Deutschland

"Wir sind ein Kollateralschaden der Politik" – Chef der Bernauer Tafel zu Corona-Hilfe und Armut

Immer mehr Menschen in Deutschland sind auf die sogenannten "Tafeln" angewiesen. In Zeiten der Corona-Krise hat sich die Zahl der Bedürftigen nochmals enorm erhöht. Im Podcast-Interview sprach der Leiter der Bernauer Tafel Peter Raske über die neuen Tafelkunden und die ohnehin steigende Armut.

Mehr als 950 Tafeln gibt es mittlerweile in Deutschland. Etwa 1,7 Millionen Menschen sind auf die vor Ort ausgegebenen Essensspenden angewiesen – Tendenz steigend.

Gleichzeitig ergaben im Juli 2020 Berechnungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung mit Sitz in Berlin, dass die Konzentration der individuellen Nettovermögen in Deutschland noch höher ist als bislang ausgewiesen: Allein das reichste Prozent der Bevölkerung besitzt demzufolge rund 35 Prozent des Gesamtvermögens. Zuvor war man von nur 22 Prozent ausgegangen.

Für die Bedürftigen haben Corona-Krise und Dauerlockdown die Situation derweil nochmals erheblich verschärft, was sich auch in einer wachsenden Zahl neuer Tafelkunden bemerkbar macht.

Doch bereits zuvor sei die Situation für viele Menschen prekär gewesen, erklärt der Geschäftsführer der Bernauer Tafel Peter Raske im Podcast-Gespräch mit RT DE-Redakteur Kani Tuyala.

"Wer heute Mindestlohn bekommt, ist mein Tafelkunde in der Zukunft."

Die Menschen könnten allzu oft von ihrer Arbeit nicht mehr leben und die offiziell geringe Arbeitslosigkeit sei "teuer erkauft", so Raske. Hinzu käme das Problem der Altersarmut.

"Über 50 Prozent der Tafelnutzer sind momentan Ältere und Rentner."

Längst zählten aber auch Alleinerziehende und (Solo-)Selbstständige zu den Kunden der Tafel.

Die Corona-Krise habe aber auch dazu geführt, dass viele Menschen sich unentgeltlich engagieren, um bei der Tafel auszuhelfen. So etwa Studenten, Azubis, Friseure und Taxifahrer. Von den ehrenamtlichen Helfer rutschten jedoch immer mehr Menschen selbst in die Bedürftigkeit ab. Dennoch habe sich durch die konkrete Hilfe die Situation, zumindest vor Ort, "ein bisschen gebessert".

Seitens der Politik gebe es bislang nur in ganz wenigen Ausnahmefällen konkrete Unterstützung, um den Betrieb der Tafeln auch während der Corona-Krise aufrechtzuerhalten.

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