Meinung

Was wir in der COVID-Ära von Rammstein lernen können

Die Medien bombardieren uns mit der "Weisheit", dass COVID-19 uns unsere Sterblichkeit und biologische Begrenztheit lehre – und wir unsere Träume von der Naturbeherrschung aufgeben und unseren bescheidenen Platz in ihr akzeptieren sollten. Falsch, findet Slavoj Žižek.
Was wir in der COVID-Ära von Rammstein lernen könnenQuelle: Gettyimages.ru

von Slavoj Žižek

Gibt es eine ernüchterndere Lektion, als von einem Virus, einem primitiven, sich selbst reproduzierenden Mechanismus, den manche Biologen nicht einmal zu den Lebensformen zählen, gedemütigt und auf eine Beinahe-Impotenz reduziert zu werden? Kein Wunder, dass der Ruf nach einer neuen Ethik der Bescheidenheit und der globalen Solidarität laut wird.

Aber ist das die wahre Lektion, die hier zu lernen ist? Was, wenn das Problem mit dem Leben im Schatten einer Pandemie genau das Gegenteil ist: nicht der Tod, sondern das Leben, ein seltsames Leben, das sich hinzieht und uns weder in Ruhe leben noch schnell sterben lässt?

Was sollen wir also in dieser misslichen Lage mit unserem Leben anfangen?

Vielleicht gibt der Rammstein-Song "Dalai Lama" die richtige Antwort. Der Song basiert vage auf Goethes "Der Erlkönig", einem Gedicht, das von einem Vater und dessen Sohn erzählt, die auf einem Pferd reiten, als der Wind beginnt, das Kind zu hypnotisieren, das schließlich stirbt. Im Lied ist das Kind mit seinem Vater in einem Flugzeug; wie im Gedicht werden die Reisenden von einem mysteriösen Geist bedroht, der das Kind "einlädt", sich ihm anzuschließen (obwohl nur das Kind ihn hören kann). Im Gedicht jedoch reitet der alarmierte Vater, um Hilfe zu finden, hält das Kind in seinen Armen, nur um am Ende festzustellen, dass sein Sohn tot ist; in Rammsteins Lied ist es der Vater selbst, der den Tod des Kindes verursacht.

Was hat das alles mit dem Dalai Lama zu tun? Der Titel des Liedes macht sich nicht nur über die Flugangst des aktuellen Dalai Lama lustig – es gibt eine intimere Verbindung mit dem Kern der buddhistischen Lehre. Die Flugangst des Dalai Lama erinnert auf seltsame Weise an die Worte des "Herrn im Himmel" in Rammsteins Lied, der starke Turbulenzen verursacht, die das Kind töten werden: "Der Mensch gehört nicht in die Luft/So der Herr im Himmel ruft/Seine Söhne auf dem Wind".

Aber wie? Nicht nur, indem das Flugzeug abstürzt, sondern indem es direkt die Seele des Kindes heimsucht: "Aus den Wolken tropft ein Chor/Kriecht sich in das kleine Ohr/Komm her, bleib hier/Wir sind gut zu dir/Komm her, bleib hier/
Wir sind Brüder dir". Die Stimme des Teufels ist kein brutaler Schrei, sondern ein sanftes, liebevolles Flüstern.

Wir müssen leben, bis wir sterben

Diese Zweideutigkeit ist entscheidend: Die äußere rohe Bedrohung wird durch einen Chor verführerischer Stimmen verdoppelt, die nur das Kind hört. Das Kind kämpft gegen die Versuchung an, sich diesen Stimmen hinzugeben, aber der Vater, der es zu fest hält, um es zu schützen, bemerkt seine Atemnot nicht und "drückt die Seele aus dem Kind" (Man beachte das zweideutige Ende des Liedes: Der Text sagt nie, dass das Flugzeug wirklich abgestürzt ist, sondern nur, dass es starke Turbulenzen gab). Der Vater (der offensichtlich für den Dalai Lama steht) will das Kind vor der äußeren Bedrohung der Realität schützen, aber in seinem übermäßigen Schutz tötet er seinen Sohn – es gibt eine tiefere Identität zwischen dem Dalai Lama und dem "König aller Winde". Die offensichtliche Implikation ist, dass der buddhistische Schutz vor dem Schmerz und dem Leiden uns kastriert, uns vom Leben ausschließt. Um eine bekannte ironische Paraphrase der ersten Zeilen der DDR-Hymne zu zitieren, lautet die Botschaft des Dalai Lama also tatsächlich "Einverstanden mit Ruinen / Und in Zukunft abgebrannt".

Allerdings gibt "Dalai Lama" dieser pessimistischen Standardweisheit einen zusätzlichen Dreh – der zentrale Refrain des Liedes lautet: "Weiter, weiter ins Verderben/Wir müssen leben bis wir sterben" – das ist das, was Freud den "Todestrieb" in seiner reinsten Form nannte, nicht die Suche nach dem Tod selbst, sondern die Tatsache, dass wir leben müssen, bis wir sterben, dieses endlose Schleppen des Lebens, dieser endlose Zwang zur Wiederholung.

Der Refrain klingt wie eine leere tautologische Weisheit – wie "eine Minute bevor er starb, war Monsieur la Palice noch am Leben" – was man in Frankreich eine Lapalissade nennt. Aber Rammstein drehen die offensichtliche Aussage, dass "egal wie lange man lebt, am Ende wird man sterben", um: bis man stirbt, muss man leben. Was die Rammstein-Version nicht zu einer leeren Tautologie macht, ist die ethische Dimension: Bevor wir sterben, sind wir nicht nur (offensichtlich) am Leben, wir MÜSSEN leben.

Für uns Menschen ist das Leben eine Entscheidung, eine aktive Verpflichtung – wir können den Willen zu leben verlieren.

Diese Haltung des "wir müssen leben, bis wir sterben" ist heute die richtige, wenn die Pandemie uns alle an unsere Endlichkeit und Sterblichkeit erinnert, daran, wie unser Leben von einem undurchsichtigen Zusammenspiel von (für uns scheinbaren) Zufälligkeiten abhängt. Wie wir fast täglich erleben, ist das wahre Problem nicht, dass wir sterben könnten, sondern dass sich das Leben in der Ungewissheit hinzieht, was zu permanenter Depression führt, zum Verlust des Willens, weiterzumachen.

Wir MÜSSEN leben, bis wir sterben

Die Faszination der totalen Katastrophe und des Endes unserer Zivilisation macht uns zu Zuschauern, die den Zerfall der Normalität krankhaft genießen; diese Faszination wird oft durch ein falsches Schuldgefühl genährt (die Pandemie als Strafe für unsere dekadente Lebensweise usw.). Jetzt, mit dem Versprechen des Impfstoffs und der Verbreitung neuer Varianten des Virus, leben wir in einem schier endlos hinausgeschobenem Zusammenbruch.

Beachten Sie, wie sich der Zeitrahmen ändert: Im Frühjahr 2020 sagten die Behörden oft "in zwei Wochen sollte es besser werden"; dann, im Herbst 2020, waren es zwei Monate; jetzt ist es meist ein halbes Jahr (im Sommer 2021, vielleicht auch später, wird es besser); schon werden Stimmen laut, die das Ende der Pandemie auf 2022, sogar 2024 legen... Jeder Tag bringt Neuigkeiten – Impfstoffe wirken gegen neue Varianten, oder vielleicht auch nicht; der russische Impfstoff Sputnik V ist erst schlecht, aber dann scheint er doch ganz gut zu funktionieren; es gibt große Verzögerungen bei der Lieferung von Impfstoffen, aber die meisten von uns werden sich trotzdem bis zum Sommer impfen lassen... diese endlosen Oszillationen erzeugen offensichtlich auch ein eigenes Vergnügen, das es uns leichter macht, die Misere zu überstehen.

Wie in "Dalai Lama" ist COVID-19 die Turbulenz, die unser tägliches Leben erschüttert hat. Was provozierte die Wut der heutigen Götter? Waren sie beleidigt durch unsere biogenetischen Manipulationen und die Zerstörung der Umwelt? Und wer ist der Dalai Lama in unserer Realität? Für Giorgio Agamben und viele Demonstranten gegen Lockdowns und soziale Distanzierung ist der Dalai Lama, der vorgibt, uns zu beschützen, aber in Wirklichkeit unsere sozialen Freiheiten erstickt, die Obrigkeit, die uns zwar vorgeblich beschützen will, aber unsere Fähigkeit zu leben erstickt, bevor wir sterben müssen.

Wir müssen LEBEN, bis wir sterben

Agamben hat kürzlich ein kurzes Gedicht mit dem Titel Si è abolito l'amore geschrieben, das seine Position deutlich macht. Hier sind zwei Zeilen aus seinem Gedicht:

Wenn die Freiheit abgeschafft wird
im Namen der Medizin
dann wird auch die Medizin abgeschafft werden.
...

Wenn der Mensch abgeschafft wird
im Namen des Lebens
dann wird auch das Leben abgeschafft werden.

Man kann aber auch das genaue Gegenteil behaupten: Ist die von Agamben vertretene Haltung – bleiben wir bei unserem gesellschaftlichen Leben wie gehabt – nicht auch eine verführerische Engelsstimme, der wir widerstehen sollten? Agambens eigene Worte lassen sich umkehren und auf ihn zurückführen: "Wenn die Medizin im Namen der Freiheit abgeschafft wird, dann wird auch die Freiheit abgeschafft werden. Wenn das Leben im Namen des Menschen abgeschafft wird, dann wird auch der Mensch abgeschafft werden."

Der Rammstein-Gedanke "Wir müssen leben, bis wir sterben" skizziert einen Ausweg aus dieser Sackgasse: den Kampf gegen die Pandemie nicht als Rückzug aus dem Leben, sondern als einen Weg, mit höchster Intensität zu leben. Gibt es heute jemanden, der lebendiger ist als Millionen von Mitarbeitern im Gesundheitswesen, die mit vollem Bewusstsein täglich ihr Leben riskieren? Viele von ihnen sind gestorben, aber bis sie starben, waren sie lebendig. Sie opfern sich nicht nur für uns im Austausch für unser heuchlerisches Lob. Noch weniger könnte man sagen, dass sie Überlebensmaschinen sind, die auf das Nötigste reduziert sind. In der Tat sind sie diejenigen, die heute am lebendigsten sind.

RT DE bemüht sich um ein breites Meinungsspektrum. Gastbeiträge und Meinungsartikel müssen nicht die Sichtweise der Redaktion widerspiegeln.

Aus dem Englischen übersetzt. Slavoj Žižek ist Kulturphilosoph. Er ist leitender Wissenschaftler am Institut für Soziologie und Philosophie der Universität Ljubljana, weltweit anerkannter Professor für Deutsch an der New York University und internationaler Direktor des Birkbeck-Instituts für Geisteswissenschaften der Universität London.

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