Meinung

Maskenpflicht: Die Wissenschaft als erstes Opfer eines politischen Streits

Wir müssen uns fragen, wo wir als post-pandemische Gesellschaft sein könnten, wenn die Wissenschaft bei der Bekämpfung der COVID-19-Pandemie irgendwie aus dem Keller der Politik entkommen wäre,
Maskenpflicht: Die Wissenschaft als erstes Opfer eines politischen StreitsQuelle: AFP © Angela Weiss

von John Scott Lewinski

Vor einigen Jahren schrieb ein Wissenschaftler und Autor namens Harry G. Frankfurt ein Buch mit dem Titel "On Bullshit" (auf Deutsch: "Über Schwachsinn"). Der Titel ist selbsterklärend und das Thema offensichtlich. Ein Kernthema des Buches ist jedoch, wie schnell und einfach Menschen davon überzeugt sind, Experten für ein bestimmtes Thema zu sein, wenn sie Fakten und Zahlen zitieren, die sie nicht verstehen, nicht richtig zitieren oder falsch interpretieren.

Während der COVID-19-Pandemie waren jene Instanzen, die häufiger als das Virus selbst in Erscheinung traten, die schier unendliche Zahl von Zeitgenossen, die mit "Halb-Fakten" und "Vielleicht-Zahlen" um sich warfen, um ihre Sicht auf die Krise und wie man mit ihr umgehen solle zu untermauern. Jeder war ein "Wissenschaftler", wenn er entweder darauf hinwies, wie albern hygienische Vorsichtsmaßnahmen seien oder aber das Virus nicht ernst genug genommen werde. Sehr wenige dieser "Bunsen Honeydews" (vom Typ "Wissenschaftler" aus der Muppet Show) nahmen sich in der Hitze ihrer Argumentationsgefechte die Zeit, echte wissenschaftliche Schriften oder Daten zu studieren.

Die Wissenschaft sollte zu den edelsten menschlichen Beschäftigungen gehören. Unsere Methoden, die Welt zu erforschen, zu testen, zu quantifizieren und zu beherrschen, basieren auf den größten Tugenden – auf Intelligenz, Neugier, Entschlossenheit, Mut und Geduld. Wahre Wissenschaft ist keine gewöhnliche, bequeme Beschäftigung. Sie kann niemals überstürzt, abgekürzt oder an eine Tagesordnung angepasst werden, außer an die strukturierte Ausführung von Versuch, Irrtum und Bestätigung. Die Wissenschaft erhebt uns Menschen über das Dasein als Tiere.

Leider ist es im heutigen Zeitalter des Narzissmus wichtiger, einfacher und verführerischer, einen Disput um jeden Preis für sich zu gewinnen als eine logisch aufgebaute Argumentationskette mit echten Beweisen zu präsentieren. Die Wissenschaft wird mit einer Rute geschlagen, gefesselt und geknebelt an einen Heizkörper im Keller angekettet und von der hässlichsten aller menschlichen Bestrebungen – der Politik – dem Hungertod überlassen.

Der große englische Gelehrte Samuel Johnson ist zu Recht dafür bekannt, dass er gesagt hat: "Patriotismus ist die letzte Zuflucht des Schurken." Er möge mir verzeihen, wenn ich seinen Gedanken aufnehme und weiterspinne und behaupte: "Die Wissenschaft ist das erste Opfer eines politischen Streits."

Während in den Corona-Debatten der Missbrauch der Wissenschaft durch sich widersprechende Meinungslager zu einer Kunstform erhoben wurde, war dieser Missbrauch bei Streitigkeiten über Abtreibung bis Klimawandel bereits gängige Praxis. Die Regeln lauteten:

"Nimm eine Haltung ein. Entscheide, welche Fakten diese Haltung untermauern. Lehne alle Fakten ab, die diese Haltung nicht untermauern."

Das Ausspielen der Wissenschaftskarte entspringt der Ungeduld und dem brennenden Wunsch, in einer bestimmten politischen Debatte zu punkten. "Ich möchte recht haben. Ich möchte, dass du nicht recht hast. Ich werde Belege in Form von passenden wissenschaftlichen Studien oder Statistiken finden, um die Oberhand zu gewinnen."

Solche Taktiken lassen oft nur die flüchtigsten Forschungsergebnisse zu und fördern selten das vollständige Verständnis eines wissenschaftlichen Zusammenhangs. Indem der Spitzfindige die "passenden" Studien heraussucht, die seinen Standpunkt stützen und die widersprechende Forschung ignoriert, übt er lediglich Überzeugungsarbeit aus, die unvermeidlich von einem unvollständigen Verständnis oder – noch schlimmer – von vorsätzlicher Ignoranz durchdrungen ist.

Das strahlende Symbol, das sowohl von links als auch von rechts bei Corona-Meinungsverschiedenheiten ins Feld geführt wird, ist ein armseliges Stück Gewebe aus Baumwolle oder Papier, das mit einem von Ohr zu Ohr gespannten Gummiband getragen wird – die ärmliche, aber allgegenwärtige Schutzmaske. Anstatt sie als einen medizinischen Gegenstand mit grundlegendem Verwendungszweck zu betrachten, wurde die Maske entweder zu einem Symbol der Verantwortung und des Mitgefühls gegenüber seinen Mitmenschen oder aber zu einem Instrument für die absolute Selbstkasteiung umgedeutet.

Zu Beginn der Pandemie war man ein Gelackmeierter oder ein Schaf, wenn man sich bereit erklärte, eine Maske zu tragen, in der Hoffnung, sich keine Atemwegserkrankung einzufangen. Man dachte sich einfach, man würde erst einmal eine vernünftige Vorsichtsmaßnahme treffen, bis weitere Fakten und Daten zum Virus erhältlich sein werden. Aber das war ein Irrtum. Es tauchten diese Leute auf, die versuchten, uns aus politischen Gründen – und nicht aufgrund von Fachwissen über Virologie – in ein Stück Stoff zu zwingen.

Es ist nun so, dass die Anti-Masken-Fraktion es einfach nicht mag, Gesichtsbedeckungen zu tragen oder damit ihre Brokkoli zu essen. Also müssen sie so tun, als wären sie Sezessionisten, die eine "Geh mir nicht auf die Nerven"-Flagge vor sich hertragen, hinter der sie ihren kindlichen Trotz verbergen können. Deren Häuptling war Donald Trump, der ohne Weiteres ohne Maske durch ein Labor im Hauptquartier der Gesundheitsbehörde geschritten wäre und jede Petrischale ausgeleckt hätte, wenn er damit bei den hartnäckigsten und konservativsten Brusttrommlern, die seine Wählerbasis bilden, hätte punkten können. Alles im Namen der "freien Wissenschaft" natürlich.

Auf der anderen Seite, wenn man ein geimpfter, ansonsten gesunder Mensch ist, der darauf beharrt, an einem hellen, sonnigen Tag eine Maske zu tragen, während eine frische Brise die süßen Knospen des Monats Mai umweht, dann hat man die Gesichtsbedeckung für keinen anderen Zweck angezogen als den, damit eine politische Aussage zu treffen und Tugend zu signalisieren.

Man labt sich an der eigenen Befürwortung für einen progressiven Bevormundungs-Staat, der es liebt, zu kontrollieren und kontrolliert zu werden, und man möchte, dass die ganze Welt über die eigene Barmherzigkeit staunt. Der Guru dieser Leute ist Joe Biden. Obwohl er vollständig geimpft ist und nun nicht mehr in der Situation sein sollte, das Virus zu übertragen oder einer Infektion zu erliegen, stand er für eine Pressekonferenz im Rosengarten des Weißen Hauses mit einer Maske, 200 Meter vom nächsten Reporter entfernt. Alles im Namen einer "verantwortlichen Wissenschaft" natürlich.

Ein echter Wissenschaftler würde zwischen diese beiden extremen politischen Lager treten und versuchen, die Torheit beider Positionen zu erklären. Natürlich würde dieser Wissenschaftler umgehend entweder zu einem Mitverschwörer eines großen COVID-19-Betruges erklärt werden – oder aber zum Querdenker und COVID-19-Leugner, der möchte, dass unsere Omis mit blutgetränkten Lungen ersticken.

Das Ergebnis dieser politischen Dampfwalze gegen eine echte wissenschaftliche Auseinandersetzung mit COVID-19 war, dass ein Virus, das sich als schwerwiegend, aber beherrschbar erwies, entweder als eine mit Verschwörung garnierte Verarschung oder als ein Cocktail aus Ebola, AIDS und einem Dämon in der Größe von 0,001 Millimeter interpretiert wird. Es kommt einfach darauf an, auf welcher politischen Seite man steht.

Wir müssen uns fragen, wo wir als post-pandemische Gesellschaft sein könnten, wenn die Wissenschaft irgendwie aus dem Keller der Politik entkommen wäre, um die COVID-19-Agenda zu führen, ohne dass die Linke oder die Rechte das Eigentum an bequemen, wenn auch zweifelhaften, Fakten und Zahlen für sich reklamiert. Wie viele Menschen könnten noch am Leben sein, wenn die konservativen Wortführer die Ernsthaftigkeit von COVID-19 früher erkannt und strengere vorübergehende Beschränkungen eingeführt hätten? Wie viele Unternehmen hätten überlebt und wie viele Lebensgrundlagen wären intakt geblieben, wenn die progressiven Wortführer nicht Panik mit falschem Mitgefühl vermischt und jeden Aspekt des täglichen Lebens zum Stillstand gebracht hätten?

Wir werden es nie erfahren. Schlimmer noch, es wird alles wieder so passieren, wenn eine andere Krise bevorsteht. In der Zwischenzeit werden engagierte Wissenschaftler in ihren Labors arbeiten, um die Welt um uns herum besser zu verstehen – während die Politiker endlos nach Wegen suchen, ihre jeweiligen Gegner mit Schwachsinn zu bewerfen.

RT DE bemüht sich um ein breites Meinungsspektrum. Gastbeiträge und Meinungsartikel müssen nicht die Sichtweise der Redaktion widerspiegeln.

Übersetzung aus dem Englischen. John Scott Lewinski ist Journalist und Autor, er schreibt für mehr als 30 internationale News-Organisationen.

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