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KI-Experte Schmidhuber: "Das heutige Leben ist ohne künstliche Intelligenz gar nicht vorstellbar"

Jürgen Schmidhuber, ein Guru der Künstlichen Intelligenz, berichtet im Interview mit "RT DE" von dem derzeitigen Entwicklungsstand der KI und ihrem Einfluss auf alle Lebenssphären, einschließlich der Bekämpfung der Corona-Pandemie. Die KI soll insgesamt das Leben der Menschen "verlängern, erleichtern und gesünder gestalten".

Professor Jürgen Schmidhuber von der Universität Lugano (Schweiz) ist einer der weltweit renommiertesten KI-Forscher. Die tiefen neuronalen Netze seiner Forschungsgruppen revolutionierten das maschinelle Lernen. Der in seinem Labor entwickelte LSTM-Algorithmus (Long short-term memory) steckt weltweit in über drei Milliarden Smartphones und wird jeden Tag milliardenfach genutzt – von Facebooks automatischer Übersetzung, Googles Spracherkennung und Übersetzung, in Apples iPhones oder Amazons Alexa.

RT DE sprach mit Schmidhuber über den aktuellen Forschungsstand in Sachen künstlicher Intelligenz, über ihre Anwendungsbereiche und über die Planungen des russischen Unternehmens Sber zur Gründung eines Institutes für künstliche Intelligenz, bei dem Schmidhuber wissenschaftlicher Chefberater ist.

Schmidhuber äußerte sich zuversichtlich über die Möglichkeiten dieser Einrichtung, die "ein rein akademisches Institut – nicht militärisch, nicht politisch, nicht kommerziell" – sein soll. Es gehe um die Forschung hin zu einer "Allzweck-künstlichen-Intelligenz", einer KI, die das Leben der Menschen "verlängern, erleichtern und gesünder gestalten" soll.

"Es geht darum, dass man eine KI baut, die nicht nur hier ein wenig lernt und da ein wenig Muster erkennt, sondern die wirklich lernt, sehr viele verschiedene Probleme zu lösen."

"Russland als Nachfolger der Sowjetunion" stehe laut dem Wissenschaftler in einer langen Tradition des maschinellen Lernens – insbesondere im Bereich des "deep learnings". Dort gehe es um "tiefe, künstliche neuronale Netzwerke", "die etwas lernen".

"Die ersten, die wirklich tiefe lernende Netzwerke hatten, das waren Ivakhnenko und Lapa 1965 in der Sowjetunion. Das waren die Pioniere dieses Feldes."

Schmidhuber hat Hoffnung, dass man auf dieser Tradition aufbauen könne und "in Zukunft an diese alten Erfolge anknüpfen kann".

Der Deutsche erinnert auch an die lange Tradition deutscher KI-Forschung – insbesondere seiner eigenen Forschungsgruppe an der Technischen-Universität München, wo in den 1990er-Jahren der Grundstein gelegt wurde für das moderne "deep learning". Mittlerweile drohe Deutschland allerdings, in dem Forschungsfeld abgehängt zu werden, weil zu wenig darin investiert wird.

Weltweit existiert laut dem Forscher "ein gnadenloser Wettbewerb im Bereich KI". Auf dem akademischen Feld sei bislang noch die Schweiz führend – zumindest gemessen am Einfluss "pro Wissenschaftler und pro Einwohner".

"In absoluten Zahlen ist jetzt schon China vorn. Kein anderes Land produziert so viele Publikationen pro Jahr im Bereich künstlicher Intelligenz wie China. China hat inzwischen die Amerikaner überholt. Und nachdem sie da so viel Energie hineinstecken, wird dieser Abstand vermutlich weiterwachsen."

Chinas Entwicklung hat Gründe: nämlich massive Investitionen in die KI-Forschung. Schmidhuber betonte, dass allein in der chinesischen Stadt Schanghai 15 Milliarden Euro in die künstliche Intelligenz investiert würden. Von solchen Summen könnten deutsche Forscher nur träumen.

Laut Schmidhuber steht China jedoch nicht allein mit seinem Interesse an der KI-Forschung. Insbesondere Länder im Nahen Osten bemühten sich, ihren Rückstand aufzuholen. In den letzten Jahren ist die KI-Technologie unheimlich wichtig geworden. Der Wissenschaftler betont:

"Das heutige Leben ist ohne diese künstliche Intelligenz in der jetzigen Form gar nicht vorstellbar."

Künstliche Intelligenz werde laut Schmidhuber auch im Rahmen der Corona-Pandemie "massiv eingesetzt". Unter Einfluss der KI verändert sich das gesamte Leben der Menschen – inklusive der Medizin. Schmidhuber macht deutlich:

"Die ganze Medizin wird gegenwärtig revolutioniert durch die künstliche Intelligenz."

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