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Amnesty International gegen Boykott der Fußball-WM 2022 in Katar

Seitdem die Fußball-WM 2022 an Katar vergeben wurde, hagelt es Kritik. Ein Artikel der britischen Zeitung "Guardian" über Tausende verstorbener Bauarbeiter sorgte für zusätzlichen Zündstoff. Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International sieht im Boykott den falschen Weg.
Amnesty International gegen Boykott der Fußball-WM 2022 in KatarQuelle: AFP © Karim Jafaar

Die Boykottaufrufe gegen die Fußball-WM 2022 in Katar nehmen zu. Zuletzt hatten mehrere norwegische Erstliga-Clubs ihre Nationalmannschaft aufgefordert, der Endrunde vom 21. November bis 18. Dezember nächsten Jahres fernzubleiben. Auch die deutsche Fanvereinigung ProFans hatte sich generell gegen eine Teilnahme ausgesprochen. Für die Menschenrechtsorganisation Amnesty International sei das der falsche Weg. "Katar hat sich durchaus gesprächsbereit gezeigt und Reformen angestoßen", erklärte die Katar-Expertin Regina Spöttl von Amnesty International in Deutschland dem gegenüber dem Nachrichtenportal watson.de am vergangenen Donnerstag.

Und sie ergänzte: "Es gibt Fortschritte, und mit einem Boykott würden diese um Jahre zurückgeworfen werden."
Amnesty setze auf Aufdeckung und Sichtbarmachung der Missstände und auf den Dialog mit allen Beteiligten, betonte Spöttl. Aus ihrer Sicht könne Katar vielmehr eine wichtige Vorbildfunktion in der arabischen Welt übernehmen. Sportfunktionäre, Spieler, Verbände und andere Beteiligte sollten sich auch einsetzen und einbringen, um "ihren Gesprächspartnern bei persönlichen Kontakten in Katar die Probleme nahezubringen". Damit bleibt Amnesty seiner Linie gegen Boykotte treu. Auch 2014 hatte sich die Organisation gegen Boykottaufrufe der Olympischen Winterspiele in Sotschi ausgesprochen.

Spöttl äußerte sich auch zu einem Bericht der englischen Zeitung The Guardian, wonach in den vergangenen zehn Jahren mehr als 6.500 Arbeiter aus fünf asiatischen Ländern in Katar verstorben sein sollen. "Ich fürchte, diese hohe Zahl stimmt", sagte sie. "Allerdings ist es sehr schwierig zu überprüfen, wie viele Todesfälle es im Umfeld der WM gegeben hat und welches die Ursachen dafür waren. Katar hat keine offiziellen Daten dazu veröffentlicht."

Auch FIFA-Präsident Gianni Infantino äußerte jüngst kein Verständnis für Boykottüberlegungen. Ein solcher Boykott sei "definitiv nicht die richtige Maßnahme", um etwas zu erreichen, sagte der Boss des Weltverbandes. "Es ist immer, war immer und wird immer der einzige Weg sein, in den Dialog zu treten und sich zu engagieren, um Veränderungen herbeizuführen", hatte der 50 Jahre alte FIFA-Chef argumentiert.

Druck machen auf Katar

Trotz der gemäßigten Worte von Spöttl hatte Amnesty International die FIFA aufgerufen, den nächsten WM-Gastgeber Katar zu einer Verbesserung der Lage von Arbeitsmigranten im Land zu drängen. Das Emirat hätte in den vergangenen Jahren eine Zahl "positiver Reformen" beschlossen, die zu oft jedoch nicht ausreichend umgesetzt würden, hatte die Menschenrechtsorganisation am vergangenen Montag vor Beginn der WM-Qualifikation in Europa erklärt. Tausende Arbeiter würden weiter ausgebeutet und misshandelt. Die FIFA müsse ihren gesamten Einfluss nutzen, um Katar zur Erfüllung seines Reformprogramms zu drängen, teilte die Organisation mit.

Das Golf-Emirat steht international immer wieder wegen Menschenrechtsverletzungen in der Kritik. Katars Regierung hatte in den vergangenen Jahren Reformen beschlossen, die die Lage der Arbeitsmigranten verbessern sollten. So lockerte sie etwa die strikten Ausreisebestimmungen. Die UN-Arbeitsorganisation ILO und auch Amnesty International lobten die Reformen. Die Menschenrechtler bemängeln zugleich jedoch, wegen einer mangelhaften Umsetzung der Reformen seien Tausende von Arbeitern weiter der Gnade skrupelloser Arbeitgeber ausgesetzt.

Die WM sei ohne Arbeitsmigranten unmöglich, da diese 95 Prozent der Arbeitskräfte in Katar stellten, erklärte Amnesty. Zu oft müssten die Arbeiter immer noch erdulden, dass ihre Zeit in dem Emirat von Missbrauch und Ausbeutung bestimmt sei. Als Organisator trage die FIFA die Verantwortung, solche Gefahren für die Menschenrechte zu verringern.

Mittlerweile gab Katar bekannt, einen Mindestlohn für alle Arbeiter eingeführt zu haben. Seit vergangenem Samstag sollen alle Arbeitnehmer unabhängig von ihrer Nationalität rund 230 Euro pro Monat erhalten, wie die Regierung mitteilte. Zudem müssten Arbeitgeber Zulagen von umgerechnet 70 bis 115 Euro für Essen und Wohnraum zahlen oder ihren Angestellten beides unentgeltlich zur Verfügung stellen.

Dieser Schritt war bereits vor mehreren Monaten angekündigt worden. Amnesty International hatte den Mindestlohn damals als unzureichend kritisiert und Zweifel geäußert, dass die Menschen davon ihre Lebenshaltungskosten decken können. Der Mindestlohn sei deutlich höher, als in den Ländern, aus denen der Großteil der Arbeitsmigranten stamme, argumentiert dagegen der Golfstaat. Die Arbeiter kommen demnach vor allem aus Nepal, Bangladesch, Indien und Sri Lanka.

Katar ist eigenen Angaben zufolge erste Land in der Region, das einen Mindestlohn für alle Beschäftigten einführt hat. Der Golfstaat hofft, dass die Reformen das Land attraktiv für Investoren machen.
In Katar leben laut Amnesty International rund zwei Millionen Arbeitsmigranten. Die Fußball-Weltmeisterschaft beginnt am 21. November 2022.

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(rt de/dpa)