Deutschland

Tod nach Narkose: Falsche Ärztin wegen mehrfachen Mordes vor Gericht

Jahrelang täuschte sie Kollegen, Arbeitgeber und Patienten. Nun muss sich eine falsche Ärztin vor dem Landgericht Kassel wegen mehrfachen Mordes verantworten. Es geht um den Tod von fünf Patienten, weitere elf sollen gesundheitliche Schäden davongetragen haben.
Tod nach Narkose: Falsche Ärztin wegen mehrfachen Mordes vor GerichtQuelle: www.globallookpress.com © Peter Hartenfelser via www.imago/www.imago-images.de

Sie soll sich als Ärztin ausgegeben haben, hielt Vorträge, wollte Bürgermeisterin werden – doch an diesem Mittwoch scheut die 50-Jährige die Öffentlichkeit. Die Foto- und Filmjournalisten warten vergebens, dass sich die Tür hinter der Anklagebank des Landgerichts Kassel öffnet. Die Angeklagte wolle nicht gefilmt werden, sagt der Vorsitzende Richter.

Als die Tür schließlich aufgeht, betritt eine untersetzte Frau den Raum. Der Blick ist gesenkt, die Brille steckt auf dem Kopf im dunklen Haar. Die OP-Maske nimmt die 50-Jährige nicht ab – obwohl es keine Maskenpflicht im Saal gibt. Mit geschlossenen Augen hört sie zu, wie die Staatsanwältin die Anklage verliest.

Die Ermittler werfen der Deutschen vor, eine Hochstaplerin und mehrfache Mörderin zu sein. Die 50-Jährige soll sich jahrelang ohne entsprechende Ausbildung als Medizinerin ausgegeben und durch Behandlungsfehler fünf Menschen getötet und weitere verletzt haben. Laut Anklage hatte sich die Frau zwischen 2015 und 2018 eine Anstellung im Hospital zum Heiligen Geist in Fritzlar (Schwalm-Eder-Kreis) erschlichen. Dort soll sie als Assistenzärztin gearbeitet und Patienten narkotisiert haben.

Angeklagt ist sie unter anderem wegen des Mordes in fünf Fällen in Tateinheit mit unerlaubter Ausübung der Heilkunde, versuchten Mordes in elf Fällen in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung und Urkundenfälschung. Die Folgen der Vergehen schildert die Staatsanwältin: falsch dosierte Betäubungsmittel, nicht behandelte Sepsen, stundenlanger Sauerstoffmangel, Schäden für das Herz-Kreislauf-System, Organversagen. Mal habe die Angeklagte zu langsam, mal gar nicht auf die Komplikationen während der Narkose reagiert.

Die 50-Jährige sagt zu den Vorwürfen nichts. Ihr Verteidiger verliest eine Erklärung. Darin räumt er ein: Die Beweisaufnahme werde ergeben, das seine Mandantin als falsche Ärztin tätig gewesen, dass ihr Berufsleben in Teilen auf Hochstapelei zurückzuführen sei. Den Mordvorwurf weist er zurück. Ein Tötungsvorsatz liege nicht vor. Die Frau habe darauf vertraut, dass die Patienten nicht verletzt würden, und sie habe keinen Anlass gehabt, an ihren eigenen Fähigkeiten zu zweifeln. Sie sei an der erfolgreichen Betäubung von 500 Patienten beteiligt gewesen.

Die Staatsanwaltschaft verweist darauf, dass die Frau keine abgeschlossene Ausbildung als Ärztin hat. Ihr Werdegang ist kompliziert: Sie wechselte immer wieder zwischen Unis in Kassel, Mainz und Frankfurt, studierte mal Biologie, mal Zahnmedizin. Sie legte eine Heilpraktikerprüfung ab. Hinzu kommen zahlreiche Praktika und Seminare auf unterschiedlichsten Gebieten. Manche Nachweise sind zweifelhaft. Abschluss und Promotion erfolgten schließlich in Biologie. An der Uni Kassel läuft allerdings noch ein Plagiatsverfahren wegen ihrer Doktorarbeit.

Doch ein Titel reichte offenbar nicht: Einen zweiten Doktortitel soll sie im Internet gekauft haben. Zudem suchte die Frau die Öffentlichkeit: Sie war Dozentin, kandidierte bei einer Bürgermeisterwahl im Landkreis Kassel, diskutierte im Internet. Dass sie schließlich Menschenleben gefährdete und sogar nach Todesfällen weitermachte, lag laut Staatsanwaltschaft an der Angst, den Status als Ärztin zu verlieren:

"Sie handelte aufgrund eines übersteigerten Geltungsbedürfnisses und aus Eigensucht."

Nach ihrer Arbeit in Fritzlar wechselte die Frau in den Reha-Bereich einer Klinik in Schleswig-Holstein – laut Ermittlern ebenfalls wieder unter falschen Angaben. Doch beim Wechsel der Ärztekammer wurden die Unstimmigkeiten in ihren Unterlagen entdeckt. Mit einer Selbstanzeige reagierte die Angeklagte, doch auch die Ärztekammer Hessen und ihr früherer Arbeitgeber zeigten sie an. Für den Prozess in Kassel sind zwölf weitere Verhandlungstage bis Ende März angesetzt.

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(dpa/rt)

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