Deutschland

Berlin und das "Kentler-Experiment": "In der Kinder- und Jugendhilfe hat sich vieles geändert"

Die Universität Hildesheim hat den Missbrauch von Pflegekindern im Rahmen des sogenannten "Kentler-Experiments" in Berlin-West seit Ende der 1960er Jahre aufgearbeitet. Die Verantwortung für die Verbrechen liege "unstrittig beim Senat als dessen Dienstherr", heißt es darin.
Berlin und das "Kentler-Experiment": "In der Kinder- und Jugendhilfe hat sich vieles geändert"Quelle: www.globallookpress.com © Arne Dedert / dpa

Jugendliche, die als schwer erziehbar galten – etwa weil sie auf der Straße lebten oder von ihren Eltern Gewalt erleiden mussten –, wurden seit Ende der 1960er Jahre jahrzehntelang – im damaligen Berlin-West – pädophilen Männern zur "Fürsorge" anvertraut, und zwar nachweislich unter Beteiligung von den dort zuständigen Jugendämter. Nun hat eine Studie das sogenannte "Kentler-Experiment" aufgearbeitet. Die Universität Hildesheim stellte ihren Abschlussbericht in der vergangenen Woche vor. Die Forschungsgruppe war vom derzeitigen Berliner Senat beauftragt worden. Sie sollte das Wirken des umstrittenen Psychologen und Sexualwissenschaftlers Helmut Kentler (1928-2008) in der Westberliner Kinder- und Jugendhilfe seit Ende der 1960er Jahre untersuchen.

So heißt es in dem nun vorgestellten Bericht, dass es in den 1970er Jahren in der für Jugend zuständigen Westberliner Senatsverwaltung und in einzelnen Bezirksjugendämtern ein Netzwerk gegeben habe, in dem pädophile Positionen akzeptiert und verteidigt worden seien.

Der Abschlussbericht der Universität Hildesheim belegt, dass Kentler auf verschiedenen Ebenen – auf der Ebene der Senatsverwaltung wie auf der Ebene der Bezirksämter – agieren, eingreifen und steuern konnte. Der Sexualwissenschaftler war von 1966 bis 1974 Abteilungsleiter am "Pädagogischen Zentrum Berlin", einer nachgeordneten Dienststelle der Senatsbildungsverwaltung, und später Professor für Sozialpädagogik an der Universität Hannover. Es gab offenbar auch Verbindungen zwischen dem "Pädagogischen Zentrum" und der Odenwaldschule in Hessen, die nach Bekanntwerden des dortigen Missbrauchsskandals 2015 schließen musste.

Da wir bundesweite Bezüge haben, kann die weitere Forschung nicht auf Berlin beschränkt sein", heißt es seitens der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie gegenüber RT Deutsch.

Ein Ziel des Forschungsprojekts, Erkenntnisse für die heutige Pflegekinderhilfe zu gewinnen

Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) habe angekündigt, dass sie in der Konferenz aller Jugend- und Familienminister in diesem Zusammenhang einen Antrag zur Aufarbeitung von sexualisierter Gewalt in Pflegestellen einbringen möchte. "Sinnvoll ist auch eine Zusammenarbeit mit dem Unabhängigen Beauftragten für sexuellen Missbrauch und der Bundesweiten Aufarbeitungskommission zum sexuellen Missbrauch und den wissenschaftlichen Experten. Wir stehen dazu bereits im Kontakt", heißt es weiter.

Ein Ziel des Forschungsprojekts sei es demnach auch gewesen, Erkenntnisse für die heutige Pflegekinderhilfe zu gewinnen sowie Lehren aus all dem für heute zu ziehen.

Die Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie hat außerdem bereits eine Studie zur aktuellen Pflegekinderhilfe im Land Berlin bei der GISS – Gesellschaft für innovative Sozialforschung und Sozialplanung in Auftrag gegeben (Anfang Juni). Die rechtlichen Rahmenbedingungen sind heute anders. Es gelten heute andere Standards und verbindliche Vorgaben. Aber wenn es um den Schutz von Kindern und Jugendlichen geht, müssen wir genau hinschauen und Strukturen und Verfahren kontinuierlich weiterentwickeln", heißt es weiter.

Auf die Frage, welche Bemühungen denn die Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie heute unternimmt, um kindeswohlgefährdende Strukturen in ihr unterstellten Einrichtungen zu kontrollieren und zu verhindern, heißt es:

In der Kinder- und Jugendhilfe hat sich vieles geändert: Seit Anfang der 1990er Jahre führt das Landesjugendamt  keine  Pflegestellen mehr. Es gelten andere Standards und Gesetze. Berlin hat zuletzt 2018 die fachlichen Standards für die Pflegekinderhilfe angehoben.

Derzeit werde an einer weiteren Anhebung gearbeitet. Und es gebe ein anderes Bewusstsein dafür, dass so etwas geschehen kann und wie perfide Täter vorgehen können – auch infolge der Aufdeckung von Skandalen in den vergangenen Jahren. 

Die Auswahl von Pflegepersonen erfolgt heute nach strengen Vorgaben und nach einem mehrmonatigen Überprüfungsprozess. Die potenzielle Pflegeperson nimmt so an einer sechsmonatigen Schulung teil. Auch während der Unterbringung gibt es regelmäßige Kontakte zwischen dem Pflegekind, der Pflegeperson und dem Pflegekinderdienst. Dadurch soll sichergestellt werden, dass Signale des Kindes wahrgenommen werden können, welche auf Probleme oder Gefährdungskriterien hinweisen.

Mehr zum Thema - "Heilung durch Pädophilie" – Wie sich der Berliner Senat zum Komplizen von Kindesmissbrauch machte

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