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Haiti: Hintergründe des Attentats auf Präsident Jovenel Moїse weiter im Dunkeln

Am Mittwoch wurde der haitianische Präsident Jovenel Moїse in der Präsidentenresidenz ermordet. Die Polizei nahm mittlerweile zwei Verdächtige fest, vier weitere Verdächtige wurden bei Auseinandersetzungen mit Sicherheitskräften getötet. Die genauen Hintergründe der Tat sind noch unklar.

Von den Tätern ist bislang nur bekannt, dass sie Englisch und Spanisch gesprochen haben sollen. Der AP-Journalistin Danica Coto zufolge hatte niemand mit dem Attentat gerechnet. "Es ist das, was der Premierminister [Haitis Interims-Premierminister Claude Joseph] einen sehr taktischen, gut geplanten und gut finanzierten Angriff nannte, der eine Menge Fragen aufwirft, von denen die Behörden nicht glauben, dass sie in absehbarer Zeit beantwortet werden", erklärte Coto. Offen sei etwa, wer von der Tat profitiere. Die Opposition habe sich bislang nicht geäußert, doch man vermute, dass Moïse die Opposition eher als eine Art Feindbild geeint habe und ihr dienlich gewesen sei, um ihre eigene Agenda voranzutreiben. Unklar sei auch, wer die finanziellen Mittel gehabt habe, um solch eine Tat durchführen zu lassen, so die Journalistin weiter. 

Per Dekret: Die umstrittene Präsidentschaft Jovenel Moїses

Jovenel Moїse hatte das Land seit 2017 geführt. Seit eine Parlamentswahl im Oktober 2019 aufgrund von politischen Protesten gegen Moїse abgesagt wurde, regierte der Präsident per Dekret. Unter anderem wurden ihm Korruption und Zusammenarbeit mit kriminellen Gangs vorgeworfen. Diese haben in dem armen und politisch instabilen Land bereits seit Langem großen Einfluss.

Doch auch wirtschaftliche Gründe spielten eine Rolle bei den Protesten gegen Moїse. In dem Karibikstaat leben laut Weltbank 54 Prozent der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze. Das Land wird immer wieder von Naturkatastrophen heimgesucht, Infrastruktur und Versorgungslage sind unzureichend. Als der Präsident 2018 die Zuschüsse für Treibstoffe aufgrund von Vorgaben des Internationalen Währungsfonds (IWF) strich, kam es in der Folge zu enormen Preisanstiegen bei Benzin, Diesel und Kerosin. Dies löste Massenproteste aus, die trotz einer späteren Rücknahme der Maßnahme nicht wieder verebbten. Hohe Inflation, Stromausfälle und fehlende Gasversorgung, sich verschlechternde Lebensbedingungen und Gangkriminalität trugen zur Unzufriedenheit der Bevölkerung bei. Proteste gab es auch gegen die Unterstützung der Regierung Moїses durch die USA unter Präsident Joe Biden. 

Entsetzen vor Ort – und die Angst vor dem Machtvakuum

Obgleich viele in der Bevölkerung Moїse kritisch gegenüberstanden, zeigen sich Bürger des Landes entsetzt angesichts des Mordes. "Wir stehen alle unter Schock", erzählt eine Anwohnerin. "Stellen Sie sich vor, wir leben hier in der Gegend in der Nähe des Präsidenten. Auch wenn wir Probleme mit ihm haben, das haben wir nicht gewollt, wir haben uns natürlich nicht seinen Tod gewünscht." Ein weiterer Anwohner sieht das ähnlich: "Es stimmt, dass Jovenel Moїse nichts Gutes für unser Land getan hat, aber ich werde keinen Beifall klatschen, dass er ermordet wurde."

Es wird nun befürchtet, dass ein Machtvakuum entsteht, das zu einer Eskalation der ohnehin instabilen und prekären Lage im Land führen könnte. Derzeit führt Claude Joseph, der im April zum neuen Premierminister ernannt worden war, das Land als Interimspräsident. Um zu verhindern, dass Unruhen ausbrechen, hat er einen "Belagerungszustand" ausgerufen und den Hauptstadtflughafen geschlossen. Die Straßen der Hauptstadt sind derzeit ungewöhnlich ruhig, wohl aus Angst gehen viele Anwohner nicht auf die Straße.

Die USA boten Haiti indes bereits ihre Unterstützung an. Der Sprecher des US-Außenministeriums Ned Price erklärte, man sei in regelmäßigem Kontakt mit dem haitianischen Interimspräsidenten und bereit, auf Hilfegesuche zu reagieren.

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