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Auswirkungen des Lockdowns: Fast jedes dritte Kind in Deutschland psychisch auffällig

Kontaktbeschränkungen und Lockdown wirken sich zunehmend auf die Gesundheit von Kindern und Jugendlichen aus. Sie zeigen laut einer Studie "depressive Symptome und psychosomatische Beschwerden". Alarmierende Warnungen kommen von Jugendpsychologen und der Suizidprävention.
Auswirkungen des Lockdowns: Fast jedes dritte Kind in Deutschland psychisch auffälligQuelle: www.globallookpress.com © Thomas Trutschel / photothek.de via www.imago-images.de

Kontaktbeschränkungen, Schulschließungen und Lockdown stellen für Kinder erhebliche psychische Belastungen dar. Fast jedes dritte Kind zeigt mittlerweile psychische Auffälligkeiten. Es mehren sich "depressive Symptome sowie psychosomatische Beschwerden wie zum Beispiel Niedergeschlagenheit oder Kopf- und Bauchschmerzen".

Das ist das Ergebnis der zweiten Befragung der sogenannten COPSY-Studie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE), in der von Mitte Dezember 2020 bis Mitte Januar 2021 mehr als 1.000 Kinder und 1.600 Eltern befragt wurden. Mehr als 80 Prozent der befragten Kinder und Eltern haben bereits in der ersten Befragung im Juni 2020 teilgenommen. Damit ist die Studie nach Angaben der Autoren "bundesweit die erste und international eine der wenigen Längsschnittstudien ihrer Art".

Die Umfrage zeigt, dass sich die Belastung der Kinder seit dem Sommer 2020 deutlich verstärkt hat:

"Vier von fünf der befragten Kinder und Jugendlichen fühlen sich durch die Corona-Pandemie belastet. Ihre Lebensqualität hat sich im Verlauf der Pandemie weiter verschlechtert. Sieben von zehn Kindern geben in der zweiten Befragung eine geminderte Lebensqualität an."

Besonders betroffen sind Kinder "aus sozial schwächeren Verhältnissen". Die Lebensqualität hängt unter den Bedingungen des Lockdowns fast ausschließlich an den Familien. Dazu macht die Leiterin der COPSY-Studie, Prof. Dr. Ulrike Ravens-Sieberer, deutlich:

"Unsere Ergebnisse zeigen erneut: Wer vor der Pandemie gut dastand, Strukturen erlernt hat und sich in seiner Familie wohl und gut aufgehoben fühlt, wird auch gut durch die Pandemie kommen. Wir brauchen aber verlässlichere Konzepte, um insbesondere Kinder aus Risikofamilien zu unterstützen und ihre seelische Gesundheit zu stärken. […] Aber auch insgesamt müssen wir die seelischen Belastungen und Bedürfnisse von Familien und Kindern während der Pandemie und während eines Lockdowns stärker berücksichtigen."

Die Umfrageergebnisse belegen, dass sich der Lockdown auf den Gesundheitszustand der Kinder auswirkt: "Zehnmal mehr Kinder als vor der Pandemie" ernähren sich "ungesund mit vielen Süßigkeiten". Im Vergleich zur Umfrage im Juni 2020 machen doppelt so viele Kinder "überhaupt keinen Sport mehr". Stattdessen verbringen sie deutlich mehr Zeit mit "Handy, Tablet und Spielekonsole, wobei sie die digitalen Medien jetzt häufiger für die Schule nutzen".

Ravens-Sieberer betont die Bedeutung des Sports für die Entwicklung der Kinder:

"Sport ist ganz wesentlich für das psychische und physische Wohlbefinden. Neben der für die gesunde Entwicklung so wichtigen Bewegung treffen Kinder und Jugendliche beim Sport auch ihre Freunde, lernen, sich in eine Mannschaft einzuordnen, und mit Konflikten, Siegen und Niederlagen umzugehen."

Die Lockdown-Situation katalysiert Konfliktpotentiale in den Familien und dem sozialen Umfeld der Kinder. Diese berichten "über mehr Streit in den Familien, über vermehrte schulische Probleme und ein schlechteres Verhältnis zu ihren Freunden". Ravens-Sieberer verdeutlicht, dass viele Eltern versuchen, die Situation "bestmöglich zu managen" – trotz "Homeschooling und die Doppelbelastung mit ihrer Arbeit". Dennoch fühlen sich viele Eltern durch den anhaltenden Lockdown belastet. Sie "zeigen vermehrt depressive Symptome".

Lockdown macht Jugendliche krank

Unterstützt werden die Umfrageergebnisse durch die Aussagen von Experten für Kinder- und Jugendpsychologie. Tobias Renner, der Leiter der Tübinger Kinder- und Jugendpsychiatrie, warnte gegenüber dem Nachrichtendienst dpa, dass psychische Störungen bei Jugendlichen infolge des Lockdowns erheblich zugenommen haben und deutlich mehr gesellschaftliche Aufmerksamkeit erhalten müssen.

Bereits im Sommer 2020 habe die Tübinger Kinder- und Jugendpsychiatrie die sehr hohe Auslastung gehabt: "Sonst hatten wir in den Sommerferien immer weniger Fälle. Das war 2020 anders". Die Situation habe sich im Oktober, November und Dezember nochmal zugespitzt, mit noch nie da gewesenem Andrang: "Aktuell zählen wir bei uns einen enormen Anstieg des Versorgungsbedarfs."

Eine besorgniserregende Warnung kommt auch von Ute Lewitzka, der Vorsitzenden der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention. Eine fortwährende Verlängerung des Lockdowns ohne Ausstiegsperspektive könnte dramatische Folgen haben:

"Menschen mit psychischen Erkrankungen wie zum Beispiel Angststörungen sind in der Pandemie besonders stark belastet. Hinzu kommt bei vielen eine wachsende finanzielle Existenzsorge, die ein Risikofaktor für die Entstehung von Suizidalität sein kann."

Lewitzka fordert, eine Verlängerung des Lockdowns müsse zwingend "mit einer klaren Perspektive verbunden sein, unter welchen Bedingungen Maßnahmen abgemildert oder aufgehoben werden können". Zudem bräuchte man "dringend ein staatlich unterstütztes Nationales Suizidpräventionsprogramm und gute Aufklärungskampagnen, um im Sinne der Prävention ein Ansteigen der Suizidrate zu vermeiden".

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