Deutschland

Grünen-Parteitag: Carolin Emcke vergleicht "Klimaforscher:innen" mit verfolgten Juden

Was hat die Kritik an Klimawissenschaftlern mit der Verfolgung der Juden zu tun? Viel, findet offenbar die Publizistin Carolin Emcke und zog in ihrer Gastrede auf dem Grünen-Parteitag entsprechende Parallelen. Die Kritik ließ nicht auf sich warten.

Die Publizistin Carolin Emcke hat in einer Rede auf dem Bundesparteitag von Bündnis 90/Die Grünen die Lage von Klimaforschern heute indirekt mit der Judenverfolgung verglichen. Die Autorin, die auf dem Parteitag als Gastrednerin auftrat, beklagte eine angebliche "radikale Wissenschaftsfeindlichkeit" im deutschen Bundestagswahlkampf. Emcke sagte wörtlich:

"Die Frage ist längst nicht mehr bloß, ob es postfaktische Zeiten sind, in denen wir leben, und ob Desinformation und Ressentiment einzelne Debatten verzerren. Sondern es geht darum, ob die permanente Lüge den Unterschied zwischen Wahr und Falsch aufhebt, ja ob letztlich die Wirklichkeit selbst als etwas, das allen gemeinsam ist, ausradiert werden soll."

Im Wahlkampf werde "echtes und erfundenes Material geleakt und gedoxt", das treffe nicht nur die jeweiligen Parteien, sondern "alle in unserer Demokratie". Emcke weiter [Rechtschreibung wie von Phoenix transkribiert]:

"Ganz gleich, welche Parteienkonstellation in die nächste Regierung eintreten wird, ganz gleich, wie schnell und sozial ausbalanciert die ökologische Transformation dann angegangen wird, die radikale Wissenschaftsfeindlichkeit, die zynische Ausbeutung sozialer Unsicherheit, die populistische Mobilisierung und die Bereitschaft zu Ressentiment und Gewalt werden leiden.

Es wird sicher wieder von Elite gesprochen werden. Und vermutlich werden es dann nicht die Juden und Kosmopoliten, nicht die Feminist:innen und Virolog:innen sein, vor denen gewarnt wird, sondern die Klimaforscher:innen." 

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Unter den Augen der die Videobotschaften verfolgenden Grünen-Vorsitzenden Annalena Baerbock und Robert Habeck schloss die vielfach ausgezeichnete Publizistin ihre Ausführungen mit der Forderung nach einer "selbstkritischeren und inklusiveren" neuen Aufklärung:

"Die weitverbreitete Neigung, Desinformationen und Lüge als streitbar oder kontrovers zu exkulpieren, hat hier zu lange rechtsradikale Propaganda und antiaufklärerischen Irrsinn verhängnisvoll normalisiert. Es braucht eine neue Aufklärung gegen die Pro- und Contraisierung der Wirklichkeit."

Die Grünen-Fraktionsvorsitzende Katrin Göring-Eckardt dankte Emcke für ihre "große Rede":

"Danke an Carolin Emcke für eine große Rede für Aufklärung, für Wahrheit, die zumutbar ist, für die Wirklichkeit. Es ist eine Ehre, in diesem Sinn Politik zu machen."

Doch es gab auch zahlreiche kritische Stimmen. Die CDU-Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner warf Emcke indirekt die Verharmlosung der Judenverfolgung in der NS-Zeit vor.

In den sozialen Netzwerken verwiesen Nutzer darauf, dass Emckes Ausführungen zu dem von ihr beschworenen Geist der Aufklärung in Widerspruch stünden und letztlich dazu dienten, Kritiker als extremistisch zu delegitimieren. Ein Nutzer schrieb:

"Das ist keine neue Aufklärung, sondern deren Abschaffung im Namen von etwas anderem. Dieses Andere ist so groß imaginiert, dass es alles erlauben soll, was ihm dienlich ist. Dafür wird sogar der Antisemitismus kleingeredet."

Der dreitägige Grünen-Parteitag läuft seit Freitagnachmittag. 800 Delegierte sind zugeschaltet. Auf dem Parteitag soll über das Wahlprogramm abgestimmt werden. Unter anderem fordert die Partei eine Anhebung der Hartz-IV-Regelsätze um mindestens 50 Euro und einen Mindestlohn von zwölf Euro. Am Samstagnachmittag wurde Baerbock als erste grüne Kanzlerkandidatin mit großer Mehrheit bestätigt. 

Die Grünen-Chefin war in den vergangenen Wochen wegen zahlreicher unzutreffender Angaben in ihrem Lebenslauf in die Kritik geraten, die Umfragewerte der Partei fielen daraufhin deutlich. Verschiedene Mainstreammedien werteten die Kritik an der Grünen als Ausdruck von Frauenhass.

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