Deutschland

Ende der Corona-Maßnahmen in Sicht? – Höhere Impfquote sorgt für Debatte

Die Quote derjenigen, denen einer der experimentellen Stoffe gegen COVID-19 per Spritze verabreicht wurde, ist anscheinend höher als bisher offiziell gemeldet. Das sorgt für Diskussionen über die Corona-Politik und für Fragen, warum die Zahlen erst nach der Bundestagswahl bekannt werden.
Ende der Corona-Maßnahmen in Sicht? – Höhere Impfquote sorgt für DebatteQuelle: Reuters

"Mit einer zu niedrigen Impfquote kann man nun nicht mehr für Corona-Maßnahmen argumentieren." Das hat der Vorstandschef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Andreas Gassen, laut Bild-Zeitung gesagt. "Viel mehr als 80 Prozent gibt es nirgendwo auf der Welt. Der Freedom Day rückt näher."

Gassen bezieht sich laut der Bild-Onlineausgabe vom Freitag darauf, dass das Robert Koch-Institut (RKI) am Donnerstag eingestand, bisher von einer zu niedrigen Impfquote ausgegangen zu sein. Laut dem Institut sei anzunehmen, dass unter Erwachsenen bis zu 84 Prozent mindestens einmal und bis zu 80 Prozent vollständig einer der experimentellen Stoffe gegen COVID-19 per Spritze verabreicht wurde. Das ist im aktuellen RKI-Bericht "COVID-19 Impfquoten-Monitoring in Deutschland (COVIMO)" nachzulesen.

Angesichts dessen hatte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) am Donnerstag erklärt, es seien "keine weiteren Beschränkungen notwendig". Das würde laut Bild-Zeitung bedeuten: "AHA-Regeln im Freien weg, Maskenpflicht in Bus und Bahn sowie 3G-Regeln für Innenräume (Geimpft, Genesen, Getestet) sollen aber zunächst bleiben."

Viele Unklarheiten

Im Juli hatte das dem Bundesgesundheitsministerium unterstehende und vom Tiermediziner Lothar Wieler geleitete Institut erklärt, dass "mindestens 85 Prozent der 12 – 59-Jährigen bzw. 90 Prozent der ≥60-Jährigen vollständig gegen COVID-19 geimpft" sein müssten. "Unter Annahme dieser Impfquoten und in Kombination mit Basishygienemaßnahmen und einer geringfügigen Reduktion des Kontaktverhaltens sollte es im Herbst/Winter nicht mehr zu einem starken Anstieg der COVID-19-bedingten Intensivbettenbelegung kommen", hieß es im "Epidemiologischen Bulletin" des RKI.

Schon damals war zu lesen, dass "im Erhebungszeitraum (Mitte Mai/Anfang Juni 2021) bereits 84 Prozent der ≥60-Jährigen mit mindestens einer Impfstoffdosis geimpft" worden waren. Die Impfquote sieht die Bundesregierung als einen wichtigen Maßstab bei der Bekämpfung von COVID-19. "Doch tatsächlich ist den Behörden unbekannt, wie viele Menschen überhaupt noch für Impfungen infrage kommen", berichtete unter anderem die Tageszeitung die Welt am 27. Juli dieses Jahres.

In dem Bericht hieß es, dass das RKI ebenso wie das zuständige und ebenfalls dem Bundesgesundheitsministerium unterstehende Paul-Ehrlich-Institut (PEI) bei der Frage nach einer groben Schätzung auf das Statistische Bundesamt verwiesen. Dieses habe mitgeteilt, keine ausreichenden Daten vorliegen zu haben. Das Bundesgesundheitsministerium habe auf die Ständige Impfkommission (STIKO) verwiesen: "Diese wiederum hat keine Pressestelle, und einzelne Mitglieder antworten selten auf Anfragen."

Verschwiegene Informationen

Eine Reihe von Experten beklagt seit langem, dass die Daten zur COVID-19-Pandemie nur unzureichend erfasst werden. Auf die tatsächlich deutlich höheren Impfquoten hat die Bild-Zeitung nach eigenen Angaben bereits Mitte August hingewiesen. Das Blatt verweist auf einen weiteren Fakt: "Seit Juni weist das RKI darauf hin, dass die Corona-Gefahr für Kinder 'vergleichbar mit der von Influenza' ist, also Grippe."

Für Erstaunen sorgt, dass die Daten erst nach der Wahl am 26. September bekannt gegeben werden. Die Bild-Zeitung stellt zudem die Frage: "WARUM zuvor diese Arroganz gegenüber Kritikern der Lockdown-Politik?" Sie vermutet:

"Die Regierung könnte VOR der Wahl bewusst darauf verzichtet haben, die Kehrtwende einzuleiten, weil sie sonst ihre Panikmache selbst entlarvt hätte."

Der Virologe Prof. Klaus Stöhr sagte dazu dem Blatt: "Offensichtlich hat man geglaubt, dass man so mehr Wählerstimmen bekommt. Denn die Älteren sind am meisten von Corona betroffen – und sie stellen die größte Wählergruppe." KBV-Chef Gassen wird wie folgt zitiert: "Schön, dass das RKI diese erfreulichen Zahlen nun liefert. Es wäre freilich wünschenswert, in einer Pandemie dauerhaft mit validen Daten zu arbeiten."

Fortgesetzte Angstmache

Gassen hatte zuvor mit seiner Forderung nach einem "Freedom Day" für Debatten und auch heftigen Widerspruch gesorgt. Laut der Neuen Osnabrücker Zeitung hatte er Mitte September erklärt: "Nach den Erfahrungen aus Großbritannien sollten wir auch den Mut haben zu machen, was auf der Insel geklappt hat. Also braucht es jetzt eine klare Ansage der Politik: In sechs Wochen ist auch bei uns 'Freedom Day'! Am 30. Oktober werden alle Beschränkungen aufgehoben!"

Gassen vermutete: "Dann sind wir Ende Oktober bei einer Impfquote von 70 Prozent oder noch höher, weil sehr viele Menschen das Angebot dann doch schleunigst annehmen werden." Nun sind die Quoten bereits vermutlich noch höher.

Die Angst vor einer "vierten Welle" im Herbst und Winter wird dennoch weiter geschürt. So erklärte der SPD-Politiker Karl Lauterbach am Mittwoch in der ARD-Sendung "Maischberger. Die Woche": "Wir werden noch eine vierte Welle bekommen, die nicht ohne ist. Wir haben einfach nicht die Impfquote erreicht, um da sicher durchzusegeln." Lauterbach möchte nach eigener Aussage gern der neue Bundesgesundheitsminister werden.

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