Meinung

"Wut, Scham und Ekel" – warum Marine Le Pens Chancen aufs Präsidentenamt steigen

In Frankreich wird 2022 gewählt – und die Unbeliebtheit von Präsident Emmanuel Macron ist groß. So groß, dass ein Sieg von Marine Le Pen ernsthaft möglich erscheint. Eine linke Denkfabrik erstellte sogar eine Risikobewertung – mit verheerenden Ergebnissen für Macron.
"Wut, Scham und Ekel" – warum Marine Le Pens Chancen aufs Präsidentenamt steigenQuelle: AFP © Alain Jocard

von Damian Wilson

Die Präsidentschaftswahlen in Frankreich sind nur noch ein Jahr entfernt, und wenn die Cafés und Bars nach der Corona-Krise wieder öffnen, wird es ein Gesprächsthema unter den Gästen geben, das alle anderen verdrängt – die sehr reale Möglichkeit, dass Marine Le Pen die nächste Präsidentin der Republik sein könnte.

Die Angst vor diesem Albtraum für die französische Linke ist so stark, dass ein einflussreicher linker Thinktank eine "Risikobewertung" darüber erstellt hat, was dies für die Nation bedeuten könnte. Es ist die Art von Übung, die normalerweise durchgeführt wird, um einer nationalen Katastrophe zuvorzukommen, wie zum Beispiel dem Ausbruch eines unkontrollierbaren Killervirus.

Die Analyse der Fondation Jean-Jaurès – benannt nach einem Führer der französischen Sozialistischen Partei aus dem frühen 20. Jahrhundert, der 1914 von einem Nationalisten ermordet wurde – geht sogar so weit, dass sie sich mit den Emotionen der Wähler beschäftigt, um den Aufstieg von Marine Le Pen seit ihrer Niederlage bei der Wahl 2017 nachzuvollziehen.

Die Forscher fanden heraus, dass Le Pen in einer Stichwahl nicht nur auf die Unterstützung die Fangemeinde ihrer Partei Rassemblement National bauen kann, sondern auch auf die von Menschen, die Präsident Emmanuel Macron einfach nicht ausstehen können. Die Fondation schreibt:

"Eine Mehrheit der französischen Bevölkerung ist gezwungen, in der zweiten Runde eine Entscheidung mangels weiterer Kandidaten zu treffen und für denjenigen zu stimmen, den sie bevorzugen, oder besser gesagt, den sie am wenigsten hassen."

Und als Ergebnis sei es laut Fondation Jean-Jaurès möglich, dass "die Stimme für Marine Le Pen im zweiten Wahlgang dann nicht eine Orientierung an ihrem Programm bedeutet, sondern einfach nur die Ablehnung des Kandidaten, der ihr gegenübersteht". Somit wäre es ein Sieg des kleineren Übels – und ganz sicher nicht das, was Macron hören will!

"Wut, Scham und Ekel"

Die Fondation untermauert diese These der "Feindseligkeit" gegenüber Macron mit einer wunderbar bunten Grafik, die die "Hauptemotionen, die die Franzosen empfinden, wenn sie Emmanuel Macron sehen oder hören", illustrieren soll. Seltsamerweise entsprechen diese Emotionen – Wut (28 Prozent), Scham (18 Prozent), Ekel (21 Prozent) und Verzweiflung (21 Prozent) – eher denen, die viele Teenager gegenüber ihren Eltern empfinden.

Die Denkfabrik geht sogar noch weiter. Die Rassemblement National profitiere nicht nur von Macrons Unbeliebtheit, sondern auch von denjenigen Wählern, die früher der republikanischen Rechten angehörten und sich mittlerweile vom "Cordon sanitaire" [Konzept der gesellschaftlichen Ächtung der Rechten, Anm. d. R.] nicht mehr abschrecken ließen. Das Konzept des "Cordon sanitaire" wurde 2002 vom ehemaligen Präsidenten Jacques Chirac eingeführt, der sich seinerzeit weigerte, mit Jean-Marie Le Pen zu debattieren, obwohl beide in der Stichwahl standen. Chirac erklärte damals, dass es "angesichts von Intoleranz und Hass keine möglichen Verhandlungen, keinen möglichen Kompromiss, keine mögliche Debatte gibt".

Seitdem wird die Idee des "Cordon" von den Republikanern als eine Art unsichtbare Macht benutzt, die gelegentlich beschworen wird, um ihre schwankenden Anhänger davon zu überzeugen, dass, wie unzufrieden sie auch mit ihrem Los sein mögen, die Antwort nicht bei den Le Pens liegt. Heutzutage ist die Wirkung des "Cordon" stark geschwunden, nicht zuletzt, weil die republikanische Rechte ein Scherbenhaufen ist.

Zusätzlich zu den republikanischen Wählern, die auf der Suche nach rechter Politik sind und zur Rassemblement National schwenken, könnte ein zunehmend unpopulärer Macron durch seinen eigenen Kampf um die Herzen und Köpfe der Rechten durchaus Wähler an Le Pen verlieren. Denn obwohl er als Politiker der Mitte gewählt wurde, wird er laut einer aktuellen Umfrage der britischen Wochenzeitung New Statesman von 30 Prozent der französischen Wähler, die sich dazu geäußert haben, als rechtsextrem angesehen. Schauen Sie sich die Anti-Separatismus-Gesetze gegen radikale Islamisten an, wenn Sie einen Beleg wollen.

Eine zweite Umfrage von New Statesman stützt die Ergebnisse der Fondation Jean-Jaurès mit der Enthüllung, dass 37 Prozent der Menschen, die in der Stichwahl 2017 für Macron gestimmt haben, sagen, dass sie jetzt ihre Wahlentscheidung in der zweiten Runde ändern würden, was logischerweise bedeutet, dass sie sich für Le Pen entscheiden würden.

Bedenken Sie, dass Macron 2017 zwar satte 66 Prozent der Stimmen erhielt – während Marine Le Pen in der Stichwahl nur 34 Prozent bekam –, aber wenn diese Wähler damals so gewählt hätten, wie sie es sich jetzt wünschen, würde die Tochter des rassistischen 92-jährigen Jean-Marie Le Pen, dem Gründer des Front National, heute bequem im Élysée-Palast sitzen.

Zwar ist die Tochter weit davon entfernt, wie ihr Vater zu sein, mit dem sie mittlerweile zerstritten ist. Aber die Vorstellung ihres Wahlsiegs mag für viele Franzosen – unabhängig von ihrer politischen Einstellung – die Ursache für "les cauchemars terrifiants" sein.

Doch in einem Jahr würde nur ein Narr dagegen wetten, dass Marine Le Pen diesen "schrecklichen Albtraum" wahr werden lässt.

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Damian Wilson ist ein britischer Journalist, ehemaliger Redakteur der Fleet Street, Berater der Finanzindustrie und Sonderberater für politische Kommunikation in Großbritannien und der EU.

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