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"Antikroatische Propaganda"? – Kontroverse um serbischen Film über das Ustascha-Lager Jasenovac

Jasenovac war im Zweiten Weltkrieg das größte Vernichtungslager im "Unabhängigen Staat Kroatien". Die Opfer des mit Nazi-Deutschland verbündeten Ustascha-Regimes waren vor allem Serben – neben Juden, Roma und Kommunisten. Ein serbischer Film sorgt nun für Diskussionen.
"Antikroatische Propaganda"? – Kontroverse um serbischen Film über das Ustascha-Lager Jasenovac© "Dara aus Jasenovac" / Predrag Antonijević / Dandelion Production Inc / Film Danas / Komuna / Cineplanet

1941, ein kleines Dorf am Ufer der Save: Kurz nach dem Überfall der deutschen Wehrmacht und ihrer Verbündeten auf Jugoslawien und der Ausrufung des "Unabhängigen Staates Kroatien" auf dem Gebiet des heutigen Kroatien und Bosnien-Herzegowinas begann in Jasenovac eines der dunkelsten Kapitel des Zweiten Weltkriegs auf dem Balkan. Die faschistische Ustascha-Bewegung ließ rund um das kroatische Dorf nach deutschem Vorbild einen riesigen Lagerkomplex errichten, in dem bis 1945 zehntausende Menschen ermordet wurden oder verhungerten. Bis heute ist die genaue Zahl der Opfer umstritten. Während einige Historiker von rund 100.000 Toten sprechen, schätzen andere Geschichtsexperten die Zahl der Ermordeten und Verhungerten sogar auf 700.000.

Der Film "Dara aus Jasenovac" erzählt den KZ-Horror aus der Sicht eines zehnjährigen Mädchens. Dara ist Serbin, wie die meisten Opfer. Bis zum Ende des Krieges wurden in Jasenovac außerdem auch Zehntausende Juden, Roma, Kommunisten und andere Antifaschisten umgebracht. Mehr als 75 Jahre nach Kriegsende greift der serbische Regisseur Predrag Antonijević mit "Dara aus Jasenovac" nun das Thema auf. Es ist nicht der erste Film über Jasenovac, aber der erste serbische Film. Und er sorgt für kontroverse Debatten.

Belgrad schickte das Werk als serbischen Kandidaten in die Rennen um US-amerikanische Filmauszeichungen wie den Golden Globe Award und zur Oscarverleihung 2021. Doch einige Filmkritiker in den USA warfen dem Drama umgehend etwa "antikroatische" und "antikatholische Propaganda" vor. Unterschwellig wurde der Vorwurf erhoben, es handele sich bei dem Film um ein Machwerk serbischer Nationalisten, die eigentlich die jetzige Staatsagenda unterstützten.

So schrieb etwa der Filmkritiker Jay Weissberg im Branchenmagazin Variety unter der Überschrift 'Dara von Jasenovac'-Rezension: Ein Holocaust-Film mit fragwürdigen Intentionen:

"Die Macher von 'Dara von Jasenovac' betonen, dass das Drehbuch aus Zeugenaussagen stammt und schirmen sich mit dieser altbewährten Aussage gegen Kritik ab: Es ist passiert, also sind wir über jeden Vorwurf erhaben. Die Probleme des Films sind jedoch doppelt: Sein unverhohlener antikroatischer, antikatholischer Nativismus ist unverblümt als Zündstoff für die aktuellen Gräben zwischen Serbien und seinen Nachbarn angelegt, während seine Lust an der Visualisierung des Sadismus, kontrastiert mit kindlicher Unschuld, jede Reflexion über die Gefahren von Nationalismus, mörderischem Rassismus und Völkermord beiseiteschiebt und sie durch billige Sensationen und Sentimentalitäten ersetzt."

Ein Kritiker in der Los Angeles Times, Robert Abele, ging noch einen Schritt weiter und warf den Machern des Dramas vor, mit dem Film "in einer langjährigen regionalen Fehde punkten" zu wollen. Im Text unter der Überschrift Rezension: Holocaust-Drama "Dara von Jasenovac" zielt leider auf eine Abrechnung ab schreibt er:

"Das faschistische Kroatien unter der terrorgetriebenen Ustascha-Regierung war in der Tat ein schreckliches Marionettenregime der Achsenmächte, und der riesige Lagerkomplex von Jasenovac war eine weitere Hölle auf Erden für Juden. Aber was Regisseur Peter Antonijevićs Epos aus Barbarei und Sentimentalität deutlich machen will, ist, dass die Vernichtung der ethnischen Serben der eigentliche Schwerpunkt war und dass Kinder ihr eigenes Lager bekamen. Wenn es da nur nicht den Beigeschmack hätte, in einer langjährigen regionalen Fehde zu punkten."

Der serbische Regisseur erwiderte im Gespräch mit RT DE:

"Unser Eindruck ist, dass der erste Angriff auf den Film, der vor allem politisch war, die Fakten über Jasenovac und den eigentlichen Film nicht in nennenswertem Umfang bestritten hat. Alles wurde aber auf das politische Feld übertragen, dass es sich um eine unverhüllte serbische nationalistische Propaganda handele."

Laut Antonijević begann alles mit der Zeitschrift Variety, deren Autor jedoch nicht bestritten habe, dass Jasenovac ein Todeslager gewesen sei. Die Los Angeles Times jedoch ging laut dem Regisseur einen Schritt weiter und "betonte, dass Jasenovac ein Lager war, in dem Juden die Hölle erlebten, und dass ich als Autor Serben und Kinder als Hauptopfer in den Film 'drängte'". Antonijević ergänzte:

"Mit anderen Worten, sie bestritten die Anwesenheit von Serben und serbischen Kindern in den Lagern von Jasenovac. Sie hatten also eine einzige Agenda, nämlich diesen Film von der Welt des Films in die Welt der Politik zu verlegen."

Der serbische Regisseur betonte, dass es für ihn am schlimmsten gewesen sei, dass der Film als "serbische Propaganda" eingestuft worden sei, weil er angeblich serbische Gräueltaten in den Bürgerkriegen im ehemaligen Jugoslawien in den 1990er Jahren rechtfertigen würde. Antonijević ergänzte:

"Es wäre dasselbe wie Juden zu sagen, ihr könnt den Film Schindlers Liste nicht drehen, ihr habt kein Recht dazu, denn das ist eure Propaganda, weil ihr heute die Palästinenser so und so behandelt."

Den Vorwurf der Staatspropaganda stritt Antonijević ab. Serben müssten die Wahrheit "selbst fördern und sie tausendmal wiederholen, weil die Welt aus kleinlichem oder großem politischen Kalkül einfach nicht bereit ist, uns zu akzeptieren, weil sie weiterhin auf unserer Schuld für den Krieg und den Zerfall Jugoslawiens in den 90ern beharrt", betonte der Regisseur.

Der Film ist inzwischen längst aus dem Rennen um die Oscarverleihung. Am vergangenen Wochenende wurde er in Serbien überraschend im öffentlich-rechtlichen Fernsehsender RTS zur Hauptsendezeit ausgestrahlt. Eigentlich sollte er zunächst nur in die Kinos kommen. Mehr als 2,5 Millionen Zuschauer hätten nach Angaben des Senders das Werk angesehen. Im Land selbst ist die Kritik gemischt. In einem Punkt sind sich aber alle einig: Es ist legitim und gut, dass man einen Film über dieses Thema gedreht hat. Während einige Kritiker darauf verweisen, dass dieser Film endlich das erlittene Leid der Serben in diesem KZ auch der breiten Öffentlichkeit präzise darstellt, betonen andere wiederum, dass das Drama auf einem schlechten Szenario basiert. Zudem bemängeln sie eine fehlende Tiefe beim Aufbau der Charaktere oder die Art und Weise, wie die Folterszenen oder die Ermordungen dargestellt wurden.

Die Diskussionen um das Werk haben inzwischen auch die Politik im Land erreicht. Auch der serbische Präsident Aleksandar Vučić äußerte sich darüber. Der Film habe ihm gefallen, war aber qualvoll zu gucken. "Ich glaube, er ist wichtig für unser Volk, weil endlich jemand auf den Gedanken gekommen ist, einen Film über den Ort zu machen, an dem die Serben das größte Leid ihrer Geschichte erlitten haben. Der Staat hat die Entstehung unterstützt, es war auf meine Initiative." Den Vorwurf der Staatspropaganda sehen die Regierungskritiker im Land mit dem letzten Satz von Vučić, einem ehemaligen Ultra-Nationalisten während der 1990er Jahre und der Kriege auf dem Gebiet des Ex-Jugoslawien, der nun als Pro-Europäer auftritt, somit leider bestätigt. Nun wird der Vorwurf laut, das Werk – egal ob gut oder schlecht – würde in den Dienst der alltäglichen Politik gestellt.

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