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NYT: US-Sondereinheit wies statt IS unbekümmert Zivilisten als Ziele zu

Talon Anvil, eine US-Sondereinheit, die in Syrien im Kampf gegen die Terrormiliz IS die Luftangriffe koordinierte, ließ oft statt angeblicher Terroristen in Wahrheit Zivilisten angreifen. Dies führte zu zehnmal so hohen zivilen Opferzahlen wie bei ähnlichen Operationen in Afghanistan, so die NYT.
NYT: US-Sondereinheit wies statt IS unbekümmert Zivilisten als Ziele zuQuelle: www.globallookpress.com © Andreas Franke

von Dmitri Gukow

Talon Anvil war eine hochgeheime Kommandoeinheit unter der Leitung der US-Sondereinheit Delta Force, die in Syrien und im Irak die Angriffe der US-Luftwaffe auf Stellungen der Terrormiliz Islamischer Staat mittels Drohnen koordinierte oder die Einsätze auch selbst mittels Drohnen flog. Dabei prüfte sie die Ziele oft nur unzureichend und hat sich so für enorm hohe Opferzahlen unter der Zivilbevölkerung verantwortlich gemacht. Dies berichtete die New York Times am Sonntag unter Berufung auf anonyme ehemalige und aktive Mitarbeiter beim US-Militär und bei den US-Geheimdiensten. Diesen Quellen zufolge weigerten sich sogar innerhalb der Einsatzgruppe selbst einige Militärangehörige, Luftangriffe auf Menschen zu koordinieren, die allem Anschein nach an Kämpfen unbeteiligt waren.  

Rezept für ein Desaster: Ungeduld und Gleichgültigkeit – und massive Feuerkraft auf Abruf

Talon Anvil habe selten mit mehr als 20 Mann operiert – dafür konnte sie aber dennoch die von ihr zugewiesenen Ziele mit reichlich Feuerkraft bedient wissen: Etwa 112.000 Lenkraketen und Bomben, so die NYT, könnten in den genannten Jahren auf ihre Zuweisung hin zu ihren Zielen geflogen worden sein. Es wird darauf hingewiesen, dass viele der Angriffe gar nicht im Auftrag hochrangiger Militärs geschahen – sondern auf Initiative rangniedrigerer Kommandeure von der Sondereinheit Delta Force innerhalb der Einsatzgruppe selbst angeordnet oder geflogen wurden. Dabei pflegten die Soldaten und Offiziere eine eher "lockere Auslegung" der im US-Militär geltenden Einsatzregeln – oder umgingen sie sogar gänzlich.

Talon Anvil habe die Sicherheitsvorschriften missachtet und die Informationen, die sie über die Standorte von Konvois des IS, über mit Sprengstoff präparierte Fahrzeuge und über angebliche Kommandozentralen der Terrormiliz erhalten habe, vor der Weiterleitung als Zielkoordinaten an die US-Luftwaffe oder dem Einsatz der ihr selbst unterstellten Angriffsdrohnen nicht immer sorgfältig geprüft. Die Arbeitsweise der Einsatzgruppe, die in den Jahren 2014 bis 2019 operierte, habe bei anderen US-Militärs sowie bei beteiligten CIA-Beamten gar "Besorgnis" ausgelöst – denn Bauern bei der Ernte, in den Straßen spielende Kinder, Familien, die vor akuten Kämpfen fliehen wollten, und Menschen, die in Gebäuden Schutz vor den Kampfhandlungen suchten, wurden ebenfalls Opfer von US-Luftangriffen. So kamen bei einem Luftangriff auf durch Talon Anvil zugewiesene Ziele nahe der Stadt al-Baghuz im März 2019 Dutzende Frauen und Kinder ums Leben, wie erst im November 2021 bekannt wurde; US-Verteidigungsminister Lloyd Austin ordnete nun eine Ermittlung in diesem Fall an.

Doch dieser Vorfall soll nur einer von einer ganzen Reihe ähnlicher Vorfälle gewesen sein, die sich in ein Muster mindestens bewusster Fahrlässigkeit einreihen.

Mit jedem Einsatzjahr von Talon Anvil wuchs auch der relative Anteil der Zahl ziviler Opfer im Zusammenhang mit der Einheit, erklärte Larry Lewis, ehemaliger Berater beim Pentagon und im US-Außenministerium – ein Mitautor des Berichts des US-Verteidigungsministeriums zu zivilen Opfern vom Jahr 2018.  

Er hatte auch Einsicht in die Daten zu ähnlichen Operationen der US-Streitkräfte in Afghanistan – im Vergleich zu diesen seien die Opferzahlen unter Zivilisten infolge der von der Einsatzgruppe geleiteten Angriffe zehnmal so hoch.

"Sie waren viel höher als ich von einer US-Einheit erwartet hätte. Und dass sie dramatisch und stetig über mehrere Jahre anwuchsen, versetzte mir einen Schock."

Die Gesprächspartner der New York Times zu diesem Thema erklärten, in  jeweils unterschiedlichen Bereichen in die US-Kriegshandlungen in Syrien involviert gewesen zu sein und dabei mit oder auch als Teil von Talon Anvil zu tun gehabt zu haben – doch alle entwickelten sie eine Besorgnis über deren Vorgehensweise.

Kämpfer oder Kinder? Teils verweigerten Bomberpiloten den Bombenabwurf

Zu besagten Gesprächspartnern gehörten CIA-Beamte, die in tagelangen Einsätzen von Aufklärungsdrohnen beschaffte Information über mögliche Ziele für Luftangriffe an Talon Anvil zur Überprüfung und gegebenenfalls zwecks konkreter Zielzuweisung oder zum Anfliegen per Drohne leiteten. Sie waren vom Vorgehen der Einsatzgruppe schockiert – die Offiziere bei Talon Anvil "warteten nicht immer gern" und zeigten beim Anordnen der Luftangriffe, für die sie ebenfalls mittels unbemannter Fluggeräte die Zielzuweisung oder auch die Angriffe  übernahmen, "wenig Rücksicht auf Zivilisten", so die Geheimdienstler gegenüber dem US-Blatt.

Die beteiligten CIA-Mitarbeiter und deren Vorgesetzte hätten Berichte über die sich abzeichnende alarmierende Situation an den Generalintendanten des US-Militärs sowie an das JSOC (Joint Special Operations Command: die Kommandozentrale zur Leitung von Verbundoperationen unter Teilnahme mehrerer Spezialeinheiten) adressiert. Die darin geäußerten Besorgnisse seien allem Anschein nach nie ernstgenommen worden.

Auch einige Bomberpiloten der US Air Force sollen sich manchmal einfach geweigert haben, ihre Bomben abzuwerfen – dann nämlich, wenn sie den Verdacht schöpften, Talon Anvil hätte ihnen für ihre todbringende Fracht fragwürdige Ziele in dicht besiedelten Gebieten zugewiesen; eigene Aufklärungseinheiten der US-Luftwaffe hätten sich dann mit der Einsatzgruppe oft heftige Wortgefechte geliefert, ob es bei den von Drohnen ausgespähten Menschen um Kämpfer gehe – oder nicht viel eher um Kinder!

Beide Augen zudrücken – wie man Ermittlung von Kriegsverbrechen erschwert

Die von der Delta Force gestellten Operateure der Talon Anvil drängten die Analytiker der Luftwaffe zu Aussagen, angeblich "Waffen" gesehen zu haben, was dann einen Angriff rechtfertigen würde – allerdings auch dann, wenn das jeweils zu analysierende Videomaterial das gar nicht hergab. Verweigerte ein Air Force-Analytiker solche Angaben – so berichtet einer der anonymen Gesprächspartner dem US-Blatt – beantragte die Einsatzgruppe, dass er ausgetauscht werde.

Nun jedoch werde jegliches von Drohnen stammendes Videomaterial  beim US-Militär zentral gespeichert und verwahrt, merkt die NYT beschwichtigend an. Zudem werden nun – laut einem der US-Luftwaffenangehörigen, die mit den Journalisten des Blattes sprachen – Drohnenoperateure darauf trainiert, das jeweilige Ziel eines Angriffes auch eine Zeitlang nach diesem Angriff im Fokus zu behalten, sodass eine Schadenseinschätzung vorgenommen werden kann. Darum versuchten die Mitglieder der Einsatzgruppe ab einem gewissen Zeitpunkt vorausschauend, möglichen künftigen Ermittlungen zu entgehen: Dafür wurde dann – so der Militär – die Kamera in den jeweils entscheidenden Momenten "verrissen" – so, als hätte ein plötzlicher Windstoß die Drohne abdrehen lassen. Erst nachdem er solches Verreißen der Blickrichtung immer wieder auf verschiedenen Videoaufnahmen beobachten konnte, sei seine Überzeugung gewachsen, auch dies sei mit voller Absicht so geschehen.

Ein anderer Gesprächspartner der NYT von der US-Luftwaffe gab sogar an, die Talon Anvil-Operateure hätten ab einem bestimmten Zeitpunkt begonnen, Drohnen, die die jeweiligen Ziele bei einem Angriff entweder nicht mehr anvisieren mussten oder aber von vornherein ausschließlich zur Beobachtung dienten, vorsorglich beizeiten von den Zielen wegzusteuern.

Die Anwendung derartiger Taktiken wurde der New York Times auch von einem ehemaligen Mitglied der Einsatzgruppe selbst bestätigt, heißt es.

US-Militär unter "Leistungsdruck" – und blutiger Wahnsinn das Ergebnis

Die Gründe für solch unverzeihliche Fahrlässigkeiten, die sich in einer Reihe von Fällen mindestens hart an der Grenze zu Kriegsverbrechen bewegten, sind indes in den Führungsetagen des US-Militärs zu suchen.

Schon in den frühen Tagen der "Operation Inherent Resolve", der US-geleiteten Kampagne gegen die Terrormiliz Islamischer Staat im Irak und in Syrien, fand sich das US-Militär außerstande, mit der Entwicklung der Geschehnisse Schritt zu halten. Die Gründe dafür seien laut einem Bericht der US-Denkfabrik Rand Corporation darin zu finden, dass Luftangriffe nur von Generälen autorisiert werden konnten.

Bei 74 Prozent aller Luftangriffe kehrten die Luftfahrzeuge zu ihren Stützpunkten zurück, gänzlich ohne ihre Waffen abgefeuert zu haben – folglich wären die Bodentruppen bei ihren Angriffen ohne Luftunterstützung geblieben, worauf die Offensive ins Stocken geraten wäre. Als Armeegeneral Stephen J. Townsend das Kommando übernahm, veranlasste er, dass nun auch unmittelbar am Kampfgeschehen beteiligte befehlshabende Offiziere Luftangriffe anordnen konnten. Und im Falle der Einsatzgruppe Talon Anvil und der ihr übergeordneten Task Force 9 war dies der jeweilige diensthabende leitende Operateur der Delta Force, der für gewöhnlich im Rang nicht über einem Master Sergeant stand, so die NYT mit Verweis auf einen anonymen ranghohen Offizier oder Beamten mit großer Einsatzerfahrung in Syrien und im Irak.

Die Tragweite dieser Organisationsentscheidung wurde dadurch noch vergrößert, dass die Einsatzgruppe Talon Anvil mit Angehörigen der Delta Force ohnehin schon von und mit Militärspezialisten eines gänzlich anderen Bereichs geleitet und besetzt wurde – kämpfen diese doch bei militärischen Spezialaktionen normalerweise hinter den feindlichen Linien oder führen Antiterroreinsätze außerhalb der USA durch. Zwar fällt in den Aufgabenbereich der Delta Force auch noch die Aufklärung, womit sie auch für die Aufgabe der Zielzuweisung für Luftangriffe und für den eigenständigen Einsatz von Kampfdrohnen bestens geeignet wären. Wohl wurden bei der oben beschriebenen Entscheidung von General Townsend auch Regeln eigens dafür eingeführt, um bei den Luftangriffen Opfer unter Zivilisten möglichst zu vermeiden: Die Ziele sollten gründlich identifiziert und Risiken für Zivilisten vermieden oder – besser noch – völlig ausgeschlossen werden.

Doch dies bedeutete, vor den Angriffen die Zielgebiete stundenlang mit Drohnen zu überfliegen. Und der Druck, mittels Luftunterstützung das Vorankommen einer ausgewachsenen Offensive nicht nur der US-Truppen, sondern auch verbündeter Militärs und arabischer und kurdischer Milizen sowie den Schutz all dieser Truppen vor Gegenangriffen zu gewährleisten, lastete immer noch auf einer Einsatzgruppe von nur etwa 20 Mann, aufgeteilt auf drei achtstündige Schichten. Denn angemessen aufgestockt wurde die Gruppe dafür nicht – aber man bedenke, wieviel Munition in den fünf Jahren auf all jene von nur dieser Gruppe ausgemachte Ziele verfeuert wurde.

Verrohung bis zum Verlust jeder Menschlichkeit

Ein ehemaliges Talon Anvil-Mitglied erklärte gegenüber der NYT, zwar seien bei der überwiegenden Mehrzahl der von der Gruppe angeordneten oder geflogenen Luftangriffe wirklich nur feindliche Kämpfer ums Leben gekommen – gleichzeitig aber zeigten die Delta Force-Operateure eindeutig einen Hang zur Angriffslust und "fanden" in ihrem Verantwortungsgebiet auch dann vermeintlich feindliche Ziele, wenn die Anzeichen dafür mehr als fragwürdig waren. Er führte das Problem darauf zurück, dass sie zwar als Elite-Kommandokämpfer ausgebildet worden waren – aber kaum Erfahrung bei der Zielzuweisung oder Feuerkoordinierung hätten. Außerdem, so der Militär, hätten bei ihnen die Rotationsfristen von ganzen vier Monaten zur Verrohung bis hin zum Verlust der Menschlichkeit geführt, da sie in der Zeit tagtäglich einen Luftangriff nach dem anderen anordneten oder flogen und alle Ergebnisse dessen durch die Drohnenkameras sehen konnten.

Eine ähnliche Verrohung konnte auch einer der vom US-Blatt befragten US-Luftwaffenoffiziere, der mit der Einsatzgruppe zusammenarbeitete, bei sich selbst beobachten. Nur wirklich krasse Fälle der Fehlerfassung von Zielen seien ihm dann noch aufgefallen – wie etwa im Fall dreier Bauern, die nahe der Stadt Manbidsch in einem Olivengarten fernab vom Kampfgeschehen arbeiteten, oder jener Familien, die im Juni 2017 bei ihrer Flucht aus dem umkämpften ar-Raqqa auf improvisierten Flößen den Euphrat überqueren wollten. In beiden Fällen hielt man die Zivilisten für Kämpfer des IS oder einer mit ihm verbündeten Miliz. Im ersten Fall führte ein Angriff mit einer Lenkrakete zu drei Opfern, im zweiten zu mindestens 30 Opfern, deren Leichen "im grünlichen Wasser dahintrieben".

Somit muss festgehalten werden, dass im Falle einer wahrheitsgemäßen Berichterstattung durch die New York Times und ihre anonymen Gesprächspartner die Hauptschuld für die immer noch nicht genau abgeschätzte Zahl unnötiger Zivilopfer der US-Luftangriffe mit Bombern und Drohnen im Irak und Syrien bei der Führungsriege des US-Militärs liegt. Diese betraute nicht nur (wenn auch gut ausgebildete) "Quereinsteiger" mit der Aufgabe der Zielzuweisung, sondern vor allem viel zu wenige von ihnen, und das auch noch für zu viele potenzielle Ziele: Die NYT merkt an, dass in der übergreifenden Einsatzgruppe Task Force 9 (innerhalb derer etwa Green Berets verbündete kurdische und arabische Milizen trainierten und in denen weitere Delta Force-Mitglieder aktiv waren oder auch Kommandoeinsätze gegen wichtige Ziele durchführten) neben Talon Anvil eine zweite Untergruppe mit der Zielzuweisung für Luftangriffe und mit Drohnenangriffen betraut war. Diese soll ebenfalls mit Mitgliedern der Delta Force besetzt gewesen sein und sollte im Auftrag der CIA hochrangigere IS-Figuren ausschalten. Auf das Konto dieser Einsatzgruppe gehe jedoch im Vergleich zu Talon Anvil nur ein Bruchteil der Luftangriffe, und sie hätten ihre Ziele tage- und wochenlang per Drohnen beschattet. Die Vermutung drängt sich auf, dass es im Rahmen der von dieser Gruppe koordinierten oder geflogenen Angriffe im Verhältnis viel weniger zivile Opfer gegeben haben muss.

Die kriminelle Energie der Ausführenden – Verteidigung ist der beste Angriff

Allerdings befreit dieser Umstand die Einsatzgruppe der Talon Anvil, die die Luftunterstützung der Bodentruppen der USA und ihrer Verbündeter in Syrien und im Irak übernahm,  als Ausführende dieser Aufgabe keineswegs von ihrer eigenen Schuld. Einer Teilschuld an dem, was sich – falls es sich wirklich so zutrug – ohne Weiteres als Kriegsverbrechen bezeichnen ließe.

Die Einsatzregeln zur Vermeidung von zivilen Opfern bei der Zielzuweisung für Luftangriffe und für das Durchführen von Drohnenangriffen bei der "Operation Inherent Resolve" bezogen sich nämlich vor allem auf Luftunterstützung im Rahmen eigener Angriffe. Hingegen waren ähnliche Regeln für dieselben Aktivitäten im Rahmen der Verteidigung eigener oder verbündeter Truppen vor unmittelbar bevorstehenden oder auch drohenden Angriffen des Gegners weitaus weniger strikt – und die Delta Force-Operateure nutzten diesen Umstand als Hintertür aus. Ein ehemaliger Operateur erklärte der New York Times, diese Taktik sei ab Frühjahr 2017 unter dem Druck, mit der eigenen Offensive bei deren Unterstützung aus der Luft mithalten zu müssen, etabliert worden. Nahezu jeder von der Talon Anvil angeordnete Luftangriff, für den sie die Ziele zuwies oder den sie selbst mit Angriffsdrohnen flog, wäre seitdem als Selbstverteidigung deklariert worden. Dabei gingen die Drohnenoperateure auch dann ohne jegliche Rücksicht auf die Gefahr von Opfern unter Zivilisten vor, wenn sich die Ziele meilenweit von jeglichem Kampfgeschehen befanden, wie zwei Mitglieder der Einsatzgruppe zugaben.

Ein diensthoher Militär mit Kenntnissen über Talon Anvil soll dem US-Blatt mitgeteilt haben, Entscheidungen darüber, was eine "unmittelbare Bedrohung" darstellte, wären hochgradig subjektiv gefällt worden.

Ein Teufelskreis blutrünstiger Fahrlässigkeit

Zwar warnen die geheim gehaltenen Einsatzregeln davor, die lascheren in Verteidigungsfällen geltenden Regeln für Angriffe zu missbrauchen, erklärten der NYT zwei Offiziere, die Kenntnis von diesen Regeln haben sollen. Doch für den kollektiven Geist von Talon Anvil habe sich gerade in den Verteidigungsregeln eine gewisse – fragwürdige – Logik offenbart, so ein ehemaliges Mitglied gegenüber dem US-Blatt: Wenn diese Regeln einen Teil der Angriffe an der Front erfassen, warum dann nicht auch Angriffe auf Ziele in zig Kilometern Entfernung – die aber irgendwann an die Front gelangen könnten? Doch die so erwirkte zusätzliche Beschleunigung der Luftangriffe bedeutete – zumal angesichts der nach wie vor nur etwa 20-köpfigen Besetzung der Einsatzgruppe –, dass für die Überprüfung der Zieldaten und für Maßnahmen gegen das Risiko von Zivilopfern noch weniger Zeit blieb. Auch dann, wenn die Aufklärungsdaten zu möglichen Zielen von verbündeten arabischen oder kurdischen Milizen stammten und als solche recht "wackelig" waren und besonders genauer Prüfung bedurften, verließ sich Talon Anvil bedenkenlos darauf und ordnete Luftangriffe an, so die vier Militärs, die mit der Einsatzgruppe zusammengearbeitet hatten.

Zu bedenken sind an dieser Stelle auch die weiter oben geschilderten Versuche, die Aufnahme von eindeutigem Videomaterial vom Einsatz zu sabotieren. Falls die Schilderungen so wahr sind, wussten die Beteiligten ganz genau, dass zumindest einige der Angriffe ganz bewusst Zivilisten das Leben kostete – und ordneten die Angriffe dennoch an, beziehungsweise flogen sie selbst mit den Drohnen.

"Findet uns viele Ziele – wir wollen die Winchester sprechen lassen"

Der Aufklärungsoffizier der US-Luftwaffe, so die New York Times, wusste von einem solchen Angriff mit einer Drohne des Typs Predator zu berichten, der als nur ein Beispiel für die unzulässige Vorgehensweise von Talon Anvil besonders herausragend sei. Er habe ihn live von einer Einsatzzentrale in den USA aus beobachtet. Der Angriff sei im März 2017 in Vorbereitung einer für eine Woche später geplanten Offensive der US-Verbündeten geflogen worden. Dabei sollten möglichst viele gegnerische Stellungen in oder um al-Karama im District ar-Raqqa außer Gefecht gesetzt werden, einer Ortschaft in Syrien von überwiegend landwirtschaftlicher Bedeutung.

Es sei keinerlei Bewegung zu beobachten gewesen, auch durch die Infrarotkameras nicht. Ein Operateur der Delta Force soll in den Einsatz-Chat geschrieben haben:

"Alle Zivilisten sind aus dieser Gegend geflohen. Alle, die noch verbleiben, sind feindliche Kämpfer. Findet uns viele Ziele, weil wir heute die Winchester sprechen lassen wollen."

Der Ausdruck "to go Winchester" bedeute, alle Lenkflugkörper und 227-Kilogramm-Bomben an Bord der Drohne zu verschießen. Eine weitere Nachricht im Einsatz-Chat besagte, ein Gebäude sei von Bodentruppen als Ausbildungszentrum des Feindes ausgemacht worden – dieses wurde alsbald anvisiert. Ohne Bestätigung abzuwarten, ließ der Operateur die Drohne eine Bombe auf dessen Dach abwerfen.

"Frauen und Kinder torkelten heraus – manchen fehlten Gliedmaßen, andere schleppten Tote mit"

Als der Rauch und Staub verflogen, soll sich den Beobachtern der US-Luftwaffe ein schreckliches Bild geboten haben: Frauen und Kinder torkelten aus dem teils zusammengestürzten Gebäude. Manchen fehlten Gliedmaßen, andere schleppten Tote mit heraus. Die Aufklärungsoffiziere der Air Force zählten 23 Tote oder schwer Verwundete, 30 Verwundete, höchstwahrscheinlich Zivilisten, was sie in den Chat einstellten. Die Operateure der Einsatzgruppe hätten lediglich bestätigt – und sogleich mit der Drohne das nächste Ziel angeflogen.

Die NYT schreibt, ihr Gesprächspartner habe den Schaden von Zivilisten sofort der Einsatzzentrale der "Operation Inherent Resolve" gemeldet. Doch weder unmittelbar nach dem mutmaßlichen Vorfall noch in den Jahren danach habe der Aufklärungsoffizier je Nachfragen dazu von den zuständigen Stellen erhalten – obwohl es in Bezug auf die "Operation Inherent Resolve" von General Townsend persönlich hießen, alle Fälle ziviler Opfer würden ermittelt und veröffentlicht werden. In den veröffentlichten Berichten finden sich diese Opferzahlen, wie sie der Luftwaffen-Aufklärungsoffizier bezeugen kann, keineswegs. Lediglich ein einziger im Rahmen des geschilderten Einsatzes verwundeter Zivilist sei anerkannt worden. Örtliche Medien in Syrien berichteten darüber hingegen von sieben bis 14 Todesopfern und 18 Verwundeten unter Zivilisten.

Die New York Times gibt an,  bei mehreren zuständigen offiziellen Stellen um Kommentare angefragt zu haben. Die CIA und das Zentralkommando der US-Streitkräfte (das für die Operationen in Syrien verantwortlich ist)  verweigerten der NYT diesbezüglich jegliche Kommentare. Mehrere ehemalige und aktive diensthohe Offiziere der US-Sondereinheiten dementierten jedwede Rücksichtslosigkeit gegenüber dem Leben von Zivilisten bei den von Talon Anvil angeordneten und geführten Luftangriffen. 

General Joseph Votel, in der Zeit der geschilderten Ereignisse Leiter des Zentralkommandos und Vorgesetzter von General Townsend, habe zugegeben: "Unsere Fähigkeit, nach einem Luftangriff rauszukommen und nachzuschauen, war außerordentlich begrenzt – das System war unvollkommen. Doch ich glaube, wir haben die Sache immer ernstgenommen und unser Bestes versucht."

General Stephen J. Townsend (heute Leiter des Afrika-Kommandos der US-Streitkräfte; USAFRICOM) erklärte, Drittorganisationen, die zivile Opfer bei Kriegseinsätzen mitverfolgen, würden ihre Daten nicht gründlich genug prüfen und filtern. Er wies die Anschuldigung vehement zurück, zivile Opfer nicht ernstgenommen zu haben: "Nichts könnte der Wahrheit ferner liegen."

Zwar ist eine Ermittlung zur Vorgehensweise von Talon Anvil beim US-Luftschlag gegen al-Baghuz noch im Gange.

Doch sowohl ihr bisheriger holpriger Verlauf als auch ihre Vorgeschichte legen die Vermutung nahe, dass die Ermittlungen vom US-Militär sabotiert werden. Für eine vorbehaltlose Ermittlung, die den Einsatz von Talon Anvil (oder gar der kompletten Einsatzgruppe Task Force 9) im gesamten Zeitraum seit der schicksalhaften Entscheidung von General Townsend erfassen würde, bleibt erst recht wenig Hoffnung.

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