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Lockdown-Folge: Eltern überlastet, Schüler vernachlässigt

Im Lockdown waren viele Menschen überfordert, besonders hart hat es Familien getroffen: Familie und Beruf miteinander vereinbaren, Kinder unterrichten – das ging bei vielen weit über die Grenzen des Leistbaren. Neue Studien belegen den Befund.
Lockdown-Folge: Eltern überlastet, Schüler vernachlässigtQuelle: AFP © Ina Fassbender

von Matthias Lindner

Kinder hatten keinen guten Stand in der Pandemie. Wenn Entscheidungen getroffen werden mussten, wurden ihre Bedürfnisse meist gering geschätzt. Die Folgen sind seit nicht einmal einem Monat bekannt: Die Kinderpsychiatrien sind überfüllt und die Gewalt gegen Kinder nahm dramatisch zu. Die Familie war oft kein sicherer Ort mehr für Kinder.

Auch das ist eine Folge von Lockdown, Kontaktbeschränkungen, geschlossenen Schulen und Kindergärten sowie -krippen. Umso jünger die Kinder waren, desto mehr Eltern-Stress bedeutete es, Familie, Beruf und Schule miteinander zu vereinbaren. Zu diesem Ergebnis gelangten Forscher der Medizinischen Fakultät OWL der Universität Bielefeld. Sie hatten 517 Eltern von Kindern der 1. bis 13. Klasse aus mehreren Bundesländern befragt. Die Ergebnisse wurden Mitte Mai im Fachjournal Psychotherapie Aktuell veröffentlicht.

"Die familiären Belastungen haben sich durch die Maßnahmen zur Bekämpfung der Corona-Pandemie stark erhöht", sagte Britta Wrede, die als Professorin an der Medizinischen Fakultät OWL lehrt. Eltern seien häufig einer Doppelbelastung aus Familien und Beruf ausgesetzt. Hinzu komme der Anspruch, beidem gleichzeitig gerecht werden zu wollen.

"Erwerbstätigkeit und Homeschooling sind für viele Eltern kaum miteinander zu vereinbaren und damit nehmen ihre Zufriedenheit und das allgemeine Wohlbefinden ab", erklärte Michael Siniatchkin, Direktor der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie am Evangelischem Klinikum Bethel. Elternstress entstehe vor allem dann, "wenn erlebte Anforderungen die eigenen wahrgenommenen Bewältigungsressourcen übersteigen".

Als besonders belastend empfanden die Zeit Eltern von jüngeren Kindern. Neben den Problemen, den Schulstoff zu verstehen, könnten sich gerade Grundschulkinder weniger gut konzentrieren und motivieren. "Mehr als die Hälfte der Kinder in der ersten bis vierten Klasse müssen regelmäßig von ihren Eltern motiviert werden", sagte Wrede, und das werde von einem Großteil der Eltern als besondere Herausforderung empfunden. Mehr als die Hälfte der Eltern von jungen Kindern hätten zudem angegeben, "mitunter gereizt und ungeduldig auf die Fragen der Kinder zu antworten".

Die Forscher stellten fest: In Familien mit jüngeren Kindern kam es wegen des Distanzunterrichtes häufig zu Streit. Das treffe auf 60 Prozent der Eltern zu, deren Kinder die Klassen eins bis vier besuchten. Dagegen gaben nur 10 Prozent der Eltern an, deren Kinder die Klassen 11 bis 13 besuchten, oft mit ihren Kindern zu streiten. Eine ähnliche Verteilung zeigte sich bei der Frage, welche Kinder von ihren Eltern regelmäßig Unterstützung brauchten.

Anhand von Daten aus den Niederlanden untersuchten Forscher des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) Mannheim, der Universitäten Mannheim und Bonn sowie der niederländischen Tilburg University, welche Faktoren für die psychische Belastung während der Pandemie eine besonders große Rolle spielten und wie sie sich im Laufe der Zeit änderten. Die Studie wurde am 1. Juni veröffentlicht – und das Ergebnis ist wenig überraschend: Eltern sind in der Pandemie besonders stark belastet, stärker als andere Berufstätige.

Dabei spielte eine Rolle, wie sicher man sich der eigenen Arbeitsstelle wähnte, wie das Infektionsrisiko wahrgenommen wurde und wie schwer die emotionale Einsamkeit wog. Diese Faktoren wirkten sich mitunter negativ auf die psychische Gesundheit aus und waren je nach Geschlecht anders ausgeprägt.

Die psychische Gesundheit wurde in der Studie auf einer Skala von 0 bis 100 gemessen, wobei 100 einer perfekten Gesundheit entspricht. Bei Männern war es vor allem die Angst um den Arbeitsplatz, welche die psychische Gesundheit beeinträchtigte. "Gemessen" wurde ein Minus von 1,5 Prozent. Für Frauen war dagegen die emotionale Einsamkeit besonders belastend; sie wirkte sich mit einem Minus von 3,3 Prozent aus.

Ein besonders starkes Absacken der psychischen Gesundheit erlebten Eltern von Kindern unter 12 Jahren. "Neben der hohen Ungewissheit um das Infektionsgeschehen und den eigenen Job müssen Eltern während des Lockdowns die Doppelbelastung von Kinderbetreuung und Erwerbsarbeit aushalten", erklärte Sebastian Seitz vom ZEW Mannheim und Co-Autor der Studie. Ihre Arbeitszeit reduzierten Eltern während der Pandemie nicht stärker als der Durchschnitt der Gesellschaft. Doch je nachdem, wie viele Stunden sie gleichzeitig ihre Kinder im Homeoffice betreuten, entwickelte sich ihre psychische Gesundheit unterschiedlich.

Doch nicht nur Eltern litten unter den Einschränkungen in der Pandemie, sondern auch ihre Kinder. Forscher der Universität zu Köln hatten 600 Neuntklässler aus 29 Schulen in Nordrhein-Westfalen zu ihrem Schulalltag und Freizeitverhalten befragt. Das Ergebnis: Die Schüler litten vor allem darunter, weniger Kontakt zu für sie wichtige Personen zu haben. Das gaben rund 70 Prozent der Befragten an.

Die Einschränkungen in ihrer Freizeit nahmen sie demnach als wesentlich schlimmer wahr als das selbstständige Lernen im Distanzunterricht oder den Familienalltag während der Schulschließungen. An den Tagen, an denen sie Kontakt zu Freunden hatten, gaben die Jugendlichen eher an, glücklich und begeistert gewesen zu sein. Dann waren sie weniger traurig, niedergeschlagen, einsam und gelangweilt. Reine Online-Kontakte konnten die Stimmung dagegen nicht verbessern.

Die Schulen hätten Kinder – und damit auch indirekt die Familien – besser unterstützen können. Das geht aus einer Untersuchung des Leibniz-Institutes für Bildungsforschung und Bildungsinformation hervor. Für die Studie wurden während des ersten Corona-Lockdowns im Frühjahr 2020 die Eltern von 535 Kindern befragt. Vor allem Eltern von Grundschulkindern hatten sich daran beteiligt. An 21 aufeinanderfolgenden Tagen sollten sie angeben, wie schwer ihre Kinder die Aufgaben am jeweiligen Tag fanden, wie viel Freude sie bei den Hausaufgaben gehabt hätten und wie selbstständig die Kinder arbeiteten.

Das Ergebnis ist wenig überraschend: Wenn die Kinder Spaß an den Aufgaben hatten, konnten sie sie selbstständiger bearbeiten und brauchten weniger Unterstützung. "Die Lehrkräfte können vermutlich Einfluss darauf nehmen, wie selbstständig ihre Schüler lernen, indem sie sehr gezielt das Schwierigkeitsniveau abwägen und darauf achten, wie viel Freude die Aufgaben bereiten", sagte Friederike Blume, Erstautorin der Studie. Dafür sollten die Lehrer auch Rückmeldungen ihrer Schüler einholen.

Heute wissen wir, dass die Schulen gar nicht in der Lage dazu waren. Während der ersten Schulschließung im Frühjahr 2020 hatte fast ein Drittel der Schüler keinen regelmäßigen Kontakt zu ihren Schulen, vor allem in den ländlichen Regionen gelang es nicht, Kontakt zu halten. Nur etwa 25 Prozent der Schüler in ländlichen Regionen erhielten Lernmaterialien im Rahmen von Online-Unterricht, in Städten waren es etwa 60 Prozent. Das ist das Ergebnis einer repräsentativen Studie der Universitäten Tübingen, Lüneburg und der Pädagogischen Hochschule der Fachhochschule Nordwestschweiz.

Für die Studie wurden zwischen April und Juni 2020 insgesamt 306 zufällig ausgewählte Schulleitungen allgemeinbildender Schulen befragt. Bundesweit hatten ihren Berichten zufolge nur etwa drei von vier Schulkindern in Deutschland regelmäßig Kontakt mit ihrer Schule, also mindestens einmal pro Woche. In ländlichen Regionen waren es lediglich drei von fünf Schülern.

Bundesweit beklagten die Schulleitungen eine mangelnde Ausstattung von Schulen und Elternhäusern mit Computern, Laptops und Tablets. Das habe den Fernunterricht sehr stark beeinträchtigt. Mancherorts hat sich daran bis heute wenig verändert.

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