Meinung

Das Geheimrezept für den Erfolg des chinesischen Kommunismus (Teil 1)

Die Kommunistische Partei Chinas feiert am Donnerstag ihren 100. Geburtstag. Viele westliche Beobachter dachten nach dem Ende der UdSSR, dass China einen ähnlichen Weg wie die Sowjetunion gehen würde – ein großer Fehler. China eilt heute von einem Erfolg zum nächsten. Wie ist der Erfolg der KP zu erklären?
Das Geheimrezept für den Erfolg des chinesischen Kommunismus (Teil 1)Quelle: AP © Ng Han Guan

von Dennis Simon

Am 1. Juli feiert die Kommunistische Partei Chinas ihren 100. Jahrestag. Anfang der 1990er Jahre gab es viele Beobachter im Westen, die gedacht und gewünscht haben, dass die Partei dieses Jubiläum nicht erleben würde. Die regierenden kommunistischen Parteien in Osteuropa waren entweder zusammengebrochen oder verwandelten sich in sozialdemokratische Parteien. Auch einige ehemals starke kommunistische Parteien im Westen konnten sich dem Sog nicht entziehen, so etwa in Italien. Die Geschichte schien sich eindeutig gegen den Kommunismus gestellt zu haben. Manche westliche Denker stellten die These auf, dass nun ein neues goldenes Zeitalter für den Liberalismus und die westliche Demokratie beginne und dass in diesem Sinne die Geschichte ein Ende erreicht habe. 

Wiederholte Prognosen von "China-Experten", dass die KP Chinas schwach und unbeliebt sei und daher Chinas Regierungssystem kollabieren werde, bewahrheiteten sich jedoch nicht. Dennoch übertragen westliche Beobachter viele negative Klischees und Vorurteile, die sich um die Sowjetunion und die anderen osteuropäischen sozialistischen Staaten gebildet hatten, einfach auf China, ohne sich genau mit den Details zu befassen.

Inzwischen zeigen jedoch westliche Studien, dass Chinas Regierungspartei fest im Sattel sitzt und eine sehr große Unterstützung seitens der Bevölkerung genießt. Ein Institut der US-amerikanischen Harvard-Universität führte zwischen 2003 und 2016 jährlich unter tausenden Chinesen Umfragen zu ihrer Zufriedenheit mit den staatlichen Strukturen auf nationaler, regionaler und lokaler Ebene durch. Im letzten Jahr antworteten 95,5 Prozent der Teilnehmer, dass sie "relativ zufrieden" oder "sehr zufrieden" mit der Politik der chinesischen Zentralregierung seien. Berichte von Reisenden aus China, die sich vorurteilsfrei mit normalen Chinesen unterhalten, ergeben ein ähnliches Bild: Die meisten haben angesichts der stetigen Verbesserung der Lebensverhältnisse in den letzten vier Jahrzehnten großes Vertrauen in die Partei.

Wie ist dieser Erfolg der Kommunistischen Partei Chinas, der scheinbar den bisherigen Erfahrungen des traditionellen osteuropäischen Sozialismus widerspricht, zu erklären? Offenkundig haben die chinesischen Kommunisten einen Arbeitsstil und eine theoretische Perspektive entwickelt, die es ihnen erlaubten, die Fehler und Versäumnisse anderer sozialistischer Staaten zu vermeiden. Um das zu verstehen, muss man sich mit der Geschichte der KP Chinas befassen.

Im ersten Teil des Beitrages geht es um die bitteren Erfahrungen der chinesischen Kommunisten mit der Bevormundung Chinas durch die Zentrale der kommunistischen Weltbewegung in China in den 1920er und 1930er Jahren. Um die KP Chinas zu verstehen, ist es unerlässlich, sich mit diesen historischen Wurzeln zu befassen, denn die grundlegenden Elemente für den erfolgreichen Kurs der Partei wurden in diesem Zeitraum erarbeitet.

In einem zweiten Teil des Beitrages sollen dann die Strategien der KP Chinas nach der Machtergreifung betrachtet werden. Basierend auf dem innovativen und flexiblen Umgang mit dem Marxismus, den sich Chinas Kommunisten angeeignet hatten, gelang es der KP, mit dem Konzept der "Neuen Demokratie" einen eigenen chinesischen Pfad zum Sozialismus zu entwickeln und, nachdem in den 1970er Jahren die Probleme der Planwirtschaft sowjetischen Stils immer offenkundiger wurden, mutige wirtschaftliche Reformen vorzunehmen.

Als in China die Kommunistische Partei gegründet wurde, war die internationale kommunistische Bewegung straff organisiert. Es gab ein Zentrum in Moskau, das gegenüber den einzelnen Sektionen der Kommunistischen Internationale (Komintern) weisungsbefugt war. Diese Organisationsform entsprach der damaligen Erwartung einer baldigen Weltrevolution. Angesichts der Oktoberrevolution sowie weiterer Revolutionsversuche in Deutschland, Österreich, Ungarn sowie weiteren Staaten war das keine unrealistische Perspektive, auch wenn wir heute wissen, dass dieses Szenario letztendlich nicht eingetreten ist.

Die Kommunistische Partei Chinas, die bei ihrer Gründung nur einige Dutzend Mitglieder hatte, wuchs aufgrund der gewaltigen sozialen und politischen Widersprüche im Land sehr schnell. Einerseits befand sich das Land auf dem Serviertablett für die kolonialen Interessen diverser imperialistischer Staaten. Es gab keine starke Zentralregierung, sondern in verschiedenen Regionen herrschten verschiedene Warlords, die auf dem Rücken der armen Landbevölkerung Privatarmeen und einen Anhang von korrupten Beamten und Lakaien unterhielten. Dieser Umstand empörte patriotisch gesinnte Chinesen. Zudem war die Situation für die meisten Bauern und armen Stadtbewohner unerträglich. Reiche Großgrundbesitzer führten ein komfortables Leben, während die Lebensverhältnisse der meisten Chinesen auf einem erbärmlichen, vormodernen Niveau waren, vergleichbar mit dem oder möglicherweise noch schlechter als jenes ihrer Vorfahren vor 200 bis 300 Jahren.

Neben den Kommunisten gab es noch eine weitere chinesische Partei, die vorgab, gegen diese doppelte, innen- wie außenpolitische Schande anzukämpfen: Die Nationalisten der Kuomintang. Die Komintern orientierte die chinesische Sektion darauf, der größeren Kuomintang beizutreten und in dieser zu arbeiten, um ihre Ziele zu verwirklichen. Sowjetische Berater spielten eine wichtige Rolle beim Aufbau der Kuomintang. Nachdem im Jahr 1925 jedoch der sowjetfreundliche Gründer der Kuomintang, Sun Yat-sen, starb und an seine Stelle der rechtsgerichtete Militärmachthaber Chiang Kai-shek trat, wurde die Situation für die Kommunisten immer schwieriger.

Die KP Chinas verfolgte damals eine Strategie, die auf die Eroberung der Macht zuerst in den Städten abzielte. Angesichts des Vormarschs der Kuomintang organisierten die Kommunisten im März 1927 einen erfolgreichen Aufstand in Schanghai gegen den lokalen Warlord. Dieser Aufstand erschreckte die rechten Kräfte in der Kuomintang sowie die westlichen Staaten. Die Kommunisten organisierten Proteste gegen die kolonialen Enklaven der westlichen Staaten in Schanghai.

Im April verriet Chiang seine kommunistischen Verbündeten und veranstaltete ein Massaker in der Stadt und in den anderen Gebieten, welche die Kuomintang kontrollierte, bei dem Tausende von Kommunisten ermordet wurden. In dieser Zeit verlor die Kommunistische Partei etwa 15.000 ihrer 25.000 Mitglieder. Es folgte ein Bürgerkrieg zwischen der Kuomintang, die ab 1928 fast das gesamte chinesische Staatsgebiet kontrollierte, und der Kommunistischen Partei, der bis zum Angriff Japans im Jahr 1936 wütete. 

Das Scheitern dieser Einheitsfront mit der Kuomintang und der anschließende Verlust von Tausenden ihrer Genossen wirkten tief auf die chinesischen Kommunisten. Sie mussten erkennen, dass die Komintern-Führung nicht unbedingt immer den besten Einblick in die konkrete Lage im Inneren der verschiedenen Länder hatte. Eine Gruppe von Marxisten um Mao Zedong begann, basierend auf den Realitäten Chinas, den Marxismus zu "sinisieren". Es dauerte jedoch noch einige Jahre, bis sich diese Linie in der Partei gegenüber anderen Strömungen, die für eine einfache Übernahme des sowjetischen Marxismus standen, durchsetzen konnte.

Zwar musste nach dem Debakel in Schanghai der damalige Vorsitzende der Partei zurücktreten, aber es kam nicht zu einer grundlegenden Änderung der Strategie. Während sich die Parteiführung auf die Städte konzentrierte, organisierten andere Kommunisten die Bauernschaft. Es gelang ihnen, die Bauernschaft zum Aufstand zu bringen und eine Reihe von "Sowjetgebieten" zu organisieren. Mao Zedong leitete in der Provinz Jiangxi das größte Sowjetgebiet. Dem späteren chinesischen Parteichef gelang es Anfang der 1930er Jahre, drei Einkreisungsversuche der Kuomintang abzuwehren und erfolgreiche Gegenkampagnen zu starten, obwohl seine kommunistischen Milizen gegenüber den Kuomintang-Truppen bis zu eins zu zehn in der Unterzahl waren.

Obwohl es anfangs Maos Kurs und dessen eigenständige Aktionen kritisierte, zog das Zentralkomitee der KP Chinas in sein Gebiet um, da es dies als sicheres Gebiet betrachtete. Dadurch wurde allerdings Maos Einfluss verringert. Nach Maos dritter erfolgreicher Abwehrkampagne gegen die Angriffe der nationalistischen Truppen wurde er paradoxerweise auf einer Parteikonferenz im Oktober 1932 sogar von den meisten seiner Führungsposten enthoben. Das wirkte sich negativ auf die Leitung der kommunistischen Truppen aus. Während es der KP noch gelang, den vierten Einkreisungsversuch abzuwehren, musste die Partei beim fünften Angriff der Kuomintang auf Jiangxi ihre Stellungen räumen.

Der entscheidende Faktor für die Niederlage der Kommunisten war, dass die Parteiführung, die überwiegend aus jungen Intellektuellen bestand, die in der Sowjetunion ausgebildet worden waren, und ein von der Komintern entsandter Militärberater, der Deutsche Otto Braun, Maos erfolgreiche Guerillataktiken verwarfen und stattdessen auf konventionellere Militärtaktiken setzten, die die sowjetische Rote Armee im russischen Bürgerkrieg angewandt hatte.

Zudem hatte Mao die Widersprüche zwischen Chiang Kai-shek und den anderen nationalistischen Generälen erfolgreich ausgenutzt, was zu einer Reduzierung der Mobilisierungsfähigkeit auf der Seite der Nationalisten führte. Die Führung der KP hingegen betrachtete alle Kuomintang-Kräfte gleichermaßen als Feinde, was die Anzahl der Truppen erhöhte, die Chiang Kai-shek für seine Kampagne gegen das Sowjetgebiet in Jiangxi zur Verfügung hatte.

Die fünfte Kuomintang-Kampagne endete mit einem Desaster für die Kommunisten. Zehntausende ihrer besten Kämpfer starben. Die Partei musste das Sowjetgebiet aufgeben und sich zurückziehen. Dieser Rückzug markiert den Start des "Langen Marsches". Einige Monate nach Rückzugsbeginn fand die Konferenz von Zunyi statt. Die Kommunistische Partei analysierte hier die vergangenen Kämpfe und versuchte, die Gründe für den Misserfolg zu benennen.

Die dogmatischen Kräfte, die auf ein Kopieren des sowjetischen Modells pochten, wurden abgelöst. Mao wurde wieder in die Parteiführung geholt. Er und seine Weggefährten setzten eine politische und militärische Strategie um, die trotz der hohen Verluste beim Langen Marsch die Partei stabilisierte und ihr ermöglichte, im Laufe der Jahre die entscheidende Landbevölkerung zunehmend für sich zu gewinnen. Im zweiten chinesischen Bürgerkrieg von 1945 bis 1949 – nach dem Intermezzo des japanischen Angriffs auf China, der Chiang Kai-shek zu einem Zweckbündnis mit den Kommunisten zwang – gelang es Mao Zedong schließlich, den verhassten Feind, Chiang Kai-shek, zu besiegen und ein "Neues China" zu gründen, das die doppelte Schmach der ausländischen imperialistischen Unterdrückung und der sozialen Rückständigkeit beenden sollte.

Die Realität hatte gezeigt, dass der Pfad der Dogmatiker, die eine Theateraufführung der Oktoberrevolution mit chinesischen Untertiteln anstrebten, nicht zum Erfolg führen würde. Die Kommunistische Partei Chinas bewies die Fähigkeit, flexibel zu sein, ohne ihre ursprüngliche Mission aus den Augen zu verlieren, sowie Fehler aufzudecken, aus ihnen zu lernen und ihren Kurs zu korrigieren.

Zudem erkämpfte sie ihre politische wie theoretische Unabhängigkeit gegen äußere Einflüsse, insbesondere gegen den sowjetischen Hegemonismus. Ab 1935 agierte die Kommunistische Partei Chinas zunehmend praktisch unabhängig von der Komintern. Diese Fähigkeiten erlaubten es den chinesischen Kommunisten später, weitere bedeutende Herausforderungen zu meistern – etwa der Bruch mit der Sowjetunion sowie die zunehmenden Probleme mit der Planwirtschaft sowjetischen Stils in den 70er Jahren – und über die letzten vierzig Jahre Hunderte von Millionen Chinesen aus der Armut zu befreien. 

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