International

Ehemaliger afghanischer Gouverneur: "Die amerikanische Freundschaft ist nie eine Freundschaft"

Dr. Abdullah Haiwad, Präsident der Afghanischen Gouverneursversammlung und Ex-Gouverneur der Provinz Ghor, lässt in einem Interview kein gutes Haar am geflohenen Präsidenten Aschraf Ghani. Dieser habe auf Zeit gespielt und verloren.
Ehemaliger afghanischer Gouverneur: "Die amerikanische Freundschaft ist nie eine Freundschaft"Quelle: AFP © Aamir Qureshi

Dr. Abdullah Haiwad, Präsident der Afghanischen Gouverneursversammlung und ehemaliger Gouverneur der Provinz Ghor in Afghanistan, kritisierte in einem Interview mit RT zum einen den geflohenen Präsidenten Aschraf Ghani und zum anderen auch die USA. Haiwad sei überrascht gewesen, dass Ghani das Land verlassen habe. Er bezeichnete Ghani als eine "sture Person", die eigentlich nicht so leicht aufgebe. Zudem sei Ghani ein Präsident gewesen, der das Land quasi im Alleingang regieren wollte, so Haiwad.

Ghani habe seinen Ministern kaum Macht gegeben und versucht, alles selbst zu kontrollieren. Er habe so getan, als könnte er Afghanistan ganz allein wieder aufbauen, so Haiwad. Ghani sei Co-Autor eines Buches mit dem Titel "Einen 'Failed State' wieder reparieren", doch nun habe sich gezeigt, dass er bei dieser Reparatur gescheitert ist. Alle in Afghanistan stünden nun unter Schock. Man wisse nicht, wo sich Ghani jetzt aufhalte. Es gäbe Spekulationen darüber, dass er in Tadschikistan oder der Türkei sei.

Doch auch die USA werden von Haiwad scharf kritisiert. Diese seien nie ein zuverlässiger Freund für ihre Alliierten gewesen. "Die amerikanische Freundschaft ist nie eine Freundschaft", so Haiwad. Das zeige auch das Beispiel Irak, wo man einen ehemaligen Verbündeten angegriffen und eine zumindest funktionierende Regierung gestürzt habe, um das Land dann quasi dem islamischen Staat zu überlassen. Auch in Syrien und Libyen zeige sich ein ähnliches Vorgehen der USA, so Haiwad. Die USA seien nur so lange ein Verbündeter und Freund, wie es ihren eigenen Interessen diene. Die Ereignisse in Afghanistan seien im Hinblick auf die US-amerikanische Politik eine gute Lektion für alle Politiker in der Welt.

Haiwad erklärte in dem Interview mit RT, dass die Provinzen zumindest versucht hätten, gegen die Taliban zu kämpfen. Doch sie hätten die Taliban nicht aufhalten können. Es sei ein Dominoeffekt eingetreten, eine Provinz nach der anderen sei gefallen. Haiwad bezweifelte auch die Eignung der Führungskräfte in den Provinzen. Es habe sich bei ihnen zumeist um junge Politiker gehandelt, die von Ghani gefördert worden seien. Doch diese jungen Leute seien unerfahren gewesen. Sie seien auch deshalb gefördert worden, weil sie Ghani keinen ernsthaften Widerstand geleistet hätten, sodass er im Hintergrund die Fäden in der Hand behalten konnte, so Haiwad weiter in dem Interview.

Bei den Taliban, die nun wieder die Macht ergriffen haben, handele es sich nicht um die Taliban "von gestern", erklärte Haiwad. Sie seien im Vergleich zu früher weniger extrem. Es sei daher möglich, dass die Taliban eine afghanische Einheitsregierung anstrebten, mit Regierungsmitgliedern, die noch vor Kurzem gegen die Taliban gekämpft hätten. Ghani habe auch den Fehler gemacht, auf frühere Angebote der Taliban nicht einzugehen. Stattdessen habe er vielmehr auf Zeit gespielt, um seine Amtszeit durchzuziehen und das Land so zu regieren, wie er wollte. Das Resultat sei nun die Machtübernahme durch die Taliban.

Mehr zum Thema – "Demütigung größer als in Vietnam" - Analyst Marandi zum Abzug der USA aus Afghanistan

Sehr geehrte RT DE-Leser,

wir sind auf einen neuen Dienst für die Kommentarfunktion umgestiegen.

Da wir die Privatsphäre unserer Leser respektieren und Ihre Daten nicht an eine Drittplattform übermitteln werden, müssen Sie sich erneut registrieren. Wir entschuldigen uns für die Unannehmlichkeit und hoffen, dass sie sich weiterhin mittels der Kommentarfunktion über aktuelle Themen austauschen und informieren können.

Mit freundlichen Grüßen

Ihre RT DE-Redaktion