Meinung

Baerbock bei Anne Will: Dauerwerbesendung für die Musterschülerin

Sie ist die Musterschülerin der deutschen Politik. Bei Anne Will darf Annalena Baerbock ihre mündliche Prüfung in Wahlkampfrhetorik ablegen. Spoiler: Baerbock hat glänzend bestanden. Will ist in der Journalismusprüfung mal wieder durchgefallen.
Baerbock bei Anne Will: Dauerwerbesendung für die MusterschülerinQuelle: Reuters © Leon Kuegeler

von Arthur Buchholz

Die Öffentlich-Rechtlichen sind der mediale Arm der Grünen. Daran kann man nach dem Auftritt von Annalena Baerbock bei Anne Will keinen Zweifel mehr haben. 

Der Titel der ARD-Sendung lautete "Bundes-Notbremse in Kraft: Durchbruch oder Tiefpunkt?" Wer eine Diskussion mit diversen Experten erwartet oder befürchtet hat, bekam erst mal einen Schock. Nach der Vorstellung der Gesprächsteilnehmer kündigte Will locker-flockig ein Einzelgespräch mit Baerbock an, die sie schon mit freudigem Stimmbruch als erste Kanzlerkandidatin der Partei vorstellt. Man fühlt sich unwillkürlich an das Habeck-Groupie Tina Hasselt vom ARD-Hauptstadtstudio beim Parteitag der Grünen 2019 erinnert. 

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk scheint jedenfalls davon auszugehen, dass der Rest des Landes genauso wählt wie die Redaktionen des Hauses, anders kann man sich diesen Gratiswerbeclip nicht erklären.

Erst mal bringt Will ein paar Fragen zur Auflockerung, man will ja keine "Kobold"-Momente provozieren.

"Irgendwie steht jetzt doch ganz blöd im Raum, sie seien es [Kanzlerkandidatin] nur geworden, weil Sie eine Frau sind. "Was spricht für Sie [als Kanzlerkandidatin]?"

Wunderbare Vorlagen, damit Baerbock schon mal ihre Sprechtexte für den Wahlkampf durchgehen kann.

Gleich zu Beginn gibt's dann aber auch einen kleinen, aber feinen Schnitzer von Baerbock, die meint, es stehe im Grundgesetz, dass "bei solchen Entscheidungen" – gemeint ist die Kanzlerkandidatur –, die Tatsache, dass sie eine Frau ist, eine Rolle spielen müsse. 

Jeder, der den Titel Moderator tragen möchte, hätte da auch mal kritisch nachgehakt, aber das wäre ja ein Novum für Will.

Zwischendurch muss Will aber tatsächlich mal nachhaken, was Baerbocks mangelnde Regierungserfahrung angeht, aber bloß keine Angst – das ganze Gespräch ähnelt sowieso eher einer mündlichen Abiturprüfung, bei der die wohlwollende Lehrerin ihren Schützling nur ein bisschen ärgert. Ein paar gemeine Fragen, ein kleiner Witz zur Auflockerung, bestehen wird die Musterschülerin ja eh. Man will ihr ja nicht das Abitur versauen bzw. den Wahlkampf.

Dann geht's ans Brot- und Butterthema der Grünen: den Klimaschutz. Und da haut Baerbock ein paar richtige Knaller raus: mehr "Regelungen", wie es bei den Grünen so schön heißt. Mit anderen Worten: Verbote; dann höhere CO₂-Steuern für die Industrie; gleichzeitig Subventionen für "innovative Bereiche".

Wie man dieses Wünsch-dir-was-Programm durchbekommen soll, wäre eine vernünftige Frage in diesem Kontext gewesen. Will macht stattdessen wieder das Sprachrohr der Klimaradikalen und zitiert Fridays-For-Future-Sprecherin Carla Reemtsma (übrigens die Cousine von Luisa Neubauer). Das hält man doch im Kopf nicht aus!

Auf die Aussage von Baerbock, dass Grüne längst in Regierungsverantwortung stehen, und zwar in den Ländern, hätte Anne Will ja mal fragen können, wie es um die Abholzung des Dannenröder Forstes steht, die die Grünen in Hessen zu verantworten haben. 

Okay, dafür sind die Grünen in Wiesbaden verantwortlich. Will hätte auch fragen können, warum die Grünen, die ja so von erneuerbaren Energien überzeugt sind, im Bundesrat den rechtlichen Rahmen für LNG-Terminals abgesegnet haben.

Das hätte Will fragen können, aber dann hätte sich die von der Presse gelobte Souveränität Baerbocks sehr schnell aufgelöst. Das stattdessen geführte Kuschelgespräch war aber vielen noch zu hart.

Die eigentlichen Verlierer sind dann leider die anderen Gäste, die ungefragt diese kleine Kolloquium abwarten mussten.

Baerbock bekommt für ihre mündliche Leistung im Fach "Wahlkampfrhetorik" ein "Befriedigend". Eigentlich kann sie sich auch nur steigern, weil sie im Laufe des Wahlkampfs von öffentlich-rechtlicher Seite weiterhin mit weichgespülten Fragen massiert wird. 

Will dagegen bekommt für ihre Leistungen im Gefälligkeitsjournalismus ein "Sehr gut" mit Sternchen. Aber das war von ihr auch nicht anders zu erwarten.

Es bleibt noch zu sagen, dass man beim nächsten Beitrag im ÖRR über die Grünen doch ehrlicherweise gleich "Dauerwerbesendung" oben einblenden sollte, dann ist der Zuschauer wenigstens gewarnt.

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