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Stramm auf Regierungskurs? Die Rolle der Mainstream-Medien in der Corona-Krise

Den Mainstream-Medien wurde in der Corona-Krise immer wieder vorgeworfen, einseitig und regierungsnah zu berichten. Zwei Studien haben nun die Rolle der Medien in der Corona-Krise untersucht und die Vorwürfe weitgehend belegt. Ein Problem sehen die Autoren der Studie darin jedoch nicht.
Stramm auf Regierungskurs? Die Rolle der Mainstream-Medien in der Corona-KriseQuelle: www.globallookpress.com © imago stock&people

In der Corona-Krise wurde den Mainstream-Medien immer wieder vorgeworfen, zu einseitig zu berichten, zu sehr auf Regierungslinie zu sein und die staatlich verordneten Corona-Maßnahmen unreflektiert und unkritisch unterstützt zu haben. Trotz der Vorwürfe wurde die Rolle der Medien in der Corona-Krise bisher kaum wissenschaftlich untersucht. Diese Lücke wurde nun durch zwei Studien geschlossen. Das Ergebnis: Selbst die von der Rudolf-Augstein-Stiftung geförderten Studien kommen zu dem Schluss, dass die Berichterstattung der Mainstream-Medien einseitig war.

Die beiden Untersuchungen wurden am Montag auf der Veranstaltung "Follow the science – aber wohin? Welche Schlüsse ziehen Medien, Wissenschaft und Politik aus der Corona-Krise?" vorgestellt. In der Studie "Einseitig, unkritisch, regierungsnah?" wurde die Berichtserstattung von elf Leitmedien, darunter die Online-Angebote von Spiegel, Welt, FAZ, der Süddeutschen Zeitung, der Bild sowie vier Fernsehnachrichtenformate wie die Tagesschau der ARD und heute des ZDF untersucht. Die Wissenschaftler der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz und der Ludwigs-Maximilian-Universität München werteten in ihrer Analyse mehr als 5.000 Beiträge aus dem Zeitraum vom April 2020 bis zum April 2021 aus.

Dabei zeigte sich, dass die untersuchten Medien nicht neutral informierten und berichteten, sondern selber die Rolle von Akteuren einnahmen, die die Politik und Gesellschaft warnten und versuchten, dem Diskurs bestimmte Richtungen vorzugeben. In der Studie heißt es, dass vielen Journalisten angesichts der "geringen Erfahrung mit Pandemien" schnell klargeworden sei, dass sie nicht nur "einfache Beobachter und Vermittler von Geschehnissen", sondern "erhebliche Mitverantwortung für den weiteren Verlauf der Pandemie und deren Wahrnehmung tragen würden". Aus den Untersuchungen geht weiter hervor, dass die Berichterstattung der Mainstream-Medien teils einseitig war und die Grenze zwischen Regierungsnähe und Regierungskritik verschwamm:

"Sie war regierungsnah, weil die Medien, ähnlich wie die Politik, überwiegend für harte Maßnahmen plädierten. Sie war zugleich aber auch regierungskritisch, weil den Medien diese Maßnahmen oft gar nicht hart genug erschienen oder zu spät kamen"

Dabei entwickelten die Medien im Laufe der Zeit einen deutlich verengten Fokus hinsichtlich der Maßnahmen der Regierung zur Pandemiebekämpfung:

"Die positiven Folgen für die Gesundheit dominierten die mediale Diskussion eindeutig, negative wirtschaftliche Folgen (und damit Argumente gegen harte Maßnahmen) traten deutlich zurück. Negative gesundheitliche Folgen der Maßnahmen wurden im gesamten Untersuchungszeitraum praktisch nicht thematisiert."

In der ersten Phase der Corona-Krise war die Kritik an einer mangelnden Abwägung von Folgen noch gerechtfertigt, später geriet dies allerdings sehr stark in den medialen Hintergrund. Die sozialen Folgen und vor allem Folgen für das Bildungssystem wurden in den Medien schon von Beginn an eher selten thematisiert.

Den Forschern zufolge könne man die mediale Darstellung also zwar durchaus als einseitig betrachten – allerdings nur aus einer Position heraus, die "die Pandemie als eher ungefährlich oder die Maßnahmen als eher übertrieben wahrnimmt". Daher stelle sich die Frage, so die Studienautoren, "ob Medien angesichts einer für viele Menschen lebensbedrohenden Krise gemeinsam mit Wissenschaft und Politik alles zur Lösung des Problems unternehmen sollen und dafür auch klassische Qualitätskriterien der Berichterstattung außer Kraft gesetzt und umgedeutet werden müssen".

In der Studie wird auch hervorgehoben, dass insbesondere während der zweiten und der dritten Welle weniger Experten aus dem Bereich Virologie in den Medien präsent waren. Diese wurden besonders oft durch den in Sachen Corona omnipräsenten SPD-Politiker Karl Lauterbach ersetzt. Dies lässt sich laut Studie allerdings eher weniger mit dessen vermeintlicher Expertise erklären:

"Vielmehr war Lauterbach wohl auch deshalb ein in den Medien gern zitierter Experte, weil viele Medien dessen harte Linie im Kampf gegen die Pandemie kannten und schätzten."

Auch die Studie "Corona-Sprechstunde mit Maybritt Illner, Anne Will und Frank Plasberg" kommt zu dem offensichtlichen Schluss, dass Lauterbach ein häufiger Gast in Talkshow war. Sendungen wie Markus Lanz wurden in der Analyse nicht miteinbezogen, da es in den entsprechenden Formaten nicht ausschließlich um Corona ging. Demnach gab es zwischen Januar 2020 und Juni 2021 112 Sendungen, die dem Thema Corona gewidmet waren. In den Sendungen waren insgesamt 308 Personen zu Gast, 208 davon während des Zeitraums nur ein einziges Mal. Lauterbach war insgesamt 22 Mal zu Gast in den Sendungen, erst mit deutlichem Abstand folgen andere Politiker wie Markus Söder (CSU) oder Olaf Scholz (SPD).

In der Analyse der Sendungen fiel auf, dass es ein deutliches Übergewicht von Politikern gab, die direkt Entscheidungen auf Bundes- oder Landesebene trafen. Daher ist es nicht verwunderlich, dass die beschlossenen Corona-Maßnahmen von 68 Prozent der Gäste positiv bewertet wurden:

"Vertreter*innen von Bundes- und Landesregierungen stellen die Maßnahmen dabei im ganzen Jahr 2020 praktisch unisono als genau angemessen dar; Kontroversen werden dagegen von Vertreter*innen aus Parteien und Fraktionen ohne Regierungsämter eingebracht, wobei innerhalb dieser Kategorie Vertreter*innen von SPD, Grünen und Linken die Maßnahmen eher für unzureichend halten; Vertreter*innen der FDP eher für zu weitgehend."

Erst im Laufe des Jahres 2021 nahmen die kritischen Töne zu. Unter den Politikern stuften 75 Prozent die Corona-Maßnahmen als positiv ein, auch von den eingeladenen Wissenschaftlern bewerteten diese 72 Prozent positiv. Skeptischer waren Journalisten (50 Prozent Zustimmung) und die Bürger (48 Prozent Zustimmung).

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