Deutschland

STIKO-Chef weist Lauterbachs Kritik zurück: Evidenz entscheidend, nicht politischer Druck

Was Karl Lauterbach als eine "Außenseiterposition" tituliert, ist für die STIKO eine evidenzbasierte Position. Trotz des Beschlusses der Gesundheitsminister, die Corona-Impfungen bei den 12- bis 17-Jährigen voranzutreiben, lässt sich die STIKO nicht unter Druck setzen.
STIKO-Chef weist Lauterbachs Kritik zurück: Evidenz entscheidend, nicht politischer DruckQuelle: www.globallookpress.com © Flashpic/Keystone Press Agency/Jürgen Heinrich via www.imago-im/www.imago-images.de

Gestern haben die Gesundheitsminister von Bund und Ländern beschlossen, das Angebot für eine Corona-Impfung für 12- bis 17-Jährige auszuweiten. In Impfzentren, Arztpraxen und auch bei Betriebsärzten sollen Jugendliche die Möglichkeit für eine Impfung erhalten. Diese Entscheidung steht im Widerspruch zur Haltung der Ständigen Impfkommission (STIKO), die eine generelle Impfung für Minderjährige nicht empfiehlt, mit dem Hinweis, dass potentielle Nebenwirkungen der Impfungen die Gefahren einer Corona-Infektion in dieser Altersklasse überwiegen.

Für den SPD-Politiker Karl Lauterbach kommt der Beschluss der Gesundheitsminister gerade noch rechtzeitig. Gegenüber dem RedaktionsNetzwerk Deutschland äußerte er seine Freude darüber und ist sich sicher, "die Impfungen ab zwölf Jahren werden den Unterricht absichern und den Schutz der Jugendlichen verbessern". Er rechnet damit, dass die Zahl der geimpften Jugendlichen "schnell stark ansteigen" werde. Eine angestrebte "Herdenimmunität in den Schulen" sieht Lauterbach dennoch nicht erreichbar. Dafür sei die "Impfbereitschaft dann doch zu gering".

Die Impfbereitschaft könne allerdings laut Lauterbach durch bestimmte Anreize angehoben werden – etwa durch bestimmte Privilegien, wie etwa eine Ausnahme von Quarantänen. Er geht davon aus, dass nach dem Schulstart "immer wieder Kinder in Quarantäne müssen". Wenn es sich dann herumspricht, dass geimpfte Kinder nicht in die Quarantäne müssten im Fall eines positiven Corona-Befunds in der Klasse, würde das Eltern wie Kinder von der Impfung überzeugen. Der SPD-Politiker mutmaßt:

"Ich könnte mir vorstellen, dass sich Jugendliche impfen lassen, um die Quarantäne zu vermeiden."

In Richtung der STIKO äußerte Lauterbach deutliche Kritik. Mit ihrer Position zu den Corona-Impfungen bei Kinder stehe die STIKO in einer "Außenseiterposition". Obwohl die STIKO in der Vergangenheit "ganz hervorragende Arbeit geleistet" habe, habe sie sich nun im Fall der Kinder und Jugendlichen "ein bisschen zu früh festgelegt und verrannt". Für den SPD-Politiker steht fest, dass eine "Durchseuchung" mit der Delta-Variante des Coronavirus viel gefährlicher sei als die Impfung von Kindern.

STIKO-Chef Mertens wehrt sich gegen Kritik

Gegen die Kritik von Lauterbach und gegen den von Politikern und Medien aufgebauten Druck wehrt sich der STIKO-Vorsitzende Thomas Mertens. Er wurde gestern von mehreren Medien für eine Stellungnahme befragt – auch hinsichtlich der Entscheidung der Gesundheitsminister. Gegenüber dem MDR stellte Mertens klar, dass er es als "nicht besonders klug" erachte, wie viele Politiker "vorpreschen". Bei der Süddeutschen Zeitung betonte der STIKO-Chef, dass es durchaus im Bereich der Politik liege, ein verstärktes Impfangebot an Kinder zu machen:

"Es ist durchaus möglich und statthaft, dass die Politik Entscheidungen trifft mit Hinweis auf eine gesundheitliche Vorsorge, die nicht unbedingt evidenzbasiert sein müssen."

Hinsichtlich des Drucks auf die STIKO äußerte Mertens:

"Ich halte den politischen Druck für wenig hilfreich. Weder für die Arbeit der STIKO noch hinsichtlich der sprichwörtlichen Verunsicherung der Menschen im Land. Der scheinbar hohe zeitliche Druck, der damit erzeugt wird, ist vielfach sicher so nicht gerechtfertigt."

Gleichzeitig betont Mertens aber, dass sich die STIKO in ihrer Empfehlung nicht dem politischen Druck beugen werde. Die STIKO arbeitet derzeit an einer "aktualisierten, evidenzbasierten Empfehlung" hinsichtlich der Corona-Impfungen für Kinder und Jugendliche. Ein Ergebnis dazu liege aber bislang nicht vor, da erst sorgsam alle Daten zusammengetragen werden müssten. Mertens macht deutlich:

"Beste verfügbare Evidenz bedeutet, dass man nach allem sucht, was man weiß, und auch nach dem, was man nicht weiß. Das ist die Aufgabe der STIKO, und das müssen und werden wir weiterhin tun."

Aktuell sehen Mertens und die STIKO keinen Anlass aufgrund der Delta-Variante etwas an ihrer Empfehlung für die Corona-Impfung von Kindern und Jugendlichen zu ändern. Mertens betont, es gebe "derzeit keine Evidenz", dass "die Delta-Variante Kinder kränker machen würde als die bisherigen Virusvarianten". Er zählt die entscheidenden Fragestellungen auf, für eine Empfehlung der STIKO:

  • "Welche Rolle spielt das Virus für die Gesundheit/Erkrankungen der Kinder?"
  • "Wie sicher ist der Impfstoff in der Altersgruppe, wenn die Krankheitslast nicht hoch ist?"
  • "Welche Wirkung kann man von der Impfung dieser Altersgruppe auf den weiteren Verlauf der Pandemie in Deutschland erwarten, natürlich einschließlich der Auswirkungen auf die Kinder?"

Eine "Stellvertreterdiskussion" zu Lasten der Kinder?

Vom Spiegel wurde der STIKO-Vorsitzende mit der Empfehlung der US-amerikanischen Impfkommission ACIP konfrontiert, die eine Impfung auch für Kinder und Jugendliche empfiehlt mit dem Argument, der Nutzen der Impfung würde das Risiko überwiegen. Mertens verweist hingegen auf die Fälle von "Herzmuskelentzündungen", die bei geimpften Personen dieser Altersgruppe aufgetreten seien.

"Die große Frage ist: Wie geht es denen, die eine Herzmuskel- und Herzbeutelentzündung nach der Impfung hatten, langfristig? Das können die Amerikaner noch nicht beantworten, auch wenn die meisten Fälle akut mild verlaufen."

Überhaupt gelte in den USA eine andere Ausgangslage bei den 12- bis 17-Jährigen als in Deutschland, weil dort etwa "die Krankheitslast durch COVID-19 in diesem Alter viel größer als in Deutschland". Mertens führt als Beispiel auf, dass dort "mehr Kinder ein metabolisches Syndrom – Übergewicht, Bluthochdruck, gestörter Fettstoffwechsel und hoher Blutzucker – haben". Deswegen sei es angebracht, dass jedes Land eine eigene Impfkommission mit eigenständigen Empfehlungen habe.

Mertens betont in der Süddeutschen Zeitung seine Sorge, dass rund um die Frage der Corona-Impfungen von Kindern eine "Stellvertreterdiskussion" geführt werde, "die von unserem eigentlichen Problem wegführt". Statt die Kinder zu impfen, sollten laut Mertens eher die Impfungen der 18- bis 59-Jährigen vorangetrieben werden.

"Es ist sehr klar, dass davon der Verlauf der 'nächsten Welle' abhängt und nur sehr marginal von der Impfung der Kinder."

Insgesamt vermisst der STIKO-Vorsitzende eine "ruhige Aktivität, weniger allgemeine Aufgeregtheit und Hektik mit fraglichem Sinn und Nutzen und mehr Rationalität bei den Vorbereitungen, Entscheidungen und Umsetzungen von sinnvollen Maßnahmen".

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