Deutschland

Braindrain oder Brain Circulation – Ist die Abwanderung qualifizierter Deutscher ein Problem?

Jährlich verlassen Hunderttausende von Menschen Deutschland, Zehntausende von ihnen kommen nicht zurück. Die meisten davon sind hoch qualifiziert und jung. Während manche Branchen von der Tendenz alarmiert sind, vertritt die Bundesregierung eine klare Position.
Braindrain oder Brain Circulation – Ist die Abwanderung qualifizierter Deutscher ein Problem?Quelle: www.globallookpress.com

Die Einwanderung von Ausländern nach Deutschland ist seit Jahren ein breit diskutiertes Thema. Weniger wahrgenommen wird dagegen die Auswanderung von Deutschen. Dabei erreicht diese ebenfalls einen beträchtlichen Umfang. Laut dem aktuellen Migrationsbericht der Bundesregierung haben im vergangenen Jahr rund 58.000 mehr deutsche Staatsbürger das Land dauerhaft verlassen, als zugezogen sind.

Dieser sogenannte Wanderungssaldo ergibt sich, wenn man die dauerhaften Fortzüge (270.294) von den Zuzügen (212.669) abzieht. Fast identisch fiel die Bilanz im Jahr 2018 aus: Auf 261.851 Abgewanderte kamen nur 201.531 zugezogene Deutsche, was einem Wanderungssaldo von 60.320 Personen entspricht. Dieser Trend lässt sich bereits seit einem Jahrzehnt beobachten. "Im letzten Jahrzehnt haben wir in jedem Jahr eine Stadt in der Größe von 50.000 dauerhaft verloren", sagte der Migrationsforscher Andreas Ette vom Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung.

Die wichtigsten Zielländer deutscher Abwanderer waren 2019 wie auch in den Vorjahren die Schweiz (16.340), Österreich (11.904), die USA (9.782), das Vereinigte Königreich (6.766) und Spanien (6.479). Die deutschen Rückkehrer kamen vor allem aus der Schweiz (10.523), den USA (9.498), Österreich (6.631), dem Vereinigten Königreich (6.385) und der Türkei (5.620). Insgesamt leben derzeit bis zu vier Millionen Bundesbürger dauerhaft im Ausland, was einen Bevölkerungsanteil von fünf Prozent ausmacht.

Wer sind diese Menschen, und warum ziehen sie weg? Lange war über Auslandsdeutsche relativ wenig bekannt. Ökonomen konnten nur mutmaßen, warum sowie mit welchem Wissen und erlernten Beruf Bundesbürger gehen. Bekannt war nur, dass es die hoch Qualifizierten sind, die gehen. Erst im vergangenen Dezember stellte das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung Studienergebnisse bezüglich des Qualifikationsniveaus der deutschen Auswanderer vor.

Demzufolge hatten etwa drei Viertel der befragten Abwanderer einen Hochschulabschluss – in der Bevölkerung ist das nur gut ein Viertel. So finden sich unter den Auswanderern überproportional viele mit einem Master- oder Doktortitel, während Menschen mit Abitur oder niedrigerem Schulabschluss unterrepräsentiert sind.

Auch waren die Befragten überwiegend jung. Im Schnitt sind sie 37 Jahre alt und damit rund zehn Jahre jünger als das Durchschnittsalter der Gesamtbevölkerung. Mit ihrer Studie untersuchten die Forscher, warum Menschen ins Ausland ziehen und wie sich die Abwanderung auf ihr Leben auswirkt.

Diese Befragungen von Ausgewanderten und Zurückgekehrten ergaben, dass die Umzüge ins Ausland meist aus beruflichen Motiven (58 Prozent) erfolgten. 46 Prozent gaben die "Verwirklichung eines bestimmten Lebensstils" als Grund an – dabei handelt es sich um Menschen, die es beispielsweise wegen des für sie angenehmeren Klimas ans Mittelmeer zieht oder die eine besondere Zuneigung zur Kultur ihres Ziellandes haben. Auch familiäre Gründe und Studium waren die häufig genannte Motive. "Die Unzufriedenheit mit Deutschland spielt eine untergeordnete Rolle", die meisten Auswanderungen erfolgten "chancengetrieben" und nicht aus Frust, stellten die Forscher fest.

Aber ist der stetige Verlust von jährlich etwa 60.000 überwiegend jungen und gebildeten Menschen ein Verlust für das Land oder gar ein Braindrain? So war beispielsweise die Abwanderung deutscher Ärzte in die Schweiz in den letzten Jahren öfter Thema in den Medien, sodass Gesundheitsminister Jens Spahn deren Abwerbung mit EU-Regeln erschweren wollte.

Da gehen die Meinungen der Experten auseinander. "Der Braindrain ist ein Problem für die deutsche Wirtschaft", sagt Christoph Busch, Bereichsleiter Arbeit und Innovation beim Digitalverband Bitkom. "Gerade IT-Spezialisten werden branchenübergreifend händeringend gesucht." Ende 2018 gab es 82.000 offene Stellen. "Die stark mittelständisch geprägte deutsche Wirtschaft kann hier beim globalen War for Talents nicht mithalten", meint Busch.

Holger Bonin vom Institut zur Zukunft der Arbeit (IZA) hält die These von einem Braindrain für überzogen. "Auch bei der Zuwanderung steigt der Anteil der hoch Qualifizierten", sagt Bonin. Er liege inzwischen bei rund 40 Prozent und damit über dem deutschen Durchschnitt. Vielmehr gebe es eine Polarisierung zwischen vielen Gut- und vielen Ungebildeten. "Die Mitte fehlt, weil es woanders oft kein betriebliches Berufsausbildungssystem gibt", erklärt er.

Die Studie des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung stellte eine relativ hohe Rückkehrbereitschaft der Befragten fest. Bei vielen sei die Aufenthaltsdauer zeitlich befristet. Langfristig sei daher kein Verlust hoch qualifizierter Fachkräfte zu erwarten. Darauf bezogen wertete auch die Bundesregierung die erhöhte Mobilität der Deutschen lediglich als Ausdruck der fortschreitenden Globalisierung:

"Ein temporärer Auslandsaufenthalt zum Zweck des Studiums oder der Beschäftigung wird immer selbstverständlicher und geht in der Regel mit einem Gewinn an sozialem und kulturellem Kapital sowie an beruflichen Kenntnissen einher. Die zunehmende Mobilität und internationale Vernetzung kommt auch dem Wissenschaftsstandort Deutschland zugute, wie die im Folgenden dargestellten Daten zeigen."

Ähnlich argumentieren die Wissenschaftlichen Dienste des deutschen Bundestages in einer Ausarbeitung zum Problem der Abwanderung hoch qualifizierter Wissenschaftler. Dadurch sei in Deutschland kein Braindrain-Effekt zu erwarten, schreiben die Wissenschaftlichen Dienste mit Verweis auf die Bundesregierung. Zeitweilige Aufenthalte von Wissenschaftlern im Ausland seien vielmehr Teil der wissenschaftsimmanenten "Brain Circulation".

"Eine volkswirtschaftliche Berechnung etwaiger Verluste durch die Abwanderung von Akademikern hält die Bundesregierung daher nicht für sinnvoll."

Noch deutlicher bewertet die Bundesregierung selbst die Abwanderungssituation. "Nach Einschätzung der Bundesregierung ist Deutschland ein für hoch qualifizierte Arbeitskräfte attraktives, weltoffenes Land. Eine 'Abwanderung hoch qualifizierter Deutscher' ist nicht Gegenstand der amtlichen Statistik", schreibt sie in der Antwort auf eine Kleine Anfrage der AfD-Fraktion.

Mehr zum Thema - Arbeitskräfte-Abwanderung: Osteuropa gerät zunehmend in Schwierigkeiten (Video)