Deutschland

Situation in Dresdens Krematorium wie nach Bombenangriff 1945? SPIEGEL zieht schrägen Vergleich

In einer Reportage über die Situation des Krematoriums in Dresden bemüht ein Politmagazin einen seltsamen Vergleich. So sei die Lage heute ähnlich wie nach dem Bombenangriff vom Februar 1945. Der Versachlichung der Debatte dürfte dies nicht dienen.
Situation in Dresdens Krematorium wie nach Bombenangriff 1945? SPIEGEL zieht schrägen VergleichQuelle: www.globallookpress.com © Robert Michael / dpa

von Falko Looff

Das Politmagazin Der Spiegel hat in einer Reportage über die angespannte Situation in Dresdens Krematorium einen seltsamen Vergleich bemüht. Schon vor dem eigentlichen Bericht wird der Leser mit einem besonders hervorgehobenen Zitat aus Albert Camus' "Die Pest" auf die Situation eingestimmt:

"Nur an Tagen mit starkem Wind erinnerte sie ein von Osten kommender vager Geruch daran, dass sie in einer neuen Ordnung lebten und dass die Flammen der Pest jeden Abend ihren Tribut verzehrten."

Ohne jede Einordnung oder Erklärung heißt es dann weiter:

"In Dresden kennen sie sich aus mit dem Tod, mit Leichenbergen und dem Grauen."

Gemeint ist die Situation nach dem Bombenangriff auf die Stadt im Februar 1945, wie das Politmagazin seine Leser gleich darauf wissen lässt. Es folgt ein kurzer Bericht über die von Zeitzeugen geschilderte Situation nach dem Luftangriff: Hunderte Tote auf dem Altmarkt gestapelt, tagelange Feuer mitten in der Stadt zur Verbrennung der Toten und ein "Dreitonner", der zwei Tage lang die Asche zum einige Kilometer entfernten Friedhof transportierte. Was dies mit der Situation von heute zu tun hat? Auch dies lässt der Spiegel seine Leser umgehend wissen:

"Es herrscht Ausnahmezustand. Die Dresdner kommen wieder nicht hinterher, ihre Toten zu verbrennen."

Das Politmagazin ist damit offensichtlich um die Dramatisierung einer Situation bemüht, die sich wohl bei nüchterner Betrachtung vielleicht als angespannt, jedoch ebenso als beherrschbar beschreiben ließe. Solche Sprachbilder erleben jedoch schon seit geraumer Zeit eine gewisse Konjunktur. Erst im November hatte Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) gesagt, die Corona-Todeszahlen seien so hoch, als würde jeden Tag ein Flugzeug abstürzen.

Mit den in dem Spiegel-Bericht vorgenommenen Andeutungen, bezüglich der Bestattung seiner Toten herrsche in Dresden heute eine ähnliche Situation wie nach den Bombenangriffen vom Februar 1945, erreicht die politisch-mediale Dramatisierung nunmehr aber eine durchaus neue Qualität.

Tatsache ist: Vom 13. bis zum 15. Februar 1945 wurde Dresden durch britische und US-amerikanische Luftangriffe in vier Angriffswellen praktisch in Schutt und Asche gelegt. Damals verloren – nach derzeitigen Schätzungen – rund 25.000 Menschen ihr Leben. Im Gegensatz dazu dürfte die Zahl der an COVID-19 Verstorbenen weit darunter liegen – noch dazu verteilt über einen sehr viel größeren Zeitraum.

Ob darüber hinaus die Herkunft der Bomber beim Spiegel ebenso unerwähnt geblieben wäre, wenn es sich um sowjetische Angriffe gehandelt hätte, darf zudem getrost hinterfragt werden. Und Camus beschreibt in seinem Roman "Die Pest" auch nur vordergründig eine medizinische Seuche. Tatsächlich setzt sich das zur Résistance-Literatur zählende Werk mit dem schrittweisen "Befall" einer ganzen Gesellschaft mit totalitären, freiheitsbeschränkenden Entwicklungen auseinander, wenn darin beispielsweise von "Trennung und Verbannung", "Gefangensein" oder "Sperrstunde" die Rede ist.

RT DE bemüht sich um ein breites Meinungsspektrum. Gastbeiträge und Meinungsartikel müssen nicht die Sichtweise der Redaktion widerspiegeln.

Mehr zum Thema - Ostbeauftragter Wanderwitz: Corona-Lage im Osten Folge von Sozialdarwinismus und DDR-Kollektivismus