Meinung

Erfahrungsbericht: Was geschah am 20. März in Kassel?

Laut den Berichten großer Medien kam es Samstag, den 20.3.2021, in Kassel zu erheblicher Gewalt. "Querdenker" und "Corona-Leugner" seien für diese Gewalt verantwortlich. RT DE war vor Ort und gewann einen ganz anderen Eindruck.
Erfahrungsbericht: Was geschah am 20. März in Kassel?Quelle: www.globallookpress.com © Swen Pförtner

von Jens Zimmer

Am vergangenen Samstag fand in Kassel die erste diesjährige Großdemonstration gegen die Corona-Maßnahmen statt. Angemeldet hatten sie "Die freien Bürger Kassel". Aufgerufen wurde deutschlandweit über den lockeren Verbund der "Querdenker".

Wer sich mittels großer Medien über die Proteste in Kassel informiert, muss den Eindruck gewinnen, die Querdenker wären dort für gewalttätige Zwischenfälle verantwortlich gewesen. Von "massiven Auseinandersetzungen" wusste die Tagesschau zu berichten und lässt keine Zweifel aufkommen, auf wen diese Gewalt zurückzuführen sei. Das RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) schreibt ohne Quellenangabe, schon Tage zuvor wäre dazu aufgerufen worden, sich der Polizei "gewaltsam zu widersetzen".
"Querdenker gehen auf Polizei los", lässt der Tagesspiegel in der Überschrift wissen. Und die Deutsche Welle (DW) titelt: "Gewalt bei Demo von Corona-Leugnern in Kassel".
Im Video darunter sind allerdings nur friedliche Menschen zu sehen.

RT DE  war am Samstag ebenfalls in Kassel und hat live von den Ereignissen berichtet. Bis in den Abend hinein wechselten wir mehrfach unseren Standort und waren stets nah am Geschehen. Zu keiner Zeit haben wir etwas beobachten können, das wir "massive Auseinandersetzungen" nennen würden. Die dramatische Berichterstattung der großen Medien erscheint aus unserer Perspektive haltlos.

Bestenfalls konnten wir an diesem Tag "chaotische Zustände" feststellen. Zurückzuführen waren sie auf den Versuch, die Demonstration im Vorfeld zu verbieten. Gerichtlich wurde dieses Verbot jedoch wieder aufgehoben. Am Stadtrand durfte die Kundgebung stattfinden, auf einem Gelände, das auf 5.000 Teilnehmer begrenzt wurde. Erwartet wurden laut Veranstalter jedoch 17.500 Menschen. Wohin sollten die Menschen gehen, wenn sie tatsächlich in dieser Anzahl erscheinen? Schon hier zeichnete sich ab, dass die Lage am Samstag nur schwer zu kontrollieren sein würde.
Und es kam, wie es kommen musste. Bereits um 12 Uhr – zu Beginn der Kundgebung – ließ die Polizei keine Demonstrationsteilnehmer mehr auf das zugewiesene Gelände. Unserer Einschätzung nach hielten sich zu diesem Zeitpunkt dort noch keine 5.000 Menschen auf. Im Gegensatz zur Polizei hatten wir allerdings nicht die Möglichkeit, die Menschen auch wirklich korrekt zu zählen.

Gegen 13 Uhr wurden dann wieder weitere Demonstrationsteilnehmer durchgelassen, und die "Schwanenwiese" begann sich zu füllen. Unser erster Eindruck war demnach vermutlich zutreffend. Eventuell hatte die Polizei zuvor auch deshalb blockiert, weil sich die bereits anwesenden Demonstranten nicht an die Hygienevorschriften hielten. Es wurden weder Masken getragen noch Abstände eingehalten.

Doch wohin sollten nun die vielen "abgewiesenen" Demonstranten gehen? Sie konnten sich ja nicht in Luft auflösen. In größeren Zügen bewegten sie sich in Richtung Innenstadt. Dreh- und Angelpunkt des Protestes war irgendwann nicht mehr die zugewiesene Schwanenwiese, sondern der "Friedrichsplatz" im Zentrum von Kassel gelegen. Dort sammelten sich die abgewiesenen Teilnehmer. Und offensichtlich von dort aus brachen sie auch in großen Gruppen auf, um lautstark durch die Stadt zu ziehen.

Wir haben einen dieser "wilden", weil unangemeldeten Demonstrationszüge über viele Kilometer begleitet. Es gab offensichtlich keine Route, keinen Plan, unserer Beobachtung nach aber auch keine Gewalt. Die sichtlich überforderte Polizei war angesichts der unvorhersehbaren Bewegungen kaum noch in der Lage, wenigstens den Straßenverkehr zu kontrollieren.

Ein zweiter Demonstrationszug, den wir am späten Nachmittag filmten, wurde hingegen von starken Einsatzkräften begleitet, die vorne neben den Demonstranten herliefen. Dieser Zug schien ebenfalls ziellos zu sein und löste sich dann urplötzlich auf. Wir waren soeben auf dem Weg zu Spitze dieses Zuges, als wir feststellten, dass hinter uns kaum noch jemand war. Die Polizei und auch wir standen mehr oder weniger plötzlich alleine da. Von den Demonstranten war nichts mehr zu sehen oder zu hören.

Auf dem Friedrichsplatz waren zu diesem Zeitpunkt noch immer einige Tausend Menschen versammelt. Die Stimmung war friedlich, das Publikum in jeder Hinsicht gemischt. Alt, jung, links, rechts – und größtenteils unauffällig. Es gab keinerlei Aggression. Bei vielen dieser Menschen hatten wir sogar den Eindruck, sie sind das erste Mal auf einer Demonstration.

Ab etwa gegen 18Uhr begann die Polizei, den Platz schrittweise zu räumen. Dabei kam es zu einigen wenigen Rangeleien und wohl auch zu vereinzelten Festnahmen. Insgesamt war das Vorgehen der Polizei aber überaus umsichtig. Auf Provokationen wurde nicht reagiert. Einige Demonstranten suchten auch das Gespräch. Letztendlich setzte sich die Polizei konsequent und mit minimalem Gewalteinsatz durch.

Die letzten verbliebenen Demonstranten wurden zur Feststellung der Personalien festgesetzt. Wir befanden uns ebenfalls umringt von Bereitschaftspolizei innerhalb eines "Kessels". Auch hier ist den Einsatzkräften keinerlei Vorwurf zu machen. Die Beamten verhielten sich vorbildlich.

Nach der Räumung des Friedrichsplatzes war die Demonstration dann endgültig aufgelöst.

Wir versuchen hier gar nicht zu behaupten, das gesamte Geschehen an diesem Tag beobachtet zu haben. Das war uns angesichts der sehr unübersichtlichen Lage auch nicht möglich. Die sehr reißerische Berichterstattung der großen Medien halten wir dennoch für absolut unverständlich. Es gab in Kassel keine "massiven Auseinandersetzungen". Es gab keine "Eskalation" und auch keine "Gewalt", über die zu berichten sich gelohnt hätte.

Was es in Kassel gab, das war der Versuch, eine Demonstration im Vorfeld zu verbieten – oder sie zumindest auf sehr wenige Teilnehmer zu begrenzen. Beides ist gescheitert, und zwar mit dem Ergebnis, dass am vergangenen Samstag Zigtausende von Demonstranten ohne Ziel, ohne Polizei und demnach auch ohne jegliche Kontrolle stundenlang durch die Stadt ziehen konnten. Der Alptraum jeder Einsatzleitung!

Dennoch berichtet kein einziges Medium von eingeworfenen Scheiben, geplünderten Geschäften oder brennenden Autos. Ebenso gibt es kein einziges Foto einer Barrikade, von Müllcontainern in Flammen oder aufgerissenem Straßenpflaster. Die wenigen vorhandenen "Aufnahmen von Gewalt" sind beinahe harmlos. Massive Auseinandersetzungen und Gewalt gab es nur im legendären Blätterwald. Einige Redaktionen scheinen sich die herbeigeschriebenen Zustände regelrecht ersehnt zu haben.

Berichte von Pöbeleien gegenüber Medienvertretern können wir hingegen durchaus bestätigen. Ein Kamerateam von RTL wurde vor unseren Augen angepöbelt und beleidigt. Eine angebliche Vertreterin von stern TV wurde ebenfalls und wiederholt massiv beleidigt.
Wir selbst waren kaum als Pressevertreter zu erkennen, da wir lediglich mit dem Smartphone ein Facebook-Live übertrugen. Allerdings trugen wir die vorgeschriebene Mund- Nasen-Bedeckung. Das machte uns in den Augen einiger Demonstranten vermutlich bereits zu "Gegnern". Ein offenbar angetrunkener Demonstrant wollte uns sogar das Smartphone entreißen, nur weil wir eine Maske trugen.

Die Pressestelle der Polizei Kassel machte bisher noch keine Angaben bezüglich der Vorgänge am Samstag. Telefonisch wurden wir auf eine Erklärung verwiesen, die im Laufe des Montags erscheinen werde. Wir werden diese Erklärung hier verlinken.

Nachtrag: Die Polizei Kassel hat auf ihrem Presseportal eine Erklärung abgegeben, die wir Ihnen wie angekündigt hier verlinken. Auch die vorläufige Erklärung der Polizei Kassel können Sie dort einsehen.

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