Deutschland

Mediziner Kern zu RT: "Die Impfung ist der einzige vernünftige Ausweg aus der Pandemie"

Bundesweit soll die Priorisierung im Juni aufgehoben, die Impfung gegen SARS-CoV-2 auch Jüngeren ermöglicht werden. Doch ist die Impfung der einzige Weg aus der Pandemie, und ist es verantwortungslos, sich nicht impfen zu lassen? RT DE sprach darüber mit einem Mediziner.
Mediziner Kern zu RT: "Die Impfung ist der einzige vernünftige Ausweg aus der Pandemie"Quelle: www.globallookpress.com © Wolfgang Kumm / dpa

Die Impfkampagne in Deutschland sorgt für Diskussionen. Während sie den einen nicht schnell genug verläuft, gibt es andere, die etwa Bedenken wegen möglicher Nebenwirkungen der Impfstoffe haben und deshalb ein Vakzin gegen das Coronavirus ablehnen. Ein jüngst erschienener Gastbeitrag von Susan Bonath bei RT DE beschäftigte sich mit Verdachtsfällen auf schwere Nebenwirkungen und Todesfälle nach einem Vakzin und stieß sowohl auf viel Zustimmung als auch auf Widerspruch.

RT DE sprach nun mit einem Mediziner über das Thema Impfen und den Ausweg aus der Pandemie. Prof. Dr. med. Peter M. Kern ist Internist und Direktor der Medizinischen Klinik IV mit Schwerpunkten in den Bereichen Rheumatologie, Immunologie und Osteologie am Klinikum Fulda.

Ist Impfen Ihrer Meinung nach der einzige Ausweg aus der Pandemie?

Seit 3,5 Milliarden Jahren ist dieser Planet mit einzelligen Lebewesen bewohnt, die wir heute teilweise Krankheitserreger nennen. Vor zwei Millionen Jahren kam der heutige Mensch als ein weiteres höher entwickeltes Lebewesen in diese längst von Mikroben beherrschte Welt. Seine Existenzfähigkeit in dieser Umgebung verdankt er – wie jeder andere höhere Organismus ausschließlich seinem Immunsystem, ohne das er keinen Tag überleben könnte. Das ist auch bei dem neuesten Virus, das den Menschen befallen hat, nicht anders. Der einzige Weg, die Corona-Pandemie zu überleben, ist Immunität. Und es gibt nur zwei Wege zur Immunität: Infektion oder Impfung. Die Infektion ist potentiell tödlich, wie diese Pandemie und alle vor ihr bewiesen haben. Auf die Infektion zu warten ist also keine kluge Alternative. Somit ist klar: Die Impfung ist der einzige vernünftige Ausweg aus der Pandemie!"

Wie ordnen Sie die Impfkampagne in Deutschland ein? Sind wir im Zeitplan?

Wir haben per heute über 30 Millionen mindestens einmal Geimpfte in Deutschland. Bereits die erste Impfung entfaltet ja eine signifikante Wirkung. Hinzu kommen geschätzt – genaue Zahlen zu dieser Dunkelziffer gibt es noch immer nicht – weitere zehn Millionen, die die Infektion überlebt haben und dadurch immunisiert sind. Damit haben wir etwa die Hälfte der Bevölkerung unter dem immunologischen Schutzschirm. Das Entscheidende daran ist: Dieser Schutz ist umso wichtiger, je größer das Risiko der betreffenden Person im Fall einer Infektion wäre. Dieses Risiko ist aber extrem altersabhängig. Ein älterer Mensch (über 75) hat ein 1.000-fach höheres Risiko, an einer CoV-2-Infektion zu sterben als ein junger Mensch (unter 25). Das Risiko liegt für einen 60-jährigen Menschen bei 0,5 Prozent und steigt mit dem weiteren Alter exponentiell an. Etwa 24 Millionen Menschen in Deutschland sind 60 Jahre oder älter. Da wir eine nach Alter priorisierte Impfkampagne haben, ist die Schutzwirkung vor Todesfällen also viel höher als die Immunisierungsquote von 50 Prozent. Damit sind wir sehr gut im Plan, gerade auch dank des fantastischen Einsatzes der impfenden Haus- und Fachärztinnen und -ärzte.

Wird Ihrer Meinung nach die Pandemie vorbei sein, wenn nahezu alle geimpft sind?

Die Pandemie als eine unkontrollierte Ausbreitungswelle wird dann vorbei sein, nicht aber die Krankheit COVID-19 oder das Virus CoV-2. Es handelt sich hier nicht um einen Heuschreckenschwarm, der über die Menschheit kam und wieder verschwindet, sondern schlicht und ergreifend um ein neues Virus, das nun im System Mensch angekommen ist und da für immer bleiben wird, genau wie unzählige Viren vor ihm. Auch eine Impfung oder eine durchgemachte Infektion schützen nicht hundertprozentig vor einer erneuten Erkrankung. Die Krankheit wird es also in einzelnen Menschen weiterhin geben und sie wird weitere vereinzelte Todesopfer fordern, wie wir das von anderen Viruserkrankungen seit jeher kennen – man denke nur an die Grippe oder an Herpesviren. Sie wird erst dann beherrscht sein, wenn wir eine wirksame Therapie gefunden haben. Dafür gibt es hoffnungsvolle Forschungsansätze, aber bisher keine durchgreifenden Behandlungserfolge.

Denken Sie, dass es aus medizinischer Sicht verantwortungslos ist, sich nicht impfen zu lassen?

Eine Impfung erfüllt mehrere medizinische Ziele. Zuallererst natürlich soll sie das Leben des Individuums vor einer potentiell tödlichen Krankheit schützen. Zum zweiten stellt jedes geimpfte und damit immunisierte Mitglied einer Bevölkerung ein Ausbreitungshindernis für das Virus dar. Das ist etwas, was primär seinen Mitmenschen nützt, aber damit indirekt natürlich auch dem einzelnen. Wir sehen das ja jetzt bereits an den deutlich sinkenden Infektionszahlen, die sicher der Immunisierung der Hälfte der Bevölkerung zu verdanken sind.

Drittens trägt eine möglichst komplette Impfung einer Bevölkerung dazu bei, dass das Virus in dieser Population ausstirbt. Dann kann es nicht mehr mutieren und neue, auch für Geimpfte wieder gefährliche Varianten hervorbringen. Das ist also auch wieder ein Selbstschutz für jeden Geimpften. Somit ist es sicher ein Gebot der Vernunft, sich impfen zu lassen und der eigene Nutzen ist umso größer, je höher das eigene Risiko ist. Der Begriff Verantwortung geht aber über das Individuum hinaus.

Wie weit man in einer freien Gesellschaft den einzelnen für das Wohl der Allgemeinheit in die Pflicht nehmen darf, ist eine Entscheidung, die wir nur auf demokratischem Wege treffen können. Hier wird die Verhältnismäßigkeit die entscheidende Rolle spielen.

Auf unserer Webseite wurde jüngst ein inzwischen kontrovers diskutierter Meinungsartikel veröffentlicht. Die Autorin beschäftigte sich mit Nebenwirkungen der Impfstoffe. Würden Sie den vielleicht kommentieren?

Diesen Artikel kommentiere ich nicht. Er ist blanker Unsinn. Er setzt gemeldete Verdachtsfälle, die keiner inhaltlichen Prüfung und keiner kausalen Würdigung unterlagen, mit tatsächlichen Nebenwirkungen gleich und unterlässt die zwingend erforderliche Vergleichsbetrachtung mit dem Auftreten entsprechender Phänomene ohne Impfung. Das ist eine wissenschaftliche Geisterfahrt, die keiner näheren Betrachtung würdig ist!

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