Meinung

Wer Stalin immer noch zuschreiben will, dass er den Krieg gewonnen hat, verewigt seine Lüge

In der Politik ist nichts heilig, schon gar nicht die Vergangenheit. Der Zweite Weltkrieg ist keine Ausnahme. Und Wahrheiten darüber, wie Nazi-Deutschland zerschlagen wurde, sind ein häufiges Angriffsziel derjenigen, die die Geschichte missverstehen oder sogar neu schreiben wollen. Bei allem Gerede über "Stalins Erfolge" war es die Sowjetunion, die Nazi-Deutschland bezwungen hat, nicht wegen Stalins hartem Führungsstil – sondern trotzdem.
Wer Stalin immer noch zuschreiben will, dass er den Krieg gewonnen hat, verewigt seine LügeQuelle: Sputnik © Gerorgij Zelma / RIA Nowosti

von Tarik Cyril Amar

Ein aktuelles Beispiel ist eine Twitter-Kontroverse, die von Professor Asatar Bair ausgelöst wurde. Er hat versucht, Argumente für die – nach seinen Worten – "Erfolge Stalins als Staatsführer" zu liefern, insbesondere im Hinblick auf den sowjetisch-deutschen Krieg von 1941 bis 1945. Hier nun, weshalb das völlig falsch ist. So falsch wie verkehrt. Und warum dies auf einer Fehleinschätzung basiert, mit einer langen, dunklen Geschichte, die endlich enden muss.

Erstens ist es wichtig, eine klare Unterscheidung zu treffen: Die Frage nach Stalins Beitrag (oder Nichtbeitrag) zum Sieg über den Faschismus im Zweiten Weltkrieg, ist keineswegs die gleiche wie die Frage, welches Land den größten Einzelbeitrag zu diesem Ergebnis geleistet hat. Auf diese Frage gibt es seit Langem eine eindeutige Antwort: Es ist nicht zu bestreiten, dass es die Sowjetunion war, die den Bemühungen des Faschismus, Mitte des 20. Jahrhunderts, ein brutales Imperium zu formen, ein Ende bereitete. Sowohl in Bezug auf die Opfer, die das sowjetische Volk erbracht hat, als auch in Bezug auf das Ausmaß der deutschen militärischen Verluste, war die UdSSR entscheidend für die Zerschlagung des Dritten Reiches. Dieser sowjetische Sieg war umso bemerkenswerter, als es in den ersten Monaten der Invasion, unter dem deutschen Decknamen "Operation Barbarossa", für die sowjetische Seite sehr schlecht aussah. Und doch hatte sich zwischen der Schlacht um Moskau im Winter 1941 und der Schlacht bei Kursk zwei Jahre später etwas verändert.

Den Sieg aus dem Rachen der Niederlage reißend, hisste die Rote Armee im Mai 1945 das Banner mit Hammer und Sichel am Reichstag über Berlin. Adolf Hitlers Truppen, die mit enormer Grausamkeit für die Errichtung eines ethnisch gesäuberten Sklavenimperiums in einem Gebiet gekämpft hatten, was die Deutschen damals "den Osten" nannten, waren nicht nur besiegt, sondern von der Landkarte getilgt worden.

Der Westen in der Ära des Kalten Krieges konnte jedoch in seiner historischen Erinnerung die Rolle der UdSSR bei diesem Sieg nicht vollständig anerkennen. Er war in mehrfacher Hinsicht unbequem. Bedeutete er, dass das Sowjetsystem und seine Werte selbst in seiner stalinistischen Form über ein kapitalistisches Wirtschaftssystem, so wie die des Dritten Reiches, triumphieren könnte? Zeigte die grimmige Entschlossenheit des Landes, den Krieg trotz aller Widrigkeiten zu gewinnen und dass seine Wirtschaftskraft, so unwirtschaftlich sie auch war, so gewaltig sein könnte, wenn sie für den Krieg mobilisiert wird? War die Sowjetunion noch eine Macht, mit der man rechnen musste, sollte ein Krieg mit dem Westen ausbrechen?

Die Voreingenommenheit des Westens führte zu absurden Stereotypen, die immer noch oft bemüht werden. Demnach zogen "primitive" sowjetische Soldaten gegen ihren Willen in die Schlacht, im Rücken NKWD-Truppen mit Maschinengewehren, die ihnen auf Schritt und Tritt folgten. In mehreren westlichen Berichten über die Schlacht von Stalingrad wurde den Deutschen gegenüber mehr Mitgefühl entgegengebracht als den Sowjets. In der Schlacht konnten die Sowjets das Blatt des Krieges wenden und damit, zu Gunsten der Alliierten an allen Fronten, der Wehrmacht einen Schlag versetzen. Die Populärkultur des Mainstreams wird aber beherrscht von einer Mischung aus Verleugnung und Amnesie.

Während des Kriegsbündnisses mit der Sowjetunion war es Hollywood, das einige der unaufrichtigsten, pro-stalinistischen Propagandafilme aller Zeiten drehte, wie "The North Star" und "Mission to Moscow" von 1943. Aber 1962 konzentrierte sich Hollywood, mit großen Budgets und unter Einsatz der damals prominentesten Schauspieler ihrer Zeit, mit Filmen wie "The Longest Day" stattdessen auf die Westfront. Durch die ausschließliche Hervorhebung der Landung 1944 in der Normandie hinterließ der Film einen starken – und historisch irreführenden – Eindruck, dass der D-Day, mehr als zwei Jahre nach der entscheidenden Schlacht von Stalingrad, der eigentliche Wendepunkt des Krieges gewesen sei. Der Film wurde mit massiver Unterstützung mehrerer NATO-Staaten und ihrer Militärs produziert.

Doch die Krieger des westlichen Kalten Krieges waren nicht die einzigen, die dazu neigten, Geschichte neu zu schreiben. Das taten auch Stalin und seine Sympathisanten, darunter einige westliche Kommunisten. Im Wesentlichen war ihre Geschichte einfach: Der Sieg über Nazi-Deutschland – der größte Triumph über Leben und Tod, nicht nur in der sowjetischen, sondern auch in der russischen Geschichte – war Stalins Werk.

Sein Genie, so heißt es in dieser Testosteron getränkten "Großer-Mann-schreibt-Geschichte"-Erzählung, rettete die Heimat, besiegte den Faschismus und sicherte der Sowjetunion beispiellose internationale Macht. Der Beitrag der einzelnen Bürger, die in den Fabriken und an der Front litten, wurde stark heruntergespielt, am ungeheuerlichsten durch das massive Kleinrechnen der Zahl der sowjetischen Opfer. In Wirklichkeit tat der kommunistische Staatsführer, was er konnte – und das war viel –, um der einfachen Bevölkerung der Sowjetunion eine persönliche Teilhabe am Sieg zu stehlen. Als der Krieg endlich beendet wurde, waren insgesamt etwa 27 Millionen Zivilisten und Soldaten tot – und das war nur ein Teilaspekt der allgemeinen Verwüstung. Die Bürger der Sowjetunion sahen sich einer Staatsführung gegenüber, die zu einer schrecklichen Enttäuschung geworden war.

Anstatt die (relativen) Liberalisierungsmaßnahmen der Kriegszeit fortzusetzen, zog die Obrigkeit die Schrauben wieder an. Anstatt die Toten und diejenigen, deren Körper und Seelen für immer durch Entsetzen und Verlust gezeichnet waren, wirklich zu ehren, forderte man die Überlebenden auf, Stalins weise Strategien zu lobpreisen. Diese Lobhudelei überlebte nach Stalins Tod nicht lange. In seiner sehr öffentlichen "Geheimrede" von 1956 prangerte Chruschtschow nicht nur einige der innerstaatlichen Repressionen seines Vorgängers an, sondern auch dessen Ruf als Oberbefehlshaber im Krieg. Chruschtschows Ansatz war, den Ruf des ehemaligen Führers im Allgemeinen zu revidieren, seine Kritik war jedoch unvollständig und widersprüchlich. Aber das Wesentliche war klar – Stalin wurde als militärisches Genie entthront und sogar für die abgrundtiefen menschlichen Kosten des Sieges verantwortlich gemacht. Und das zu Recht.

Stalins Fehler vor und während des Krieges gegen Nazi-Deutschland waren schrecklich und zu zahlreich, um sie vollständig aus der Geschichtsschreibung zu tilgen. Das vielleicht bizarrste Beispiel war sein anfänglicher Unglaube gegenüber den unzähligen, glaubwürdigen Warnungen vor einem deutschen Angriff. Aber es gab noch mehr: Stalin dezimierte das sowjetische Offizierskorps in seinen Säuberungsaktionen der 1930er-Jahre und legte damit die übrig gebliebenen psychologisch an Krücken. Er mischte sich in militärische Fragen ein, die er nicht verstand, etwa wie man Panzerverbände am besten einsetzt. In der internationalen Politik interpretierte er den spanischen Bürgerkrieg auf bizarre Weise als einen weiteren Ort, an dem der Schatten des Trotzkismus zu bekämpfen sei. Darüber hinaus war er federführend in der wahnsinnigen Praxis innerhalb des Komintern, andere Sozialisten als "Sozialfaschisten" zu beschimpfen und damit eine breite antifaschistische Koalition zu sabotieren – bis es zu spät war. 

In den ersten Tagen des Zusammenbruches und der Niederlage, nach Beginn des Blitzkrieges der Wehrmacht gegen die Sowjetunion, hätte Stalin beinahe aufgegeben. Er zog sich auf eine seiner Datschen zurück und erwartete anscheinend, dass sein enger Kreis ihn entmachten, bestrafen und sehr wahrscheinlich hinrichten würde. Doch bat man ihn stattdessen, auf die Kommandobrücke zurückzukehren, was er auch tat.

Danach mischte er sich jedoch weiterhin in militärische Entscheidungen ein und verursachte kostspielige Fehler. Aber im Laufe der Zeit scheint er auch etwas getan zu haben, was sein Hauptgegner Hitler offensichtlich nicht getan hat. Stalin akzeptierte stillschweigend das Fachwissen seiner Generäle, die es besser wussten als er, solange sie politisch unterwürfig blieben und er die Siegeslorbeeren für sich beanspruchen konnte. Das ist sehr wenig, was zu seiner Verteidigung zu sagen bleibt.

Es gibt wirklich nicht viel hinzuzufügen – selbst wenn einige Historiker, sowohl im Westen als auch in der ehemaligen Sowjetunion, das anders sehen. Sie riskieren, den Irrtum zu begehen, archivierte Dokumente, in denen die These unterstützt wird, dass Stalin für den Sieg unentbehrlich war, als Beweise zu betrachten. Aber auf einer Kommandobrücke zu bleiben oder ein Schiff in die richtige Richtung zu lenken, sind zwei sehr unterschiedliche Fähigkeiten.

Mehr als ein halbes Jahrhundert nach der "geheimen" Rede von Chruschtschow, wurden manche von den historischen Realitäten immer noch nicht eingeholt, sowohl in Russland als auch anderswo. Nein, Stalin kann nicht durch die Behauptung rehabilitiert werden, einen wichtigen Beitrag zum Sieg über den Faschismus geleistet zu haben. Das taten die Sowjets, wie der größte Schriftsteller des Krieges, Wassili Grossmann, betonte. Der kommunistische Staatsführer machte diesen Sieg, wenn schon, nur noch schwieriger und kostspieliger. Und obendrein versuchte er, den Bürgern der Sowjetunion die Erinnerung an ihr enormes Opfer und ihre historische Leistung zu nehmen. Wer Stalin immer noch zuschreiben will, dass er den Krieg gewonnen hat, verewigt seine Lüge.

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Übersetzt aus dem Englischen. Tarik Cyril Amar Historiker an der Koç-Universität in Istanbul, befasst sich mit Russland, der Ukraine und Osteuropa, der Geschichte des Zweiten Weltkrieges, dem kulturellen Kalten Krieg und der Erinnerungspolitik. Er twittert unter @tarikcyrilamar.

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