Deutschland

Bundesregierung will, dass sich junge Menschen zu Hause einschließen und nichts tun

Die stete Ermahnung an junge Menschen, sich weniger "hedonistisch" zu verhalten, genügt nach Auffassung der Bundesregierung offenbar nicht. Jetzt setzt sie auf "Humorvideos" für die Zielgruppe. Die wirtschaftlichen und sozialen Folgen der Corona-Maßnahmen sind darin kein Thema.
Bundesregierung will, dass sich junge Menschen zu Hause einschließen und nichts tun© Screenshot aus einem "besonderehelden"-Video auf Youtube

von Falko Looff

Die meisten Menschen verfügen über eine Art inneres Sensorium, das ihnen bei der Entscheidungsfindung über die bloße Betrachtung von Fakten hinaus dabei hilft, ihr Urteil abzuwägen. Man kann dies Intuition nennen oder auch ganz einfach Bauchgefühl. Die meisten vertrauen darauf, wenn es um Angelegenheiten geht, die das eigene Leben und das soziale Umfeld betreffen.

Nun scheinen nach Auffassung der Bundesregierung jedoch zu viele gerade der jungen Menschen über den "falschen" inneren Kompass zu verfügen, da sie sich auch im Lockdown einfach nicht so verhalten, wie die Regierung es von ihnen erwartet. Dabei geht es freilich allein um Schutz, versteht sich. Doch trotz der täglich heraufbeschworenen dramatischen Bedrohung durch das "Killervirus" – jeweils unterlegt mit den dazu passenden Zahlen des RKI und von den "Besten der Besten" aus Politik und Medien eindringlich erklärt – will sich offenbar gerade bei jungen Menschen nicht die gewünschte Corona-Panik im Bauch einstellen.

Nachdem also das Einhämmern der "richtigen" Information nicht den gewünschten Effekt hatte, versucht es die Bundesregierung jetzt mit Humor und einem Appell an die Ehre. Dabei hat sie eine Reihe von Videos produzieren lassen, die sich gezielt an junge Menschen als Zielgruppe richten. Die Videos wurden "von Florida Entertainment im Auftrag unserer Rahmenvertragsagentur Hirschen Group" produziert, wie das Bundespresseamt am Sonntag bestätigte. Weiter ließ die Bundesregierung mitteilen:

Die Botschaft ist klar: Kontakte zu reduzieren ist derzeit unser wichtigstes und wirksamstes Mittel, um die Pandemie einzudämmen. Je konsequenter wir alle das tun, desto besser kann unser Land die zweite Welle der Pandemie bewältigen. Diesen Appell wollen wir mit diesen Videos an möglichst viele junge Menschen herantragen.

Die Videos, die bereits durch die sozialen Netzwerke kursieren, werden allesamt im Rückblick erzählt. Wir erfahren von älteren Personen in der fernen Zukunft, dass der "Corona-Winter 2020" eine Wende in ihrem Leben bedeutete. Dies allerdings nicht, wie man meinen könnte, wegen massiver Eingriffe in Grund- und Freiheitsrechte – von Mundschutz und Abstandsregelungen angefangen bis hin zu Vorschriften, wer sich wann mit wem treffen darf. Oder wegen der künstlichen Lahmlegung des wirtschaftlichen und kulturellen Lebens und einer daraus folgenden Rezession, die sich gewaschen haben dürfte.

Nein, was den Umschwung im Leben der fiktiven Erzähler brachte, war die Möglichkeit, "besondere Helden" (so auch der Name der Kampagne) zu werden. Und zwar – jetzt der Clou – durch Zuhausebleiben und Nichtstun. Die Zielgruppe soll hier offenbar mit einem Augenzwinkern bei der Ehre gepackt werden. Doch dürfte diese Botschaft nur bei jenen verfangen, die bereits zuvor schon zu den glühenden Anhängern der Corona-Politik der Bundesregierung zählten. Und vor allem: bei jenen, die selbst bislang nicht die künstlich herbeigeführten wirtschaftlichen Auswirkungen zu spüren bekommen haben und stattdessen die ganze Corona-Lage vermutlich für eine Art großes Abenteuer halten.

Genauso wirken die Videos auch – Opa erzählt von seinem großen Abenteuer damals 2020. Und er musste nicht einmal etwas tun, sondern einfach nur zu Hause bleiben, um Heldenstatus zu erlangen. Was Opa aber nicht erzählt, ist das, was 2021 passieren könnte: der Verlust zahlreicher wirtschaftlicher Existenzen zum Beispiel. Oder eine Geldentwertung historischen Ausmaßes mit entsprechenden Folgen für den Mittelstand. Oder infolgedessen ein Zusammenbrechen des Sozialstaates. Oder der Abschluss eines schleichenden Prozesses hin zur dauerhaften Aushebelung elementarer Freiheitsrechte. 

Nein, davon berichtet Opa nicht. Denn Opa war 2020 nicht auf den Demos in Berlin, Stuttgart, München oder Leipzig. Er hat sich zu Hause eingeschlossen und nichts gemacht. Die Pizza und die Hähnchenflügel, die er gegessen hat, haben ihm Mitmenschen an die Tür geliefert, für die Heimarbeit keine Option ist und die – anders als der spätere Opa – auf jeden Euro angewiesen sind. Nun, immerhin scheinen die Reaktionen auf diesen neuesten "Kommunikations-Coup" in der Mehrheit bislang eher kritischer Natur. Gute Chancen also, dass junge Menschen auch weiterhin auf ihr Bauchgefühl hören werden.

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