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Epidemiologe Ioannidis: Kollateralschäden schwerwiegender als die Auswirkungen der Pandemie selbst

Während eines Vortrags in Salzburg zog der Epidemiologe John Ioannidis Bilanz über die Corona-Krise. Sein Fazit: Die Reaktionen der Politik zielten in vielen Fällen nicht darauf ab, der Risikogruppe zu helfen. Zudem kritisierte er den Aktivismus einiger Wissenschaftler.
Epidemiologe Ioannidis: Kollateralschäden schwerwiegender als die Auswirkungen der Pandemie selbstQuelle: www.globallookpress.com © Kurt Amthor

John P.A. Ioannidis, Epidemiologe an der Stanford University, ist einer der meistzitierten Wissenschaftler der Welt und gehörte zu denen, die sich schon früh gegen harte Lockdowns aussprachen, da diese wirkungslose seien – und wurde dafür scharf kritisiert. Mittlerweile haben sich jedoch viele seiner Warnungen bewahrheitet.

Am 26. Juni hielt Ioannidis einen Vortrag an der Universität Salzburg, in dem er Bilanz über die Wirksamkeit der Corona-Maßnahmen zog. Dabei stellte er klar, dass SARS-CoV-2 für viele ein verheerendes Virus sei – für die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung jedoch nicht. Dies zeige sich auch bei der Sterblichkeitsrate von COVID-19, die keine Konstante sei, sondern vor allem von Faktoren wie dem Alter abhänge. Man wusste schon relativ früh nach Beginn der Corona-Krise, dass vor allem Hochbetagte zur Risikogruppe gehören. Auch Vorerkrankungen wie Herzerkrankungen, Krebs und Diabetes spielen eine Rolle, während Corona-Todesfälle bei Kindern so gut wie gar nicht vorkommen.

Diese Risikogruppe hätte man besonders schützen sollen – in Wahrheit seien diese jedoch auf der Strecke geblieben. In Bezug auf die oft nicht ausreichend geschützten Altenheime, die oft "Hotspots" von Corona-Ausbrüchen waren, spricht Ioannidis sogar von einem "Massaker". Während der ersten Welle war beispielsweise ein Großteil der Todesfälle im Zusammenhang mit COVID-19 in vielen europäischen Staaten in Alten- und Pflegeheimen zu beklagen gewesen.

Ein General-Lockdown bringt nach Ansicht von Ioannidis also wenig, dafür seien die Kollateralschäden der Lockdowns umso verheerender. Man habe die Corona-Problematik zu einseitig betrachtet, so der Epidemiologe:

"Dies ist nicht nur ein Virus; es betrifft die ganze Gesellschaft, Wirtschaft, Gesundheit, die ganze Welt. Wenn man nur eine Dimension dabei betrachtet, verliert man den Blick für das Ganze."

Die Maßnahmen seien verheerender gewesen das Virus selbst, die Kollateralschäden würden fast jeden betreffen:

"Meiner Erfahrung und Berechnung nach und nach dem, was ich in der Literatur gelesen habe, sind die Kollateralschäden mehr und schwerwiegender als die Auswirkungen der Pandemie, des Virus selbst."

So hätte beispielsweise der Welthunger, die Arbeitslosigkeit und die damit verbundene Armut enorm zugenommen. Auch psychische Erkrankungen sowie Alkoholismus und Suizide seien wie eine Welle über die Bevölkerung hereingebrochen. Eine ganze Generation von Schülern sei zudem massiv geschädigt worden. Viele Schüler und Studenten würden nie mehr zu ihrer Ausbildung zurückkehren – und das alles wegen eines Virus, dessen Sterblichkeit im Promillebereich liege.

Anlässlich seines Besuchs in Salzburg war Ioannidis auch zu Gast in der Sendung Talk Spezial des österreichischen Fernsehsenders Servus TV und sprach dort über seine Rolle als Wissenschaftler und die Rezeption der Politik und Medien in der Corona-Krise. In der Berichterstattung der Mainstream-Medien in der Corona-Krise konnte man zuweilen die Meinung gewinnen, dass Ioannidis eine Minderheitenposition unter den Wissenschaftlern vertrat, was seiner Ansicht zufolge aber ein Trugschluss sei:

"Während der Pandemie gab es sehr viele Versuche, die Wissenschaft zu polarisieren. Es gab viele offenen Briefe, Memoranden, Deklarationen. Manche standen im kompletten Gegensatz zu den anderen."

Als Beispiele führte er die Great Barrington Declaration an, die sich gegen Lockdowns und für den Schutz der vulnerablen Gruppe aussprach. Im Gegensatz dazu gab es als Antwort das John Snow Memorandum, dass sich hauptsächlich für den Lockdown aussprach.

"Ich persönlich habe kein einziges Memorandum, keine Erklärung, keinen offenen Brief, unterzeichnet, weil ich nicht glaube, dass Wissenschaft so funktioniert."

Wissenschaft bestehe jedoch auch aus Kontinuität und der Entwicklung in unserem Denken. Dies habe man jedoch nicht hinbekommen, weil einige Wissenschaftler, die derartige Briefe unterzeichnet hatten, der Meinung waren, dass sie im Besitz der Wahrheit waren, während ihre "Gegner" nichts wissen. Dies sei eine Misshandlung der Wissenschaft gewesen:

"Der Aktivismus hat die Wissenschaft in der Pandemie wirklich unterdrückt."

Aktivismus sei zwar in Ordnung, wenn er für angemessene Ziele kämpfe, doch man sollte zwischen Aktivismus und Wissenschaft eine Grenze ziehen und die beiden Bereiche nicht vermengen. Es sei für Ioannidis zwar plausibel, dass Wissenschaftler auch als Aktivisten tätig sein können. Dann sollten sie jedoch auch klarstellen, dass sie entsprechende Aussagen als Aktivisten und nicht als Wissenschaftler tätigen. Viele seiner Kollegen würden die Grenze zum Aktivismus jedoch überschreiten, vor allem in den Sozialen Medien:

"Aber manchmal erreichen sie ein Maß an Selbstgerechtigkeit, Aggressivität und Aufdringlichkeit, dass sie damit der Wissenschaft sehr viel Schaden zufügen."

Er selbst habe die mit dieser Polarisierung verbunden Aggressivität am eigenen Leib erfahren und Morddrohungen sowie Hassmails bekommen. Das Lagerdenken, welche Meinung zu einer Minderheit und einer Mehrheit gehöre, passe zudem nicht zur Wissenschaft, da diese nicht nur Schwarz-Weiß sei, sondern viele Nuancen besitze. Laut Ioannidis sei es auch falsch, dass Wissenschaftler, die sich gegen drakonische Lockdowns ausgesprochen haben, in der Minderheit seien.

Auch zum Thema Impfen äußerte sich Ioannidis: Er selbst sei für Corona-Impfungen, doch man sollte diese nicht verpflichtend machen. Es sei stattdessen besser, die Leute aufzuklären. Druck auf Leute auszuüben, die sich nicht impfen lassen wollen, sei eine schlechte Idee, die negative Auswirkungen haben könnte, auch in Bezug auf die Impfbereitschaft.

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