Meinung

Die Erdoğan-Karikatur in Charlie Hebdo – oder: Über die Grenzen der Satire

Die Mohammed-Karikaturen hängen wie ein Damoklesschwert über jedem satirischen Beitrag oder jeder Karikatur, die den Islam zur Zielscheibe macht. Nun hat – wieder einmal – "Charlie Hebdo" eine umstrittene Karikatur des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan veröffentlicht.
Die Erdoğan-Karikatur in Charlie Hebdo – oder: Über die Grenzen der SatireQuelle: www.globallookpress.com

von Havva Kökbudak

Am Dienstagabend schon war die Titelseite der Satire-Zeitschrift Charlie Hebdo mit der Erdoğan-Karikatur auf Twitter zu sehen: Auf dem Cover ist zu sehen, wie er es sich in seiner privaten Umgebung auf seinem Sessel, nur mit Unterhemd und Unterhose bekleidet und mit einer Dose in der Hand – was in der Dose ist, ob Cola oder Bier, ist wohl der Fantasie der Betrachter überlassen – gemütlich gemacht hat und lüstern den Rock einer nach strenggläubigen islamischen Kleidungsvorschriften gekleideten Frau anhebt, sodass der pralle nackte Hintern der Dame zum Vorschein kommt.

Die junge Dame – die eindeutig nicht die First Lady Emine Erdoğan ist, denn wäre dies der Fall, hätte Charlie Hebdo sicherlich auch sie entsprechend karikiert – trägt ein Tablett mit Gläsern, die zumindest in der europäischen Trinkkultur für alkoholische Getränke vorgesehen sind. Er hebt also den Rock, legt so den Blick auf den Po der Frau frei und ruft Folgendes aus: "Ouuuh! Le prophète! – Ohhh! Der Prophet!"  

Man kann über diese satirische Kreation lachen oder eben nicht – oder einfach nur abwinken. Diejenigen, die die Zeichnung aus unterschiedlichen Gründen nicht lustig finden, sind ebenso frei, sich über die misslungene Qualität etc. zu äußern, ohne in obszöne Beleidigungen zu verfallen, die mehr über den Geisteszustand des Beleidigers selbst aussagen als über die ihnen missfallende Karikatur.

Das Übrige fällt unter freie Meinungsäußerung, und die ist nicht antastbar. Punkt. Unter diesen Gesichtspunkt will ich auch diesen Artikel gestellt wissen.

Die Frage, die mich hier beschäftigt, ist vielmehr, was außerhalb der Karikatur an sich, aber in Bezug auf die Karikatur selbst passiert. Denn die oben beschriebene Erdoğan-Karikatur fällt in einen politischen Kontext und ist auch demselben Kontext heraus entstanden, der hochexplosiv, um nicht zu sagen mörderisch ist.

Die Frage nach der Verantwortung der Satire

In unserem Fall hier "enthüllt" die satirische Darstellung Charlie Hebdos, dass der türkische Staatspräsident eigentlich privat so griesgrämig doch gar nicht ist, sich im Grunde selbst über seinen eigenen Glauben lustig macht und freizügiger und "europäischer" ist, als er zugeben will. Das ist tatsächlich eine Vorstellung, über man lauthals lachen könnte … wenn man heute davon ausgehen könnte, dass die Karikatur nur von Menschen gesehen und bewertet würde, für die die Freiheit der Meinungsäußerung ein fester Bestandteil der Lebensweise ist. Dem ist aber nicht so.

Charlie Hebdo musste die mörderischen Folgen der Mohammed-Karikaturen am 7. Januar 2015 am eigenen Leib erfahren. Das Magazin hatte zwölf seiner Mitarbeiter bei einem islamistischen Angriff verloren. Auch die brutale Enthauptung des Lehrers Samuel Paty, der seinen Schülern mit denselben Mohammed-Karikaturen die Freiheit erklären wollte, ohne Angst zu sagen, was sie denken, wird uns noch lange das Blut in den Adern gefrieren lassen, sobald wir an dieses entsetzliche Verbrechen denken.

Provokation und Zuspitzung sind das tägliche Geschäft der Satiriker. Sie dürfen alles und sollen es dürfen. Lachend zur Freiheit und Gerechtigkeit, dadurch, dass Herrschende durch den Kakao ihrer gewissenlosen und verlogenen Politik gezogen werden und dabei ein mehr oder weniger dicker Schleier vor den Augen des Volkes sich hebt und die Bescherung deutlich vor Augen liegt.

Für die Islamisten ist die Frage, ob die Erdoğan-Karikatur antimuslimisch oder "kultureller Rassismus" ist, wie Erdoğan behauptet, nicht von Belang. Wir diskutieren darüber, nicht sie. Sie sehen ein Bild ihres Propheten "anders" dargestellt, als sie ihn sehen wollen. Sie sehen das Bild der Muslima, deren nackter Hintern abgebildet ist. Das ist ein Affront für strenggläubige Muslime, die nicht die Karikatur als solche sehen, sondern ein Eins-zu-eins-Abbild der Sichtweise des Zeichners.

Angesichts der Folgen, die die Karikaturen des Propheten Mohammed mit sich brachten, wäre es für Charlie Hebdo ratsam gewesen, nicht auf den Expresszug der Gewalt aufzusteigen, den die Islamisten volle Kraft voraus fahren und nur auf eine Gelegenheit warten, auf etwas, was sie als Angriff auf den Islam sehen, reagieren zu können. So eine Gelegenheit scheint mit der Erdoğan-Karikatur, in der der türkische Präsident auf den Hintern der Frau schaut und "Oh, der Prophet!" ruft, wieder gegeben zu sein. 

Die müßige Frage nach dem "Cui bono?"

Diese Karikatur kam für Erdoğan gerade zur rechten Zeit – und aus dem richtigen Ort: aus Europa und – noch besser – aus Frankreich! Woher auch sonst?

Denn die Türkei liegt mit dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron nicht erst seit dem Bergkarabach-Konflikt im Clinch, in dem beide Seiten die jeweils gegnerische Seite unterstützen: Die Türkei unterstützt "mit allen Mitteln" Aserbaidschan, und Frankreich, nicht zuletzt wegen der großen christlichen armenischen Gemeinde im Land, unterstützt Armenien.

Auch in Libyen kämpfte die Türkei – auch mit allen Mittel, wie unter anderem mit islamistischen Milizen aus Syrien – an der Seite der "international anerkannten" libyschen Regierung, während Frankreich am Ende doch dem "abtrünnigen" General Khalifa Haftar beistand.

Im östlichen Mittelmeer sind beide Länder erbitterte Gegner: Die Türkei sucht mit ihren Erkundungsschiffen und zeitweise in militärischer Begleitung in einem Meeresgebiet, das Griechenland als seine ausschließliche Wirtschaftszone deklarierte, nach Erdgas. In diesem Streit um Bodenschätze und Hoheitsgebiete steht Frankreich auf der Seite Griechenlands. Will Griechenland gegen die Türkei aufrüsten. Französische Kampfjets und -hubschrauber, Torpedos und Fregatten stehen auf der Einkaufliste Athens. Die Angst vor der Türkei nützt der französischen Rüstungsindustrie.

Wird mit dem Finger auf Erdoğan gezeigt, bleiben französische Hintergründe und Interessen in diesen Konflikten – auch und vor allem für die Bevölkerung Frankreichs – unsichtbar.

Als Präsident eines Landes, dessen politische Klasse der Türkei und Europa permanent vor Augen zu führen bestrebt ist, dass die Türkei mit ihrer eigentümlichen Kultur nicht in die Europäische Union passt, hätte Macron keine schönere Bestätigung erfahren können.

Glücklicher hätte Charlie Hebdo auch Erdoğan nicht machen können, denn dieser wurde in seiner bisherigen Rhetorik gegen Europa und seiner Europa-Politik vollauf bestätigt. Zu keiner Zeit ist die Türkei weiter von einer EU-Mitgliedschaft entfernt als in seiner Amtszeit. Die Türkei ist seit Erdoğan in den Augen seiner Wähler nicht mehr der ewige EU-Anwärter, sondern ein Global Player. Mit Erdoğans expansiver Außenpolitik, insbesondere in den Regionen, die einmal zum  osmanischen Imperium gehörten und islamisch geprägt sind, werde die Türkei wieder zu einer imperialen Großmacht aufsteigen, so ihre Hoffnung.

Darüber hinaus schenkte Charlie Hebdo dem türkischen Präsidenten eine unerwartete Ablenkung von der miserablen wirtschaftlichen Lage im Land, von der stetig sinkenden Kaufkraft und den wachsenden Schulden. Hier hat er wieder einen sichtbaren "Beweis" zur Hand, der der türkischen Bevölkerung vor Augen führt, dass "äußere Mächte" am Werk sind, die die Entwicklung der Türkei zu einer mächtigen Nation verhindern wollen. Das saniert auch die seit einiger Zeit sinkenden Umfragewerte Erdoğans.

Viele Muslime nicht nur in der Türkei, sondern auch in Europa und weltweit, die in der Karikatur wieder eine Ablehnung ihrer Identität wahrnehmen dürften, könnten sich vom Affront gegen die Person Erdoğans stellvertretend angegriffen fühlen. Dies kann dazu führen, dass sie sich massenhaft um die zentrale Figur des politischen Islam Erdoğan scharen. Erdoğan hätte leichteres Spiel in der Durchsetzung seiner regionalen Machtpläne.

Der türkische Präsident ist ein Meister der Instrumentalisierung. So virtuos, wie er den Islam politisiert hat, um an die Macht zu kommen und an der Macht zu bleiben, wird er auch mit der Karikatur verfahren. Er wird allen vorführen, wie er die Opferrolle, die ihm Charlie Hebdo auf einem Silbertablett angeboten hat, dankbar annimmt, um sich dann zum Chefankläger gegen jede Art der Kritik am Islam aufzuschwingen. Die Islamisten wüßten ihn somit -inoffiziell, versteht sich- hinter sich. 

Um welche Wahrheit geht es Charlie Hebdo?

Satire sucht nach Fehlern im System. Satire spitzt zu und trifft damit in den meisten Fällen die Herrschenden.

Satire bestätigt die Herrschenden nicht in ihren Vorhaben und liefert ihnen keine Steilvorlage, um ihre Macht auszubauen.

"Echte Satire", sagt Kurt Tucholsky, "ist blutreinigend: und wer gesundes Blut hat, der hat auch einen starken Teint. Was darf Satire? Alles." Und wann ist Satire echte Satire? Auch diese Frage erhellt Tucholsky mit folgendem Satz: "Sie bläst die Wahrheit auf, damit sie deutlicher wird."

Darum geht es der Satire also. Um die Wahrheit. Unter diesem Aspekt sollten wir die Erdoğan-Karikatur, und vielleicht auch die Mohammed-Karikaturen, noch einmal betrachten. Wenn Satire gefährlich wird, und zwar ausgerechnet für diejenigen, für die sie zu sprechen vorgibt, die ungerecht Behandelten, die Leidenden, die Unterdrückten, und gewollt oder ungewollt mit den Herrschenden gemeinsame Sache macht und Abgründe in die bereits vorhandenen tiefen politischen und sozialen Gräben reißt, dann läuft etwas schief.

Satire muss aus der Realität in die Realität hineindenken, sie darf nicht in eine Provokation nur um der Provokation willen abgleiten, die am Ende in pure Aggression unter dem Schutzschild der freien Meinungsäußerung entartet.

Mit dem blutigen 7. Januar 2015 im Gedächtnis sah sich Charlie Hebdo nach der Enthauptung des Lehrers Paty und dem Zerwürfnis Macrons mit Erdoğan – dieser hatte in einer Rede Zweifel an der geistigen Gesundheit des französischen Präsidenten geäußert – mit einer "Jetzt erst recht!"-Haltung am Zug und setzte mit der Erdoğan-Karikatur im Namen der Presse- und Meinungsfreiheit sozusagen "noch einen drauf". Über die möglichen Konsequenzen muss sich das Magazin im Klaren gewesen sein. Charlie Hebdo hatte die Stirn, den Teufelskreis zu perpetuieren. Zu welchem Preis, wurde uns am Donnerstag, den 29. Oktober, einen Tag nach der Veröffentlichung der Karikatur; mit drei Mordopfern des islamistischen Terrors in der Kirche Basilique Notre-Dame in Nizza vor Augen geführt.

Dass der türkische Staatspräsident oder die islamischen Fundamentalisten plötzlich einen gewissen Humor entwickeln, über die Erdoğan-Karikatur lachen oder zumindest mit dem Magazin ins Gespräch treten, kann Charlie Hebdo nicht erwartet haben. Es bediente auf der einen Seite seine "islamkritische" Klientel und alle fundamentalistischen Vorurteile, auf der anderen Seite Macrons und Erdoğans spalterische, polarisierende Politik. Mit allen Konsequenzen.

Anmerkung der Redaktion: Die Autorin änderte das Adjektiv "illoyal" für General Khalifa Haftar in "abtrünnig". Das Wort hat sie zudem in Anführungsstriche gesetzt, um seine Anwendung in ihrem Artikel von der Anwendung in dem Mainstream zu unterscheiden. Für Missverständnisse bittet sie um Nachsicht.

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