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Skepsis gegenüber AstraZeneca-Vakzin: Vorwürfe nach abgesagten Impfterminen

Ausgeprägten Zweifeln an dem Corona-Impfstoff von AstraZeneca begegnen einige Ärzte und Politiker nach abgesagten Impfterminen mit Zusicherungen und teils auch Vorwürfen. Das Vakzin hat eine geringere Wirksamkeit als Mittel anderer Hersteller, zudem gab es Berichte über Impfreaktionen.
Skepsis gegenüber AstraZeneca-Vakzin: Vorwürfe nach abgesagten ImpfterminenQuelle: www.globallookpress.com © Christian Ohde/ imago-images/ Global Look Press

Die Bundesregierung hatte große Hoffnungen in die Zulassung des Impfstoffs von AstraZeneca gesetzt. Doch unter erheblichen Teilen der Bevölkerung scheint die Skepsis gegenüber der Wirksamkeit und der Verträglichkeit des Vakzins derart ausgeprägt zu sein, dass zahlreiche Impftermine abgesagt wurden und über 650.000 Impfdosen offenbar unangetastet in Impfzentren liegen bleiben. Bis Ende Februar sollen weitere 1,8 Millionen Dosen geliefert werden. Nun werden mitunter heftige Vorwürfe gegenüber den Bürgern laut, welche auf eine Impfung mit dem Vakzin verzichten.

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Der Vorsitzende des Virchowbundes der niedergelassenen Ärzte, Dirk Heinrich, bezeichnete den Impfstoff des britisch-schwedischen Herstellers AstraZeneca als elementaren Baustein zum Weg aus der Pandemie. "Wer aus Gründen des Populismus und der Selbstdarstellung den Impfstoff von AstraZeneca schlechtredet, indem er die Wirksamkeit anzweifelt, macht sich mitschuldig daran, wenn der Lockdown länger dauert als nötig und gerade die älteren Menschen weiter an COVID-19 sterben", meinte Heinrich am Mittwoch.

Demgegenüber hatte der Vorsitzende des Weltärztebundes, Frank Ulrich Montgomery, am Dienstag auf die Skepsis des medizinischen Personals und der Pflegekräfte gegenüber dem AstraZeneca-Präparat hingewiesen und empfohlen, sich nicht mit diesem Impfstoff impfen zu lassen. Die geringere Wirksamkeit ist nicht wegzudiskutieren, sagte er.

Heinrich hingegen appellierte an das Schuldgefühl der Skeptiker und sagte, dass jeder Unter-65-Jährige, der nicht mit dem AstraZeneca-Impfstoff geimpft wird, einem Über-80-Jährigen aktuell das Vakzin von Biontech oder Moderna wegnimmt. "Weil diese dadurch ein höheres Sterberisiko haben, wird damit billigend in Kauf genommen, dass Über-80-Jährige nach Infektionen durch das Coronavirus vermehrt sterben", lautet der drastische Vorwurf.

Der Impfstoff von AstraZeneca hat eine geringere Wirksamkeit als die beiden anderen in Deutschland zugelassenen Vakzine von Biontech/Pfizer und Moderna, die eine Wirksamkeit von über 90 Prozent haben, wie auch der russische Impfstoff Sputnik V. Laut einer neuen Studie sind es bei AstraZeneca nach der zweiten Impfung bis zu 82 Prozent.

Ende Januar hieß es in Medienberichten vom Handelsblatt und Politico, dass Vertreter der Bundesregierung eine sehr deutlich geringere Wirksamkeit des Vakzins von nur acht Prozent befürchteten. Dies dementierte eine Sprecherin des britisch-schwedischen Konzerns und verwies auf Studiendaten, die im November in der medizinischen Fachzeitschrift The Lancet veröffentlicht wurden. Demnach zeigen ältere Erwachsene starke Immunantworten auf den Impfstoff. Gleichzeitig hatte die beim Robert Koch-Institut angesiedelte Ständige Impfkommission das Vakzin von AstraZeneca jedoch "aufgrund der derzeit verfügbaren Daten" nur für Personen im Alter von 18 bis 64 Jahren empfohlen.

Der Bericht vom Handelsblatt über die einstellige Prozentzahl der Wirksamkeit des Vakzins wurde mittlerweile von mehreren Positionen aus kritisiert. "Die Journalisten hätten erkennen müssen, dass eine so geringe Wirksamkeit unplausibel ist", sagte Markus Lehmkuhl, Professor für Wissenschaftskommunikation am Karlsruher Institut für Technologie, dem BMJ, einer von der Gewerkschaft British Medical Association herausgegebenen medizinischen Fachzeitschrift.

Die Weltgesundheitsorganisation empfahl den Impfstoff am 10. Februar für alle Erwachsenen. Doch bei einer zunächst in Südafrika entdeckten Variante schützt das AstraZeneca-Präparat wohl weniger vor milden und schweren Verläufen von COVID-19. Südafrika bietet derweil seinen Vorrat von einer Million AstraZeneca-Impfdosen der Afrikanischen Union an.

Der Virologe Christian Drosten betonte im Podcast "Coronavirus-Update" vom Dienstag bei NDR-Info, er sehekeine Veranlassung, das Vakzin aus schwedisch-britischer Produktion in Deutschland nicht zu spritzen. Bezüglich der umstrittenen Wirksamkeit insbesondere bei neuen Virus-Variationen halte er für Deutschland eher die Variante aus Großbritannien (B.1.1.7) für relevant. Neue Daten vom Robert Koch-Institut dazu werden in dieser Woche erwartet. B.1.1.7 bedeute aber laut einer Studie keinen Nachteil für die Schutzwirkung des AstraZeneca-Impfstoffes, so der Charité-Virologe. 

Die geringere Bereitschaft zur Impfung mit dem Vakzin zeigt sich offenbar deutschlandweit. Seit dem 7. Februar wurde laut Business Insider nicht einmal jede zehnte Dosis, sondern gerade einmal rund 50.000 der bislang 736.800 gelieferten Dosen verimpft. Die saarländische Gesundheitsministerin Monika Bachmann kritisierte, dass am Wochenende bei einer "Sonderimpfung im medizinischen" Bereich 54 Prozent von 200 zur Impfung angemeldeten Personen nicht erschienen seien, ohne den Termin abzusagen.

Auch aus Kreisen des Bundesgesundheitsministeriums heißt es, dass die Verunsicherung unter Impfwilligen und Ärzten groß ist. Impftermine fallen „massenhaft“ aus und auch Behörden sind unsicher, heißt es bei businessinsider. Aus Nordrhein-Westfalen meldet auch die dpa, dass Impfberechtigte ihre Termine platzen lassen. Laut den Westfälischen Nachrichten vom Mittwoch haben in Münster etwa 30 Prozent der für die Impfung vorgesehenen Rettungsdienstmitarbeiter und ambulanten Pfleger ihre Termine in der vergangenen Woche nicht wahrgenommen. Im Impfzentrum Siegen-Wittgenstein hatten Menschen lokalen Medien zufolge über Impfreaktionen wie Abgeschlagenheit, Fieber oder Gliederschmerzen geklagt. Das NRW-Gesundheitsministerium hat am Dienstag eine "tendenziell verhaltene" Impfbereitschaft bestätigt. Die Bundesregierung hatte große Hoffnungen in die Zulassung des Vakzins des britisch-schwedischen Herstellers gesetzt. Bis Ende Februar sollen weitere 1,8 Millionen Dosen geliefert werden. In Niedersachsen wurden Impfungen mit dem AstraZeneca-Vakzin an zwei Orten vorübergehend eingestellt, nachdem Krankenhausmitarbeiter sich wegen "Impfreaktionen" krankgemeldet hatten. In Schweden wurde der Einsatz des Vakzins nach Nebenwirkungen Berichten zufolge gestoppt.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) betont aktuell, dass der Impfstoff von AstraZeneca sicher ist. Er selbst würde sich impfen lassen, sagte er dem TV-Sender RTL. "Ausdrücklich auch mit AstraZeneca. Das ist ein sicherer und wirksamer Impfstoff". Sich impfen zu lassen, sei in dieser Pandemie ein Gebot der Vernunft. "Wer damit wartet, riskiert schwer zu erkranken, und er riskiert auch, das Virus weiterzuverbreiten,"  so Spahn am Mittwoch in Berlin. Spahn appellierte an Pflegekräfte und Ärzte, Impfangebote zu nutzen. Er warnte davor, Skepsis zu nähren. Man müsse jetzt ein bisschen aufpassen, dass man sich auch als Gesellschaft nicht "in etwas hineinrede" und eine Impfung mit einem zugelassenen und wirksamen Stoff infrage stelle. Inzwischen sind fast 740.000 AstraZeneca-Dosen an die Länder geliefert worden, davon sind bisher knapp 90.000 verimpft, wurde der Minister am Mittwochmittag zitiert. Dies laufe je nach Bundesland unterschiedlich, weil nicht alle am ersten Tag mit Impfungen begonnen hätten – etwa wegen nötiger organisatorischer Vorbereitungen. Business Insider hatte berichtet, dass in Brandenburg die Bestände des AstraZeneca-Impfstoffes noch gar nicht angerührt wurden, damit sollte allerdings am Mittwoch begonnen werden.

Spahn sagte, es bleibt kein Impfstoff liegen. "Wenn Leute, die ihn angeboten bekommen, ihn nicht nehmen, werden wir ihn eben dem nächsten anbieten." Es werde sehr viele Bürger geben, die sich über einen sicheren und wirksamen Impfschutz freuten – auch hinreichend viele Pflegekräfte und Ärzte. Sie seien in dieser Zeit der Impfstoff-Knappheit privilegiert, früher geimpft werden zu können.

Bayerns Gesundheitsminister Klaus Holetschek (CSU) sprach in einem Interview der Bayern-2-Radiowelt am Mittwoch davon, dass es sich hier nicht um ein Wunschkonzert handelt und lehnte eine Wahlmöglichkeit für Bürger beim Corona-Impfstoff ab. Die drei verfügbaren Impfstoffe seien regulär zugelassen und wissenschaftlich geprüft – das gelte auch für den Impfstoff von AstraZeneca.

Es herrscht ein Mangel an Impfstoff, sagte Holetschek. Der Impfstoff von AstraZeneca schütze vor schweren Verläufen einer Erkrankung. "AstraZeneca ist ein guter und sicherer Impfstoff", sagte Holetschek. "Wir haben jetzt einfach noch zu wenig Impfstoff. Wir hoffen, dass es mehr wird. Aber jetzt geht es um die Einschätzung der Situation im Moment. Und da stehen die drei zur Verfügung, und da ist es eben kein Wunschkonzert", so der CSU-Politiker.

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(dpa/ rt de)

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