Meinung

Revolution im Panzerbau: Das russische Armata-Konzept und seine taktischen Auswirkungen

Neben einer Vielzahl weiterer militärischer Rüstungsgüter hat das russische Unternehmen Uralwagonsawod auf der MILEX-2021, der Messe für militärische Ausrüstung in Minsk, vergangene Woche seinen universell einsetzbaren Panzer T-14 Armata präsentiert. Damit einher gehen auch neue taktische Konzepte.
Revolution im Panzerbau: Das russische Armata-Konzept und seine taktischen AuswirkungenQuelle: Sputnik

von Michail Chodarenok

Der T-14 ist Russlands neuester Kampfpanzer und basiert auf dem Chassis-Modul des Kettenfahrzeugs Armata. Sowohl das Infanterie-Kampffahrzeug T-15 als auch das gepanzerte Bergungsfahrzeug T-16 sind auf demselben Modul aufgebaut.

Der T-14 Armata ist der weltweit erste Panzer mit einer bahnbrechenden neuen Bauweise. Bisher erfolgte die Bauweise von Panzern weltweit auf konventionelle Art, bei der die Besatzung in der Wanne und im Turm sitzen, also in der Nähe der Munition und des Treibstofftanks, wodurch die Besatzung sich in einer offensichtlichen Gefahrenzone befand.

Das revolutionäre Design des T-14 erhöht die Überlebensrate der Besatzung auf dem Schlachtfeld erheblich, denn hier sitzt die dreiköpfige Besatzung (Kommandant, Richtschütze und Fahrer/Mechaniker) getrennt von Treibstoff und Munition in einer gepanzerten Druckkammer im vorderen Teil des Fahrzeugs. Der T-14 ist mit einem Bordinformations- und Kontrollsystem (BIUS) ausgestattet, das den Prinzipien der netzwerkzentrierten Kriegführung entspricht. Das Hauptelement dieses offenen Architektursystems ist das digitale Austauschnetz, das alle Komponenten, Knoten, Systeme und Subsysteme des Panzers vereint. Das BIUS empfängt Informationen von allen in und am Panzer angebrachten Sensoren in Echtzeit und kann Steuerbefehle an alle Motoren und Servomechanismen ausgeben und gleichzeitig Statusdaten von allen Steuersystemen sammeln. Mit anderen Worten, das Netzwerk verfügt in digitaler Form über alle Werkzeuge, die zur Steuerung und Bedienung des Panzers erforderlich sind.

Verbunden mit dem BIUS, wurden zudem Elemente des Integralen taktischen Führungs- und Kontrollsystems (ESU TZ) in das Fahrzeug mit eingebaut, wodurch eine einheitliche
Aufklärungs- und Informationsplattform für Gefechtsverbände entstand – perfekt für den Einsatz in Taktischen Gruppen in der Größe eines Bataillons (BTG). Eine BTG, die mit Fahrzeugen der Armata-Familie ausgestattet ist, kann die Anzahl der Befehlszyklen erheblich reduzieren und verfügt über bessere Offensivfähigkeiten sowie eine erhöhte taktische Flexibilität.

Der T-14 ist der weltweit erste Panzer, bei dem Tarnkappen-Technologien zur Anwendung kommen, was seine Radar-Signatur über das gesamte magnetische Spektrum hinweg reduziert. Er ist außerdem mit einem aktiven Schutzsystem (APS) und einem Nebelgenerator ausgestattet. Das Afghanit-APS ist das einzige System der Welt, das nicht nur Panzerabwehrraketen, sondern auch panzerbrechende Hochgeschwindigkeits- und Wuchtgeschosse effektiv abwehren kann. Der Nebelgenerator kann das Fahrzeug rundum einnebeln, auch nach oben hin.

Zusätzlich zum APS ist der T-14 Armata mit einer Reaktivpanzerung der vierten Generation vom Typ Malachit ausgestattet, mit der die Durchschlagwirkung kumulativer und kinetischer Munition erheblich reduziert oder vollständig neutralisiert wird. Der Panzer verfügt zudem über eine mehrschichtige Verbundpanzerung aus modernsten Materialien.

Sein Vielstoffdieselmotor mit mehreren Schubkraftoptionen garantiert die einzigartige Manövrierfähigkeit des T-14. Die Federung wurde speziell für hohe Geschwindigkeiten in unwegsamem Gelände entwickelt. Alle Systeme – Fahrsteuerung, Motor und Getriebe – sind automatisiert.

In Bezug auf Feuerkraft ist der T-14 mit einer 125-Millimeter-Glattrohrkanone bestückt, die sowohl konventionelle Panzergeschosse als auch gelenkte Geschosse der neuesten Generation abfeuern kann. Das Feuerleitsystem ist vollständig digitalisiert. Weder der Schütze noch der Kommandant haben direkte visuelle Sicht auf das Schlachtfeld und bedienen den Panzer über eine digitale Schnittstelle. Dank seines vollständig computerisierten Feuerleitsystems werden alle Abschussparameter und die Geschossbahn automatisch berechnet, wobei die Zielverfolgung völlig autonom bleibt.

Der Panzer kann über das taktische Führungs- und Kontrollsystem Zielzuweisungen von anderen Gefechtsteilnehmern erhalten und seinerseits Zieldaten über dieselbe Schnittstelle an Gefechtsteilnehmer liefern, auch an solche, die sich außerhalb der BTG befinden (z. B. Kampfdrohnen), damit diese sich an der Neutralisierung des Gegners beteiligen können. Dadurch verfügt der T-14 Armata über alle Merkmale und Eigenschaften, die ihn zu einem der beliebtesten Kampfpanzer auf dem globalen Waffenmarkt machen könnten.

Auf dem Armata basiert auch ein fortschrittliches, stark gepanzertes Bergungsfahrzeug – der T-16. Dieser wurden mit einer Reihe von Spezialwerkzeugen ausgestattet, zum Beispiel mit einem Schwerlastkran und einer Motorwinde zum Bergen von Fahrzeugen. Der T-16 soll auf dem Schlachtfeld beschädigte gepanzerte Fahrzeuge abschleppen und diese unweit des Gefechtsgeschehens wieder einsatzbereit machen.

Der T-16 hat eine dreiköpfige Besatzung – einen Kommandanten, einen Systemspezialisten und einen Fahrer/Mechaniker. Bei Bedarf kann der Kommandant mittels eines elektronisch gesteuerten Kampfmoduls, auf dem ein Kord 12,7-Millimeter-Maschinengewehr montiert ist, auf feindlichen Beschuss reagieren. Mit drei zusätzlichen Sitzen ist der T-16 das erste Bergungsfahrzeug, das genügend Platz für eine weitere Besatzung bietet – die Besatzung des geborgenen Panzers. In Bezug auf Gewicht, Motorleistung und Mobilität ist der T-16 sowohl dem T-14 als auch dem T-15 ebenbürtig, da er mit demselben x-förmigen Vielstoffmotor mit einer Leistung von über 1.500 PS angetrieben wird. Die genaue PS-Zahl ist noch streng geheim, das Einzige, was man bisher weiß, ist, dass er mehr Leistung produziert als jeder andere Motor, der in russischen Panzern zur Anwendung kommt.

Derzeit arbeitet Uralwagonsawod an einem Kampffahrzeug zur Panzerunterstützung (BMPT), das ebenfalls auf dem Armata-Chassis basiert. Es wird erwartet, dass hier eine 57-Millimeter-Kanone zur Anwendung kommt. Es gibt den Vorschlag, das neue Kampffahrzeug nach einem heldenhaften Recken aus der russischen Folklore Ilja Muromez zu benennen. Dieses neue BMPT scheint im Gesamtkonzept eines zukünftigen Kampfsystems auf Basis des Armata eine sinnvolle Ergänzung zu sein.

Dieses Konzept baut auf der Idee auf, sich von konventionellen Kampfeinheiten, also motorisierten Schützen- oder Panzerkompanien, ab- und sich stattdessen einem neuen Gefechtssystem zuzuwenden – zu einer Kombination aus Kampf- und Unterstützungsfahrzeugen. In der Praxis könnte dies wie eine minimale taktische Gruppe aussehen, bestehend aus zwei T-14, drei schweren T-15, einem Kampffahrzeug zur Panzerunterstützung mit einer 57-Millimeter-Kanone (höchstwahrscheinlich die Ilja Muromez), einem Angriffspanzer mit einer starken 152-Millimeter-Kanone, einer Kommandoeinheit, einer Einheit für die Gefechtsleitung und einem Begleitfahrzeug.

Es gibt gute Gründe zu der Annahme, dass eine solche taktische Gruppe effizienter wäre als konventionelle Einheiten. Darüber hinaus wären alle Fahrzeuge der Gruppe in Bezug auf Geschwindigkeit und Verteidigungsfähigkeiten ähnlich. Angesichts der erheblichen Unterschiede zwischen der Durchführung von Kampfhandlungen in dicht besiedelten urbanen Gebieten, in der Wüste oder im bergigen Gelände, in Wäldern oder Feuchtgebieten ist es wichtig, eine Organisationsstruktur von Einheiten zu haben, die in der Lage sind, sich an die Umgebung des Schlachtfelds und an die Ausrüstung des Feindes anzupassen.

Um unterschiedliche Kampfeinsätze effektiv durchführen zu können, ist eine Kombination mehrerer Gruppen erforderlich. Bei Bedarf kann die Einheit (die Kampfgruppe) mit Gruppen ergänzt werden, die zum Beispiel mit Flugabwehr oder Artillerie ausgestattet sind, einem Kampfpionierfahrzeug, einer Gruppe mit hochmobilen gepanzerten Fahrzeugen zur raschen Verlegung von Brückenelementen, einem Minenleger oder einem gepanzerten Minenräumfahrzeug.

Mit anderen Worten, die Struktur einer Gefechtsgruppe kann jederzeit an die zu erwartende spezifische Kampfumgebung angepasst werden. Im Wesentlichen würde der Kommandant so etwas wie einen Lego-Baukasten verwenden, indem er für das bevorstehende Gefecht perfekt angepasste Einheiten zusammenstellt.

Für ein Gefecht in einer urbanen Umgebung würde man zum Beispiel eine Kampfgruppe zusammenstellen, die aus zwei Panzern, drei Schützenpanzern, zwei selbst fahrenden ZSU-23-4-Flugabwehrkanonen, mit denen man in die oberen Stockwerke von Gebäuden feuern kann, sowie Gefechtspionieren und Flammenwerfern besteht. Dieses flexible Konzept ist wahrlich ein Geschenk für die Streitkräfte.

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Übersetzt aus dem Englischen.

Michail Chodarenok ist Militärkommentator für RT. Er ist Oberst im Ruhestand und diente als Offizier in der Hauptabteilung des Generalstabs der russischen Streitkräfte.

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