Deutschland

Mauerbau 1961: Wer die Grenzsicherung provozierte und wem sie nutzte

Am 13. August 1961 hat die DDR ihre Grenze zur BRD und zu Westberlin gesichert. Später begann der Bau einer "Berliner Mauer". Die Ursachen dafür werden oft übersehen oder verschwiegen. Damit beschäftigt sich ein zweiteiliger Beitrag zum 60. Jahrestag der Ereignisse. Im Teil 2 geht es um Einleitung und Folgen des Mauerbaus.
Mauerbau 1961: Wer die Grenzsicherung provozierte und wem sie nutzteQuelle: www.globallookpress.com © dpa

von Tilo Gräser

Hier ist der Teil 1 des Beitrages zu finden.

Die Ereignisse vom 13. August 1961 haben eine weit zurückreichende Vorgeschichte. Dazu gehört die sogenannte Berlin-Krise 1958, als die Sowjetunion auf eine endgültige Klärung weiterhin offener Fragen drängte. Das führte dazu, dass die einst verbündeten Siegermächte des Zweiten Weltkrieges kurz vor einem Krieg gegeneinander zu stehen schienen. Um den Konflikt zu entspannen, trafen sich der sowjetische Partei- und Regierungschef Nikita S. Chruschtschow und der damalige US-Präsident Dwight D. Eisenhower im September 1959 in Camp David. 

Das löste weltweite Hoffnungen auf eine dauerhafte Friedenslösung aus, die sich auch auf das Berlin-Problem und einen möglichen Friedensvertrag bezog. Daran erinnerte der ehemalige Mitarbeiter des Staatsrates der DDR und Staatsrechtler Herbert Graf in einem Gespräch mit dem Autor dieses Beitrages im Jahr 2017.

Am 16. und 17. Mai 1960 in Paris sollte eine Gipfelkonferenz der USA, der UdSSR, Frankreichs und Großbritanniens die Impulse von Camp David weiterführen. Ziele waren neben einem weltweiten Abrüstungsprozess ein Friedensvertrag mit Deutschland und eine Berlin-Lösung. 

Gezielte Provokation

"Dann passierte die berühmte Geschichte mit der U-2", erinnerte Graf an den Abschuss eines US-amerikanischen Spionageflugzeuges über sowjetischem Gebiet bei Swerdlowsk am 1. Mai 1960. Moskau sei "hochempört" gewesen und Chruschtschow, der zwei Tage vor Konferenzbeginn nach Paris gekommen war, habe von Eisenhower eine Entschuldigung verlangt. Ohne diese gäbe es keine Verhandlungen – zu diesen kam es dann auch nicht, weil sich Washington weigerte.

Der österreichische Historiker Rolf Steininger behauptete in seinem 2009 veröffentlichten Buch "Berlinkrise und Mauerbau 1958 bis 1963", "Chruschtschow nutzte den Zwischenfall, um die Gipfelkonferenz platzen zu lassen". Er meinte, dass das allerdings nur ein Vorwand gewesen sei. Aus seiner Sicht haben "die Amerikaner Chruschtschow geradezu in die Hände gespielt". Das könnte tatsächlich Absicht gewesen sein, allerdings anders als Steininger es sieht.

Der US-Historiker David Talbot äußert sich in seinem Buch "Das Schachbrett des Teufels – Die CIA, Allen Dulles und der Aufstieg Amerikas heimlicher Regierung" zu dem Vorfall mit der U-2. Er schrieb, dass der Abschuss des Spionageflugzeuges, unterwegs im Auftrag der CIA, "Eisenhowers letzte Chance auf einen Durchbruch im Kalten Krieg zunichtemachte". 

Der US-Präsident sei sich des Risikos der Spionageflüge bewusst gewesen und habe diese nur genehmigt, weil CIA-Chef Allen W. Dulles ihm versichert habe, die große Flughöhe der U-2 schütze diese vor der sowjetischen Luftverteidigung. Doch am 1. Mai 1960 wurde das Gegenteil dessen bewiesen und der Pilot Francis Gary Powers geriet in Gefangenschaft. Talbot dazu: 

"Der Spionageflug am Vorabend des Pariser Gipfeltreffens schien zeitlich so schlecht abgepasst, dass mindestens ein Beobachter, Luftwaffenoberst L. Fletcher Prouty, den Verdacht hegte, dass die CIA den Zwischenfall absichtlich provoziert hatte, um die Friedenskonferenz zu torpedieren …" 

Prouty war Verbindungsoffizier zwischen dem Pentagon und der CIA. Er sei vom Geheimdienstchef Allen Dulles immer dann gerufen worden, wenn es Probleme mit den U-2-Spionageflügen gab. Der Ex-Militär bezeichnete in seinem eigenen Buch "The Secret Team" den Beschuss der U-2 am 1. Mai 1960 als "ein höchst ungewöhnliches Ereignis" vor dem Hintergrund eines "ungeheuren verborgenen Kampfes [zwischen] den von Präsident Eisenhower angeführten Friedensstiftern" und dem "inneren Zirkel" von Allen W. Dulles. 

Unerwünschte Friedenshoffnung 

In dem 1992 erstmals erschienenen Buch "JFK – Die CIA, der Vietnamkrieg und der Mord an John F. Kennedy" meinte Prouty: "Eisenhower setzte große Hoffnungen auf seinen Kreuzzug für den Frieden. Voraussetzung dafür war eine erfolgreiche Gipfelkonferenz im Mai 1960 in Paris und ein anschließender Besuch bei Chruschtschow in Moskau." Deshalb habe das Weiße Haus kurz vor dem Gipfel alle Spionageflüge und auch US-Kriegshandlungen, offene oder verdeckte, gestoppt. 

Die U-2 mit Powers sei dennoch gestartet, mit den bekannten Folgen bis hin zur Absage des Eisenhower-Besuches in Moskau. Allerdings sei sie nicht abgeschossen worden, sondern bei Swerdlowsk gelandet, so Prouty, der von Sabotage sprach. CIA-Chef Dulles habe 1960 in einer nichtöffentlichen Sitzung des Außenpolitischen Ausschusses des US-Senats geäußert, das Flugzeug sei nicht wie von Moskau behauptet durch eine Rakete abgeschossen worden. Stattdessen sei es wegen eines Maschinenschadens notgelandet, gibt der US-Offizier in seinem Buch die Erklärung wieder. 

Dazu passt, was die beiden Militärexperten Bernd Biedermann und Wolfgang Kerner 2014 in dem Buch "Krieg am Himmel" schrieben: Laut russischen Veröffentlichungen zu dem Vorfall gebe es Zweifel, dass die U-2 in einer Höhe von etwa 21 Kilometern getroffen wurde: "Nahezu alles, was bei der Bekämpfung eines ungebetenen Eindringlings schiefgehen konnte, war schief gegangen." 

Ex-US-Offizier Prouty vermutet unter anderem, Powers musste aufgrund eines technischen Problems über sowjetischem Gebiet tiefer fliegen und war erst dadurch für die gegnerische Luftverteidigung erreichbar. Zu Eisenhowers angeblichen Friedens-Bemühungen passt, dass der scheidende US-Präsident am 17. Januar 1961 bei seiner öffentlichen Abschiedsrede vor der unkontrollierten Macht des Militärisch-Industriellen Komplexes warnte

Graf sah keinen Zufall darin, dass mit dem mutmaßlichen Abschuss einer U-2-Spionagemaschine über der Sowjetunion am 1. Mai 1960 die Chance der Pariser Konferenz zerstört wurde. "Powers hat man verheizt, nur damit man einen Skandal hat, wo man wusste, das kann Chruschtschow nicht hinnehmen." Nach der Wahl von John F. Kennedy zum US-Präsidenten habe es einen erneuten Anlauf gegeben, über die Probleme zu reden und die Lage zu klären. 

Gefährliche Planspiele 

Kennedy traf sich mit Chruschtschow am 3. und 4. Juni 1961 in Wien. Doch die anfangs freundliche Begegnung der beiden führte beim Thema Nachkriegsdeutschland zu keinem Ergebnis, so die Berichte dazu. In einem inoffiziellen Vier-Augen-Gespräch hätten beide einen letzten Versuch unternommen, gab Graf im Interview wie im Buch das Geschehen in Wien wieder. Doch das endete unter anderem laut Gesprächsprotokoll damit, dass Chruschtschow Kennedy erklärte

"Ich will Frieden und einen Friedensvertrag mit Deutschland. Wenn ich Grenzen ändern oder andere Völker erobern wollte, dann wären Sie tatsächlich verpflichtet, sich zu verteidigen. Wir wollen jedoch nur den Frieden. Drohungen von Ihrer Seite werden uns nicht aufhalten. Wir wollen keinen Krieg, wenn Sie ihn uns aber aufzwingen sollten, wird es einen geben. …" 

Der US-Präsident daraufhin: "Ja, es scheint einen kalten Winter zu geben in diesem Jahr." Worauf sein Gesprächspartner noch einmal wiederholte, er hoffe auf Frieden und glaube an eine friedliche Lösung. 

Aber solch eine Lösung schien nach dem Treffen in Wien wieder in weite Ferne gerückt zu sein. Beide Seiten versetzten ihre Truppen in Alarmbereitschaft und veranstalteten "gefährliche militärische Planspiele", berichtete Graf in seinem Buch von 2011. Das reichte bis hin zu US-Plänen für einen Atomschlag gegen einen sowjetischen Truppenübungsplatz auf DDR-Gebiet, von denen der ehemalige bayrische Ministerpräsident Strauß in den nach seinem Tod 1988 veröffentlichten "Erinnerungen" berichtete: 

"Der amerikanische Gedanke eines Atombombenabwurfs auf einen sowjetischen Truppenübungsplatz hätte, wäre er verwirklicht worden, den Tod von Tausenden sowjetischer Soldaten bedeutet. Das wäre der Dritte Weltkrieg gewesen. (…) Der Krieg hätte also weitgehend in Europa stattgefunden, und zwar als konventioneller Krieg, dem die USA eine nukleare Komponente hinzufügen konnten. Solche Überlegungen sind am Sonntag, dem 13. August 1961, zum Glück Makulatur geworden." 

Die USA hätten solche Gedanken gewagt, weil sie gewusst hätten, die Gegenseite war nicht in der Lage, annähernd passend und präzise zu reagieren. "Aber ich kenne aus der Sowjetunion nicht eine Information, die über Atombomben gesprochen hätte", so Graf dazu. "Aber von Strauß kenne ich sie und aus Amerika kenne ich sie auch." In seinem Buch schrieb er auch von Berechnungen, die Kennedy über mögliche US-Opfer eines Atomkrieges anstellen ließ.

"Der Grat zwischen Krieg und Frieden war im Sommer 1961 sehr schmal. Es wurde höchste Zeit zum Umdenken!" 

Einziger Ausweg 

Graf im Rückblick auf die damalige Lage: "Was passiert, wenn eine Konferenz so ausgeht? Dann fahren beide nach Hause, holen ihre Berater und klären: Was kann man machen?" Kennedy habe Mitte Juli 1961 den Diplomaten John J. McCloy nach Moskau geschickt. Er sollte darüber reden, wie eine nukleare Katastrophe verhindert und die Berlin-Krise entschärft werden könne. McCloy sprach den Informationen zufolge mit verschiedenen Mitgliedern der sowjetischen Führung und zuletzt mit Chruschtschow. 

Danach teilte der US-Diplomat dem Präsidenten in Washington, D.C. unter anderem mit, die Lage sei "zu gefährlich", um sie "an einen Punkt treiben zu lassen, wo ein Zweikampf durchaus zu einer unglücklichen Aktion führen konnte". McCloy hat aus Sicht des ehemaligen Ulbricht-Mitarbeiters "ein Meisterwerk vollbracht". Beide Seiten hätten sich auf eine Lösung geeinigt:

"Die Absprache hieß im Grunde: Wir schaffen einen Status Quo in Europa. Ihr könnt auf Eurem Gebiet machen, was Ihr wollt." 

Die USA hätten auf drei Essentials bestanden: Die Rechte der West-Alliierten in West-Berlin werden nicht verändert; West-Berlin wird nicht in die DDR einbezogen; und alles andere wird auf Verhandlungsbasis gelöst. "Das war der Kompromiss in einer Situation, die hoch gespannt war." Das bestätigte unter anderem auch der Historiker Siegfried Prokop in seinem Buch "Die Berliner Mauer (1961 – 1989) – Fakten, Hintergründe, Probleme". 

Die Mauer in Berlin sei die Konsequenz und zugleich "ein Element der Kriegsabwendung" gewesen, so Graf. Sie habe, verbunden mit dem vereinbarten Status Quo, ein atomares Inferno verhindert. "Auch das gehört zur Wahrheit der Berlin-Krise 1961 und ihrer international vereinbarten Lösung!" 

Der ehemalige Ulbricht-Mitarbeiter betonte, dass sie nicht zuerst deshalb gebaut wurde, um die zunehmende Fluchtbewegung aus der DDR zu stoppen, die gerade 1961 auch als Folge der spürbaren Konfrontation beider Seiten angestiegen sei. Die sei mitverursacht worden, weil "ständig getrommelt wurde, irgendwas passiert mit West-Berlin". Die Mauer habe aber geholfen, das "Ausbluten der DDR" einzuschränken: "Da musste etwas passieren." 

Westliche Erleichterung 

Das sahen den Dokumenten und Berichten zufolge westliche Politiker und Militärs ebenso. So beschrieb der ehemalige BBC-Korrespondent Paul Oestreicher in der Berliner Zeitung vom 24. August 2009, wie er das Geschehen in Berlin nach dem Mauerbau erlebte. In einem Gespräch mit dem damaligen stellvertretenden Kommandanten des britischen Sektors im September 1961 habe dieser ihm inoffiziell gesagt: 

"Wir Westmächte sind über den Mauerbau eigentlich erleichtert. Für absehbare Zukunft ist Westberlin gesichert. Der destabilisierende Flüchtlingsstrom war einfach nicht mehr tragbar. Ein ökonomischer Zusammenbruch Ostdeutschlands hätte eine unkalkulierbare sowjetische Reaktion ausgelöst. Die Gefahr eines neuen Krieges ist nun erst einmal gebannt. Zwar hat uns der Zeitpunkt des Mauerbaus überrascht, nicht aber die Mauer an sich. Die Sowjets wussten sehr wohl, dass sie keine westlichen Gegenmaßnahmen zu befürchten hatten. Und schlussendlich hat man uns mit der Mauer auch noch eine nützliche Propagandawaffe geliefert." 

Graf betonte, DDR-Partei- und Staatschef Ulbricht habe in der Zeit nach Wien mehrmals mit der Presse über die Kernfrage aus seiner Sicht, den Friedensvertrag, gesprochen. Das sei für ihn neben soliden und klaren Verhältnisse entscheidend gewesen. "Ulbricht war für die Verhandlungslösung und nicht für die Mauerlösung. Die Mauerlösung kam erst später." Im Buch schrieb Graf: 

"Die Regierung der DDR und die Führung der SED waren über die mit der Errichtung der Grenzanlagen gefundene Lösung der Berlin-Krise keinesfalls erfreut. Der Abschluss eines Friedensvertrages und damit auch die Eliminierung der EAC-Vereinbarung von 1944 wären im Interesse der Souveränität des Landes und einer nachhaltigen Stabilisierung der inneren Situation ohne jeden Zweifel die bessere Lösung gewesen." 

Den von Moskau versprochenen Friedensvertrag habe die DDR dennoch nicht bekommen, weil die Schutzmacht mehr Rücksicht auf den Westen nahm, der dagegen war. "Die DDR war nicht der Taktgeber der Sowjetunion", erklärte das Graf im Interview und fügte hinzu: "Weltpolitik ist immer ein bisschen anders und man kann nicht alles haben." Ein Friedensvertrag sei nicht entscheidend für die Situation der DDR gewesen und hätte nur wenig gebracht, schätzte er ein. 

Klare Triebkraft 

Der endgültige offizielle Beschluss, die Mauer zu errichten, sei am 3. August in Moskau bei einer Tagung der Mitgliedstaaten des Warschauer Vertrages, des östlichen Militärbündnisses, gefallen. Den beiden Ex-DDR-Generälen Heinz Kessler und Fritz Streletz zufolge machte die sowjetische Führung entsprechenden Druck. Sie verwiesen in ihrem Buch "Ohne die Mauer hätte es Krieg gegeben" auf ein Gespräch zwischen Chruschtschow und Ulbricht am 1. August 1961, dessen deutsches Protokoll im Buch-Anhang abgedruckt ist. Daraus "geht klar hervor, wer die treibende Kraft war". 

Das wird durch ein sowjetisches Protokoll des Gesprächs im russischen Präsidentenarchiv bestätigt, über das der Historiker Matthias Uhl am 4. Juni 2009 in der Wochenzeitung Die Zeit berichtete: "Chruschtschow diktierte Ulbricht 1961, die Mauer zu bauen." Bei dem Treffen der beiden Parteichefs im Kreml sei die endgültige Entscheidung zur Grenzschließung gefallen. "Bereits zu Anfang des Gesprächs legt Chruschtschow seinem Gegenüber dar, dass es zur Sperrung der Grenze keine Zeit und Alternative mehr gebe", so Uhl. Danach sagte der sowjetische Parteichef: 

"Ich habe unseren Botschafter gebeten, Ihnen meinen Gedanken darzulegen, dass man die derzeitigen Spannungen mit dem Westen nutzen und einen eisernen Ring um Berlin legen sollte. Das ist leicht zu erklären: Man droht uns mit Krieg, und wir wollen nicht, dass man uns Spione schickt. Diese Begründung werden die Deutschen verstehen." 

Das ist auch in dem Buch der beiden Ex-DDR-Generäle Kessler und Streletz nachzulesen. Doch das stört die dominierenden Legendenschreiber bis heute nicht weiter. Das gilt auch für folgenden Fakt: Alle Schritte der Grenzsicherung erfolgten in Absprache mit dem sowjetisch geführten Oberkommando der Vereinigten Streitkräfte des Warschauer Vertrages in Wünsdorf, so Ex-Staatsfunktionär Graf: 

"Es gab keine Mine, die nicht dort vereinbart wurde, ob sie eingebaut wird, ob sie abgebaut wird … es gab keine Geschichte, die nicht gemeinsam beschlossen wurde. Das war ein Stück der gemeinsamen Verteidigungslinie des Warschauer Vertrages von Wismar bis zur Adria. Man darf ja nicht vergessen: Diese Grenzziehung zog sich ja durch ganz Europa. Wir gucken immer bloß auf die Berliner Mauer." 

Es sei ein System mit vielen Aufgaben gewesen: "Ein Alarmsystem, ein Abschottungssystem, ein Fluchtverhinderungssystem. Und auf beiden Seiten wurde gelauscht, beobachtet, getrickst – das war Kalter Krieg." 

Mehrere Nutznießer 

War für den Bau der Berliner Mauer weniger der Osten als der Westen verantwortlich? Mit dem Status Quo wurden vor allem die Sonderrechte der westlichen Alliierten für Westberlin endgültig festgeschrieben, nachdem sie zuvor keine völkerrechtliche und vertragliche Grundlage hatten. Um ihre Interessen an dem "Pfahl im Fleische der DDR", wie der einstige Westberliner Regierende Bürgermeister Ernst Reuter die Stadt nannte, zu sichern, drohten die USA selbst mit einem Atomkrieg. Passend, wenn auch eher unangemessen, hatte Reuter sogar von der "billigsten Atombombe" der westlichen Welt gesprochen. 

Doch Graf sah den Westen nicht als Sieger des Konfliktes, auch weniger als eigentlichen Nutznießer des Mauerbaus. Im Gespräch meinte er rückblickend, der DDR sei es nach dem 13. August 1961 von Jahr zu Jahr besser gegangen, nicht nur wegen der Mauer, sondern weil auch eine andere Politik innerhalb des Landes möglich gewesen sei. Dazu habe auch eine Debatte, "ein bisschen untergründig", über den Weg zum Sozialismus, gezählt. 

Selbstverständlich hatte die DDR ein großes Interesse daran, die wirtschaftlichen und sozialen Probleme durch die zuvor offene Grenze einzudämmen. Das wird unter anderem dadurch belegt, was Ulbricht 1962 dem ehemaligen BBC-Korrespondenten Oestreicher "off the record", also inoffiziell, eingestand, der das dann 2009 in der Berliner Zeitung wiedergab: 

"Mein Staat war gefährdet. Die bürgerlich erzogene Bevölkerung, die noch kein Verständnis für den Sozialismus entwickelt hat, floh in Scharen davon. Krankenhäusern fehlten Ärzte, die ganze Wirtschaft war bedroht. Zur Rettung des sozialistischen Lagers – und damit des Weltfriedens – war die Mauer (sic! - das Wort Schutzwall kam nicht vor) eine tragische Notwendigkeit." 

Oestreicher zitierte auch, was ihm Ulbricht zu den Toten an der innerdeutschen Grenze sagte: "Jeder Schuss an der Mauer ist zugleich ein Schuss auf mich. Damit liefere ich dem Klassenfeind die beste Propagandawaffe. Den Sozialismus und damit den Frieden aufs Spiel zu setzen, würde aber unendlich mehr Leben kosten." 

Falsche Schuldzuweisungen 

Die beiden Ex-Generäle Kessler und Streletz bestätigten das in ihrem Buch:

"Die Führung der DDR, wir beide eingeschlossen, hat jeden einzelnen Todesfall an der Staatsgrenze bedauert. Kein einziger war gewollt. Und nicht nur, weil dadurch der Sozialismus Schaden nahm."

Doch solche Aussagen werden ignoriert, auch weil die Toten an der Grenze leider nützlich sind – für die Propaganda gegen die DDR und bis heute. 

Schon in den ersten Tagen nach der Grenzschließung 1961war die daraus folgende Trennung von Familien ein wichtiges Propaganda-Element. "Das besaß einen hohen emotionalen Wert, und in dieses Horn wurde kräftig gestoßen", so Kessler und Streletz. "Wo Tränen fließen, ist naturgemäß der Blick getrübt." 

Und so wird wie bei den Ursachen auch bei den Folgen übersehen oder bewusst ausgelassen, was nicht in das gewünschte Bild passt. Die DDR-Führung hatte über den Ostberliner Oberbürgermeister Friedrich Ebert dem Westberliner Senat am 22. August 1961 eine Lösung für Besuche der getrennten Familien vorgeschlagen. Sie sollten über Vermittlung durch zwei DDR-Reisebüros auf Westberliner S-Bahnhöfen in die DDR-Hauptstadt einreisen können.

"Stattdessen erklärte der Regierende Bürgermeister Willy Brandt, dass der Senat keine Einrichtung dulden werde, die Anordnungen von DDR-Behörden ausführe", ist dazu im Buch der beiden Ex-DDR-Militärs zu lesen. "Am 25. August erließ die Alliierte Kommandantur auf Druck des Senats einen Befehl, der in Westberlin Einrichtung und Betrieb von Büros zur Ausgabe von Aufenthaltsgenehmigungen für Westberliner in Ostberlin verbot." Brandt habe dazu in Interviews erklärt, diese Entscheidung sei "uns nicht leichtgefallen", weil sie "vielen West-Berlinern den Besuch ihrer Bekannten und Verwandten im Ostsektor unmöglich" machte. 

"Erst Ende 1963 sollte es das erste Passierscheinabkommen geben und den Westberlinern von ihrer politischen Führung erlaubt werden, den Ostteil der Stadt zu betreten und Verwandte und Freunde nach über zwei Jahren Trennung wiederzusehen", so Kessler und Streletz. Das gehört zu den Tatsachen, die bis heute kaum beim offiziellen Erinnern an die Ereignisse vor 60 Jahren erwähnt werden.

Der ehemalige DDR-Generaloberst Streletz schreibt in seinem neuen Vorwort zum gemeinsamen Buch mit dem 2017 verstorbenen früheren Armeegeneral und Verteidigungsminister Kessler:

"Unser Buch zeigt, wie in einer angespannten Sicherheitslage die Politik es vermochte, einen Konflikt zu entschärfen. Damals wie auch heute genügte ein Funke, das Pulverfass zur Explosion zu bringen. Vor sechzig Jahren gelang es, diesen Funken gemeinsam auszutreten, woran auch der junge US-Präsident John F. Kennedy insofern beteiligt war, als er Moskau zugestand, gemäß seinen Sicherheitsinteressen auf seinem Territorium, in seinem Einflussgebiet ungehindert zu agieren, sofern davon nicht die Interessen der USA betroffen sein würden."

Der heute 94-Jährige ist nicht überrascht von den Geschichtsverdrehungen, "die um den 13. August 2021 ganz gewiss in den deutschen Medien verbreitet werden. 'Jede Kriegführung gründet auf Täuschung', soll schon vor zweieinhalbtausend Jahren der chinesische Militärstratege Sunzi formuliert haben. Das gilt auch für den  Informations- und Propagandakrieg, in dem wir uns gegenwärtig befinden."

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