Deutschland

Chaos durch Stufenöffnung: Händler mit Öffnungsstrategie unzufrieden

Für den Einzelhandel ist der Stufenplan angesichts steigender Inzidenzen ein Schlag ins Genick. Am Beispiel einer Fürther Modeboutique sieht man die Untauglichkeit des Öffnungsstufenplans der Regierung. Der Einzelhandelsverband übt scharfe Kritik.
Chaos durch Stufenöffnung: Händler mit Öffnungsstrategie unzufriedenQuelle: www.globallookpress.com © Reiner Zensen via www.imago-imag/www.imago-images.de

Die zweite Märzwoche war ein Lichtblick für Betreiber von Mode-, Schuh- und Schmuckgeschäften. Nach dem neuen Corona-Stufenplan durften auch sie wieder Kunden empfangen. Doch jetzt ist es wegen hoher Inzidenzen damit vielerorts schon wieder vorbei.

Die Nerven liegen blank im Einzelhandel. Mit einem Brandbrief richtet sich ein Fürther Bekleidungs-Unternehmerpaar, Maria Grazia Tricarico, Geschäftsführerin der Firma Mode Mary Lou, und ihr Mann Rolf Stumpf, an die Verantwortlichen. In den Fürther Nachrichten sagten sie:

"Die Situation ist grausam für uns kleine inhabergeführte Einzelhändler, wirtschaftlich und seelisch. Warum darf ein Friseur mit Termin öffnen und wir nicht?"

Nach dem neuen Stufenplan der Bundesregierung und deren Variation in Bayern dürfen Blumenläden, Gartencenter, Baumärkte und Buchhandlungen wie Lebensmittelläden, Drogerien oder Optiker abhängig von der Sieben-Tage-Inzidenz öffnen.

Auch Friseure und Kosmetikstudios dürfen Kunden empfangen. Bei einem Inzidenzwert über 100 an drei Tagen – wie in Fürth am 13.3.21 gemessen – bedeutet jedoch ein plötzliches Aus für die Betriebe. Die Mode-, Schuh- oder Spielzeugbranche darf nur noch "Click & Collect" anbieten, Abholen bestellter Ware, aber nicht mehr "Click & Meet", das Shopping nach Terminvereinbarung. Es brenne, sagt die Ladenbetreiberin. "Click & Collect" werde von der Kundschaft kaum angenommen, klagen Tricarico und Stumpf. Und sie fragen:

"Wie sollen wir wirtschaftlich überleben, wenn wir nicht handeln dürfen?"

Von den aktuellen Öffnungsschritten und deren individueller Umsetzung in den 16 Bundesländern zeigen sich die Händler enttäuscht. Sie halten die derzeitigen Maßnahmen im Durchschnitt für "mangelhaft". Das ergab eine aktuelle Umfrage des Handelsverbands Deutschland (HDE) unter rund 1.000 Handelsunternehmen. Der HDE fordert einen Strategiewechsel.

Besonders Händler mit nach wie vor geschlossenen Geschäften stehen den Maßnahmen kritisch gegenüber. Sie bewerten die jüngsten Öffnungsschritte und die Regelungen in den Bundesländern mit der Note "ungenügend". Auch bei den Händlern mit "Click & Meet" kommen die aktuellen Maßnahmen nicht gut an. Sie schätzen die Öffnungsschritte und deren Umsetzung als "mangelhaft" ein. HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth sagt:

"Das schlechte Zeugnis ist ein Weckruf an Bund und Länder. Es ist höchste Zeit für einen Strategiewechsel hin zu einer evidenzbasierten Öffnungsstrategie."

Dass akuter Handlungsbedarf besteht, verdeutlichen die Erwartungen der befragten Händler an den Bund-Länder-Gipfel. Rund 80 Prozent von ihnen fordern die vollständige Öffnung des Einzelhandels unter Einhaltung von Hygiene- und Abstandsregeln. Hoffnung setzen sie auch in Impfungen, die laut 70 Prozent der Befragten schneller durchgeführt werden sollten.

Gut die Hälfte der Händler erwartet von Bund und Ländern eine Anpassung der Wirtschaftshilfen unter Berücksichtigung eines Unternehmerlohns. Eine Verdopplung der Corona-Hilfen ist für mehr als 40 Prozent der Befragten wichtig. Die Fortsetzung der aktuellen Maßnahmen kann sich mit einem Zehntel nur ein Bruchteil der Händler vorstellen. Genth warnt:

"Unter den Händlern herrscht Einigkeit. Wir müssen jetzt die flächendeckende Öffnung des Handels angehen und das Impftempo erhöhen. An den Entscheidungen am Montag hängen Existenzen."

Er fordert Bund und Länder auf, ihre Öffnungsstrategie anzupassen. Weiterhin auf die ausschließlich inzidenzorientierte Schließung ganzer Branchen zu setzen, sei inakzeptabel. Genth weiter:

"Bewältigen können wir die Krise nur mit einer Öffnungsstrategie, die das Infektionsgeschehen ganzheitlich auf Grundlage aller relevanten Indikatoren beurteilt. Die höhere Testquote und die Auslastung der Intensivbetten seien unbedingt zu berücksichtigen."

Durch die ersten Öffnungsschritte der vergangenen Woche hätten viele Händler ein kleines Licht am Ende des Tunnels gesehen. Eine Rückkehr in den Lockdown würde ihnen die Perspektive rauben. Wie das Robert Koch-Institut bestätigte, sei das Ansteckungsrisiko beim Einkaufen gering. Genth mahnt: 

"In den vergangenen Monaten haben sich die Hygienekonzepte und Abstandsregelungen bewährt. Mit ihnen ist eine Öffnung aller Geschäfte schon heute bedenkenlos möglich. Die Händler brauchen eine Perspektive. Und die darf nicht von ihrem Bundesland oder allein der Inzidenzzahl abhängen."

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