verantwortliche in den Reihen der "Demokratischen Kräfte Syriens" im nordsyrischen Kurdengebiet, das auch "Rojava" ("Westkurdistan") genannt wird.

"Al Hol" – Ein Lager als Operationsbasis 

Seit dem Fall Rakkas im Oktober 2017 und den nachfolgenden Militäroperationen gegen die verbliebenen IS-Kräfte bis zum März/April 2019 im ostsyrischen Gebiet Abu Kamal/Deir ez-Zor errichteten die kurdischen Kräfte mehrere Lager im Nordosten des Landes nahe der Stadt Qamischli, um dort gefangene Kämpfer und deren Familien unterzubringen.

Die Bilder der Lager "Al Hol" und "Roj" sind um die Welt gegangen und beschäftigen bis heute viele Staaten dieser Welt. Bis heute warten die meisten der dort eingepferchten IS-Frauen und deren Kinder auf ihre Repatriierung. Doch die ist in den seltensten Fällen erfolgt. 

Neben orientalischen und asiatischen Nationalitäten (arabische Länder, Georgien, Usbekistan, Indonesien etc.) sind es vor allem die aus europäischen Staaten wie Deutschland, Großbritannien, Frankreich, aber auch aus der Schweiz stammenden "IS-Bräute", die medial für Aufmerksamkeit gesorgt haben. 

Doch trotz aller Pros und Kontras, bis heute harren Tausende von Frauen und Kindern ihres Schicksals, ebenso wie ihre Männer, die in einem separaten Hochsicherheitsgefängnis untergebracht sind. Islamische und islamistische Organisationen versuchen Hilfe zu leisten. Ebenso haben diverse Medienvertreter immer wieder für die Rückführung und juristische Aufarbeitung der Fälle in den jeweiligen Heimatländern der IS-Frauen und ihrer Kinder plädiert. 

Im Verlaufe der letzten Jahre hat die kurdische Selbstverwaltung mehrfach mit der Freilassung der Frauen und Kinder gedroht, um so die westlichen Staaten zum Handeln zu zwingen. Schon spricht man von einem menschlichen Drama, einer humanitären Katastrophe, doch was, wenn der Blick trügt? 

Gharib Hasso, Präsident der TEV-DEM (Bewegung für eine demokratische Gesellschaft; verbündet mit der kurdischen PYD und de facto im Besitz der Kontrolle über große Teile Nordsyriens) mit Sitz in Qamischli, zeichnet ein anderes Bild: Das Lager Al Hol sei heutzutage eines der wichtigsten Zentren der Ideologie des sogenannten "Islamischen Staates". Es seien die allseits bekannten schwarzen Fahnen, die über dem Lager wehen, in dem sich eine neue Schreckensherrschaft etabliert habe, so Hasso. 

Frauen indoktrinieren demnach ihre Kinder, es ihren gefallenen oder inhaftierten Vätern gleichzutun und für das Kalifat zu sterben. Für die Jugendlichen gibt es "Seminare", um die kommende Generation von Dschihadisten zu schmieden. Über konspirative Unterstützernetzwerke kommen Geld und Technik in das Lager, um so mit den verbliebenen IS-Leuten außerhalb des Lagers in Kontakt zu treten. Doch Hasso kann von Schlimmerem berichten. 

Fast wöchentlich gibt es Todesfälle im Lager Al Hol, doch nicht nur durch Krankheit oder Unfälle. Wer nicht auf Linie bleibt und etwa der Organisation abschwört, der wird ermordet. Hasso spricht von mindestens 50 solcher Fälle, die Dunkelziffer könnte höher liegen. 

Doch wieso tut niemand etwas? Warum wird Al Hol nicht aufgelöst und die Insassen in ihre Heimat entlassen? Zwar haben zentralasiatische Staaten wie Usbekistan, Tadschikistan und Kasachstan ihre eigenen Staatsbürger, zumindest Frauen und Kinder, zurückgebracht, aber was führt zu diesem Schweigen seitens Frankreich, England oder auch Deutschland? 

Ist es allein die Angst vor einer Heimführung des Terrors? Ein nicht zu fassendes Sicherheitsrisiko? Hasso und andere kurdische Politiker und Sicherheitsverantwortliche haben da ihre Zweifel.

Das kurdische Narrativ ist eindeutig: Die meisten der um die 30.000 ausländischen Kämpfer und Unterstützer kamen nicht einfach so nach Syrien zum IS. Es muss dabei Hilfe gegeben haben – und nicht durch Individuen, sondern durch Organisationen, Staaten. Würden die IS-Kämpfer und ihre Familien in ihre Heimatländer transferiert, könnte eine juristische Aufarbeitung Dinge zutage fördern, die besser nicht bekannt werden sollten.

Und die kurdischen Kräfte wie die PYD und ihr militärischer Arm "Demokratischen Kräfte Syriens" (SDF) wissen um den Wert dieser Gefangenen als Trumpf im geostrategischen Poker um Territorialansprüche. 

Inmitten dieser komplexen Lage mag der Verweis auf eine besondere Gefangenengruppe die Vielfältigkeit des Konfliktes deutlicher machen. Bis heute befinden sich nach wie vor um die 3.000 jesidische Frauen mit ihren bis zu 6.000 Kindern inmitten der fanatischen IS-Familien. Es sind jene Jesidinnen, die von den Kämpfern des IS als Kriegsbeute verschleppt wurden, um später die Kinder ihrer Entführer und Vergewaltiger zu gebären. 

Kurdinnen im IS-Lager mitten im syrischen Kurdengebiet? Der Fall spiegelt die Komplexität der gesamten Situation wieder. Die entführten Frauen und Mädchen könnten jederzeit das Lager verlassen, doch zu einer Bedingung: Die Kinder, deren Väter tot oder gefangen sind, dürfen ihre Mütter nicht in die Freiheit begleiten. Die jesidische Glaubensgemeinschaft lehnt es ab, die Kinder von Entführern und Vergewaltigern in ihrer Mitte aufzunehmen. Die Frauen ihrerseits können und wollen ihre Kinder nicht aufgeben. Eine Zwickmühle, für die es, wie so oft im Syrienkonflikt, keine wirkliche Lösung gibt. 

Zurückgeschlagen, aber unbesiegt

Der "Islamische Staat" wurde militärisch zurückgedrängt, doch für die Menschen in der syrischen Region zwischen den Städten Deir ez-Zor und al-Hasaka, aber auch anderen Regionen wie etwa die Kurdengebiete um Afrin im Nordwesten Syriens, die aktuell von der türkischen Armee und Milizionären kontrolliert werden, ist der IS-Albtraum auf grausame Weise zurückgekehrt.

Autobomben, Minen am Wegrand, gezielte Tötungen bringen den Schrecken zurück. Die Front ist verschwommener als je zuvor, sagt Gharib Hasso. Anstelle der Armeen, die Regionen beherrschen, sind die konspirativen Zellen der Terrororganisation getreten, die allein eins säen, nämlich den nackten Terror.

Der Feind, so Hasso, sei gänzlich unsichtbar geworden, nach seinem Rückzug hat der IS ein Netzwerk von Zellen zurückgelassen, die nun aktiv geworden sind. Sie machen das Umland der Städte Deir ez-Zor und al-Hasaka unsicher. Fast täglich mehren sich die Berichte von Mordanschlägen, wobei der IS gezielt Mitarbeiter der kurdischen Selbstverwaltung, also Zivilisten, ins Visier nimmt. "Kollateralschäden" werden nicht nur in Kauf genommen, sondern auch provoziert.

Wie Hasso weiter ausführt, sind es nicht mehr die ausländischen Kämpfer, die Tschetschenen, Usbeken, Franzosen oder Deutschen, die jetzt aktiv geworden sind. Örtliche Araber, syrische Staatsbürger aus der Region um Deir ez-Zor oder auch anderen Gebieten bilden in der Masse die Terrorzellen. Daneben finden sich immer wieder IS-Rekruten aus dem Nachbarland Irak.

Wann und wo diese Zellen zuschlagen, ist schwer zu sagen. Die Angst, Opfer einer solchen Attacke zu werden, hat unter den kurdischen Verantwortlichen enorm zugenommen. Eine neue Spur macht deutlich, was schon länger vermutet wurde: Das Lager Al Hol nimmt innerhalb der verschiedenen Schläferzellen eine leitende Funktion ein. 

Am 21. Juni meldete die militärische Armee der PYD, die Demokratischen Kräfte Syriens, einen großen Erfolg: Ein vierköpfiges Team von IS-Attentätern konnte innerhalb des Lagers Al Hol dingfest gemacht werden. Dem offiziellen Pressebericht der kurdischen Kräfte zufolge wurden vier aus dem Irak stammende IS-Kämpfer im (!) Lager Al Hol festgenommen. Sie sollen für die Morde im Lager zuständig gewesen sein. Die vier Männer waren nach dem Fall von Baghuz im Frühjahr 2019 als Zivilisten getarnt im Strom der Frauen und Kinder untergetaucht. In den ersten Aussagen gab die vierköpfige Gruppe an, dass die Befehle immer per Telefon über eine türkische Nummer kamen. 

Wie funktioniert aber die dezentrale Struktur einer solchen Zelle und welche Rolle spielt dabei die Türkei? 

Die im Lager Al Hol festgenommene Zelle bestand aus vier Männern, der "Emir" (Befehlshaber) der Gruppe heißt Mersul Sami Muhammed alias Abu Valid. In seiner Zelle waren angeblich noch sein Bruder Selam Sami Muhammed, Husam Tala Ferya und Mervan Halid Duleymi. Bisher sollen sie drei Terrorangriffe innerhalb des Lagers gestanden haben.

Mersul stammt aus der Region Anbar/Irak. Er ist einer der geheimen Emire des Lagers. Innerhalb des Lagers tritt er als Ladenbesitzer auf. Durch diese Tarnung geschützt erhielt Abu Valid seine Befehle von einem Abu Omar, der telefonisch die Befehle erteilt haben soll. Dabei benutzte Abu Omar für jeden Anruf immer eine neue Nummer, wobei auffiel, dass es sich um türkische Nummern handelte. War das Ziel klar, brachte eine Frau namens Ummu Omar eine Waffe zum Marktplatz, wo Abu Valid seinen Laden hatte. Nach Ausführung seines Auftrages gab Abu Valid die Waffe derselben Frau zurück, die sie entsorgte.

Die Vorbereitung und Durchführung eines Mordauftrages war dann reine Teamarbeit. Abu Valids Bruder Sami Muhammed alias Abu Hasan soll der Schütze am Abzug gewesen sein. Husam Tala Feryad aus Falludscha/Irak, der im Camp Al Hol Arznei verkaufte, fungierte mutmaßlich als Auskundschafter, der Informationen sammelte und die Anschlagsumgebung studierte. Mervan Halid Duleymi aus Anbar alias Abu Juneyt war der vierte Mann der Zelle. Er war angeblich für die Überwachung möglicher Opfer und die Organisation von Treffen zuständig.

Und der ominöse Abu Omar?

In Abu Bakr al-Baghdadis letztem Video vom April 2019 (er wurde etwa sieben Monate später getötet) ist der selbst ernannte Kalif zu sehen, wie er Berichte von den einzelnen "Provinzen" seines Kalifates entgegennimmt. Einer davon trägt die Beschriftung "Provinz Türkei". Die Türkei eine "Provinz" des IS?

Der IS hat Anschläge in der Türkei verübt (beispielsweise zu Sylvester 2015 mit mehr als 40 Toten) und die Türkei nimmt fleißig sowie in wöchentlichen Intervallen ungezählte IS-Mitglieder fest. Aber die Terrororganisation hat in der Türkei ganz andere Absichten. Seit Jahren schon dienen Orte wie Istanbul mit seinen vielen Stadtteilen, Häuserschluchten und kleinen islamischen Hilfsorganisationen als Logistikzentrum diverser Gruppen, unter anderen der Islamischen Bewegung Usbekistan (IBU, al-Qaida und eben auch dem IS).

In vielen Fällen arbeiten und agieren Medienleute, Propagandisten, Finanzleute und Emire des IS verdeckt aus der Türkei heraus. Über soziale Netzwerke wie Telegram werden Spendenaufruf für den IS gestartet. Die Gelder landen letztlich auf türkischen Konten, deren Inhaber in vielen Fällen als Strohmänner fungieren und nicht einmal wissen, für wen sie Geld entgegennehmen. So hat der IS schon erfolgreiche Anschläge in Syrien aus Afghanistan heraus geleitet. Oder man denke an Anis Amri, den Attentäter vom Breitscheidplatz in Berlin, der in Kontakt mit IS-Führern in Libyen stand.

Kurdische Politiker wie Gharib Hasso gehen in ihren Überlegungen sogar noch weiter. Hasso sieht zusammen mit anderen kurdischen Politikern der Region im Erstarken des IS und seiner bleibenden Handlungsfähigkeit die Handschrift eines Staates – und damit meint er die Türkei. Ihm zufolge ist es der MIT, der türkische Nachrichtendienst, der den IS, aber auch Gruppen wie die Nusra Front in Syrien erst aufgebaut hat und bis heute betreut und unterstützt.

Hasso ahnt Schlimmes: Die türkische Armee hat viele ihrer syrischen Milizen an verschieden Orten in der syrischen Provinz Afrin, unter anderen in Shie, Rajo und anderen Orten stationiert. Nach außen geben sich diese Gruppen den Anschein, Oppositionelle zu sein, doch Hasso behauptet, Belege zu haben, dass etwas anderes geschieht. IS-Kämpfer und andere Dschihadisten werden laut ihm von der Türkei nach Afrin gebracht, um sie dort auf einen weiteren Einsatz vorzubereiten.

Bildet die Türkei also Dschihadisten aus?

Für dieses unter Umständen politisch motivierte Narrativ fehlen klare Belege. Fakt ist, dass die Türkei u. a. aus der turkmenischen Minorität Syriens Milizkräfte rekrutiert hat, die ausgerüstet und ausgebildet als Hilfstruppen türkische Operationen unterstützen. Sie sind bei der Sicherung eroberter Gebiete wie in Afrin im Nordwesten Syriens aktiv. Zuletzt wurde durch Berichte bekannt, dass die Türkei ebensolche Einheiten im Oktober 2020 im Krieg um Berg Karabach an die Seite der aserbaidschanischen Armee entsandt haben soll. 

Die aktuelle Beweislage mag unklar erscheinen, aber mit seinen Worten dürfte der ehemalige US-Präsident Barack Obama wohl recht behalten, als er sagte, dass der Krieg gegen den IS noch lange, sehr lange dauern wird.

Denn Menschen sterben, aber Ideen, gut oder schlecht, haben ein langes Leben.

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