Deutschland

Ärzteverbände und Virologen sprechen sich gegen zweiten Lockdown aus

Ärzte und Virologen haben sich in einem gemeinsamen Positionspapier gegen kurzzeitige Lockdown-Maßnahmen ausgesprochen. Man müsse sich von der Kontaktpersonen-Nachverfolgung abwenden und solle sich stattdessen auf den Schutz der Risikogruppen fokussieren.
Ärzteverbände und Virologen sprechen sich gegen zweiten Lockdown ausQuelle: www.globallookpress.com © Christian Thiel

In einem gemeinsamen Positionspapier haben sich Ärzte und Wissenschaftler gegen die bisherige Strategie der Bundesregierung zur Corona-Bekämpfung ausgesprochen. Andreas Gassen, der Chef der Bundeskassenärztlichen Vereinigung, erklärte dazu in einer Online-Pressekonferenz am Mittwoch, dass "pauschale Lockdown-Regelungen nicht zielführend sind". Man sehe an anderen Ländern wie Spanien oder Italien, die sich bereits in einem Lockdown befänden, dass die Zahlen trotzdem weiter steigen. Man könne "nicht das ganze Land oder gar den Kontinent für Wochen oder Monate in eine Art Koma versetzen".

Es sei klar, dass man die Lage ernst nehme, allerdings halte man eine andere Herangehensweise als die Kanzlerin für sinnvoll. Während der Pressekonferenz kritisierte Gassen die bisher ergriffenen Maßnahmen und Forderungen, wie zum Beispiel die letzten Äußerungen des SPD-Politikers Karl Lauterbach, in der er die Unverletzbarkeit der Wohnung zur Disposition stellt:

Da muss man einfach sagen: Die Polizei soll jetzt Privatwohnungen kontrollieren? Offen gestanden, macht mich das fast schon fassungslos. Die Umfragen zeigen auch, dass die Unterstützung schwindet.

In dem Positionspapier, das von zahlreichen Ärzte- und Fachverbänden unterzeichnet wurde, einigten sich die Autoren im Wesentlichen auf vier Punkte, die aufgrund der bisherigen Erfahrungen im Umgang mit dem Coronavirus anders laufen müssen:

Zum Ersten müsse man sich von der Kontaktpersonen-Nachverfolgung als führende Strategie verabschieden, um die bereits am Limit arbeitenden Gesundheitsämter nicht noch weiter zu belasten. Stattdessen solle man sich auf den Schutz der Risikopatienten konzentrieren. Dabei gelte es, vor allem Alten- und Pflegeheime mit einem "Schleusen-Modell" und Schnelltests für Besucher zu schützen, da Infektionen in diesen Bereichen oft am verheerendsten seien. Zwar gebe es auch Fälle, bei denen junge Menschen schwer an SARS-CoV-2 erkrankten, aber dies sei "kein Massenphänomen". Der Großteil der vulnerablen Gruppe gehöre zur älteren Bevölkerung.

Es sei auch falsch, nur "mit düsterer Miene apokalyptische Bedrohungsszenarien aufzuzeigen". Man solle die Lage zwar nicht verharmlosen, so Gassen. Aber man müsse stattdessen auf Gebote statt Verbote und auf Eigenverantwortung statt auf Bevormundung setzen.

Sonst drohen die Leute abzustumpfen, wie man dass in den letzten Wochen und Monaten erlebt hat.

Verbote und Bevormundung entsprächen zudem nicht dem Verständnis der Autoren "von einer demokratisch-freiheitlichen Grundordnung". Man müsse die Menschen mitnehmen und ihnen Mut machen, dass schaffe man nicht mit Angst, Panik und Verboten. Dazu gehöre es auch, Alternativen aufzuzeigen, da Feiern sonst womöglich öfter im Illegalen stattfänden.

Zudem sprach man sich für ein neues Ampelsystem aus, denn die Zahl der positiven getesteten Personen auf 100.000 Einwohner beruhe auf keiner wissenschaftlichen Grundlage. Man sollte stattdessen auch die Anzahl der Tests sowie die stationäre und intensivmedizinische Behandlung berücksichtigen. Dies sei sinnvoller als der aktuelle Inzidenzwert, da die Hospitalisierungsquote laut Robert Koch-Institut in der Kalenderwoche 44 nur bei fünf Prozent lag. Diese Daten müssen in ein bundesweit einheitliches Ampelsystem übersetzt werden, aus dem die aktuelle Lage im Bundes- und Kreisgebiet sofort ersichtlich wird.

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Die wichtigste Maßnahmen sind dem Virologen Jonas Schmidt-Chanasit vom Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin zufolge die AHA-L Regeln: Abstand halten, Hygieneregeln, Alltagsmaske und Lüften. Diese seien im Kampf gegen das Coronavirus "vollkommen ausreichend":

Es mache keinen Sinn, Gaststätten zu schließen, die ein Hygienekonzept haben und in denen es bisher keine Ausbreitung des Coronavirus gab. Stattdessen müssen die Maßnahmen zielgerichteter sein.

Weiter heißt es in dem Positionspapier, dass der Rückgang der "Infektionszahlen" zwar eine dringende Aufgabe sei, aber nicht um jeden Preis. Bereits jetzt sei "die Unterlassung anderer dringlicher medizinischer Behandlungen, ernstzunehmende Nebenwirkungen bei Kindern und Jugendlichen, den Niedergang ganzer Wirtschaftszweige sowie eine zunehmende soziale Schieflage" zu spüren. Der Virologe Hendrik Streeck erklärte dazu:

Es geht darum, keinen Schaden anzurichten, und der entsteht für viele Menschen auch durch den Lockdown.

Man betonte zudem, dass das Positionspapier nicht mehr in den Krisengipfel zwischen Ministerpräsidenten und Bund einfließen werde. Man gehe jedoch davon aus, dass "dies nicht der letzte Gipfel gewesen sei".

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